{"id":4182,"date":"2015-04-13T18:40:30","date_gmt":"2015-04-13T16:40:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4182"},"modified":"2015-04-14T21:51:13","modified_gmt":"2015-04-14T19:51:13","slug":"rezension-a-w-schlegel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4182","title":{"rendered":"Rezension zu &#8222;Die Gesundbrunnen&#8220; (A. W. Schlegel)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rezension von A. W. Schlegel<\/strong><\/p>\n<p>Aus: A. W. Schlegel und F. Schlegel, Charakteristiken und Kritiken, 2. Band, Nikolovius 1801.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Gesundbrunnen. Ein Gedicht in vier Ges\u00e4ngen von Valerius Wilhelm Neubeck. 1795.<\/strong><\/p>\n<p>Durch dieses Gedicht wird die deutsche Poesie in einer Gattung bereichert, in welchen unter den Neueren vorz\u00fcglich die Engl\u00e4nder eine betr\u00e4chtliche Anzahl gesch\u00e4tzter Gedichte besitzen, die dagegen unter uns noch fast gar nicht angebaut ist.<\/p>\n<p>Wir unterscheiden hier n\u00e4mlich von dem Lehrgedicht, das allgemeine Wahrheiten zu versinnlichen sucht, dasjenige, worin irgendeine besondere Wissenschaft oder Kunst, oder ein Teil derselben, vorgetragen wird.<\/p>\n<p>In jenem, dem philosophischen Lehrgedicht, haben wir nach Haller noch manches aufzuweisen; hingegen hat sich unsere lehrende Muse fast noch nie zu einem Bunde mit anderen Geschicklichkeiten und Kenntnissen verstanden, die, n\u00fctzlich oder erg\u00f6tzend, das Leben schm\u00fccken, ohne auf die h\u00f6chste Bestimmung der menschlichen Natur Bezug zu haben.<\/p>\n<p>Man kann leicht zugeben (was man auch unstreitig anerkennen muss), dass der Mensch das h\u00f6chste Objekt der Kunst, und die lyrische und gragmatische Poesie also etwas h\u00f6heres sei, ohne jene untergeordnete Gattung zu verwerfen.<\/p>\n<p>Auch hat der artistische oder scientifische Lehrdichter das Beispiel des klassischen Altertums f\u00fcr sich, aus dem sich unter einer noch weit gr\u00f6\u00dferen Menge sehr bedeutende Werke der Art gerettet haben, und welches dabei den trockensten, undankbarsten Stoff nicht verschm\u00e4hte.<\/p>\n<p>Doch lie\u00dfe sich gegen das Ansehn dieser Vorbilder folgendes einwenden: Die griechischen Lehrgedichte zerfallen in zwei Hauptklassen. Die \u00e4lteren (Hesiod, die alten Gnostiker und Physiker usw.) schreiben sich aus Zeiten her, wo die Prosa noch nicht zum Werkzeuge der schriftlichen Mitteilung gebildet worden war. Ehe man schrieb, musste alles, was man aufbewahren wollte, in Verse gebracht werden. Die poetische Form war also mehr eine Sache der Notwendigkeit als der Wahl; und nachher, als sich die Schreibkunst schon verbreitet hatte, behielt man sie aus Gewohnheit bei.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4teren Lehrgedichte der Griechen, an welche die r\u00f6mischen sich anschlie\u00dfen, haben alexandrinische Literatoren zu Urhebern, die sich nicht selten in toten Stoffen am meisten gefielen, weil diese dem Dichter alles verdanken und sie folglich ihre gelehrte Kunst auf die gl\u00e4nzendste Art dabei an den Tag legen konnten.<\/p>\n<p>In jenen alten Werken war es mit der Verehrung sehr ernstlich gemeint, und die Poesie war Nebensache; hier hingegen war es blo\u00df um diese, und zwar nur um das K\u00fcnstliche in ihr zu tun, und die Belehrung blieb nur der scheinbare Zweck.