{"id":3145,"date":"2014-10-31T20:20:05","date_gmt":"2014-10-31T18:20:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=3145"},"modified":"2015-10-03T19:17:19","modified_gmt":"2015-10-03T17:17:19","slug":"j-h-voss-georgica-vorrede","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=3145","title":{"rendered":"J. H. Vo\u00df: Georgica-Vorrede"},"content":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/worum-es-geht\/gesammeltes\/ueber-hexameter\/\" target=\"_blank\">\u00dcber Hexameter<\/a>, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind.<\/p>\n<p><strong>Johann Heinrich Vo\u00df. Aus der Vorrede seiner Georgica-\u00dcbersetzung.<\/strong><\/p>\n<p>Die Metrik oder Messung des Hexameters, und die deutsche Quantit\u00e4t oder Silbenzeit, die von den Gelehrten, nur nicht v\u00f6llig so unschicklich als die Quantit\u00e4t der Alten, mit der Prosodie oder dem Sprachtone verwechselt wird, habe ich in meinen Anmerkungen selten und kurz ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Kunstliebhaber wird aus der \u00dcbersetzung von selbst wahrnehmen, dass die nat\u00fcrliche L\u00e4nge und K\u00fcrze nicht nur, sondern auch die Verl\u00e4ngerung und Abk\u00fcrzung der Mittelzeit, weniger nach dem Gutachten des nordischen Ohrs, dem ein durch gr\u00f6beren Sprachton ungef\u00e4hr abgez\u00e4hltes Geh\u00e4mmer schon gen\u00fcgen soll, bestimmt worden ist, als nach der strengsten Abw\u00e4gung des Begriffs, des Nachdrucks, des vielfachen Sprachtons, und der Buchstabenschwere: welche Aufmerksamkeit auch ein leichter befriedigtes Ohr nicht \u00fcbel nimmt.<\/p>\n<p>Er wird wahrnehmen, dass der deutsche Hexameter vor allen Dingen die Abteilung des r\u00f6mischen in Glieder und Gelenke, seine raschen, m\u00fchsamen, kraftvollen Wortf\u00fc\u00dfe, die festen, weichen und fl\u00fcchtigen Abs\u00e4tze und Eintritte, die Mannigfaltigkeit des Ausgangs und \u00dcbergangs, und, so weit es geschehen konnte, auch die Mischung vielfacher und bedeutender Laute nachzuahmen oder nahe zu ersetzen strebt.<\/p>\n<p>Er wird vielleicht dem Gedanken nachh\u00e4ngen, ob nicht die strengere Beobachtung der metrischen Regeln, welchen der R\u00f6mer, wie der Grieche, sich unterwarf, auch dem deutschen Versk\u00fcnstler, wenigstens f\u00fcr den Alltagsgebrauch, anzuraten sei; wenn man gleich einem so eigent\u00fcmlichen Gedichte, als der Messias ist, auch seinen eigent\u00fcmlichen Vers, der sehr sch\u00f6n, aber nicht Hexameter im Sinne der Alten ist, mit Recht zugesteht.<\/p>\n<p>Der deutsche Hexameter ist, wie jener der Alten, eine rhythmische, deutlich begrenzte Periode von sechs vierzeitigen Takten, die mit einer gehobenen L\u00e4nge anfangen und entweder mit einer L\u00e4nge, oder, den letzten ausgenommen, mit zwei K\u00fcrzen, aber auch (welches Neuerung ist) mit einer K\u00fcrze sich senken; das ist, die aus einem Spond\u00e4us oder Daktylus oder Troch\u00e4us bestehen.<\/p>\n<p>F\u00fcllt ein Troch\u00e4us den Takt, so wird seine L\u00e4nge dreizeitig, oder, mit dem Musiker zu reden, ein punktierter Halbfu\u00df; welche \u00dcberl\u00e4nge, wenn nur der Begriff des Verweilens nicht unwert ist, weit gefehlt zu beleidigen, auch ein griechisches Ohr durch angenehme und kraftvolle Abwechslung erfreuen k\u00f6nnte. Man fordert, wie sich versteht, nicht gerade die p\u00fcnktliche Abz\u00e4hlung des Taktschl\u00e4gers im Konzert; sondern wie etwa ein empfindender Tonk\u00fcnstler ein gleichgemessenes Solo voll wechselnder Leidenschaft bald etwas schneller, bald langsamer vortr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der vorschallende Ausgang, welche die rhythmische Periode begrenzt, ist gew\u00f6hnlich ein Daktylus mit folgendem Spond\u00e4us oder Troch\u00e4us,: da gleichsam die m\u00e4chtig gehobene Welle dem Ufer nahe mit Heftigkeit sinkt, und noch einmal aufrauschend im Sande zerflie\u00dft.