{"id":3733,"date":"2015-01-12T22:52:38","date_gmt":"2015-01-12T21:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=3733"},"modified":"2015-10-03T19:17:45","modified_gmt":"2015-10-03T17:17:45","slug":"j-g-herder-regeln-des-hexameters","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=3733","title":{"rendered":"J. G. Herder: Regeln des Hexameters"},"content":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/worum-es-geht\/gesammeltes\/ueber-hexameter\/\" target=\"_blank\">\u00dcber Hexameter<\/a>, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind.<\/p>\n<p><strong>Aus Johann Gottfried Herders Fragmenten &#8222;\u00dcber die neuere deutsche Literatur&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Folgendes sind also die allgemeinen Regeln des deutschen Hexameters. Die L\u00e4nge und K\u00fcrze muss nach dem Akzente, der Aussprache gem\u00e4\u00df, <em>genau<\/em> beobachtet werden; die Daktylen m\u00fcssen insbesondere, soviel m\u00f6glich, rein sein; keine Endung muss einer andern oder der Mitte des Verses allzusehr \u00e4hnlich sein; kein Hexameter muss auf zweierlei Art k\u00f6nnen skandiert werden. Der Abschnitt muss, soviel m\u00f6glich, im dritten Fu\u00df und m\u00e4nnlich sein.<\/p>\n<p>Wir haben in unserer Sprache einen Mangel an Spondeen, und dieser Mangel entzieht dem deutschen Hexameter keinen geringen Teil von dem gesetzten Wohlklange, den die griechischen und lateinischen Hexameter haben. Sollten wir alsdenn die Spondeen, die uns die Sprache noch gibt, nicht sorgf\u00e4ltig zu Rat halten? Unsre langen Silben werden ganz genau durch das Zeitma\u00df der Aussprache bestimmt; und dieses h\u00e4ngt entweder von der Natur der SIlbe selbst ab, welche eine merklich l\u00e4ngere Zeit zum Aussprechen erfordert, oder von dem Akzent, den wir in der Aussprache drauf legen. M\u00fcssen wir nun nicht zweisilbige W\u00f6rter, deren Silben einerlei L\u00e4nge des Zeitma\u00dfes haben, als nat\u00fcrliche Spondeen ansehen, daf\u00fcr wir der Sprache Dank schuldig sind? Zum Beispiel <em>Umgang, Schicksal, Ungl\u00fcck, Aufruhr, Freundschaft<\/em> etc. Diese m\u00fcssen wir also nie als Troch\u00e4en und noch weniger als Daktylen gebrauchen.<\/p>\n<p>Aus\u00a0 Mangel der Spondeen m\u00fcssen wir oft Troch\u00e4en gebrauchen. Das Ohr verliert etwas dabei, und der Hexameter bekommt einenweniger m\u00e4nnlichen Klang, wir m\u00fcssen ihn also durch Troch\u00e4en so wohlklingend zu machen versuchen, als es m\u00f6glich ist. Die Troch\u00e4en m\u00fcssen sich also mit einer bestimmten langen Silbe anfangen, dass der Leser nie verleitet werde, sie iambisch zu lesen; die Daktylen, die wir mit einmischen, m\u00fcssen sehr rein sein und dem Ohr die doppelte kurze Silbe merklich zu vernehmen geben. Durch diesen geschwindern Fall werden die Troch\u00e4en gleichsam kontrastiert und gehoben, ihr langsamer Gang f\u00e4llt deutlicher ins Geh\u00f6r und n\u00e4hert sich dem spondeischen. Wenn man aber Troch\u00e4en nach dem Silbenma\u00df iambisch lesen muss, wenn man eine nat\u00fcrlichlange Silbe bald im Troch\u00e4us lang, bald wieder im Daktylus kurz gebraucht findet; so verschwindet dem Leser die Harmonie des Verses.<\/p>\n<p>Man hat es sich auch, wie mich d\u00fcnkt, zu leichsinnig angew\u00f6hnt, die einsilbigen W\u00f6rter als gleichg\u00fcltig in der Prosodie zu betrachten. Allein die Aussprache oder der Akzent, den der Nachdruck der Rede auf ein einsilbiges Wort legt, bestimmt seine L\u00e4nge oder K\u00fcrze in den meisten F\u00e4llen ganz genau, und das Ohr wird sehr beleidigt, wenn es Silben kurz h\u00f6ren muss, die doch der Nachdruck und die Aussprache lang macht &#8211; und so umgekehrt. Je gr\u00f6\u00dfern Vorrat nun unsere Sprache an einsilbigen W\u00f6rtern hat, desto genauer m\u00fcssen wir in Beobachtung der prosodischen Regeln sein. Hier darf uns die Prosodie der Griechen und R\u00f6mer, die \u00fcberdem auf unsere schwerf\u00e4lligere und vollsilbige Sprache nicht applikabel ist, gar nicht zur Regel dienen. Die einsilbigen W\u00f6rter, die sie in ihrer Sprache als gleichg\u00fcltig ansahen, m\u00f6gen wirklich in ihrer Aussprache ein mittleres Ma\u00df gehabt haben, oder das Ma\u00df aller \u00fcbrigen Silben war auch so genau bestimmt, dass die wenigen ancipites keinen Missklang in der Harmonie machen konnten. Dies ist beides aber nicht bei uns. Die Natur unserer Sprache scheint auch selbst das Tonma\u00df zu bestimmen, und vielleicht auf folgende Weise: Alle einsilbigen Nomina sind immer lang; die einsilbigen Verba auch, nur ist und hat scheint davon eine Ausnahme zu machen, das lang und kurz ist; die einsilbigen Nomina mit ihrem Artikel und die Verben mit ihrem Vorwort sind offenbar Iamben, und ein einsilbiges Adjektivum, das kurz gebraucht wird, beleidigt fast allezeit das Ohr. Unter allen \u00fcbrigen einsilbigen W\u00f6rtern, die Partikeln und Vorw\u00f6rter sind, gibt&#8217;s wenige lange; die meisten sind kurz, es sei denn, dass der Nachdruck der Rede einen Akzent darauf legt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite \u00dcber Hexameter, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind. Aus Johann Gottfried Herders Fragmenten &#8222;\u00dcber die neuere deutsche Literatur&#8220;. 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