<\/p>\n<p>Man wei\u00df, dass manche einen Gegenstand besangen, den sie gar nicht anschaulich durch eigenes Studium, sondern blo\u00df durch eine mittelbare \u00dcberlieferung notd\u00fcrftig kannten, f\u00fcr den sie also kein wahres Interesse haben konnten.<\/p>\n<p>Allein wo dieses auch vorhanden ist, reicht es zur eigentlichen K\u00fcnstlerbegeisterung, die sich auf ein unbedingtes Bed\u00fcrfnis unserer Natur bezieht, noch nicht hin, weil alle bedingten Zwecke nur bedingt interessieren. Daher der Mangel an Leben im Ganzen eines Lehrgedichts bei der sch\u00f6nsten Lebendigkeit der einzelnen Bestandteile.<\/p>\n<p>Wie d\u00fcrftig werden zum Beispiel in Ovids <em>Fastis<\/em> die reizenden Mythen und Schilderungen von Festen durch den v\u00f6llig unpoetischen, f\u00fcr Herz und Einbildungskraft gleich leeren Begriff eines Kalenders zusammengehalten.<\/p>\n<p>Es fragt sich also: Wie l\u00e4sst sich ein blo\u00df logisch gegebenes Ganzes nicht allein durch Ausschm\u00fcckung der Teile, sondern auch als Ganzes poetisch beleben?<\/p>\n<p>Da das unbedingte Streben ein Hauptkennzeichen der k\u00fcnstlerischen Begeisterung ist, und da es au\u00dfer dem Gegenstande derselben, dem Sch\u00f6nen, nur zwei Objekte eines unbedingten Strebens d\u00fcr den Menschen gibt, n\u00e4mlich das Wahre und das Gute; so l\u00e4sst sich denken, dass das Streben nach einem von beiden, die philosophische oder sittliche Begeisterung, in diesem Falle als Surrogat der k\u00fcnstlerischen dienen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die philosophische Begeisterung kann nur bei Erkenntnissen stattfinden, welche den Menschen als Menschen angehn, als auch auch kein anderes als ein philosophisches Leergedicht beseelen. Die sittliche aber erstreckt sich auf alle Gegenst\u00e4nde, bei denen eine Beziehung auf Ideen m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Der didaktische Stoff k\u00f6nnte also, wenn er von solcher Beschaffenheit w\u00e4re, im Einzelnen durch sinnliche Darstellung, im Ganzen durch eine sittliche Stimmung des Gem\u00fcts (die man ja nicht mit einem moralischen Zwecke verwechseln muss, welcher, wie die Erfahrung lehrt, p\u00e4dagogisch, \u00f6konomisch usw. h\u00e4ufig ohne jene betrieben wird), aus dem unpoetischen Gebiet des Verstands entr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht der Ort, diese Gedanken, die nur durch fl\u00fcchtige Winke angedeutet werden konnten, weiter auszuf\u00fchren und zu begr\u00fcnden. Wir eilen zu ihrer Anwendung auf das vorliegende Gedicht.<\/p>\n<p>Die Lehre vom Gebrauch der Mineralwasser konnte als ein kleiner Teil der beinahe unermesslichen Arzneiwissenschaft nur ein sehr bedingtes scientifisches Interesse haben; der Dichter hat ihr ein freieres, allgemein menschliches verliehen. Das, wodurch er seinen Gegenstand adelt und gleichsam heiligt, ist wohlwollender Eifer, als Arzt zum Besten seiner Mitbr\u00fcder zu wirken; und dankbare Bewunderung der wohlt\u00e4tigen Veranstaltungen der Natur.<\/p>\n<p>Diese beiden hebenden Gef\u00fchle begleiten ihn fortdauernd und gleichm\u00e4\u00dfig auf seiner ganzen Laufbahn: sie sind die Seele seiner Darstellung, und verraten sich emtweder stillschweigend im Ton derselben, oder werden auch ausgesprochen, aber dies nur hier und da mit weiser M\u00e4\u00dfigung.