<\/p>\n<p>Geteilt wird der sechstaktige Vers am h\u00e4ufigsten in zwei Hauptglieder, durch einen bald m\u00e4nnlichen, bald weiblichen Einschnitt im dritten Takt, oder, wie die Griechen sagten, nach dem f\u00fcnten Halbtakte (Penthemimeris):<\/p>\n<p>\u00dcber das hohe Gew\u00f6lk <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> sich der fliegende Reiher emporschwingt,<br \/>\nOft auch siehest du Sterne, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> sobald herdr\u00e4nget der Sturmwind.<\/p>\n<p>Seltener durch einen m\u00e4nnlichen Einschnitt im vierten Takte, oder nach dem siebten Halbtakte (Hepthemimeris):<\/p>\n<p>Rei\u00dft die triefenden Segel herab. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Doch ohne zu warnen<\/p>\n<p>Oft hat ein solcher Hexameter auch im zweiten Takte einen m\u00e4nnlichen oder weiblichen Einschnitt, wodurch er drei Glieder bekommt:<\/p>\n<p>J\u00e4hen Falls <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> am Himmel entfliehn, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und das n\u00e4chtliche Dunkel.<br \/>\nWas gedenk ich <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> des Herbstorkans <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und der st\u00fcrmischen Sterne.<\/p>\n<p>Diese Hauptglieder, die niemals einander gleich sein d\u00fcrfen, regen sich wiederum in sich selbst durch mannigfaltige Gelenke; indem sanfte und langsame Wortf\u00fc\u00dfe mit starken und fl\u00fcchtigen abwechseln, und nicht leicht \u00fcber zwei von der selbigen Art aufeinander folgen:<\/p>\n<p>Regnichte \/ Sommertag&#8216; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und heitere \/ Winter \/ erfleht euch.<br \/>\nDann in die Saaten <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> den Fluss \/ herlenkt, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und die folgenden B\u00e4che.<\/p>\n<p>Mit der rhythmischen Periode h\u00e4lt h\u00e4ufig die Periode des Sinns gleichen Schritt. Aber es w\u00fcrde Einf\u00f6rmigkeit entstehen, wenn sie es immer t\u00e4te. Oft sind die Glieder der einen nur Gelenke der anderen, und umgekehrt. Man nehme:<\/p>\n<p>Jener sprachs; und verwirrt enteilte sie, Qualen erduldend.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dfen die rhythmischen Glieder mit &#8222;verwirrt&#8220; und &#8222;erduldend&#8220;; die des Sinns mit &#8222;sprachs&#8220;, &#8222;enteilte sie&#8220; und &#8222;erduldend&#8220;. Man vernachl\u00e4ssige die rhythmische Teilung, und setze &#8222;angstvoll eilte sie&#8220;; die Periode des Sinns bleibt, wie sie war, aber der Vers ist zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Um der rhythmischen Periode ihr Recht zu geben, bezeichnet auch, wenn der Sinn unabgesetzt in den folgenden Vers \u00fcbergeht, der Vorleser das Ende des Verses durch ein sanftes Verweilen: welches zur St\u00e4rke des \u00dcbergangs ebenso beitr\u00e4gt, wie in der Musik ein Piano mit einer Pause vor dem Fortissimo, zum Beispiel<\/p>\n<p>Deren er zween