{"id":10265,"date":"2020-07-30T06:28:02","date_gmt":"2020-07-30T05:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10265"},"modified":"2020-07-30T06:28:22","modified_gmt":"2020-07-30T05:28:22","slug":"f-hoelderlin-an-den-aether","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10265","title":{"rendered":"F. H\u00f6lderlin: An den \u00c4ther"},"content":{"rendered":"<p><strong>An den \u00c4ther<\/strong><br \/>\n<em>In: Friedrich H\u00f6lderlin, S\u00e4mtliche Werke, Band 1, Stuttgart 1946, S. 209-211.<\/em><\/p>\n<p>Treu und freundlich, wie du, erzog der G\u00f6tter und Menschen<br \/>\nKeiner, o Vater \u00c4ther! mich auf; noch ehe die Mutter<br \/>\nIn die Arme mich nahm und ihre Br\u00fcste mich tr\u00e4nkten,<br \/>\nFasstest du z\u00e4rtlich mich an und gossest himmlischen Trank mir,<br \/>\n<strong>5<\/strong> Mir den heiligen Odem zuerst in den keimenden Busen.<\/p>\n<p>Nicht von irdischer Kost gedeihen einzig die Wesen,<br \/>\nAber du n\u00e4hrst sie all mit deinem Nektar, o Vater!<br \/>\nUnd es dr\u00e4ngt sich und rinnt aus deiner ewigen F\u00fclle<br \/>\nDie beseelende Luft durch alle R\u00f6hren des Lebens.<br \/>\n<strong>10<\/strong> Darum lieben die Wesen dich auch und ringen und streben<br \/>\nUnaufh\u00f6rlich hinauf nach dir in freudigem Wachstum.<\/p>\n<p>Himmlischer! Sucht nicht dich mit ihren Augen die Pflanze,<br \/>\nStreckt nach dir die sch\u00fcchternen Arme der niedrige Strauch nicht?<br \/>\nDass er dich finde, zerbricht der gefangene Same die H\u00fclse,<br \/>\n<strong>15<\/strong> Dass er belebt von dir in deiner Welle sich bade,<br \/>\nSch\u00fcttelt der Wald den Schnee wie ein \u00fcberl\u00e4stig Gewand ab.<br \/>\nAuch die Fische kommen herauf und h\u00fcpfen verlangend<br \/>\n\u00dcber die gl\u00e4nzende Fl\u00e4che des Stroms, als begehrten auch diese<br \/>\nAus der Wiege zu dir; auch den edeln Tieren der Erde<br \/>\n<strong>20<\/strong> Wird zum Fluge der Schritt, wenn oft das gewaltige Sehnen,<br \/>\nDie geheime Liebe zu dir, sie ergreift, sie hinaufzieht.<\/p>\n<p>Stolz verachtet den Boden das Ross, wie gebogener Stahl strebt<br \/>\nIn die H\u00f6he sein Hals, mit der Hufe ber\u00fchrt es den Sand kaum.<br \/>\nWie zum Scherze, ber\u00fchrt der Fu\u00df der Hirsche den Grashalm,<br \/>\n<strong>25<\/strong> H\u00fcpft, wie ein Zephyr, \u00fcber den Bach, der rei\u00dfend hinabsch\u00e4umt,<br \/>\nHin und wieder und schweift kaum sichtbar durch die Geb\u00fcsche.<\/p>\n<p>Aber des \u00c4thers Lieblinge, sie, die gl\u00fccklichen V\u00f6gel,<br \/>\nWohnen und spielen vergn\u00fcgt in der ewigen Halle des Vaters!<br \/>\nRaums genug ist f\u00fcr alle. Der Pfad ist keinem bezeichnet,<br \/>\n<strong>30<\/strong> Und es regen sich frei im Hause die Gro\u00dfen und Kleinen.<br \/>\n\u00dcber dem Haupte frohlocken sie mir und es sehnt sich auch mein Herz<br \/>\nWunderbar zu ihnen hinauf; wie die freundliche Heimat<br \/>\nWinkt es von oben herab und auf die Gipfel der Alpen<br \/>\nM\u00f6cht ich wandern und rufen von da dem eilenden Adler,<br \/>\n<strong>35<\/strong> Dass er, wie einst in die Arme des Zeus den seligen Knaben,<br \/>\nAus der Gefangenschaft in des \u00c4thers Halle mich trage.<\/p>\n<p>T\u00f6richt treiben wir uns umher; wie die irrende Rebe,<br \/>\nWenn ihr der Stab gebricht, woran zum Himmel sie aufw\u00e4chst,<br \/>\nBreiten wir \u00fcber dem Boden uns aus und suchen und wandern<br \/>\n<strong>40<\/strong> Durch die Zonen der Erd, o Vater \u00c4ther! vergebens,<br \/>\nDenn es treibt uns die Lust, in deinen G\u00e4rten zu wohnen.<br \/>\nIn die Meersflut werfen wir uns, in den freieren Ebnen<br \/>\nUns zu s\u00e4ttigen, und es umspielt die unendliche Woge<br \/>\nUnsern Kiel, es freut sich das Herz an den Kr\u00e4ften des Meergotts.<br \/>\n<strong>45<\/strong> Dennoch gen\u00fcgt ihm nicht; denn der tiefere Ozean reizt uns,<br \/>\nWo die leichtere Welle sich regt \u2013 o wer dort an jene<br \/>\nGoldnen K\u00fcsten das wandernde Schiff zu treiben verm\u00f6chte!<\/p>\n<p>Aber indes ich hinauf in die d\u00e4mmernde Ferne mich sehne,<br \/>\nWo du fremde Gestad umf\u00e4ngst mit der bl\u00e4ulichen Woge,<br \/>\n<strong>50<\/strong> K\u00f6mmst du s\u00e4uselnd herab von des Fruchtbaums bl\u00fchenden Wipfeln,<br \/>\nVater \u00c4ther! und s\u00e4nftigest selbst das strebende Herz mir,<br \/>\nUnd ich lebe nun gern, wie zuvor, mit den Blumen der Erde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den \u00c4ther In: Friedrich H\u00f6lderlin, S\u00e4mtliche Werke, Band 1, Stuttgart 1946, S. 209-211. 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