<\/p>\n<p>Der Dichter hat seinen Stoff mit lieblicher F\u00fclle zu bekleiden und sich \u00fcberalll, wo er verm\u00f6ge seines Vorsatzes den Schritt hinwenden muss, mit der reichsten sinnlichen Gegenwart zu umgeben gewusst. Die Schilderung der Brunnen nach ihrer Lage und das l\u00e4ndliche Leben, welches Brunnen- oder Badeg\u00e4ste f\u00fchren sollen, gibt Gelegenheit zu vielen Landschaftsgem\u00e4lden.<\/p>\n<p>Alles widerw\u00e4rtige und ekelhafte, was bei manchen medizinischen Gegenst\u00e4nden schwer zu umgehen sein m\u00f6chte, ist bei diesem durchaus vermieden. Es ist immer auf eine solche Art von den Heilkr\u00e4ften der Gesundbrunnen die Rede, dass die Krankheiten, denen sie entgegenwirken, blo\u00df im Allgemeinen charakterisiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ganze Ausf\u00fchrung zeugt von einem durch vielfache \u00dcbung und Studium der Meisterwerke gebildeten reifen Dichtergeiste und n\u00e4hert sich an nicht wenigen Stellen wirklich dem Klassischen.<\/p>\n<p>Die Anlage ist, wie es sich geh\u00f6rt, einfach und lichtvoll. Der erste Gesang besch\u00e4ftigt sich mit der Entstehung der Mineralquellen, der zweite mit der Beschreibung der vornehmsten, welche Deutschland besitzt, der dritte und vierte mit Vorschriften f\u00fcr die Brunnenkur.<\/p>\n<p>Der naturhistorische Inhalt des ersten Gesanges ist durch eine k\u00fchne, aber erlaubte Dichtung ganz ins Wunderbare und Epische hin\u00fcbergespielt. Nach der kurzen, in eine lobpreisende Begr\u00fc\u00dfung der Hygiea als seiner Muse verwebten Ank\u00fcndigung wendet sich der Dichter an die Nymphe der Gera, welche nahe bei seinem Geburtsort, Arnstadt in Th\u00fcringen, vorbeiflie\u00dft, um von ihr in das Reich der Quellen eingef\u00fchrt zu werden. Romantische Motive des von ihr durchstr\u00f6mten Tals und hierauf der Grotte, wo sie entspringt. Hier erscheint ihm die G\u00f6ttin, und dr\u00fcckt in der Antwort auf seine Bitte &#8230;<\/p>\n<p>K\u00fchn, o Sterblicher, ist der Wunsch, ein Land zu betreten,<br \/>\nWo mit verwegnem Tritt noch kein Erschaffener jemals<br \/>\nWandelte; doch dir sei er gew\u00e4hrt. Kein frevles Verlangen,<br \/>\nKeine, vermessne Begier, das Unbekannte zu schauen,<br \/>\nAber den sch\u00f6nen Wunsch, h\u00fclfreich und tr\u00f6stlich den Menschen,<br \/>\nGleich den ewigen G\u00f6ttern zu sein, erblick ich im Innern<br \/>\nDeiner unsterblichen Seele.<\/p>\n<p>&#8230; die sittliche Stimmung des Dichter aus, wovon wir oben sprachen. Nachdem sie ihn belehrt, woher \u00fcberhaupt &#8222;die Quellen den Reichtum ihrer Gew\u00e4sser empfahn&#8220;, f\u00fchrt sie ihn in das unterirdische Reich der Str\u00f6me. Die erste Idee zu dieser Wanderung gab vielleicht die Geschichte vom Arist\u00e4us beim Virgil, auf die auch angespielt wird; aber sie ist mit wahrhaft genialischer Kraft und Neuheit durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sie gelangen in das Reich der eisenhaltigen Quellen. Wie das Wasser von Eisenteilchen durchdrungen wird, und dadurch eine st\u00e4rkende Kraft gewinnt, erl\u00e4utert ein liebliches Gleichnis. Drauf wird die Lehre, dass die ? Luft das Brausen und Perlen der Mneralwasser verursacht, in der edelsten und bildlichsten Sprache vorgetragen.<\/p>\n<p>Der Dichter geht zu einem prachtvollen Loblied auf das Eisen \u00fcber, und gedenkt, nach dem mannigfaltigen Nutzen desselben im Kriege, f\u00fcr den Ackerbau und die meisten K\u00fcnste, auch des Kompasses. Mit einem leichten \u00dcbergange kehrt er von dieser Episode zu den Heilkr\u00e4ften des Eisens zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die G\u00f6ttin f\u00fchrt ihn hierauf in das Reich der Salze, die sich, wie sie ihn lehrt, nach ihrer Verwandschaft anziehen. Nun wird dieses Naturgesetz der Anziehung in feinem erhabnen Umfange erkl\u00e4rt, und r\u00fchrend auf die Sympathie sittlicher Wesen angewandt.