{"id":10180,"date":"2020-07-26T15:05:09","date_gmt":"2020-07-26T14:05:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10180"},"modified":"2020-07-26T16:56:18","modified_gmt":"2020-07-26T15:56:18","slug":"l-t-kosegarten-die-jungfrau-von-antiochia","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10180","title":{"rendered":"L. G. Kosegarten: Die Jungfrau von Antiochia"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Jungfrau von Antiochia&#8220; ist eine alte, schon aus den &#8222;legenda aurea&#8220; bekannte Legende, die Ludwig Gotthard Kosegarten in seiner mehrb\u00e4ndigen Sammlung &#8222;Legenden&#8220; (erstmals 1804) in Hexametern nacherz\u00e4hlt hat. Die Legende umfasst nur 57 Verse, und Kosegarten, der auch anders konnte, bem\u00fcht sich in ihnen um einen vergleichsweise schlichten, treuherzigen Tonfall, wie er einer Legende ja vielleicht auch angemessen ist.<\/p>\n<p><strong>Die Jungfrau von Antiochia<\/strong><\/p>\n<p>Einer Jungfrau gedenkt die fromme Sage der V\u00e4ter,<br \/>\nWelche die sch\u00f6nste gewesen von Antiochiens T\u00f6chtern;<br \/>\nDennoch wohnt&#8216; im sch\u00f6nen Leib noch sch\u00f6ner die Seele.<br \/>\nUnd um die Jungfrau warben die edelsten S\u00f6hne des Landes,<br \/>\n<strong>5<\/strong> Br\u00fcnstig buhlten die J\u00fcngling&#8216; um sie; mit Ketten und Spangen<br \/>\nSuchten sie zu erkaufen die Gunst der z\u00fcchtigen Jungfrau.<br \/>\nAber es dauchten die Perlen und Steine dem heiligen M\u00e4gdlein<br \/>\nSchlechte Kiesel: Ihr Herz war Jesu Christo verlobet.<br \/>\nAuch des Proconsuls Neffe begehrte des M\u00e4gdleins; ertrug nicht,<br \/>\n<strong>10<\/strong> Sich verschm\u00e4ht zu sehn, und f\u00fchrt sie vor dem Proconsul.<br \/>\nDiese, sprach er, verh\u00f6hnet die G\u00f6tter, und glaubet an Christus.<br \/>\nTu&#8216; ihr denn, wie der Kaiser gebeut, und die Pflicht von dir fordert.<br \/>\nUnd der Proconsul sprach: Entweder du opferst den G\u00f6ttern<br \/>\nOder du wanderst sofort zu den feilen Dirnen im Buhlhaus.<br \/>\n<strong>15<\/strong> Gro\u00df war der Jungfrau Angst, die Wahl beklemmend; doch pl\u00f6tzlich<br \/>\nRief sie begeistert aus mit himmelerhobenen Augen:<br \/>\nHerr, ich rette die Seele, den Leib zu retten geziemt dir!<br \/>\nAlso rief sie und ward alsbald gef\u00fchrt in das Buhlhaus.<br \/>\nAls sie wenig Minuten allhier beharrt im Gebete,<br \/>\n<strong>20<\/strong> Trat vollr\u00fcstig ein Krieger herein mit blitzenden Waffen.<br \/>\nF\u00fcrchte, Christin, dich nicht, sprach sanft der J\u00fcngling, ich komme,<br \/>\nDeine Zucht zu retten; die flie\u00dfenden Trauergewande<br \/>\nTausche sofort mit des Kriegsmanns R\u00fcstung. Schnalle den Harnisch<br \/>\nAn; nimm Tartsch&#8216; und Schwert, und geh&#8216; und rette die Ehre.<br \/>\n<strong>25<\/strong> Staunend stand die Jungfrau, bedenkend den misslichen Antrag.<br \/>\nAber es mahnte der J\u00fcngling die Zage mit herzlichen Worten:<br \/>\nS\u00e4ume nicht, Christin, es dr\u00e4ngt die Gefahr, und die L\u00fcsternen harren.<br \/>\nEil&#8216; und vertraue dem, der auch auf Christus getauft ward.<br \/>\nUnd sie s\u00e4umte nicht l\u00e4nger. Die flie\u00dfenden Trauergewande<br \/>\n<strong>30<\/strong> Legte sie schamerr\u00f6tend beiseit, in die schimmernde R\u00fcstung<br \/>\nBarg sie den weniggewohnten Leib. Entgegen dem Panzer<br \/>\nKlopfte \u00e4ngstlich das schlagende Herz; der gewaltige Helmbusch<br \/>\nWogte von oben herab auf die blendenen Schultern des M\u00e4gdleins.<br \/>\nZitternd schied sie von dannen, erkannt von keinem der W\u00e4chter.<br \/>\n<strong>35<\/strong> Kaum war dies&#8216; im Sichern, so str\u00f6mten der \u00fcppigen Hauptstadt<br \/>\nFrechste Buben herein, lustwiehernd, fanden, o Wunder!<br \/>\nUmgewandelt das zarte Weib zum r\u00fcstigen Kriegsmann.<br \/>\nSpottend schleppten die Buben den fr\u00e4ulich gekleideten J\u00fcngling<br \/>\nVor des Proconsuls Stuhl. Verwundert sprach der Proconsul:<br \/>\n<strong>40<\/strong> Du bist&#8217;s, Julius, du? Ziemt solche Vermummung dem Kriegsmann!<br \/>\nJulius sprach: Dem Krieger geziemt, die Zucht zu besch\u00fctzen.<br \/>\nSelbst ein Christ, hab&#8216; ich Christus&#8216; Braut gesch\u00fctzt vor der Schande.<br \/>\nTue dann mir, wie der Kaiser gebeut, und die Pflicht es dich hei\u00dfet.<br \/>\nUnd der Proconsul befahl, zum Tode zu f\u00fchren den J\u00fcngling.<br \/>\n<strong>45<\/strong> Als nun der Block schon gelegt und geschwungen des richtende Beil war,<br \/>\nSt\u00fcrzte weinend und rufend herbei die gerettete Jungfrau:<br \/>\nHalt, halt ein! Nicht diesem, mir! mir! geb\u00fchret der Axtstreich.<br \/>\nAlso sprach sie und eilet&#8216; und neben dem knienden J\u00fcngling<br \/>\nKniete sie hin und sprach mit liebeweinenden Augen:<br \/>\n<strong>50<\/strong> Also war es gemeint, Habs\u00fccht&#8217;ger? Die irdische Krone<br \/>\nSollt&#8216; ich erkaufen von dir um die Krone des ewigen Lebens?<br \/>\nHalt! Halt ein! Nicht diesem, mir! mir! geb\u00fchret der Axtstreich!<br \/>\nAlso rief sie. Es sprach aufschauend der liebende J\u00fcngling:<br \/>\nLass zusammen uns sterben den Tod der Lieb&#8216; und des Glaubens.<br \/>\n<strong>55<\/strong> Siehe, da sank in die Arme des J\u00fcnglings das liebende M\u00e4gdlein:<br \/>\nSterben lass uns zusammen den Tod der Lieb&#8216; und des Glaubens.<br \/>\nUnd sie starben zusammen den Tod der Lieb&#8216; und des Glaubens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Jungfrau von Antiochia&#8220; ist eine alte, schon aus den &#8222;legenda aurea&#8220; bekannte Legende, die Ludwig Gotthard Kosegarten in seiner mehrb\u00e4ndigen Sammlung &#8222;Legenden&#8220; (erstmals 1804) in Hexametern nacherz\u00e4hlt hat. 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