{"id":10337,"date":"2020-08-29T22:36:42","date_gmt":"2020-08-29T21:36:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10337"},"modified":"2020-08-29T22:38:31","modified_gmt":"2020-08-29T21:38:31","slug":"f-l-stolberg-schuechterne-liebe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10337","title":{"rendered":"F. L. v. Stolberg: Sch\u00fcchterne Liebe"},"content":{"rendered":"<p><em>In: Gesammelte Werke der Br\u00fcder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Dritter Band, Perthes und Besser, Hamburg 1821, S. 267 \u2013 274.<\/em><\/p>\n<p>Sch\u00fcchterne Liebe, wie hat dich belohnt die err\u00f6tende Jungfrau?<br \/>\nUnter der Bl\u00fcte des Birnbaums sa\u00df, vor der H\u00fctte des Vaters,<br \/>\nGianetta, das lieblichste M\u00e4dchen der ganzen Gemeine,<br \/>\nWelche die Kr\u00fcmmung des Tals am schl\u00e4ngelnden Bache bewohnet,<br \/>\n<strong>5<\/strong> Der aus heimlichem Quell, von unzug\u00e4nglichen Felsen,<br \/>\nSt\u00fcrzt mit gewirbeltem Schaum; in breiteren Ufern der Tiefe<br \/>\nFleu\u00dft er sanfter und ladet in seiner K\u00fchle die Herden,<br \/>\nLadet schmeichelnd auch z\u00fcchtige M\u00e4dchen ins einsame Bad ein,<br \/>\nWo sein s\u00fc\u00dfes Geschw\u00e4tz den engenden Felsen entrieselt.<\/p>\n<p><strong>10<\/strong> Leiser flie\u00dfet er hier, am Fu\u00df des schattenden Birnbaums,<br \/>\nWo allein, doch unter der Hut der sorgsamen Mutter,<br \/>\nWelche gl\u00e4nzendes Lein der sonnigen Bleiche vertraute,<br \/>\nGianetta das wollichte Mark aus den zartesten Binsen<br \/>\nMit den niedlichen Fingern zog. Ihr lispeltet heute,<br \/>\n<strong>15<\/strong> Dachte sie, bebend am Bach; in fr\u00fcheren Stunden des Winters<br \/>\nSollt ihr leuchten, getr\u00e4nket mit \u00d6l der h\u00e4uslichen Lampe.<br \/>\nAber ihr leuchtet vielleicht nicht meiner emsigen Arbeit.<br \/>\nManche Welle rieselt dahin im Lenz und im Sommer,<br \/>\nManche Well&#8216; im Herbste dahin; es gehen der Sonnen<br \/>\n<strong>20<\/strong> Viele noch auf, eh&#8216; der bl\u00fchende Zweig von der schwellenden Frucht sinkt,<br \/>\nWelche zu deiner Hochzeit vielleicht, Gianetta, sich r\u00f6tet!<br \/>\nAch, dann geh&#8216; ich von hinnen; verlasse mein M\u00fctterchen! Weinen<br \/>\nWird sie, doch freut sie sich auch, wenn ihr Gianettchen nun Braut wird.<br \/>\nOftmal sagte sie: Kind, was du willst. das wei\u00dfest du selbst nicht!<br \/>\n<strong>25<\/strong> M\u00fctterchen, wei\u00dfest den du, was du willst? Du fl\u00f6chtest den Brautkranz<br \/>\nDeiner Tochter gar gern, und weinest gewiss bei der Hochzeit!<br \/>\nAlso dachte sie hin und her; im nickenden K\u00f6pfchen<br \/>\nFolgten die Augen der Hand, doch nicht die Seele den Augen.<\/p>\n<p>Leise schlich ein J\u00fcngling hinzu, der schlanke Lenardo,<br \/>\n<strong>30<\/strong> Ach, er liebete sie, und ihn Gianetta! Lenardo<br \/>\nWar aus dem Eisengebirg&#8216; vor wenig Tagen gekommen,<br \/>\nHatte die Jungfrau gesehn im bl\u00fchenden Reigen, geh\u00f6ret<br \/>\nGianettas Gesang, und verschob die Stunde der Heimkehr<br \/>\nZum Gestade des Meers, zu seinen harrenden Eltern.<br \/>\n<strong>35<\/strong> Ach, du ahnetest nicht, dass Gianetta dich liebte!