{"id":10032,"date":"2020-03-09T23:53:06","date_gmt":"2020-03-09T22:53:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10032"},"modified":"2020-07-28T06:44:22","modified_gmt":"2020-07-28T05:44:22","slug":"g-w-c-starke-der-dichter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10032","title":{"rendered":"G.W.C. Starke:  Der Dichter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Dichter<\/strong><br \/>\n<em>von Gotthelf Wilhelm Christoph Starke<\/em><\/p>\n<p>Ruhig verlebte Philetes in Ioniens Auen die Tage,<br \/>\nVielen geborgen und arm, doch begl\u00fcckt durch die Gaben der Musen,<br \/>\nWelche den G\u00f6ttergenuss nicht selten verleihen der Armut.<br \/>\nLiebend erfreut&#8216; ihn sein Weib, ihn erfreuten die bl\u00fchenden Kinder:<br \/>\n<strong>5<\/strong> F\u00fcr sie beschnitt&#8216; er den Baum, zog Fr\u00fccht&#8216;, und verm\u00e4hlte den Weinstock,<br \/>\nIhnen geh\u00f6rte sein Lied und der d\u00fcrftige Lohn des Gesanges;<br \/>\nUnd sie genossen mit ihm den \u00e4rmlichen Segen gen\u00fcgsam<br \/>\nUnd in zufriedenem Harren auf nahe begl\u00fccktere Zeiten.<br \/>\nDenn ein bithynischer F\u00fcrst, vom Ruhme des S\u00e4ngers getrieben,<br \/>\n<strong>10<\/strong> Hatt&#8216; in das Land ihn berufen, damit er in fr\u00f6hlicher Muse<br \/>\nTaten und Feste der G\u00f6tter und Helden, die Tugend der B\u00fcrger,<br \/>\nUnd zur Veredlung des Mahles die Freuden des Lebens ihm s\u00e4nge.<br \/>\nWenige Monde nur noch, dann begr\u00fc\u00dft er Bithyniens Auen,<br \/>\nDeren geahnete Reize die Seele des S\u00e4ngers erf\u00fcllten.<br \/>\n<strong>15<\/strong> Also sich wiegend in Tr\u00e4umen verlie\u00df er sein H\u00fcttchen und wallte<br \/>\nEinsam und Lieder ersinnend am Ufer des kleinen Leth\u00e4os,<br \/>\nWo begeisternd ein Tal in umbl\u00fchetes Dunkel ihn lockte.<br \/>\n\u00dcppiges Myrthengestr\u00e4uch verbarg die besonnete Landschaft<br \/>\nLieblich dem Auge zu Teil, und Rosen umwanden die Zweige,<br \/>\n<strong>20<\/strong> Dass sie den Myrthcn entknospet erschienen, und V\u00f6gelein girrten,<br \/>\nLispelnd verlor sich der West in leise gebogenen Halmen,<br \/>\nUnd das bebl\u00fcmete Moos schwoll weicher als seidene Polster;<br \/>\nAber vor allem entz\u00fcckt&#8216; ihn der Zauber der g\u00f6ttlichen Musen,<br \/>\nWelche den Dichter verstrickten in Banden des s\u00fc\u00dfen Gesanges.<br \/>\n<strong>25<\/strong> Wonniglich ging er einher, versunken in sch\u00f6nen Gedanken,<br \/>\nH\u00f6rte der Himmlischen Gru\u00df, die des Sterblichen H\u00fctte besuchten,<br \/>\nSchwebte mit ihnen empor zum Olympos, und kostete Nektar,<br \/>\nFolgte dann schauernd hinab zu den Schatten dem schwebenden Hermes;<br \/>\nFreundlich umstrahlt ihn der Glanz von Elysiums goldenen Blumen.<br \/>\n<strong>30<\/strong> S\u00fc\u00df war seine Begeistrung, und s\u00fc\u00df sein liebendes Streben,<br \/>\nIhre Gebild&#8216; in den Schmuck harmonischer Rede zu kleiden.<br \/>\nAlso verfloss ihm die Zeit, er beachtete nicht ihr Verflie\u00dfen,<br \/>\nDenn des Gesanges Gewalt entnimmt uns den Fesseln der Stunden.<br \/>\nK\u00e4m&#8216; er doch wieder, so w\u00fcnscht&#8216; indes mit den Kindern die Gattin,<br \/>\n<strong>35<\/strong> Denn sie hatte schon lange die Speise beschicket, und hielt sie<br \/>\nSorgsam und h\u00fctend auf Kohlen und stillte die fragenden Kleinen.<br \/>\nSicherlich haben ein Mahl ihm die g\u00f6ttlichen Musen bereitet,<br \/>\nWelches ihn sch\u00f6ner vergn\u00fcgt, so redte sie, harret ein wenig,<br \/>\nSehet, er mag nicht allein, er mag mit dem liebenden Weibe<br \/>\n<strong>40<\/strong> Mag mit euch nur genie\u00dfen, und mehr als der eignen Erquickung<br \/>\nFreut er sich eures Genusses; nicht lang, so bringt er euch Blumen.