{"id":10054,"date":"2020-03-16T22:02:34","date_gmt":"2020-03-16T21:02:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10054"},"modified":"2020-07-28T23:28:00","modified_gmt":"2020-07-28T22:28:00","slug":"w-v-blomberg-die-satire","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10054","title":{"rendered":"W. v. Blomberg: Die Satire"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Satire<\/strong> (<em>Wilhelm von Blomberg<\/em>)<\/p>\n<p>Viele Lehrer hat ich zun\u00e4chst, ein lockiges Kn\u00e4blein,<br \/>\nSchwarz im blonden Volke daheim: Gestorbener Zeugnis<br \/>\nReden und Tun, und lebender viel, und hatte die Zunge<br \/>\nFr\u00fch gel\u00f6st, und schaute mit keckem Auge die Dinge,<br \/>\nWar nicht friedlich daheim, in andere H\u00e4user zu schauen<br \/>\nLohnete mehr, und fr\u00fch dem Sinn mit dem Tritte zu folgen.<br \/>\nUnd ich w\u00e4hnt in dem Strahle des Tags die Geister zu sehen,<br \/>\nTief in den Mienen versteckt, auf Lipp und Augen erscheinend.<br \/>\nEinige lockten mich an und zeigten mir himmlischen Ursprung,<br \/>\n<strong>10<\/strong> Stimm und Gestalt bewegend wie oben \u00fcber den Sternen;<br \/>\nAndere zogen mich Armen hinab in die finstere Erde,<br \/>\nWeisend die Not, und das Spiel des allverderbenden Zufalls,<br \/>\nUnd dem gehassten naht ich mich oft, willkommen ihm selbst nicht.<br \/>\nUnd es mahnete mich mit jeglichem Alter zu reden,<br \/>\nUnd in den Schulen erk\u00fchnt die z\u00fcrnenden Lehrer zu lehren.<br \/>\nDrohenden sagt ich: \u201eEs ist nicht Schuld der eigene Wille,<br \/>\nAlso will es in mir ein unbezwingliches Leben,<br \/>\nDenn zwei Wege muss ich zugleich abwandern und aufw\u00e4rts;<br \/>\nHeute fern im Olymp und morgen bei den Gesellen<br \/>\n<strong>20<\/strong> Deshalb schm\u00e4het mir nicht gesondertes Wissen und Reden.<br \/>\nDrum ja seht ihr mich schwarz vor vielen andren gestaltet,<br \/>\nH\u00fcten k\u00f6nnt ihr euch immer, und eure Ohren mit Wachse<br \/>\nSchlie\u00dfen, dass ich euch nicht mit b\u00f6slicher Zunge verderbe.<br \/>\nAber habt ihr einmal die b\u00f6sen Worte vernommen,<br \/>\nZ\u00fcrnet mir nicht, und folget mir nicht, und haltet an Eurem.<br \/>\nDenn ihr sinket hinab, ich schweb euch oben ein Irrlicht.<br \/>\nHelfet mir nicht zum Gesang mit euren Stimmen, und leset<br \/>\nGiftige Kr\u00e4uter nicht auf, mir Stoff in die H\u00e4nde zu geben.<br \/>\nDenn euch brennen sie nur, mir sind sie spielender Umgang.\u201c<br \/>\n<strong>30<\/strong> Als ich nun so im heimischen Volk dem Treiben begegnet,<br \/>\nVieles redend am Weg und im Wald, und erf\u00fclletem Markte,<br \/>\nNahte sich mir ein finsterer Mann und sah mir das Auge<br \/>\nScharf, und gab mir die Hand, und zog zu heimlichen Wort mich.<br \/>\n\u201eLange\u201c, redet&#8216; er, irr ich, ein solches Wunder zu finden,<br \/>\nUnd ich achtete schon, vergeblich laufe der Pfad mir,<br \/>\nHin von Norden nach West und S\u00fcd, und hin nach dem Aufgang.<br \/>\nDich nun kannt&#8216; ich sogleich aus Tausenden, also geschieden<br \/>\nZeigst du von andern dich, und dich den Gesucheten nah mir.<br \/>\nAuf mit mir in den Wald, du sollst ein Wunder vollenden.