<br \/>\nAch, sie ahnete kaum, dass ihrLeonardo sie liebte!<br \/>\nEurer Liebe Geheimnisse atmeten klopfend im Herzen,<br \/>\nUnd bedeckt mit dem rosigen Schleier der Scham. Gianetta<br \/>\nWollte den s\u00fc\u00dfen Ahnungen nicht die Seele betrauen,<br \/>\n<strong>40<\/strong> Aber sie hoffte! Lenardo, du hattest Liebe geblicket!<br \/>\nHattest geschwiegen, und M\u00e4dchen verstehn das Schweigen der Liebe!<br \/>\nSch\u00fcchtern nahet&#8216; erM als er sie sah, entsank der Mut ihm,<br \/>\nUnd er duckte schweigend im Grase hinter dem Birnbaum,<br \/>\nJeden steigenden Seufzer auf gl\u00fchenden Lippen erstickend.<\/p>\n<p><strong>45<\/strong> Jenseit des Baches ging, mit fr\u00fchem Raube belanden,<br \/>\nBalzo, auf felsigem Pfad, der r\u00fcstige J\u00e4ger; sorglos<br \/>\nHummt&#8216; er ein Lied von den Freuden der Jagd; da sah er das M\u00e4dchen,<br \/>\nSprang, als fl\u00f6he vor ihm ein Kitzlein h\u00f6rniger Gemsen,<br \/>\nAn das Ufer hinab, sprang \u00fcber den Bach, es erschollen<br \/>\n<strong>50<\/strong> Im ersch\u00fctterten K\u00f6cher die Pfeile des Eilenden; laut schrie<br \/>\nGianettas Mutter, es bebten die Glieder der Tochter.<\/p>\n<p>Vetter Ungest\u00fcm, so nannt&#8216; ihn die ganze Gemeine,<br \/>\nVetter Ungest\u00fcm, begann die z\u00fcrnende Jungfrau,<br \/>\nImmer so brausend! Immer so wild! Geh, setze dich hier nicht<br \/>\n<strong>55<\/strong> Neben mir hin, du triefest vom Blut der sch\u00fcchternen Gemse.<br \/>\nM\u00e4chtige Tat, mit gefiedertem Rohr die Kinder der Felsen<br \/>\nLaurend zu treffen! Oft st\u00fcrzt die s\u00e4ugende Gemse verwundet<br \/>\nIn die Tiefe, verblutet langsam ihr harmloses Leben,<br \/>\nUnd das bl\u00f6kende Kitzlein verschmachtet auf einsamer H\u00f6he.<br \/>\n<strong>60<\/strong> Balzo, ich hasse die Jagd! \u2013 O s\u00fc\u00dfes holdseliges M\u00e4dchen,<br \/>\nHasse nur immer die Jagd, so du nur den J\u00e4ger nicht hassest!<br \/>\nSiehe, dein Vater jaget ja auch, es jagen die Br\u00fcder! \u2013<br \/>\nKeinem J\u00e4ger geb&#8216; ich die Hand! Des lieblichen Lebens,<br \/>\nWenn mit ergrauender Fr\u00fche der Mann die H\u00fctte verl\u00e4sset,<br \/>\n<strong>65<\/strong> Lang erwarten sich l\u00e4sst, das Weib mit Unruh&#8216; erf\u00fcllet,<br \/>\nWert der Unruh&#8216; oder auch nicht! Gutherzige N\u00e4rrchen<br \/>\nSind wir, \u00e4ngsten uns immer: Ach, dass kein schnaubender Keuler<br \/>\nIhn verwunde! Dass er sich nicht in Felsen verirre!<br \/>\nDass er im t\u00f6richten Lauf nicht fl\u00fcchtige Gemsen verfolge,<br \/>\n<strong>70<\/strong> Wo dem verwegensten Kletterer auch die R\u00fcckkehr versagt ist!<br \/>\nAlso h\u00e4rmt sich das Weib vom Morgen bis in die Nacht hin;<br \/>\nAuf ihr ruhet die Last allein und die Sorge der Wirtschaft.<br \/>\nEndlich kommt der strenge Gebieter; das N\u00e4rrchen empf\u00e4ngt ihn<br \/>\nFroh und dankbar, als wollte sie ihm f\u00fcr die Angst noch danken;<br \/>\n<strong>75<\/strong> M\u00fcde streckt er sich hin, und greifet g\u00e4hnend zum Napfe,<br \/>\nL\u00e4sst sich vielleicht, vielleicht auch nicht, die Bissen gefallen,<br \/>\nWelche sie ihm, nur ihm, so lecker bereitet! Er teilet<br \/>\nMit den Hunden, was sie sich und den Kindern versagte,<br \/>\nLaunet wohl gar, und maulet und schmollt das duldende Weib an,<br \/>\n<strong>80<\/strong> Dass er verfehlte die Spur des Rehs, und dem Hasen vorbeischoss. \u2013<\/p>\n<p>B\u00f6ses M\u00e4dchen, du launest mit mir! Ich liebe dich lang schon!