{"id":10288,"date":"2020-08-07T21:26:15","date_gmt":"2020-08-07T20:26:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10288"},"modified":"2020-08-07T21:26:45","modified_gmt":"2020-08-07T20:26:45","slug":"g-f-staeudlin-die-gletscher-bei-grindelwald","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10288","title":{"rendered":"G. F. St\u00e4udlin: Die Gletscher bei Grindelwald"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Gletscher bei Grindelwald<\/strong><br \/>\n<em>In: Gotthold Friedrich St\u00e4udlin, Gedichte, Erster Band, M\u00e4ntler, Stuttgart 1788, S. 93\u2013102.<\/em><\/p>\n<p>Ja! Ich hab&#8216; euch gesehn, die ihr auf Wirtembergs Feste<br \/>\nSchon die staunende Seele zum Lobgesange begeistert,<br \/>\nJa, ich hab&#8216; euch gesehn, Helvetiens Riesengebirge!<br \/>\nEuch gesehn und gef\u00fchlt in seiner unnennbaren Gr\u00f6\u00dfe,<br \/>\n<strong>5<\/strong> Der euch t\u00fcrmt&#8216; in die Wolken und \u00fcber euch stellte die Sonne,<br \/>\nIhn so gro\u00df und den Menschen so klein! \u2013 Mit schlotternden Knien,<br \/>\nKeuchender Brust und schwimmendem Aug&#8216; und tropfender Stirne<br \/>\nKlomm ich die Felsen hinan! Sie hingen mir \u00fcber dem Haupte<br \/>\nFurchtbar und schwarz wie ein Wetter und senkten sich dicht an den F\u00fc\u00dfen<br \/>\n<strong>10<\/strong> S\u00e4ulen\u00e4hnlich hinab in den ungemessenen Abgrund,<br \/>\nBis zu den Schl\u00fcnden hinunter des tausendj\u00e4hrigen Eises,<br \/>\nWelches in Pyramiden sich majest\u00e4tisch emporhebt.<br \/>\nH\u00e4tte des Klimmenden Fu\u00df auf dem Felsenpfade geglitten,<br \/>\nOder ihn \u00fcberw\u00e4ltigt der sinnefesselnde Schwindel;<br \/>\n<strong>15<\/strong> Hochab w\u00e4r&#8216; er gest\u00fcrzt und h\u00e4tt&#8216; an zackigen Klippen<br \/>\nOder am starrenden Eis die blutende Scheitel zerschmettert;<br \/>\nUnd sie w\u00fcrden ihn nimmer erkennen, den wundenentstellten<br \/>\nLeichnam des Freundes, die Freunde, wofern sie am Ufer ihn f\u00e4nden.<br \/>\nAber es leitete mich die heilige Rechte der Vorsicht,<br \/>\n<strong>20<\/strong> So wie ehmals am G\u00e4ngelbande den sicheren S\u00e4ugling<br \/>\nF\u00fchrte die Unsichtbare den J\u00fcngling \u00fcber die Felsen! \u2013<br \/>\nSiehe, da stand ich nun auf dem alternden Schutte des Eismeers,<br \/>\nSah verschwunden um mich die alte Sch\u00f6pfung, und neue<br \/>\nWelten entstanden vor mir! Ich dachte mich Zeinblas Bewohner!<br \/>\n<strong>25<\/strong> \u00dcber mir flammte das Licht der erdbefruchteten Sonne,<br \/>\nStr\u00f6mte der Sommerhimmel in seiner lieblichen Bl\u00e4ue;<br \/>\nAber rings um mich her war Eis und der ewige Winter,<br \/>\nWar ein feierlich Schweigen! \u2013 Nur sie, die wachsende Schneelast,<br \/>\nSt\u00fcrzend ins \u00e4chzende Tal und der Donner vom berstenden Felsen<br \/>\n<strong>30<\/strong> Der in der hallenden Tiefe versank, in der sch\u00e4umenden Werkstatt,<br \/>\nWo die Natur dem d\u00fcrstenden Lande sein Wasser bereitet,<br \/>\nSie nur brachen das heilige Schweigen und f\u00fcllten des H\u00f6rers<br \/>\nSeele mit Staunen und beugten sein Knie der betenden Andacht!<br \/>\nJetzo schwebten die Schimmer der m\u00e4hlich scheidenen Sonnenbrand<br \/>\n<strong>35<\/strong> \u00dcber die Berge dahin gleich einer h\u00f6hern Erscheinung,<br \/>\nSchnell und herrlich! Ger\u00f6tet von ihrem brennenden Golde<br \/>\nGl\u00e4nzten die silbernen Schl\u00e4fe der himmelbenachbarten Jungfrau,<br \/>\nPrangte die Felsenstirne des stolzen Eigers und deine,<br \/>\nRiese Schreckhorn, dem heulend entst\u00fcrzt der verwegene Waidmann;<br \/>\n<strong>40<\/strong> Dessen Schultern allein die k\u00fchnste der Gemsen erklettert,<br \/>\nDessen Scheitel allein der k\u00fchnste der Adler umflattert,<br \/>\nWelcher Bruder, Gotthard! dich gr\u00fc\u00dft und Schwester die Furka!