{"id":10328,"date":"2020-08-27T22:18:52","date_gmt":"2020-08-27T21:18:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10328"},"modified":"2020-08-27T22:19:14","modified_gmt":"2020-08-27T21:19:14","slug":"f-rueckert-epistel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10328","title":{"rendered":"F. R\u00fcckert: Epistel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Friedrich R\u00fcckert: Epistel<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6re, mein Arzt, womit mir zu helfen ist, hilf mir nur diesmal!<br \/>Lang schon forschend und lauernd, wie meiner Bitteren w\u00e4re<br \/>Beizukommen mit einem Geschenkelchen, hab&#8216; ich zu guter<br \/>Stunde nun endlich erlauscht, sie werd&#8216; am k\u00fcnftigen Festtag<br \/><strong>5<\/strong> Gehn mit andern zugleich zum Markt des benachbarten St\u00e4dtchens,<br \/>Einzukaufen daselbst ein Spiegelchen, um des zerbrochnen<br \/>Stell&#8216; an der Wand der Kammer, darin sie schl\u00e4ft, zu ersetzen.<br \/>Denn obgleich an dem Haus ihr zun\u00e4chst ein ziemlicher Bach flie\u00dft,<br \/>Mit recht spiegelnden Wellen, solang&#8216; nicht regnet wie heute,<br \/><strong>10<\/strong> Ist sie doch leider nicht l\u00e4ndlich genug, am Spiegel des Wassers<br \/>Sich gen\u00fcgen zu lassen, und den von Glas zu entbehren.<br \/>H\u00f6re nun, was du err\u00e4tst! Wie ich sogleich mich besonnen,<br \/>Ihr zu verderben die Freude des Markts, und selbst ihr den Spiegel<br \/>Einzumarkten durch dich. Was l\u00e4chelst du? Seltsams Handwerk<br \/><strong>15<\/strong> Lehrt oft Amor uns treiben; was aber k\u00f6nnt&#8216; er uns lehren<br \/>Passenderes, als Spiegel, zerbrechliche Gl\u00e4ser, zu kaufen?<br \/>Drum, du darfst dich nicht str\u00e4uben, geschwind und kaufe den Spiegel,<br \/>Denn in euerer Stadt ist alles zusammengestapelt,<br \/>Was man sch\u00f6nes begehrt (das lebende Sch\u00f6ne verbleib&#8216; euch<br \/><strong>20<\/strong> Unbestritten f\u00fcr jetzt!), und auch zum Markte des St\u00e4dtchens,<br \/>Wo mein Kind sich zu holen gedenkt ihr kleines Bed\u00fcrfnis,<br \/>Kommen die Schnitzel allein, die eure Kr\u00e4mer uns bringen,<br \/>Dessen, was ihr nicht m\u00f6gt. Wie k\u00f6nnt&#8216; ich es besser denn machen,<br \/>Als dazu dich zu brauchen (zu wenigem bist du zu brauchen,<br \/><strong>25<\/strong> 5ei&#8217;s zu diesem mir nur!), durch dich dort gleich aus des Sch\u00f6nen<br \/>Sammelverein zu beziehn das Gew\u00e4hlteste, ohne zu warten,<br \/>Was auf dem Karren des Kr\u00e4mers der Gaul erst bringe des Zufalls.<br \/>W\u00e4hle mit sinniger Hand, und denke, f\u00fcr wen und f\u00fcr welche!<br \/>Wert sei&#8217;s meiner Liebe f\u00fcr sie, wert deiner f\u00fcr mich auch.<br \/><strong>30<\/strong> Aber das w\u00e4r&#8216; unendlich, und hier gilt&#8217;s Grenzen zu setzen.<br \/>Also, wie breit und wie lang? So lang und so breit als genug ist,<br \/>Nicht f\u00fcr ein Prunkgemach, ein f\u00fcrstliches, sondern ein stilles<br \/>\u00d6rtchen, wo er soll hangen, um keinerlei Ort zu beneiden.<br \/>Also nur eben so lang, dass, wenn das M\u00e4dchen hineinschaut,<br \/><strong>35<\/strong> Unter dem zierlichen K\u00f6pfchen der Hals auch noch und des Busens<br \/>Oberste R\u00e4nder sich zeigen, die schwellenden, ohne dass dr\u00fcber<br \/>\u00dcber den Spiegel hinaus entr\u00fccket werde das H\u00e4ubchen.<br \/>Und desgleichen so breit nur wenigstens, dass ich zu h\u00f6chster<br \/>Not, wenn ich enge genug an die Schl\u00e4f&#8216; ihr mich schmieg&#8216;, in dem Glase<br \/><strong>40<\/strong> Ihrem Gesicht zur Seite mein eigenes kann mit den dunkeln<br \/>Locken sehn, wie die Wolke, die schattende, neben der Sonne.