<\/p>\n<p>Den kr\u00e4ftigsten Schwung der Phantasie, alle Gewalt der Sprache, den ganzen Zauber\u00a0 m\u00e4nnlicher und bedeutender Rhythmen hat der Dichter aufgeboten, um die unterirdische &#8222;Flammenwelt der Vulkane&#8220; darzustellen, an deren Grenze die G\u00f6ttin ihn zuletzt f\u00fchrt, weil die schwefelhaltigen und warmen Quellen daselbst entstehen.<\/p>\n<p>Nach vollbrachter Wanderung schlie\u00dft der Gesang mit einem dankenden Hymnus an die Nymphe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn der Dichter durch den anfang des zweiten Gesangs leise an Klopstocks R\u00fcckkehr in die Oberwelt im dritten Gesang des Messias erinnert, so darf er die Vergleichung nicht scheuen. Durch den \u00fcberraschenden \u00dcbergang von der Freude am Leben zu den menschenfreundlichen Gesinnungen des Arztes und der Freude \u00fcber das Gelingen seiner Bem\u00fchungen ist der Eingang mit dem Ton des Ganzen in die sch\u00f6nste Harmonie gesetzt.<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmten Quellen der Vorzeit werden von dem Gesange ausgeschlossen, aber, indem dies geschieht, in t\u00f6nenden Zeilen verherrlicht. Auch die neueren ausl\u00e4ndischen Quellen ber\u00fchrt der Dichter nur fl\u00fcchtig und beschr\u00e4nkt sich auf die wichtigeren Deutschlands.<\/p>\n<p>Hier hat er sich das Gesch\u00e4ft schwerer gemacht, als n\u00f6tig war: man verlangt von solch einem Verzeichnisse keine Vollst\u00e4ndigkeit und w\u00fcrde manchen Gesundbrunnen nicht vermissen, wenn er \u00fcbergangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber eben in diesem Teil des Gedichts hat er seine gro\u00dfe Sicherheit in der Kunst bew\u00e4hrt. Er ist unersch\u00f6pflich an charakteristischen Z\u00fcgen, Gem\u00e4lden, Wendungen, Anspielungen, episodischen Verzierungen; und wo durchaus etwas \u00e4hnliches wiederkommen musste, an anders schattierten Tinten des Ausdrucks, so dass er unter der gro\u00dfen Anzahl von Quellen jede auf eine eigent\u00fcmliche und anziehende Art preist.<\/p>\n<p>Bei Pyrmont werden die Altert\u00fcmer der Gegend hervorgerufen; beim Karlsbad und T\u00f6plitz wird die merkw\u00fcrdige Entdeckung dieser B\u00e4der erz\u00e4hlt; von Wiesbaden ger\u00fcht, dass das Mineralwasser den daselbst gebauten Wein veredelt; bei Lauchst\u00e4dt werden die s\u00e4chsischen Sch\u00f6nen, die das Bad gebrauchen, sehr schmeichelhaft aufgefordert, der Nymphe einen Kranz zu winden usw. Einen klassischen Sinn verr\u00e4t das Spiel mit einem klassischen, den Egerbrunnen zugeteilten Namen, <em>Egeria<\/em>. \u00c4u\u00dferst dichterisch wird von einem anderen Gesundbrunnen gesagt, dass die benachbarten Bauern ihn auch in gesunden Tagen zu trinken pflegen:<\/p>\n<p>Huldigt, Saiten, der Nymphe, die dort in dem l\u00e4ndlichen Flinsberg<br \/>\nOft sich zum fr\u00f6hlichen Mahl mitsetzt in der H\u00fctte des Landmanns.