{"id":3354,"date":"2014-11-18T15:03:26","date_gmt":"2014-11-18T13:03:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=3354"},"modified":"2017-12-11T11:49:38","modified_gmt":"2017-12-11T10:49:38","slug":"stabreim","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=3354","title":{"rendered":"Stabreim"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wilhelm Jordans Stabreim-Vers<\/strong><\/p>\n<p>(Jacob Minor, Neuhochdeutsche Metrik 1902, Seite 372-374)<\/p>\n<p>In Jordans Stabvers sind zwei Halbverse durch den Stabreim (alliteration) zu einem Langvers verbunden. Jeder dieser Halbverse besteht aus zwei Hebungen; der Auftakt und die Senkungen k\u00f6nnen fehlen oder mehrsilbig (bis zu vier Silben) sein. Der Schluss des ersten Halbverses kann stumpf sein, es k\u00f6nnen aber auch noch eine oder zwei Senkungen folgen; der Schluss des zweiten ist selten stumpf, meistens folgt der letzten Hebung noch eine schw\u00e4chere Silbe nach. Die Langzeile besteht also wie der altgermanische Vers aus vier Hebungen.<\/p>\n<p>Jordans Praxis zeugt wie seine Theorie von einem au\u00dferordentlich feinen gef\u00fchl f\u00fcr den Rhythmus sowohl wie f\u00fcr die Betonungsgesetze der deutschen Sprache. Die Metrik kann gerade aus seinen anomalen Versen am meisten lernen.<\/p>\n<p>Wenn er zum Beispiel sagt, dass ein Fehlen aller Senkungen oder umgekehrt eine H\u00e4ufung der Senkungen nur dort gestattet sei, &#8222;wo der Inhalt die Erlaubnis schafft&#8220;, so hat er damit vollkommen recht.<\/p>\n<p>Sein Beispiel <em>Holms Herz stand still<\/em> w\u00fcrde, nach den allgemeinen Betonungsgesetzen des Deutschen, allerdings so lauten m\u00fcssen: &#8222;Holms <strong>Herz<\/strong> stand <strong>still <\/strong>; aber er rechnet mit einer der Katastrophe angepassten Vortrag, wie Goethe in dem Angstruf der Epimeleia aus der Pandora; so, in abgebrochenen und dumpf hervorgesto\u00dfenen Worten, vermag der Satz vier Takte wohl zu f\u00fcllen; die Frage aber, ob dem Dichter ein solcher Vortrag gestattet ist und ob der Rhythmus des aller Senkungen baren Verses an und f\u00fcr sich, ohne R\u00fccksicht auf den Sinn, ein gelungener ist, geh\u00f6rt vor ein anderes Forum.<\/p>\n<p>Ebenso wenig gibt der folgende Vers zu Tadel Anlass, wenn man ihn richtig liest: wir w\u00fcrden <em>pl\u00e4tscherten mit den Schweifen und plauderten geschw\u00e4tzig<\/em> auch in Prosa nicht anders als viertaktig sprechen, &#8222;<strong>pl\u00e4t<\/strong>scherten mit den <strong>Schwei<\/strong>fen und <strong>plau<\/strong>derten ge<strong>schw\u00e4t<\/strong>zig&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist ein Irrtum Gottschalls, dass &#8222;<strong>pl\u00e4t<\/strong>scher<strong>ten<\/strong> mit den <strong>Schwei<\/strong>fen und plauder<strong>ten<\/strong> ge<strong>schw\u00e4t<\/strong>zig&#8220; die nat\u00fcrliche Betonung sei; gerade umgekehrt w\u00fcrden in daktylisch-troch\u00e4ischen Versen hier Silben gehoben, die bei der durch den Sinn geforderten lebhaften Aussprache zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht es mit dem Wolfischen Vers <em>diese | mit dem friedlichen Vergleiche | sich bemengende Gewalt<\/em>, denn hier sind die Nebenakzente auf <em>mit<\/em> und <em>sich<\/em> unvermeidlich, erstens weil die an Lautgehalt reichere Silbe zwischen zwei ganz gewichtlosen steht, und zweitens, weil eine Redepause vor <em>mit<\/em> und <em>sich<\/em> nicht zu umgehen ist und dadurch auch das Tempo ein langsameres wird.<\/p>\n<p>Der Stabreim verbindet zun\u00e4chst die zwei Halbzeilen f\u00fcr das Geh\u00f6r und f\u00fcr das Ged\u00e4chtnis zu einer Einheit, der Langzeile.<\/p>\n<p>Es alliterieren nur die Hebungen, die betonten Silben; diese aber m\u00fcssen nicht eben Wortanf\u00e4nge sein, sie k\u00f6nnen auch als haupttonige Stammsilben auf Vorsilben folgen, also im Innern des Wortes stehen. Nicht nur dieselben, sondern auch gleichwertige Konsonanten gelten als Gleichlaute und wie im altdeutschen alliterieren die Vokale untereinander.<\/p>\n<p>Derselbe Anlaut kann sich also in einer Langzeile zwei, drei, vier Mal einstellen. Je schlichter und einfacher der Inhalt ist, desto sparsamer verwendet Jordan die Alliteration; je lebhafter und leidenschaftlicher, desto reichere Anwendung findet auch die Alliteration.<\/p>\n<p>Die st\u00e4rkste Wirkung schreibt Jordan zwei unmittelbar aufeinander folgenden St\u00e4ben (zweite und dritte Hebung) zu; bei drei St\u00e4ben wirkt darum auch die dritte Hebung st\u00e4rker als die vierte.<\/p>\n<p>Das am st\u00e4rksten betonte Wort des Verses hei\u00dft Hauptstab.<\/p>\n<p>Neben der einfachen Alliteration bedient Jordan sich auch der doppelpaarigen: in seinen Nibelungen kommen zwei sich umschlingende St\u00e4be so oft vor, dass sie streckenweise vorherrschen. Hier sind nur zwei Stellungen m\u00f6glich: <em>abab<\/em> oder <em>abba<\/em>; denn die dritte Kombination <em>aabb<\/em> w\u00fcrde die beiden Versh\u00e4lften nicht verbinden, sondern trennen.<\/p>\n<p>Dennoch hat Jordan auch die Stellung, deren ungest\u00fcmer Gewalt er selbst vor der viermaligen Alliteration den Vorzug gibt, ausnahmsweise angewendet: <em>die flackernde Flamme durchprasselte pr\u00e4chtig<\/em>. Bei Wagner ist diese Stellung <em>aabb<\/em> nebben <em>abba<\/em> und dem selteneren <em>aaaa<\/em> besonders beliebt.<\/p>\n<p>Endlich verbindet Jordan nicht blo\u00df die Halbzeilen, sondern auch die Langverse durch die Alliteration, indem er dieselben Anlaute der Hebungssilben in dem folgenden, in dem dritten, ja selbst in dem vierten Verse wiederkehren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Oder er stellt neben den Hauptstab eine Nebenalliteration: die erste bindet die Halbzeilen zu einer Langzeile, die zweite den ganzen Vers mit dem folgenden: also <em>xaab || bccy<\/em> und so weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Jordans Stabreim-Vers (Jacob Minor, Neuhochdeutsche Metrik 1902, Seite 372-374) In Jordans Stabvers sind zwei Halbverse durch den Stabreim (alliteration) zu einem Langvers verbunden. Jeder dieser Halbverse besteht aus zwei Hebungen; der Auftakt und die Senkungen k\u00f6nnen fehlen oder mehrsilbig (bis zu vier Silben) sein. 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