<br \/>\nScheid&#8216;, o scheide noch nicht, du Strahlenk\u00f6nigin, weile!<br \/>\nSpiegle noch l\u00e4nger dein Antlitz in diesen pr\u00e4chtigen S\u00e4ulen,<br \/>\n<strong>45<\/strong> Diesen T\u00fcrmen von Eis! Es ist zu herrlich dies Schauspiel!<br \/>\nSch\u00f6ner ist nicht im s\u00e4uselnden Regen der Bogen des Friedens!<br \/>\nScheinen nicht dort aus dem Eise Violen und Rosen zu sprossen?<br \/>\nStehen sie nicht wie Pfeiler von Jaspis in Tempeln der Andacht,<br \/>\nDiese S\u00e4ulen? Und scheint auf ihren t\u00fcrmenden H\u00e4uptern<br \/>\n<strong>50<\/strong> Nicht der Glanz des Rubins mit dem blauen Saphire zu eifern?<br \/>\nReiche mir, F\u00fchrer! den Stab und waffne die Sohlen mit Zacken,<br \/>\nDenn erklimmen muss ich dort jenen pr\u00e4chtigen Eisberg!<br \/>\nLeite mich weiter hinauf und halte mich, dass ich nicht sinke!<br \/>\nItzt, itzt bin ich nahe dem Gipfel! Hier steh&#8216; ich und atme<br \/>\n<strong>55<\/strong> Reinere Luft und starre hinab in die offenen Kl\u00fcfte,<br \/>\nBlicke staunend umher auf die Reihen der Eispyramiden,<br \/>\nSehe dort fern am Felsen hinauf die einsamen H\u00fctten<br \/>\nGl\u00fccklicher Sennen, und Ziegen, die fetten Weiden verfolgend.<br \/>\nWie es unter mir donnert! Mir ist, als bebte der Eisberg,<br \/>\n<strong>60<\/strong> Drohte zu bersten und mich zu begraben unter die Tr\u00fcmmer!<br \/>\nHa! Wie dort der gewaltige Strom aus der Pforte des Eisturms,<br \/>\nGleich als w\u00fcrd&#8216; er geschleudert, in schw\u00e4rzlichen Wogen hervorsch\u00e4umt<br \/>\nUnd sich befruchtend ergeu\u00dft in den Scho\u00df des bl\u00fchenden Tales.<\/p>\n<p>Nein! So m\u00e4chtig ergriff es mich noch auf keiner der H\u00f6hen,<br \/>\n<strong>65<\/strong> Keiner der Tiefen das hohe Gef\u00fchl der schaffenden Allmacht!<br \/>\nZu der Sonne heb&#8216; ich mein Haupt und bete mit stummen<br \/>\nBlicken dich an und f\u00fchle mich dir, du Unendlicher, n\u00e4her!<br \/>\nWelch ein neues Gef\u00fchl gesellt sich auf einmal zu deiner<br \/>\nGr\u00f6\u00dfe Bewunderung! Sie t\u00f6nt in mein Ohr wie Harfengelispel,<br \/>\n<strong>70<\/strong> Schwebet mir vor wie Gesichte des Himmels und s\u00e4uselt wie reiner<br \/>\n\u00c4ther Ruh&#8216; in mein Herz \u2013 sie meiner Unsterblichkeit Ahndung!<br \/>\nJa, ihr furchtbaren Felsen! Ihr mit den schneeichten H\u00e4uptern<br \/>\nStolze Gebirg&#8216;, an welchen mein Aug&#8216; itzt schwindelnd hinaufblickt,<br \/>\nWerdet verwittern, verst\u00e4uben nach vieler Jahrtausende Kreislauf \u2013<br \/>\n<strong>75<\/strong> Und kein Auge die St\u00e4tte der Hingeschwundnen mehr kennen!<br \/>\nJa, ihr starrenden T\u00fcrm&#8216;, auf welchen bebend mein Fu\u00df ruht,<br \/>\nWerdet versinken und bis zum letzten Tropfen versiegen!<br \/>\nDer euch entquoll, der sch\u00e4umende Strom wird mit euch vertrocknen<br \/>\nUnd kein Auge die St\u00e4tte des Hingeschwundnen mehr kennen!<br \/>\n<strong>80<\/strong> Aber ich, mit der ewigen Flamme der Gottheit im Busen,<br \/>\nDiesem denkenden Geist, ich werde nimmer vergehen,<br \/>\nWerde leben und lesen in jenem heiligen Buche,<br \/>\nWelches die Wunder des Sch\u00f6pfers mit flammenden Ziffern entr\u00e4tselt,<br \/>\nWie er euch wunderbar schuf und wunderbar wieder vertilgte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gletscher bei Grindelwald In: Gotthold Friedrich St\u00e4udlin, Gedichte, Erster Band, M\u00e4ntler, Stuttgart 1788, S. 93\u2013102. 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