anpackt&#8216;, und wie junge Hund&#8216; auf den Boden<br \/>\nSchlug &#8230;<\/p>\n<p>Aber wie eigensinnig auch der Rhythmus ist, so begn\u00fcgt er sich doch zuweilen, wenn seine Hauptteile sowohl, als die einzelnen Wortf\u00fc\u00dfe, nur einen fl\u00fcchtigen Aufenthalt zum Ausruhn finden:<\/p>\n<p>Effusus labor, atqu&#8216; <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> immitis rupta tyranni<\/p>\n<p>Brauste der Sturm; <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und in Wogen erhob <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> sich die W\u00fcste des Meeres.<\/p>\n<p>Denn &#8222;erhob sich&#8220; geh\u00f6rt zwar dem Sinn nach zusammen; aber der Rhythmus trennt &#8222;erhob&#8220; von &#8222;sich&#8220;, und macht aus dem Amphibrach einen Iambus.<\/p>\n<p>Bei der Gedankenteilung vorz\u00fcglich achtet man, was Quintilian dem Redner empfiehlt, auf jene Mannigfaltigkeit sowohl der anfangenden Wortf\u00fc\u00dfe, als besonders der schlie\u00dfenden: dass sie nicht immer, wie die rhythmische Teilung sie gibt, bald mit einer gehobenen L\u00e4nge, bald mit einer gesenkten L\u00e4nge oder K\u00fcrze sich endigen; sondern auch nicht selten, und zwar am sch\u00f6nsten im ersten und vierten Takte, mit zwei gesenkten K\u00fcrzen eines Daktylus&#8216;:<\/p>\n<p>F\u00fcrchterlich; <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> aber das Erz umleuchtet&#8216; ihn, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u00e4hnlich dem Schimmer<br \/>\nLodernder Feuersbrunst, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und der hell aufgehenden Sonne.<\/p>\n<p>Aber nicht genug, dass die Bewegung des Verses wohlgemessen und gef\u00e4llig sei; auch der Klang der bewegten Worte muss schmeicheln. Wer h\u00f6rt die selbige Melodie nicht lieber auf der Kremonergeige als auf der Stockfidel? Oder ist unsere ganze Sprache Stockfidel, wie ein sehr musikalischer Dichter dem guten Instrument, das den hohen Wohlklang seiner Seele nicht immer anspricht, zuweilen in K\u00fcnstlerlaune vorwirft: wer h\u00f6rt nicht lieber ihr Schnarren durch Auswahl reinerer Saiten und durch sanfteren Bogenstrich gem\u00e4\u00dfigt?<\/p>\n<p>Die L\u00e4nge, besonders die in der Hebung steht, wechsele mit dunklen und hellen Vokalen, mit aust\u00f6nenden und vielfach absto\u00dfenden oder d\u00e4mpfenden Konsonanten; nie herrsche ein Gepiep, nie ein raues Hauchen oder Gezisch. Die K\u00fcrze des daktylischen Taktes sei leicht; selten mehr als <em>eine<\/em> verk\u00fcrzte Mittelzeit, zumal die zur L\u00e4nge sich neigt, und diese durch kr\u00e4ftige L\u00e4ngen \u00fcberschallt; nie ein Geschlepp von schweren und widerlichen Mitlautern.\u00a0Im troch\u00e4ischen Takt dagegen darf die s\u00e4umende Mittelzeit sowohl als die vollere K\u00fcrze, oft dem schwebenden Spond\u00e4us nachahmen.<\/p>\n<p>Keine Gleichf\u00f6rmigkeit der Endungen, zumal in Schlussrhythmen, wo das leidige &#8222;-en&#8220; sich so gern einstellt. Niemals Zusammenziehungen, wie &#8222;schmerzts&#8220;, die schon der Redner vermeidet; oder wie &#8222;heilger&#8220;, die nur der h\u00e4rtere Iambus zul\u00e4sst. Ebensowenig Ausdehnungen gegen den Sprachgebrauch, wie &#8222;machete&#8220;; obgleich &#8222;goldene&#8220; und &#8222;h\u00f6rete&#8220;, die jener erlaubt, oft durch Bewegung und Klang willkommener sind.<\/p>\n<p>Doch was verweile ich bei bekannten Dingen?