<br \/>\n<strong>40<\/strong> Denn ich seh es an dir, du bist ein g\u00f6ttliches Mittel,<br \/>\nHelfend in mancherlei Pein und N\u00f6ten dem Menschengeschlechte;<br \/>\nWie einst unter das Kraut ein m\u00e4chtiges mische der Weltgeist,<br \/>\nDem die Gewalt gegeben hinein in die innerste Seele,<br \/>\nWunderbar wirkend zu dringen dem \u00fcberm\u00fctigen Menschen.<br \/>\nAlso mit \u00e4tzendem Saft die Wunden zu heilen verstehst du,<br \/>\nUnd in Verstorbenes wieder lebendige Keime zu pflanzen.\u201c<br \/>\nUnd ich sprach: \u201eWas suchst du bei mir, und preisest mich also?\u201c<br \/>\nUnd er sagte mir noch: \u201eEin Greis ist dorten zu sehen,<br \/>\nGanz im Gem\u00fcte verwirrt und blind und leidend und h\u00fclflos,<br \/>\n<strong>50<\/strong> Aber den K\u00f6nigen K\u00f6nig im weiten Runde der Erde,<br \/>\nWenn du verlornes Erkennen von sich und den wirklichen Dingen<br \/>\nWieder erweckst im Gem\u00fcte, das fern dem irdischen Ursprung<br \/>\nIrrt im Beschaun der G\u00f6tter an Lethes fesselnden Ufern.<br \/>\nAlso h\u00e4lt ihn der zaubrische Kreis in seiner Gewahrung,<br \/>\nDass er des Wahnsinns Herrlichkeit nie dir willig vertauschet<br \/>\nMit der kalten Vernunft und nackt beschauetem Leben.<br \/>\nDu nun wahrlich, du wirst mit Worten l\u00f6sen den Zauber,<br \/>\nDass er sich selber erkennet, und niederst\u00fcrzen in seinem<br \/>\nInnern die goldenen S\u00e4ulen des eingebildeten Tempels,<br \/>\n<strong>60<\/strong> Und er auch uns erkennt, besch\u00e4mt aus der L\u00fcge sich windend.\u201c<br \/>\nUnd wir gingen, den Mann zu finden, in dunkle Gebirge<br \/>\nEinsamen Pfad, und klimmten an Felsen nieder und aufw\u00e4rts.<br \/>\nEndlich fanden wir ihn, vor einsamer H\u00fctte gelagert.<br \/>\nBlind nun war er und sang ein finster t\u00f6nendes Lied sich.<br \/>\nUnd ich fasste mir Mut und sprach zu dem Greise die Worte:<br \/>\nWas nun h\u00e4rmst du dich hier in Nacht und einsamer Wildnis,<br \/>\nFern von helfender Hand und alterpflegender Liebe?<br \/>\nAber die Augen sind dir geblendet, also erscheinet<br \/>\nAlles anders in dir, und fremd gar d\u00fcnket dir endlich<br \/>\n<strong>70<\/strong> Solch unseliges Los und dich betr\u00fcgendes Leben.<br \/>\nWei\u00dft du nicht, dass du der K\u00f6nig des mittleren Waldes der Erde,<br \/>\nDass zu dienen um dich die anderen Menschen bestellt sind?<br \/>\nUnd du steigst den Berg nicht hinan, dasSzepter zu f\u00fchren,<br \/>\nUnd du entw\u00f6hnest das Volk, die herrschende Stimme zu h\u00f6ren?<br \/>\nAuf, besinne dich wohl, und fremd nicht sei&#8217;s und verstandlos,<br \/>\nWas ich dir eben gesagt, den Herrschenden werde der Erste.<br \/>\nDenn nicht schwach ja ist dir der Leib, und edel die Bildung,<br \/>\nAbzulenken von dir den Trotz der niederen Seelen,<br \/>\nUnd um das Edelste selbst die herrschenden Netze zu spannen.<br \/>\n<strong>80<\/strong> Aber schauernd wirst du dich selbst erkennen im Worte,<br \/>\nWenn ich dir weiter erz\u00e4hlt, wie du und die Erde geschieden,<br \/>\nUnd wie streng der Gewalt der eiserne Szepter geb\u00fchre,<br \/>\nUnd allein mit dem Eisen gest\u00e4hlt auflebe die Freiheit.<br \/>\nWieder erblicke den Stern, den deiner Jungend die G\u00f6tter<br \/>\nHefteten, welchen du selbst in Nebelwolken geh\u00fcllt hast,<br \/>\nUnd empfange das dir vergessene Zeichen des Lebens.