{"id":10331,"date":"2020-08-29T08:54:09","date_gmt":"2020-08-29T07:54:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10331"},"modified":"2020-08-29T08:59:52","modified_gmt":"2020-08-29T07:59:52","slug":"l-c-h-hoelty-der-arme-wilhelm","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10331","title":{"rendered":"L. C. H. H\u00f6lty: Der arme Wilhelm"},"content":{"rendered":"<p><em>In: Gedichte von Ludewig Heinrich Christoph H\u00f6lty, Neu besorgt und vermehrt von Johann Heinrich Voss, Bohn, Hamburg 1804, S. 59 &#8211; 61.<\/em><\/p>\n<p>Wilhelms Braut war gestorben. Der arme verlassene Wilhelm<br \/>\nW\u00fcnschte den Tod und besuchte nicht mehr den gefl\u00fcgelten Reigen,<br \/>\nNicht das Ostergelag und das Fest der bemaleten Eier,<br \/>\nNicht den gaukelnden Tanz um die Osterflamme des H\u00fcgels.<br \/>\n<strong>5<\/strong> Einsam war er, und still wie das Grab, und glaubte mit jedem<br \/>\nTritt in die Erde zu sinken. Die Bursch&#8216; und M\u00e4dchen des Dorfes<br \/>\nBrachen Mai&#8217;n, und schm\u00fcckten das Haus und die l\u00e4ndliche Diele,<br \/>\nFr\u00fchlingsgesang anstimmend den heiligen Abend vor Pfingsten.<br \/>\nWilhelm floh das Gew\u00fchl der Fr\u00f6hlichen, wandelte einsam<br \/>\n<strong>10<\/strong> \u00dcber den Gottesacker, und fand in die Kirche den Eingang,<br \/>\nNahm von der Wand den Kranz der geliebten Braut, und kniete<br \/>\nAn dem Altar, und barg das Gesicht in die Blumen des Kranzes.<br \/>\nNimm, so fleht&#8216; er betr\u00e4nt, o nimm von der Erde mich, Vater,<br \/>\nMeiner Entschlummerten nach! Doch, Gott, dein Wille geschehe!<br \/>\n<strong>15<\/strong> Lispelnd bebte das Gold und die Flitterblumen des Kranzes,<br \/>\nLieblich rauschten, wie Bl\u00e4tter im West, die flatternden B\u00e4nder,<br \/>\nUnd die erleuchteten Fenster durchfuhr ein fliegender Lichtglanz.<br \/>\nBleich nun, aber gefasst, ging Wilhelm wieder zur Wohnung,<br \/>\nVoll vom Himmel das Herz. Am Abend h\u00f6rten die Schwestern,<br \/>\n<strong>20<\/strong> Beid&#8216; aneinander geschmiegt, wie die Totenuhr in der Kammer<br \/>\nPickerte: Siehe, da schlug mit Geheul an die Fenster das Leichhuhn.<br \/>\nBald auch schaute die Ein&#8216; in der D\u00e4mmerung hell auf der Diele<br \/>\nEinen bekr\u00e4nzten Sarg mit Gefolg, und den Pfarrer im Mantel.<br \/>\nWenige Wochen, da starb der verlassene traurige Wilhelm,<br \/>\n<strong>25<\/strong> Und sein gr\u00fcnendes Grab ragt hart am Grabe des M\u00e4dchens.<\/p>\n<p><em>In: Gedichte von Ludewig Heinrich Christoph H\u00f6lty, besorgt durch seine Freunde Friederich Leopold Grafen zu Stolberg und Johann Heinrich Voss, Hamburg, Bohn 1783, S. 19 &#8211; 21.<\/em><\/p>\n<p>Wilhelms Braut war gestorben. Der arme verlassene Wilhelm<br \/>\nW\u00fcnschte den Tod, und besuchte nicht mehr die gefl\u00fcgelten Reigen,<br \/>\nNicht das Ostergelag, und das Fest der bemaleten Eier,<br \/>\nNicht den gaukelnden Tanz um die Osterflamme des H\u00fcgels.<br \/>\n<strong>5<\/strong> Einsam war er und still wie das Grab, und glaubte mit jedem<br \/>\nTritt in die Erde zu sinken. Die Knaben und M\u00e4dchen des Dorfes<br \/>\nBrachen Maien und schm\u00fcckten das Haus, und die l\u00e4ndliche Diele,<br \/>\nUnd begr\u00fc\u00dften den heiligen Abend vor Pfingsten mit Liedern.<br \/>\nWilhelm floh das Gew\u00fchl der begl\u00fcckten fr\u00f6hlichen Leute;<br \/>\n<strong>10<\/strong> Wandelte \u00fcber den Gottesacker, und ging in die Kirche,<br \/>\nNahm den Kranz der geliebten Braut von der Wand, und kniete<br \/>\nAn den Altar, und barg das Gesicht in die Blumen des Kranzes,<br \/>\nFlehte weinend zu Gott: &#8222;O entnimm mich der Erde, mein Vater;<br \/>\nRuf mich zu meiner Entschlummerten, doch dein Wille geschehe!&#8220;<br \/>\n<strong>15<\/strong> Lispelnd bebte das Gold, und die Flitterblumen des Kranzes,<br \/>\nLieblich rauschten die flatternden B\u00e4nder, wie Bl\u00e4tter im Winde,<br \/>\nUnd ein fliegender Lichtglanz flog durch die Fenster der Kirche.<br \/>\nRuhiger wandelte Wilhelm nach Haus! Seine Schwestern h\u00f6rten<br \/>\nBald die Totenuhr in der Kammer pickern; und sahen<br \/>\n<strong>20<\/strong> Auf der Diele den Sarg, und den Pfarrer im Mantel daneben;<br \/>\nUnd das Leichhuhn schlug an das Kammerfenster, und heulte.<br \/>\nWenige Wochen, da starb der verlassne trauernde Wilhelm,<br \/>\nUnd sein gr\u00fcnendes Grab ragt hart am Grabe des M\u00e4dchens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: Gedichte von Ludewig Heinrich Christoph H\u00f6lty, Neu besorgt und vermehrt von Johann Heinrich Voss, Bohn, Hamburg 1804, S. 59 &#8211; 61. Wilhelms Braut war gestorben. Der arme verlassene Wilhelm W\u00fcnschte den Tod und besuchte nicht mehr den gefl\u00fcgelten Reigen, Nicht das Ostergelag und das Fest der bemaleten Eier, Nicht den gaukelnden Tanz um die&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10331\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in L. C. H. 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