<\/p>\n<p>Jene vielfachen Wendungen des Rhythmus sowohl, als diesen Reichtum des Wohllauts, verlangt der Hexameter, ohne R\u00fccksicht auf seinen Inhalt, f\u00fcr sich selbst. Dass beides, soviel als m\u00f6glich, zugleich Ausdruck des Gedankens sein m\u00fcsse: ist ein Gesetz, das jeder gro\u00dfe Dichter zuerst und zuletzt aus\u00fcbte; das aber missverstanden auch irref\u00fchrt.<\/p>\n<p>Viele Gedanken sind keines metrischen Ausdrucks f\u00e4hig; zum Beispiel ruhige Beschreibung, Namen und Ehrenbenennungen, oder Begriffe wie: Dieser sprach, und jener antwortete. Was also da? Lauter gelassene Wortf\u00fc\u00dfe, wie sie von selbst kommen, nur zuf\u00e4lliger Klang, und Verleugnung des Tanzschrittes fast bis zum Gange der Prosa?<\/p>\n<p>Das Gegenteil: die sorgf\u00e4ltigste Auswahl edler und harmonisch zusammengestellter Wortf\u00fc\u00dfe, die fr\u00f6hlichste Mischung des Klangs, und der leichteste Schwung des sch\u00f6ngemessenen Hexameters; um so mehr, je weniger sonst der Gedanke belebt werden kann.<\/p>\n<p>Ich bin daher so entfernt, den Reichtum der Alten, vorz\u00fcglich der Griechen, an Wortf\u00fc\u00dfen jeglicher Art in allen Teilen der Rede deswegen weniger beneidensw\u00fcrdig zu finden, weil oft ein starker Wortfu\u00df einen schwachen Gedanken trifft; als ich unserer Sprache ihren geringen Vorrat an kraftvollen, und ihren etwas zu reichen an sanften Wortf\u00fc\u00dfen, wegen des h\u00e4ufigeren Zusammenstimmens mit dem Gedanken, weniger zum Fehler anrechnen m\u00f6chste, den die Verskunst kennen, und durch Auswahl und Stellung verbessern muss.<\/p>\n<p>Der Hexameter sei \u00fcberall sch\u00f6n durch Mannigfaltigkeit, auch durch Kraft und W\u00fcrde, die schon als solche gef\u00e4llt; und, wo er Stoff findet, ausdrucksvoll.<\/p>\n<p>Dies ungef\u00e4hr sind die Hauptregeln des Hexameters, welche ich hier und in der Ilias strenger als sonst beobachtet habe. Der Vers des Messias erkennt das selbige Schema; doch ohne eine sechstaktige, in eigene Glieder geteilte, rhythmische Periode sein zu wollen, l\u00e4sst er nicht selten den Sinn allein, wie und wo er will, die Glieder seiner Periode bestimmen. Nicht selten; doch immer als Ausnahme.<\/p>\n<p>Denn bei jener Erweiterung des Sch\u00f6nheitskreises, in welchem nicht zu verirren Klopstocks Genius erfordert ward, scheint der Dichter sich selbst den Einwurf gemacht zu haben: dass Glieder der Gedankenperiode, auch noch so harmonische, wenn sie nicht Glieder der rhythmischen zugleich sind, oder in ihren Gelenken sie darbieten, als Hexameter zusammengestellt, oft nur das Auge t\u00e4uschen, und dem Ohre als verschiedene freie Verse im Hexametertakte t\u00f6nen.<\/p>\n<p>Wer h\u00f6rt zum Beispiel den Hexameter in dieser nicht schlechten Periode?<\/p>\n<p>Taumelnder J\u00fcngling! Alle rauschenden Freuden der Welt, was<br \/>\nSind sie der stillen Seligkeit, wann der Weise, gewckt vom<br \/>\nNachtigall-Liede, wandlend im Bl\u00fctendufte, des Fr\u00fchlings<br \/>\nAuferstehung nachdenkt!<\/p>\n<p>Und gleichwohl gibt eben diese Periode, sobald ihre Teile in die nat\u00fcrlichen Abschnitte des Verses fallen, sogar sehr gute Hexameter:<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffff99\">.<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Taumelnder J\u00fcngling!<br \/>\nAlle rauschenden Freuden der Welt, was sind sie der stillen<br \/>\nSeligkeit, wann der Weise, geweckt vom Nachtigall-Liede,<br \/>\nWandlend im Bl\u00fctendufte, des Fr\u00fchlings Auferstehung<br \/>\nNachdenkt!