<br \/>\nLaunest, weil ich dein Herz, wiewohl ein J\u00e4ger, verfehlte!<br \/>\nSage mir nichts von Beschwerden der Jagd! Der Liebe Beschwerden<br \/>\nSind wohl siebenmal \u00e4rger! Das Wild, das heut mir entrinnet,<br \/>\n<strong>85<\/strong> Bring&#8216; ich ein andermal heim! Doch wer das Auge der Jungfrau<br \/>\nEinmal verfehlt, der hat es gewiss auf immer verfehlet!<br \/>\nAber ich wei\u00df, was ich wei\u00df, o Gianetta! Der Fremdling<br \/>\nHat mir die Jagd verdorben! Ah, wie du err\u00f6test! Die Jungfraun<br \/>\nFl\u00fcstern von ihm und von dir! \u2013 Was fl\u00fcstern die Jungfraun, o Balzo? \u2013<br \/>\n<strong>90<\/strong> Auch die J\u00fcnglinge fl\u00fcstern! Was fl\u00fcstern die J\u00fcnglinge, Balzo? \u2013<br \/>\nWas? Je nun in den Tag hinein! Man sah dich err\u00f6ten,<br \/>\nSah dich erbleichen, und sah, wie er mit zitternden H\u00e4nden<br \/>\nNahm den Becher, den du mit holder Freundlichkeit reichtest,<br \/>\nAch, so freundlich! Es ging mir durch Mark und Bein! Doch ich tr\u00f6ste<br \/>\n<strong>95<\/strong> Mich noch eher, so herbe der Trost auch selber mir scheinet,<br \/>\nWenn der Fremdling dich weit von hier an die Wogen des Meers f\u00fchrt,<br \/>\nAls wenn unsrer J\u00fcnglinge einer das M\u00e4dchen mir raubet,<br \/>\nDes Gestalt mich verfolget im Tal, verfolgt auf der H\u00f6he!<br \/>\nGrausame Gianetta! \u2013 Ich w\u00fcnsche dir, J\u00fcngling, ein M\u00e4dchen,<br \/>\n<strong>100<\/strong> Leicht wie ein Reh und wei\u00df wie der Schaum der sprudelnden Quelle,<br \/>\nAlles w\u00fcnsch&#8216; ich dir, nur nicht mich. \u2013 Ihm st\u00fcrzte die Tr\u00e4ne<br \/>\n\u00dcber braune Wangen, er ging. \u2013 So wissen die Jungfraun,<br \/>\nSprach sie leise, so wissen die J\u00fcnglinge, was nur der Fremdling<br \/>\nWohl nicht wei\u00df? Und w\u00fcsst&#8216; er es auch, nicht zu wissen begehret? \u2013<br \/>\n<strong>105<\/strong> Wohl zu wissen begehrt! O s\u00fc\u00dfes, holdseliges M\u00e4dchen! \u2013<br \/>\nRief er und stand wie ein Engel des Lichts vor dem bebenden M\u00e4dchen!<br \/>\nSch\u00fcchterne Liebe, wie hat dich belohnt die err\u00f6tende Jungfrau? \u2013<br \/>\nLass mich, J\u00fcngling, o schone mein! Geh, sprich mit der Mutter!<br \/>\nAch, sie sieht uns und l\u00e4chelt! Verlass mich! \u2013 Aber die Mutter<br \/>\n<strong>110<\/strong> Kam und hie\u00df ihn von Herzen willkommen! Dann rief sie dem Alten;<br \/>\nDer auch hie\u00df ihn von Herzen willkommen! Aber das M\u00e4gdlein<br \/>\nSchlich err\u00f6tend hinweg und weinete. Tr\u00e4nen der Liebe<br \/>\nWeinete und beklommener Wonne das liebliche M\u00e4gdlein.<br \/>\nSch\u00fcchterne Liebe, wie hat dich belohnt die err\u00f6tende Jungfrau?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: Gesammelte Werke der Br\u00fcder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Dritter Band, Perthes und Besser, Hamburg 1821, S. 267 \u2013 274. 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