<br \/>\nWilliglich harrten sie nun, mit ihm nur gl\u00fccklich sich f\u00fchlend.<br \/>\nAber ihm war es gelungen im lieblichen Streben, des Geistes<br \/>\nHolde Gebild in den Schmuck harmonischer Rede zu kleiden,<br \/>\n<strong>45<\/strong> Und er begab sich zur\u00fcck, den Verzug nicht ahnend, zur H\u00fctte.<br \/>\nAls er nun n\u00e4her ihr kam, da gewahrt&#8216; er von Ferne sein H\u00fcndchen;<br \/>\nAber es h\u00fcpfete nicht wie sonst viel schmeichelnd und wedelnd,<br \/>\nL\u00e4ssig und angstvoll schlich&#8217;s ihm entgegen. Ihn r\u00fchrte der Anblick,<br \/>\nDenn er liebte dass Tier, schon lang&#8216; es ern\u00e4hrend mit Sorgfalt.<br \/>\n<strong>50<\/strong> Treues Gesch\u00f6pf, was qu\u00e4lt dich? so sprach er bedauernd und strich ihm<br \/>\nSanft und sanfter das Haar, da wollt&#8216; es sich dankbar erheben,<br \/>\nKr\u00fcmmte sich, sank vor ihm nieder, und winselt&#8216; und zuckt&#8216; und erstarrte.<br \/>\nInniger hatte der Hauch der erweichenden Musen des Herzens<br \/>\nZarte Gef\u00fchle gemacht, und werter ihm alles, was atmet.<br \/>\n<strong>55<\/strong> Mitleid netzte sein Aug&#8216;, er bedachte das Eilen des Lebens,<br \/>\nUnd die beseelende Kraft, wie schnell und wohin sie verfliege.<br \/>\nManches versucht&#8216; er darauf, dem Tiere zu helfen, es regte<br \/>\nNimmer sich wieder, und ernst betrat er die Schwelle des Hauses,<br \/>\nFragt&#8216; und erz\u00e4hlte mit Hast, was drau\u00dfen das Herz ihm bewegte.<br \/>\n<strong>60<\/strong> Aber erschrocken enteilte die liebende Gattin dem Herde,<br \/>\nSahe den Unfall erstaunt, mit den klagenden Kindern ihn klagend.<br \/>\nWahrlich, uns hat ein Gift das H\u00fcndlein get\u00f6tet, begann sie,<br \/>\nEben umsprang es mich noch, von dem Dufte der Speisen gereizet,<br \/>\nL\u00fcstern und rasch, und schien bald so, bald anders zu bitten,<br \/>\n<strong>65<\/strong> Bis ich ihm gab; f\u00fcrwahr durch grauses Versehn des Verk\u00e4ufers<br \/>\nWard mit erkauftem Gew\u00fcrz&#8216; ein Gift mir heute gegeben,<br \/>\nM\u00f6ge der Arzt uns belehren, uns drohte das bitterste Wehe!<br \/>\nEilig berief nun Philetes den Freund, den Arzt, in das H\u00fcttchen,<br \/>\nDieser erforschte das Mahl, und findend die Spuren des Giftes<br \/>\n<strong>70<\/strong> Pries er das rettende Gl\u00fcck, es jauchzte das Weib mit den Kindern.<br \/>\nDank euch, ihr Himmlischen, Dank! Uns werden noch fr\u00f6hliche Tage<br \/>\nVon dem Olympos beschieden, so sprachen sie selig, Philetes<br \/>\nTrocknete, br\u00fcnstig umarmt, sich die Tr\u00e4nen, und rief im Entz\u00fccken:<br \/>\nDank, o Musen, auch euch! Ihr gew\u00e4hret elysische Wonne,<br \/>\n<strong>75<\/strong> Lehret und st\u00e4rkt, euch preise mein Lied; mich g\u00fctig zu sch\u00fctzen,<br \/>\nHieltet ihr zaudernd mich fest in den Banden des s\u00fc\u00dfen Gesanges,<br \/>\nBis die Gefahr uns verschwand, o Dank euch, g\u00f6ttliche Musen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Dichter von Gotthelf Wilhelm Christoph Starke Ruhig verlebte Philetes in Ioniens Auen die Tage, Vielen geborgen und arm, doch begl\u00fcckt durch die Gaben der Musen, Welche den G\u00f6ttergenuss nicht selten verleihen der Armut. Liebend erfreut&#8216; ihn sein Weib, ihn erfreuten die bl\u00fchenden Kinder: 5 F\u00fcr sie beschnitt&#8216; er den Baum, zog Fr\u00fccht&#8216;, und verm\u00e4hlte&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10032\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in G.W.C. 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