<\/p>\n<p>Nur h\u00e4ufig also, und niemals so weit, als jenes Beispiel, verliert sich der klopstocksche Vers vom alten Hexameter; wo ihn der Inhalt nicht fortrei\u00dft, bleibt er, auch hier Muster, in den regelm\u00e4\u00dfigen Schritten und Schw\u00fcngen seines griechischen Tanzes.<\/p>\n<p>Aber da die feinere Regel seiner Abweichungen den meisten Regellosigkeit schien; so glaubte nun jeder, der sechs z\u00e4hlen konnte, auch einen Hexameter abfingern zu k\u00f6nnen. Und dieses widerliche Missgesch\u00f6pf, dessen Geheul den Gesang des neuen Verses fast \u00fcberschrie, treibt es so arg, dass jenes Beispiel dagegen noch Sirenenton ist.<\/p>\n<p>Sorglos selbst um L\u00e4nge und K\u00fcrze, geschweige um Mittelzeit; sorglos, in Bewegung und Klang nur das Abscheuliche zu suchen; ja, was unglaublich scheint, sorglos sogar um seine sechs Takte: rollt das Unwesen seine zuf\u00e4llig stark und schwach gebr\u00fcllten Silben daher, ohne anderen Absatz, als wo der Odem ausgeht; ohne die mindeste Wahl auch nur abwechselnder Versf\u00fc\u00dfe; mit Anh\u00e4ufung der weichsten, weil sie ungesucht kommen, des Troch\u00e4us und des leidigen Amphibrachs, der noch entnervter durch nachschleppende Komsonanten oder erzwungene K\u00fcrzen, oft f\u00fcnfmal in einem Verse\u00a0 sich \u00fcberw\u00e4lzt, und, dass man ihn ja recht aush\u00f6re, oft zweimal dazwischen sich verschnauft:<\/p>\n<p>Fr\u00f6hlich belausch ich, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> im Dunkel der Buchen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> das Zwitschen der V\u00f6gel.<\/p>\n<p>Oder vielmehr:<\/p>\n<p>Wollust! Jetzt horch ich, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> durch&#8217;s Dunkel des Buchwalds, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> aufs Lenzlied der V\u00f6gel.<\/p>\n<p>Schon der weibliche Abschnitt im vierten Takte war den Alten so unerh\u00f6rt, dass der Grammatiker Terentianus aus Mangel eines Beispiels selbst eins erdichtete:<\/p>\n<p>Quae pax longa <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> remiserat arma, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> novare parabat.<\/p>\n<p>Ein Mann, dessen Namen schon feines Gef\u00fchl der Kunst und strenge Regelm\u00e4\u00dfigkeit ank\u00fcndigt, unternahm es, jenen Afterhexameter zu z\u00fcchtigen, und seine Anlage, wie er meinte, zum kunstloseren Gange des leichten Lehrgedichts, des Epigramms und der Idylle auszubilden.<\/p>\n<p>Wer vom Hexameter des sokratischen Horaz etwas mehr wei\u00df, als dass er weder den stolzen Schritt des virgilischen, noch die h\u00fcpfende Behendigkeit des ovidischen Verses hat: dem m\u00f6chte der Wildling, auch unter solchen H\u00e4nden, der Nachbildung kaum f\u00e4hig scheinen.<\/p>\n<p>Denn wie will er einem Vers, der jeden Schwung, jede leise Wendung des Gedankens durch kraftvolle und reizende Bewegungen begleitet, der in dem leichtesten Fluge die Tanzschritte des apollonischen Verses genau beobachtet, und nur, wo der Inhalt Gemeinheit der Begriffe schalkhaft vorgibt, mit holder Nachl\u00e4ssigkeit, besonders in den Ausg\u00e4ngen, \u00fcber die Regel des sechsfachen Verstaktes hinwegspielt; wie will der plumpe Natursohn ohne Kraft und Gelenk ihm nachschweben?