\u201c<br \/>\nDies nun sprach ich, es neigte der Greis das geblendete Antlitz<br \/>\nNieder, und sprach abwendend zu der eigenen Seele:<br \/>\n\u201eAlso neiget die Bl\u00fcte sich mir, der t\u00f6tende Staub sinkt<br \/>\n<strong>90<\/strong> \u00dcber mich hin, und Duft und Bl\u00e4tter wollen vergehen.<br \/>\nWagt ihr, gegen den Tod zu streiten, t\u00f6richte Menschen?<br \/>\nRetten wollt ihr auch das Unrettbare, \u00f6ffnen das Auge<br \/>\nDem f\u00fcr die Nacht, der Sonnen in sich und Himmel zu schaun hat,<br \/>\nUnd nach hellerem Tag aus Todesn\u00e4chten emporstrebt?<br \/>\nSo nun sah mich gewachsen der Wald, und den gr\u00fcnenden Wald ich.<br \/>\nBeide scheiden wir wohl, seht ihr die goldenen S\u00e4ulen<br \/>\nNicht im Inneren mir anitzt, so werdet ihr einst sie<br \/>\nSteigen sehn aus der Asch empor an die Bogen der Sterne.<br \/>\nG\u00f6nn ich in Frieden euch alles und harre wie es auch werde,<br \/>\n<strong>100<\/strong> Tut ein gleiches an mir, und glaubet wo es verg\u00f6nnt ist.<br \/>\nAlso kannt&#8216; ich mich selbst und hielt mich fern von den andern.\u201c<br \/>\nUnd mich grauset&#8216; die Rede, Wang bemeistere Scham rings.<br \/>\nWeg nun wand&#8216; ich den Blick, besch\u00e4mt auf den F\u00fchrer ihn heftend.<br \/>\nAber er schwieg und deutete wieder das Wort zu ergreifen.<br \/>\n\u201eH\u00f6re mich Greis,\u201c so sprach ich, und reichte nimmer zu hart mich.<br \/>\nDenn es ward mir ein Stachel gegeben unter die Bl\u00e4tter,<br \/>\nDiesen breche zuvor, wer in den H\u00e4nden die Blume<br \/>\nSicher zu f\u00fchren bestrebt, und freudige L\u00fcfte zu atmen.<br \/>\nDenn gef\u00e4llt auch die Knospe, das herbe Blatt und der Stengel,<br \/>\n<strong>110<\/strong> Welcher das liebliche Bild der Blume f\u00fchret im Innern.<br \/>\nWas ich gesagt, es redet&#8216; durch mich ein finsterer Alter;<br \/>\nAber im Munde der Jugend ergr\u00fcnt die verst\u00e4ndige Rede:<br \/>\nH\u00f6re mich Greis, verdamme mich nicht, denn jugendlich bin ich.\u201c<br \/>\nUnd es horchte der Greis, und wendete zu mir das Antlitz,<br \/>\nUnd er sprach: \u201eMein Sohn, du sp\u00e4t aus dem Staube Geborner,<br \/>\nWo nichts weiter erbl\u00fcht, und rings die Herrlichkeit alle<br \/>\nSinkt in Tr\u00fcmmer zur\u00fcck, und gleich sich alles hinabdr\u00e4ngt.<br \/>\nWie nur kommst du mich an, ein wehes schauriges St\u00fcndlein(?),<br \/>\n\u00c4hnlich dem Schwert und der Waage, die Tat zu pr\u00fcfen dem Toten?<br \/>\n<strong>120<\/strong> Aber ferne den Alten von dir, und wie er auch schweige,<br \/>\nDenn ich liebe die Absicht nicht, sie st\u00f6ret mit B\u00f6sem;<br \/>\nDu aber rede mir frei, dich h\u00f6r ich, rede mir immer!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Satire (Wilhelm von Blomberg) Viele Lehrer hat ich zun\u00e4chst, ein lockiges Kn\u00e4blein, Schwarz im blonden Volke daheim: Gestorbener Zeugnis Reden und Tun, und lebender viel, und hatte die Zunge Fr\u00fch gel\u00f6st, und schaute mit keckem Auge die Dinge, War nicht friedlich daheim, in andere H\u00e4user zu schauen Lohnete mehr, und fr\u00fch dem Sinn mit&#8230; 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