{"id":1454,"date":"2014-04-18T13:14:50","date_gmt":"2014-04-18T11:14:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=1454"},"modified":"2015-10-03T19:16:48","modified_gmt":"2015-10-03T17:16:48","slug":"f-kauffmann-zum-hexameter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=1454","title":{"rendered":"F. Kauffmann zum Hexameter"},"content":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/worum-es-geht\/gesammeltes\/ueber-hexameter\/\" target=\"_blank\">\u00dcber Hexameter<\/a>, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind.<\/p>\n<p><strong>Aus: Friedrich Kauffmann, Deutsche Metrik (1907)<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a7 202<\/strong> Zur selbstst\u00e4ndigen Geltung gelangte der Hexameter erst durch Klopstocks <em>Messias<\/em>, dessen metrische Ausarbeitung anhand von Gottscheds Musterbeispielen 1746 begonnen und dessen drei erste Ges\u00e4nge 1748 gedruckt wurden. Der Versuch war gl\u00e4nzend gelungen und mit unglaublichem Erfolg gewann der neue Vers sich das lebende Dichtergeschlecht, verdr\u00e4ngte den Alexandriner und hat seitdem mit Recht als der eigentliche deutsche heroische Vers gegolten. Der Anfang des ersten Gesangs vom <em>Messias<\/em> lautete in der Ausgabe von 1748:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sing, unsterbliche Seele, der s\u00fcndigen Menschen Erl\u00f6sung,<br \/>\nDie der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet<br \/>\nUnd durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit<br \/>\nMit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt hat.<br \/>\nAlso geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich<br \/>\nSatan wider den g\u00f6ttlichen Sohn, umsonst stand Jud\u00e4a<br \/>\nWider ihn auf; er tat&#8217;s und vollbrachte die gro\u00dfe Vers\u00f6hnung.<br \/>\nAber, o Werk, das nur Gott allgegenw\u00e4rtig erkennet,<br \/>\nDarf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne dir n\u00e4hern?<br \/>\nWeihe sie, Geist Sch\u00f6pfer, vor dem ich im stillen hier bete,<br \/>\nF\u00fchre sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entz\u00fcckung,<br \/>\nVoll unsterblicher Kraft, in verkl\u00e4rter Sch\u00f6nheit, entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klopstock hat sein langes Leben hindurch mit wachsendem Formgef\u00fchl an der rhythmischen Struktur seiner Hexameter gearbeitet; in der endg\u00fcltigen Fassung von 1799 lautet die Eingangspartie:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sing&#8216;, unsterbliche Seele, der s\u00fcndigen Menschen Erl\u00f6sung,<br \/>\nDie der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,<br \/>\nUnd durch die er Adam&#8217;s Geschlecht zu der Liebe der Gottheit,<br \/>\nLeidend, get\u00f6tet und verherrlichet, wieder erh\u00f6ht hat.<br \/>\nAlso geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich<br \/>\nSatan gegen den g\u00f6ttlichen Sohn; umsonst stand Juda<br \/>\nGegen ihn auf: er tat&#8217;s und vollbrachte die gro\u00dfe Vers\u00f6hnung.<br \/>\nAber, o Tat, die allein der Allbarmherzige kennet,<br \/>\nDarf aus dunkler Ferne sich auch Dir nahen die Dichtkunst?<br \/>\nWeihe sie, Geist Sch\u00f6pfer, vor dem ich hier still anbete,<br \/>\nF\u00fchre sie mir, als Deine Nachahmerin, voller Entz\u00fcckung,<br \/>\nVoll unsterblicher Kraft, in verkl\u00e4rter Sch\u00f6nheit entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch Goethes und Schillers Hexameter ist jede Kritik, welche den Vers als undeutsch bem\u00e4kelt, der Boden entzogen. Namentlich Goethes Hexameter sind k\u00fcnstlerisch der sch\u00f6nste Ersatz f\u00fcr antike epische Verse.\u00a0 Die Abstufung in der Silbenquantit\u00e4t, die dem antiken Daktylus eignet, fiel fort; der deutsche Daktylus ist ein dreizeitiges Ma\u00df, nicht ein vierzetiges wie der antike Vers. Doch lassen sich Merkmale f\u00fcr die Senkungsreihen gewinnen. Je nach dem Silbengewicht der beiden Senkungen sind echte Daktylen von unechten zu unterscheiden. \u00dcberwiegt die zweiten Senkungssilbe vor der ersten, so wird die Dreiteiligkeit des Versma\u00dfes besonders deutlich ausgepr\u00e4gt: <em>jammervoll, Fl\u00fcgelschlag, f\u00fcrchte nicht<\/em> (echte Daktylen); \u00fcberwiegt die erste Senkungssilbe vor der zweiten, so werden wir eher einer Abart troch\u00e4ischer Ma\u00dfe gewahr: <em>J\u00fcnglinge, fruchtbaren, Hauptstadt der (Welt), hier will ich<\/em> (unechte Daktylen). Eine dritte Gruppe bilden diejenigen Senkungsreihen, bei denen eine Abstufung nicht hervortritt (doppelte Senkung): <em>betete, Menschlichkeit, l\u00f6st sich das (Band)<\/em>. In unsern