<\/p>\n<p>Und vollends dem zephyrlichen Verse des Epigramms und der Idylle, der, weil er selten einmal zum Ausdruck veranlasst wird, fast immer in den abwechselnden Weisen der Sch\u00f6nheit sich halten, und allein durch die Fertigkeit, wie jeder der sechs Takte in\u00a0 nat\u00fcrlicher Anmut, immer ver\u00e4ndert, und immer als Glied des Ganzen, sich regt und schwingt, einnehmen muss!<\/p>\n<p>Dieser Reiz des inneren Verh\u00e4ltnisses, diese in heiteren Bewegungen hinflie\u00dfende Leichtigkeit, die \u00fcberall bei Homer, wo der Inhalt nicht st\u00fcrmt, das Ohr durch sanften Fall einwiegt, bemerkten am bukolischen Verse schon die alten Grammatiker als etwas so auszeichnendes, dass sie zur Regel annahmen: Im ersten Takt stehe am sch\u00f6nsten ein Daktyl, womit das Wort schlie\u00dfe; im dritten ein Troch\u00e4us als weiblicher Abschnitt, im vierten folge dem Aufschwung des dritten Takts besser als ein Spond\u00e4us ein Daktylus, der ein Wort oder ein Glied der Rede endige; und der Ausgang sei am h\u00f6rbarsten und sch\u00f6nsten, wenn der f\u00fcnfte und sechste Takt jeder ein Wort enthalte.<\/p>\n<p>Vorz\u00fcglich, sagen sie, werde der Hexameter, der vor dem gesonderten Ausgang der beiden letzten Takte, mit den gestreckten Schwingen des Spond\u00e4us oder im freundlichen Fl\u00fcgelschlage des Daktylus einherschwebt, ein bukolischer Vers genannt; und Virgil habe, durch die Arbeit geschreckt, ihn viel seltener als Theokrit, der ihn nur selten unterbreche:<\/p>\n<p>Incipit adparere Bianoris: <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> hic, ubi densas<\/p>\n<p>Man verachte die Bemerkung nicht, weil sie von Grammatikern kommt. Unter den dunkelsten Grammatikern ist keiner, der nicht durch Lehre oder Beispiel sich als ein besserer Kenner der Verskunst bewies als unsere meisten Dichter.<\/p>\n<p>Jene auffallend sch\u00f6ne Bewegung des Hexameters vor dem f\u00fcnften Takte hat Theokrit im Anfang der ersten Idylle nicht weniger als dreizehnmal nacheinander, und \u00fcbrigens wie melodische Wortf\u00fc\u00dfe! Den selbigen Graziengang hat der Hexameter des Epigramms, vorz\u00fcglich bei den Griechen, aber auch bei den Lateinern.<\/p>\n<p>Wie wars denn m\u00f6glich, dass ein Kunstrichter, wie Herr Ramler, sowohl im verdeutschten Material, als in seinen ge\u00dfnerischen Idyllen, die mattesten und schwerf\u00e4lligsten Wortf\u00fc\u00dfe, und fast sie allein, zum ungeordneten Tanze lie\u00df?<\/p>\n<p>Wie wars m\u00f6glich, dass er die Leichtigkeit des theokritischen Verstanzes, hinter welchem schon Virgil, durch M\u00fche geschreckt, zur\u00fcckblieb, durch leichtere arbeit zu erreichen hoffte;<\/p>\n<p>dass er, durch zuf\u00e4llige Zusammenstellung wohllautender Prosa zu Hexametern, wie kein einziger der alten Versk\u00fcnstler oder Versemacher, am allerwenigsten Theokrit, sie duldete, die nicht zu strengen Gesetze der Sch\u00e4fermuse zu beobachten sich \u00fcberredete?<\/p>\n<p>Sandte ihm diesen Wahn der Geist des z\u00fcrnenden Syrakusers, zur Strafe f\u00fcr das Urteil: dass Theokrits Idyllenton nur seinem Zeitalter, nicht dem unsrigen anstehe?<\/p>\n<p>Immerhin m\u00f6gen in solcherlei Hexametern:<\/p>\n<p>PHYLLIS<br \/>\nChloe, | sieh doch! <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> immer | tr\u00e4gst du <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> dein K\u00f6rbchen | am Arme.<\/p>\n<p>CHLOE<br \/>\nJa doch! | Phyllis, \u00a0<span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> immer | trag ich <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> das K\u00f6rbchen | am Arme.