{"id":10345,"date":"2020-09-07T17:47:03","date_gmt":"2020-09-07T16:47:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=10345"},"modified":"2020-09-07T17:47:33","modified_gmt":"2020-09-07T16:47:33","slug":"j-w-von-goethe-erste-epistel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10345","title":{"rendered":"J. W. von Goethe: Erste Epistel"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt, da jeglicher liest und viele Leser das Buch nur<br \/>\nUngeduldig durchbl\u00e4ttern und, selbst die Feder ergreifend,<br \/>\nAuf das B\u00fcchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit pfropfen,<br \/>\nSoll auch ich, du willst es, mein Freund, dir \u00fcber das Schreiben<br \/>\n<strong>5<\/strong> Schreibend, die Menge vermehren und meine Meinung verk\u00fcnden,<br \/>\nDass auch andere wieder dar\u00fcber meinen und immer<br \/>\nSo ins Unendliche fort die schwankende Woge sich w\u00e4lze.<br \/>\nDoch so f\u00e4hret der Fischer dem hohen Meer zu, sobald ihm<br \/>\nG\u00fcnstig der Wind und der Morgen erscheint; er treibt sein Gewerbe,<br \/>\n<strong>10<\/strong> Wenn auch hundert Gesellen die blinkende Fl\u00e4che durchkreuzen.<\/p>\n<p>Edler Freund, du w\u00fcnschest das Wohl des Menschengeschlechtes,<br \/>\nUnserer Deutschen besonders und ganz vorz\u00fcglich des n\u00e4chsten<br \/>\nB\u00fcrgers, und f\u00fcrchtest die Folgen gef\u00e4hrlicher B\u00fccher; wir haben<br \/>\nLeider oft sie gesehen. Was sollte man oder was k\u00f6nnten<br \/>\n<strong>15<\/strong> Biedere M\u00e4nner vereint, was k\u00f6nnten die Herrscher bewirken?<br \/>\nErnst und wichtig erscheint mir die Frage, doch trifft sie mich eben<br \/>\nIn vergn\u00fcglicher Stimmung. Im warmen, heiteren Wetter<br \/>\nGl\u00e4nzet fruchtbar die Gegend; mir bringen liebliche L\u00fcfte<br \/>\n\u00dcber die wallende Flut s\u00fc\u00df duftende K\u00fchlung her\u00fcber,<br \/>\n<strong>20<\/strong> Und dem Heitern erscheint die Welt auch heiter, und ferne<br \/>\nSchwebt die Sorge mir nur in leichten W\u00f6lkchen vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Was mein leichter Griffel entwirft, ist leicht zu verl\u00f6schen,<br \/>\nUnd viel tiefer pr\u00e4get sich nicht der Eindruck der Lettern,<br \/>\nDie, so sagt man, der Ewigkeit trotzen. Freilich an viele<br \/>\n<strong>25<\/strong> Spricht die gedruckte Kolumne; doch bald, wie jeder sein Antlitz,<br \/>\nDas er im Spiegel gesehen, vergisst, die behaglichen Z\u00fcge,<br \/>\nSo vergisst er das Wort, wenn auch von Erze gestempelt.<\/p>\n<p>Reden schwanken so leicht her\u00fcber hin\u00fcber, wenn viele<br \/>\nSprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch<br \/>\n<strong>30<\/strong> Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte.<br \/>\nMit den B\u00fcchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder<br \/>\nAus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er<br \/>\nIn das Buch sich hinein, amalgamiert sich das Fremde.<br \/>\nGanz vergebens strebst du daher, durch Schriften des Menschen<br \/>\n<strong>35<\/strong> Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;<br \/>\nAber best\u00e4rken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung<br \/>\nOder, w\u00e4r er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes.<\/p>\n<p>Sag ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet<br \/>\nNur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.<br \/>\n<strong>40<\/strong> Denn zwar h\u00f6ren wir gern, was unsre Meinung best\u00e4tigt,<br \/>\nAber das H\u00f6ren bestimmt nicht die Meinung; was uns zuwider<br \/>\nW\u00e4re, glaubten wir wohl dem k\u00fcnstlichen Redner; doch eilet<br \/>\nUnser befreites Gem\u00fct, gewohnte Bahnen zu suchen.<br \/>\nSollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mu\u00dft du<br \/>\n<strong>45<\/strong> Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu F\u00fcrsten und K\u00f6nigen, allen<br \/>\nMagst du Geschichten erz\u00e4hlen, worin als wirklich erscheinet,<br \/>\nWas sie w\u00fcnschen und was sie selber zu leben begehrten.<\/p>\n<p>W\u00e4re Homer von allen geh\u00f6rt, von allen gelesen,<br \/>\nSchmeichelt&#8216; er nicht dem Geiste sich ein, es sei auch der H\u00f6rer,<br \/>\n<strong>50<\/strong> Wer er sei, und klinget nicht immer im hohen Palaste,<br \/>\nIn des K\u00f6niges Zelt die Ilias herrlich dem Helden?<br \/>\nH\u00f6rt nicht aber dagegen Ulyssens wandernde Klugheit<br \/>\nAuf dem Markte sich besser, da, wo sich der B\u00fcrger versammelt?