<\/p>\n<p>Der Dichter liebt diesen Quell vorz\u00fcglich, weil er ihm die Genesung seiner Freundin verdankt. Bei einem anderen ehedem besuchten, jetzt in Verfall geratenen l\u00e4sst er uns die Klage der Nymphe in zarten T\u00f6nen vernehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den beiden folgenden Ges\u00e4ngen werden die bei einer Brunnenkur zu beobachtenden Vorschriften gegeben, und auch hier sind die vielfachen Schwierigkeiten gl\u00fccklich besiegt. Die Wahl der Jahreszeit und einer gesunden Wohnung, fr\u00fches Aufstehn, Verfahren beim Brunnentrinken, Di\u00e4t in den Speisen, die verschiedenen Erg\u00f6tzungen, welche der Gesundheit am zutr\u00e4glichsten sind: zwanglose Gesellschaft, leichte Lekt\u00fcre, fr\u00f6hliches Schauspiel, Billiard oder Ballspiel, Reiten, Fahren, Spazierg\u00e4nge oder andre Leibes\u00fcbungen, Fischfang, Botanisieren, Jagd (wenn die Brunnenkur in den Herbst f\u00e4llt), und endlich Tanz: nichts ist vergessen, alles wird &#8222;mit des Pindus duftenden Blumen&#8220; auf das gef\u00e4lligste geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Wenn im Vorhergehenden die wesentlichen Vorz\u00fcge eines Dichters, <em>mens divinor atque os magna sonaturum<\/em> sich schon oft gl\u00e4nzend entfaltet haben, so beweist der S\u00e4nger hier, wie g\u00fcnstig ihm dieland liebenden Musen jenes <em>molle atque facetum<\/em> des gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Nirgends sinkt er zum Matten oder prosaischen herab; denn dass er manches, was sich nicht ohne Zwang in Bilder kleiden lie\u00df, freiwillig mit schmuckloser Grazie ausdr\u00fcckt, wie in folgendem Verse:<\/p>\n<p>Trinke gemach, und wandle dabei! So lautet die Regel.<\/p>\n<p>ist davon noch sehr verschieden. Durch solche einfachen Stellen werden einige Episoden (man wei\u00df, das Lehrgedicht ist mit Recht der eigentlich Wohnsitz der Episoden), in denen die einbildungskraft ihre bl\u00fchende F\u00fclle ergie\u00dft, noch mehr gehoben.<\/p>\n<p>Den Vorschriften \u00fcber den Gebrauch der B\u00e4der wird die Geschichte desselben angekn\u00fcpft, und eine Welt von Erinnerungen in den stolzesten Bildern und Rhythmen geweckt. In dem \u00e4ltesten Zeiten badeten sich nur Gesunde. Nachher empfahlen die griechischen \u00c4rzte, zuerst Hippokrates, auch Kranken das Bad. Bei den R\u00f6mern wird die bekannte Geschichte, dass Augustus auf den Rat seines griechischen Aztes Antonius Musa das Bad zu Baj\u00e4 mit gutem Erfolg gebrauchte, dass eben diese Kur bei seinem Neffen Marcellus, der bald darauf starb, nicht anschlug, auf eine Weise eingef\u00fchrt, die nicht nur den Verehrer des Antiken, die jeden Freund des sch\u00f6nen entz\u00fccken wird. Aber das Los der Verg\u00e4nglichkeit trifft nicht den Menschen allein, sondern alle irdischen Dinge. Baj\u00e4 selbst erfuhr es.<\/p>\n<p>Siehe, der Wanderer findet, wo Baj\u00e4s Marmorpal\u00e4ste<br \/>\nPrangten, gesunkene Tr\u00fcmmer.Sein Laubnetz hanget der Efeu<br \/>\nUm das Geb\u00e4lk; den Fu\u00df korinthischer S\u00e4ulen umwuchern<br \/>\nNesseln und Sandriedgras.<\/p>\n<p>In den darauf folgenden, weiter umherirrenden Blicken auf die Szenen des Altertums ist Jetzt und Vormals, Leben und Erstorbenheit bezaubernd verm\u00e4hlt: es sind Abbildungen fr\u00f6hlicher G\u00f6tterfeste\u00a0 auf einem Sarkophag. Auch Hadrians Villa ist dahin; ja selbst der Lorbeerbaum auf Virgils Grab ist verdorrt! Mit dieser Erinnerung an sein Vorbild nimmt der Dichter den Faden wieder auf.<\/p>\n<p>Der vierte Gesang ist nicht weniger reich ausgestattet als seine Vorg\u00e4nger. Wie reizend ist, um unter vielen nur eins zu nennen, bei Gelegenheit des Botanisierens die Begattung der Pflanzen geschildert!