<br \/>Suche nur recht was t\u00fcchtiges aus, und lass dich vom bl\u00f6den<br \/>Aug&#8216; einmal nicht ber\u00fccken, du kannst ein andermal blind sein;<br \/>Dass dir nicht etwa ein Flecken entgeh&#8216;, und sei es ein kleiner,<br \/><strong>45<\/strong> Der, nicht zufrieden im Glase zu stehn, auch auf das Gesicht sich<br \/>Pr\u00e4gen will ihr, an der ich im Bild auch Flecken nicht dulde;<br \/>Oder dass gar er mir sei von den t\u00fcckischen einer, der Spiegel,<br \/>Welche die gradesten Z\u00fcge zu widriger Schiefe verzerren.<br \/>Auch ein solcher nicht sei&#8217;s, der, lebende Farben beneidend,<br \/><strong>50<\/strong> D\u00e4mpft die R\u00f6te der Wangen zu toten\u00e4hnlichem Bleigrau.<br \/>Lieber auf feuchtem Grund, um die Wahl ein wenig zu dunkel,<br \/>Mag er mein br\u00e4unliches M\u00e4dchen noch etwas br\u00e4uner mir malen.<br \/>Wie nun von au\u00dfen der Kern zu verzieren sei, oben und unten,<br \/>Und an den Seiten umher, das steht, um deinen Geschmack auch<br \/><strong>55<\/strong> Zeigen zu k\u00f6nnen, bei dir; nur w\u00e4hle mir nichts zu modestes,<br \/>Oder zu einfachedles, ehr&#8216; helle gesellige Farben.<br \/>G\u00f6tter der Lieb&#8216; auf dem Rahmen sind \u00fcberfl\u00fcssig; die Liebe,<br \/>Die mir hinein soll schau&#8217;n, sie kennt sie nicht, und sie bedarf&#8217;s nicht.<br \/>Eins nur bitt&#8216; ich zuletzt, du L\u00e4ssiger, dass du mir diesmal<br \/><strong>60<\/strong> Deine Gewohnheit \u00e4nderst, und eilest, damit ich zur rechten<br \/>Stunde das Liebesgeschenk aus deinen H\u00e4nden empfange.<br \/>Wenn ich den Boten dir send&#8216;, und du sendest ihn leer mir zur\u00fccke,<br \/>Und verdirbst mir die Lust, die ich so sch\u00f6n mir geordnet!<br \/>Denn schon hab&#8216; ich mich heimlich einmal zur Kammer geschlichen,<br \/><strong>65<\/strong> Und in der Wand den Nagel befestiget, wo die Bescherung<br \/>Hangen soll; am Vorabend des Markttags aber noch einmal<br \/>Schleich&#8216; ich des Wegs, und bringe den heimlichen Markt in die Kammer,<br \/>Ordnend alles geschickt und geschwind. Ei, dass du mir sch\u00f6ne<br \/>B\u00e4nder nur auch nicht vergessest, daran der Spiegel soll hangen!<br \/><strong>70<\/strong> Wenn sie dann kommt, zur Ruhe zu gehn, und weiter nicht Acht hat,<br \/>Dass sie zum Schlafengehn mit keinem anderen Licht sich<br \/>Leuchtet als ihren Augen, ist eben zu meinem Betrug recht.<br \/>Wenn sie dann morgens erwacht, und gleich mit dem ersten der Blicke<br \/>Trifft aus das neue Ger\u00e4t, ich wette, sie w\u00e4hnet, sie tr\u00e4ume.<br \/><strong>75<\/strong> Wenn sie dann aber die Augen sich reibt, dass der Spiegel verschwinde,<br \/>Und er doch nicht verschwindet, besinnt sie sich endlich aufs Wahre.<br \/>Und dann muss sie vom Bett, und muss neugierig ins Glas schau&#8217;n.<br \/>M\u00f6cht&#8216; ich selber der Spiegel doch sein, dass in mir sie sich schaute!<br \/>Geht sie nun doch auf den Markt, da bereits der Spiegel gekauft ist?<br \/><strong>80<\/strong> Freilich jawohl! Sie hat vielleicht noch andres zu kaufen,<br \/>Wenigstens alles zu sehn, und selbst sich sehen zu lassen.<br \/>Wo ich dann im Gew\u00fchl ihr begegene, m\u00f6chte mit einem<br \/>Blicke, dafern sie zu Worten nicht Zeit hat, oder mit einem<br \/>Druck im Vor\u00fcbergleiten der leisen Hand sie mir danken!<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich R\u00fcckert: Epistel H\u00f6re, mein Arzt, womit mir zu helfen ist, hilf mir nur diesmal!Lang schon forschend und lauernd, wie meiner Bitteren w\u00e4reBeizukommen mit einem Geschenkelchen, hab&#8216; ich zu guterStunde nun endlich erlauscht, sie werd&#8216; am k\u00fcnftigen Festtag5 Gehn mit andern zugleich zum Markt des benachbarten St\u00e4dtchens,Einzukaufen daselbst ein Spiegelchen, um des zerbrochnenStell&#8216; an der&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10328\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in F. 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