<br \/>\nUm | kein Sch\u00e4fchen, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> um keine Herde <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> w\u00fcrd ich | es geben;<br \/>\nNein, | ich w\u00fcrd es nicht geben! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> So sprach sie, | und dr\u00fcckte | das K\u00f6rbchen<br \/>\nL\u00e4chelnd | an ihre |Seite. &#8230;<\/p>\n<p>Immerhin m\u00f6gen in solchen Hexametern die Kritiker die leichte Umbildung der ge\u00dfnerschen Prosa, und, wenn sie wollen, auch die liebensw\u00fcrdige Nachl\u00e4ssigkeit des Tonfalls anstaunen.<\/p>\n<p>Es sind gar keine Hexameter.<\/p>\n<p>Ebenso wenig, als wenn einer sich die Lust machte, aus Wielands Einleitung zu Horazens erstem Briefe des zweiten Buchs, Seite 42, diese merkw\u00fcrdige Stelle als Hexameter abzusetzen:<\/p>\n<p>&#8230;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wir haben die Griechen,<br \/>\nUnsre Lehrer und Muster, zu sp\u00e4t erst kennengelernet;<br \/>\nUnd auch, nachdem wir nach ihnen zu arbeiten begonnen,<br \/>\nHat uns unser Feuer, unsre Unschuld, unsre<br \/>\nScheu vor der Feile verhindert, echte Werke der Kunst her-<br \/>\nVorzubringen, Werke, die eine Vergleichung mit unsern<br \/>\nMustern aushalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ge\u00dfners Idyllen sind nicht <em>Rede<\/em>, wie Herr Ramler sagt, sondern <em>freierer Gesang<\/em>: welchen, ohne Abbruch seiner nat\u00fcrlichen Einfalt, in Theokrits s\u00fc\u00dfe Weisen zu zwingen der unnachahmliche Naturs\u00e4nger allein, und allein in der ersten Begeisterung, vermochte. Wort, Wohllaut und Bewegung umflie\u00dfen den Gedanken, wie den Geist der Blume ihr sch\u00f6ner Wuchs, ihre Farbe und ihr Wohlgeruch. Das M\u00e4dchen mag die geschlossene Morgenrose wohl aufhauchen; aber durch Schwefeldampf sie umf\u00e4rben wird das gute M\u00e4dchen nicht wollen. Vielleicht ist es vermessen, des helvetischen Hirten Gesang in Theokrits Weise nur ahnen zu wollen; doch weniger harmonisch w\u00e4re er gewiss nicht gewesen als dieser Versuch:<\/p>\n<p>Phyllis begegnete Chloen, und l\u00e4chelte: Immer, o Chloe,<br \/>\nTr\u00e4gst du dein K\u00f6rbchen am Arm! Ja, sagte sie, immer, o Phyllis,<br \/>\nTrag ich das K\u00f6rbchen am Arm! Um keine Herde vertauscht&#8216; ichs;<br \/>\nNein, ich vertauscht&#8216; es nicht! Sie sprachs, und dr\u00fcckte mit L\u00e4cheln<br \/>\nSanft an die Seit&#8216; ihr K\u00f6rbchen. Warum doch, Chloe, warum doch<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>Ein ganzes Gedicht von Ge\u00dfner auch nur so umzumodeln scheint mir noch schwerer, als eine ramlersche Ode mit ungeschw\u00e4chtem Feuer in ein anderes Silbenma\u00df zu setzen, oder die Verst\u00f6\u00dfe gegen L\u00e4nge und K\u00fcrze herauszufeilen, welche sie, wie ein Paar Sommersprossen ein sch\u00f6nes Gesicht, mehr auszeichnen als entstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite \u00dcber Hexameter, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind. Johann Heinrich Vo\u00df. Aus der Vorrede seiner Georgica-\u00dcbersetzung. Die Metrik oder Messung des Hexameters, und die deutsche Quantit\u00e4t oder Silbenzeit, die von den Gelehrten, nur nicht v\u00f6llig so unschicklich als die Quantit\u00e4t der Alten, mit&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=3145\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in J. 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