<\/p>\n<p>Das Ganze schlie\u00dft mit einer herrlichen Episode von ganz anderer Art als die obige. Der Dichter warnt vor \u00dcberma\u00df im Tanz, und vor pl\u00f6tzlicher Erk\u00e4ltung. Er erz\u00e4hlt die Geschichte eines jungen M\u00e4dchens, die bei ihrem Aufenthalt an einem Gesundbrunnen, vom Tanze erhitzt, sich in den Garten schlich, aus einer Quelle trank und augenblicklich tot blieb. Zeit und Szene des Vorfalls sind meisterhaft zu pathetischen Eindr\u00fccken benutzt. Das Schrecken und die Trauer ihres Geliebten, die teilnehmende Klage ihres Freundes (denn der Dichter war ihr Freund) und endlich ihre Grabschrift lassen den Stachel der Wehmut tief im Herzen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von h\u00f6heren poetischen Vorz\u00fcgen angezogen haben wir auf den \u00e4u\u00dferen technischen Teil des Gedichts kaum noch einen fl\u00fcchtogen Blick werfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Sprache ist rein und voll, auserlesen, kr\u00e4ftig und w\u00fcrdig. Die Wortstellungen haben Nachdruck, Schwung, und dennoch ungezwungene Leichtigkeit. Neue Zusammensetzungen sind bescheiden, nach den Regeln der Analogie und des Wohlklanges versucht. Die Beiw\u00f6rter sind fast immer treffend, bedeutungsvoll, malerisch, t\u00f6nend, zuweilen neu, sinnreich und \u00fcberraschend gl\u00fccklich. Vielleicht sind sie hier und da mit zu freigiebiger Hand ausgestreut; aber da sie die forteilenden oder gehaltenen T\u00e4nze des Rhythmus \u00fcberall heben und tragen helfen, so l\u00e4sst man sch dies gern gefallen.<\/p>\n<p>Was den Bau des Hexameters betrifft, so fanden wir ihn noch in keinem deutschen Gedicht, Vo\u00df&#8216; Luise ausgenommen, in so gro\u00dfer Vollkommenheit.<\/p>\n<p>Es versteht sich, dass hier blo\u00df von demjenigen Hexameter die Rede ist, wobei die Manigfaltigkeit und der metrische Ausdruck immer dem Gesetz der rhythmischen Sch\u00f6nheit untergeordnet bleibt; Grenzen, die Klopstock im Messias aus Grundsatz \u00fcberschritten hat. Auch den Wert des vertraulichen Hexameters wollen wir keineswegs herabsetzen.<\/p>\n<p>Wer Vo\u00df&#8216; hexametrischen Versbau studiert hat, wird leicht erkennen, dass Neubeck soch hierin ganz nach ihm gebildet hat, aber auch, dass er ihm seine Kunst beinahe bis zur Gleichheit abgelernt hat. Der wichtigste Unterschied m\u00f6chte sein, dass er die Pausen des Sinnes h\u00e4ufiger an den Schluss der Zeile setzt, so dass manchen Stellen die vom Dionysius so sehr empfohlene \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03b5\u00ed\u03b4\u03b5\u03b9\u03b1 fehlt. Auch hat er sich hier und da noch einen weiblichen Abschnitt im vierten Fu\u00df erlaubt. Er hat nicht unterlassen, seinen Meister dankbar zu preisen,<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffff99\">.<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 den S\u00e4nger<br \/>\nLieblicher Landidyllen, die selbst Apollon-Homeros<br \/>\nBeifallsl\u00e4cheln gew\u00e4nnen, wofern sie der Alte vern\u00e4hme.<\/p>\n<p>Hier h\u00e4tten wir also wieder eine Rechtfertigung des alten Mythus, welcher den Gott der Dichtkunst zugleich zum Vorsteher der Arzneikunde machte, und B\u00fcrgers Lob der \u00c4rzte in seinem Gedicht <em>An Apollo<\/em>\u00a0 findet eine treffende Anwendung auf den Verfasser dieses geistvollen Werks.