<br \/>\nDort sieht jeglicher Held in Helm und Harnisch, es sieht hier<br \/>\n<strong>55<\/strong> Sich der Bettler sogar in seinen Lumpen veredelt.<\/p>\n<p>Also h\u00f6rt ich einmal, am wohlgepflasterten Ufer<br \/>\nJener Neptunischen Stadt, allwo man gefl\u00fcgelte L\u00f6wen<br \/>\nG\u00f6ttlich verehrt, ein M\u00e4rchen erz\u00e4hlen. Im Kreise geschlossen,<br \/>\nDr\u00e4ngte das horchende Volk sich um den zerlumpten Rhapsoden.<br \/>\n<strong>60<\/strong>Einst, so sprach er, verschlug mich der Sturm ans Ufer der Insel,<br \/>\nDie Utopien hei\u00dft. Ich wei\u00df nicht, ob sie ein andrer<br \/>\nDieser Gesellschaft jemals betrat; sie lieget im Meere<br \/>\nLinks von Herkules&#8216; S\u00e4ulen. Ich ward gar freundlich empfangen;<br \/>\nIn ein Gasthaus f\u00fchrte man mich, woselbst ich das beste<br \/>\n<strong>65<\/strong> Essen und Trinken fand und weiches Lager und Pflege.<br \/>\nSo verstrich ein Monat geschwind. Ich hatte des Kummers<br \/>\nV\u00f6llig vergessen und jeglicher Not; da fing sich im stillen<br \/>\nAber die Sorge nun an: wie wird die Zeche dir leider<br \/>\nNach der Mahlzeit bekommen? Denn nichts enthielte der S\u00e4ckel.<br \/>\n<strong>70<\/strong> Reiche mir weniger!, bat ich den Wirt; er brachte nur immer<br \/>\nDesto mehr. Da wuchs mir die Angst, ich konnte nicht l\u00e4nger<br \/>\nEssen und sorgen und sagte zuletzt: Ich bitte, die Zeche<br \/>\nBillig zu machen, Herr Wirt! Er aber mit finsterem Auge<br \/>\nSah von der Seite mich an, ergriff den Knittel und schwenkte<br \/>\n<strong>75<\/strong> Unbarmherzig ihn \u00fcber mich her und traf mir die Schultern,<br \/>\nTraf den Kopf und h\u00e4tte beinah mich zu Tode geschlagen.<br \/>\nEilend lief ich davon und suchte den Richter; man holte<br \/>\nGleich den Wirt, der ruhig erschien und bed\u00e4chtig versetzte:<br \/>\nAlso m\u00fcss&#8216; es allen ergehn, die das heilige Gastrecht<br \/>\n<strong>80<\/strong> Unserer Insel verletzen und, unanst\u00e4ndig und gottlos,<br \/>\nZeche verlangen vom Manne, der sie doch h\u00f6flich bewirtet.<br \/>\nSollt ich solche Beleidigung dulden im eigenen Hause?<br \/>\nNein! Es h\u00e4tte f\u00fcrwahr statt meines Herzens ein Schwamm nur<br \/>\nMir im Busen gewohnt, wofern ich dergleichen gelitten.<\/p>\n<p><strong>85<\/strong> Darauf sagte der Richter zu mir: Vergesset die Schl\u00e4ge,<br \/>\nDenn Ihr habt die Strafe verdient, ja sch\u00e4rfere Schmerzen;<br \/>\nAber wollt Ihr bleiben und mitbewohnen die Insel,<br \/>\nM\u00fcsset Ihr Euch erst w\u00fcrdig beweisen und t\u00fcchtig zum B\u00fcrger.<br \/>\nAch!, versetzt ich, mein Herr, ich habe leider mich niemals<br \/>\n<strong>90<\/strong> Gerne zur Arbeit gef\u00fcgt. So hab&#8216; ich auch keine Talente,<br \/>\nDie den Menschen bequemer ern\u00e4hren; man hat mich im Spott nur<br \/>\nHans Ohnsorge genannt und mich von Hause vertrieben.<\/p>\n<p>O so sei uns gegr\u00fc\u00dft!, versetzte der Richter; du sollst dich<br \/>\nOben setzen zu Tisch, wenn sich die Gemeine versammelt,<br \/>\n<strong>95<\/strong> Sollst im Rate den Platz, den du verdienest, erhalten.<br \/>\nAber h\u00fcte dich wohl, dass nicht ein sch\u00e4ndlicher R\u00fcckfall<br \/>\nDich zur Arbeit verleite, dass man nicht etwa das Grabscheit<br \/>\nOder das Ruder bei dir im Hause finde, du w\u00e4rest<br \/>\nGleich auf immer verloren und ohne Nahrung und Ehre.<br \/>\n<strong>100<\/strong> Aber auf dem Markte zu sitzen, die Arme geschlungen<br \/>\n\u00dcber dem schwellenden Bauch, zu h\u00f6ren lustige<br \/>\nLieder unserer S\u00e4nger, zu sehn die T\u00e4nze der M\u00e4dchen, der Knaben<br \/>\nSpiele, das werde dir Pflicht, die du gelobest und schw\u00f6rest.<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlte der Mann, und heiter waren die Stirnen<br \/>\n<strong>105<\/strong> Aller H\u00f6rer geworden, und alle w\u00fcnschten des Tages<br \/>\nSolche Wirte zu finden, ja solche Schl\u00e4ge zu dulden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt, da jeglicher liest und viele Leser das Buch nur Ungeduldig durchbl\u00e4ttern und, selbst die Feder ergreifend, Auf das B\u00fcchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit pfropfen, Soll auch ich, du willst es, mein Freund, dir \u00fcber das Schreiben 5 Schreibend, die Menge vermehren und meine Meinung verk\u00fcnden, Dass auch andere wieder dar\u00fcber meinen und immer&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=10345\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in J. 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