daktylischen Gedichten gehen diese drei Typen durcheinander; aber je nach der H\u00e4ufigkeit des einen oder anderen Typus entstehen verschieden geartete rhythmische Wirkungen. Echte Daktylen geben dem Gedicht einen h\u00fcpfenden Charakter, unechte Daktylen bringen feierliche Ruhe: daher die Verschiedenheit des rhythmischen Eindrucks, den wir von <em>Reineke Fuchs<\/em> und von <em>Herrmann und Dorothea<\/em> empfangen; dort schlagen die echten, hier die unechten Daktylen vor, deren Gewicht noch durch zahlreiche zweisilbige F\u00fc\u00dfe verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Die Hexameter eines Joh. H. Voss in der \u00dcbersetzung des Homer, in der <em>Luise<\/em>, im <em>70. Geburtstag<\/em> usw. sind zu antik-akademisch, um als Norm gelten zu k\u00f6nnen, so virtuos der Autor sie auch zu handhaben verstand <em>(70. Geburstag<\/em>, Beginn):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die Postille geb\u00fcckt, zur Seite des w\u00e4rmenden Ofens<br \/>\nSa\u00df der redliche Tamm, seit vierzig Jahren des Dorfes<br \/>\nOrganist, im geerbten und k\u00fcnstlich gebildeten Lehnstuhl,<br \/>\nMit braunnarbichtem Jucht voll schwellender Haare bepolstert.<br \/>\nOft die H\u00e4nde gefaltet, und oft mit lauterem Murmeln<br \/>\nLass er die tr\u00f6stenden Spr\u00fcch und Ermahnungen. Aber allm\u00e4hlig<br \/>\nStarrte sein Blick, und er sank in erquickenden Schlummer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den besten Hexametern konnte man die von A. W. v. Schlegel nur rechnen, solange man den griechischen, nicht den deutschen Hexameter suchte (S\u00e4mtl. Werke 2, 32):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichwie sich dem, der die See durchschifft, auf offener Meeresh\u00f6h<br \/>\nRings Horizont ausdehnt, und der Ausdruck nirgend umschr\u00e4nkt ist,<br \/>\nDass der umw\u00f6lbende Himmel die Schar zahlloser Gestirne,<br \/>\nBei still atmender Luft, abspiegelt in bl\u00e4ulicher Tiefe:<br \/>\nSo auch tr\u00e4gt das Gem\u00fct der Hexameter; ruhig umfassend<br \/>\nNimmt er des Epos Olymp, das gewaltige Bild, in den Scho\u00df auf<br \/>\nRhythmischer Flut, urv\u00e4terlich so den Geschlechten der Rhythmen,<br \/>\nWie vom Okeanos quellend, dem weit hinstr\u00f6menden Herrscher,<br \/>\nAlle Gew\u00e4sser auf Erden entrieseln oder entbrausen.<br \/>\nWie oft Seefahrer kaum vorr\u00fcckt, m\u00fchvolleres Rudern<br \/>\nFortarbeitet das Schiff, dann pl\u00f6tzlich der Wog&#8216; Abgr\u00fcnde<br \/>\nSturm aufw\u00fchlt, und den Kiel in den Wallungen schaukelnd dahinrei\u00dft.<br \/>\nSo kann ernst bald ruhn, bald fl\u00fcchtiger wieder enteilen,<br \/>\nBald, o wie k\u00fchn in dem Schwung! der Hexameter, immer sich selbst gleich,<br \/>\nOb er zum Kampf des heroischen Lieds unerm\u00fcdlich sich g\u00fcrtet,<br \/>\nOder, der Weisheit voll, Lehrspr\u00fcche den H\u00f6renden einpr\u00e4gt,<br \/>\nOder geselliger Hirten Idyllien lieblich umfl\u00fcstert.<br \/>\nHeil dir, Pfleger Homers! ehrw\u00fcrdiger Mund der Orakel!<br \/>\nDein will ferner gedenken ich noch, und andern Gesanges.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Platen hat ebenfalls in der Absicht, Hexameter antiken Stils zu bauen, echte Daktylen bevorzugt, die aber ihres h\u00fcpfenden Ganges wegen &#8211; was er deutlich empfand &#8211; f\u00fcr w\u00fcrdige Stoffe schlecht sich eigneten (II, 209):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hast du Capri gesehn und des felsenumg\u00fcrteten Eilands<br \/>\nSchroffes Gestad als Pilger besucht, dann wei\u00dft du, wie selten<br \/>\nDorten ein Landungsplatz f\u00fcr nahende Schiffe zu sp\u00e4hn ist:<br \/>\nNur zwei Stellen erscheinen bequem. Manch m\u00e4chtiges Fahrzeug<br \/>\nMag der ger\u00e4umige Hafen empfahn, der gegen Neapels<br \/>\nLieblichen Golf hindeutet und gegen Salerns Meerbusen.<br \/>\nAber die andere Stelle (sie nennen den kleineren Strand sie)<br \/>\nKehrt sich gegen das \u00f6dere Meer, in die wogende Wildnis,<br \/>\nWo kein Ufer du siehst, als das, auf welchem du selbst stehst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder (II, 290):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil der Hexameter episches Ma\u00df der Hellenen gewesen,<br \/>\nGlaubst du, er sei deshalb Deutschen ein episches Ma\u00df?<br \/>\nNicht doch! Folge des Wissenden Rat: zu geringen Gedichten<br \/>\nWend ihn an! Klopstock irrte, wie viele mit ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite \u00dcber Hexameter, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind. 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