<\/p>\n<p>So viel Lob, fast durch gar keinen Tadel gew\u00fcrzt, k\u00f6nnte \u00fcbertrieben scheinen: ich muss daher versichern, dass ich, um nicht die Rolle des Beurteilers mit der des Lobredners zu vertauschen, meine Ausdr\u00fccke so viel wie m\u00f6glich gem\u00e4\u00dfigt habe.<\/p>\n<p>Aber wie kommt es, wird man fragen, dass ein solches Produkt noch nicht bekannter wurde? Ich gestehe wenigstens, dass es mir, ungeachtet meiner Aufmerksamkeit auf wichtige Erscheinungen in der deutschen Poesie, g\u00e4nzlich entgangen war, bis ich zur Beurteilung desselben aufgefordert wurde. Walten ung\u00fcnstige Sterne aich \u00fcber das Schicksal mancher B\u00fccher? Oder ist Verkehrtheit des Geschmacks daran Schuld, wenn das Vortreffliche nicht bis zu einer Lesewelt hindurchdringt, die auf allen Seiten mit dem Mittelm\u00e4\u00dfigen und Schlechten umringt ist?<\/p>\n<p>Doch es kann nicht fehlen, dieses Gedicht muss seinem Urheber in der Folge einen ausgezeichneten Platz unter Deutschlands Dichtern sichern. Kleist wurde durch seinen <em>Fr\u00fchling<\/em> unsterblich; wir wollen kein Blatt aus dem Kranze des ruhmvollen Toten zu rei\u00dfen suchen, aber man vergleiche!<\/p>\n<p>Vielleicht hat das unscheinbare \u00c4u\u00dfere des Buchs seinen Umlauf verhindert: das graue Papier, das unbequeme Quartformat, auch der wenig versprechende Titel. Wir w\u00fcnschen und hoffen, es m\u00f6ge bald in einer gef\u00e4lligeren Form erscheinen, damit jeder Freund der Dichtkunst es an einem oft besuchten Platz seiner B\u00fcchersammlung aufstellen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n<p>Obige bis auf die jetzt \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen Ausz\u00fcge unver\u00e4ndert abgedruckte Beurteilung hatte das Gl\u00fcck, die Aufmerksamkeit der lesenden Welt auf ein bis dahin allzu unbemerkt gebliebenes Werk zu lenken und neue Ausgaben davon zu veranlassen, welche im Jahr 1798 bei G\u00f6schen in Leipzig erschienen sind, die eine davon mit ausgezeichneter typographischer Pracht und reizenden Landschaften geziert. Nachdem es einmal bekannt geworden war, hat sich der Beifall so lebhaft rege erhalten, dass bald wieder eine neue Augabe erforderlich sein wird.<\/p>\n<p>Das Gedicht bedurfte nur kleiner Verbesserungen; der Verfasser hat ihm seine nachhelfende Hand nicht entzogen, aber sie vorsichtig angelegt &#8211; bei einer genauen Vergleichung mit der ersten Ausgabe habe ich fast keine Ver\u00e4nderung gefunden, die misslungen, fast keinen Zusatz, der nicht Gewinn w\u00e4re. Einige bei der sonstigen rhythmischen F\u00fclle und Sch\u00f6nheit noch vernachl\u00e4ssigte Zeilen sind zu dem Schwunge der \u00fcbrigen erhoben, und ein paar Auslassungen zeigen, dass der Dichter auch etwas nicht verwerfliches aufzuopfern wei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von A. W. Schlegel Aus: A. W. Schlegel und F. Schlegel, Charakteristiken und Kritiken, 2. Band, Nikolovius 1801. &nbsp; Die Gesundbrunnen. Ein Gedicht in vier Ges\u00e4ngen von Valerius Wilhelm Neubeck. 1795. Durch dieses Gedicht wird die deutsche Poesie in einer Gattung bereichert, in welchen unter den Neueren vorz\u00fcglich die Engl\u00e4nder eine betr\u00e4chtliche Anzahl gesch\u00e4tzter&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4182\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Rezension zu &#8222;Die Gesundbrunnen&#8220; (A. W. 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