{"id":4216,"date":"2015-04-15T15:32:31","date_gmt":"2015-04-15T14:32:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4216"},"modified":"2020-07-28T00:16:00","modified_gmt":"2020-07-27T23:16:00","slug":"j-h-voss-der-bezauberte-teufel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4216","title":{"rendered":"J. H. Vo\u00df: Der bezauberte Teufel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine orientalische Idylle\u00a0(1781)<\/strong><\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nKeuchst du schon, Bock? Nur langsam! Wir kommen fr\u00fche zum Blocksberg;<br \/>\nNach dem Siebengestirn ist erst in anderthalb Stunden<br \/>\nMitternacht. Fleug h\u00f6her, du Narr! Dir sengten nur eben<br \/>\nZwo Sternschnuppen den Bart; und in der arabischen W\u00fcste<br \/>\nTaut es stark, mir trieft das Wasser schon von den H\u00f6rnern.<br \/>\nHorch, was heult da? Hinab! Du, heule noch eins!<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nHabuhu!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nF\u00fcr ein Uhugeheul ist die Stimme zu laut, und ein Teufel<br \/>\nWimmert so leise nicht.<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nHabuhu!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nHinter dem Felsen?<br \/>\nHerzensbr\u00fcderchen Puhx! Du armer Teufel, du gleichst ja<br \/>\nEinem Dieb am Galgen, von Wind und Sonne ged\u00f6rret!<br \/>\nKaum bedeckt die enthaarte gerunzelte Haut dir die Knochen!<br \/>\nSag, wer hat dir den Schwanz im Palmenbaume verkeilet?<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nAch, <span style=\"color: #993366\">der verzweifelte Ga\u00dfner<\/span>, der Taugenicht, bannte mich hieher,<br \/>\nWeil ich den Schatz in Kohlen verwandelte! Aber wie hei\u00dft du?<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nKennst du Lurian nicht, dem Luther mit m\u00f6nchischer Arglist,<br \/>\nAls ich ihn necken wollte, das Tintenfass ins Gesicht warf?<br \/>\nDies Pechpflaster bedeckt noch mein linkes geblendetes Auge.<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nLurian? Ei wo ist denn dein b\u00f6ser Schaden am Hintern?<br \/>\nWei\u00dft du? Wir suchten einst H\u00e4ndel am j\u00fcterbockischen Hufschmied,<br \/>\nDer nach dem Teufelsbild, an der T\u00fcre mit Kohlen gezeichnet,<br \/>\nGl\u00fchende Stangen stie\u00df. Des Abends im st\u00fcrmischen Winter<br \/>\nKlopften wir an, und baten um Nachtquartier in der Esse.<br \/>\nAber der Racker hielt vor das Schl\u00fcsselloch den bekreuzten<br \/>\nKohlensack, den ihm Sankt Nepomuk hatte verehret.<br \/>\nSorglos fuhren wir drein. Da legt&#8216; er uns auf den Ambo\u00df,<br \/>\nUnd zerhaut&#8216; uns weidlich mit funfzigpf\u00fcndigem Hammer.<br \/>\nW\u00e4ren wir nicht, als Fl\u00f6he so klein, in die N\u00e4hte des Sackes<br \/>\nHin und wieder geh\u00fcpft; er h\u00e4tt uns v\u00f6llig zermalmet.<br \/>\nAls er den Sack aufschn\u00fcrte, da floh ich behende vondannnen;<br \/>\nDich erwischt&#8216; er, und setzte dein Hinterteil auf den Schleifstein,<br \/>\nRief den Gesellen heraus, und hast du mich schleifen gesehen,<br \/>\nBis du schreiend versprachst, dein Leben nicht wiederzukommen.<br \/>\nLange humpeltest du, und warst auch magrer, als jetzo.<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nAlles ver\u00e4ndert sich, Freund. Sobald es meine Gesundheit<br \/>\nZulie\u00df, ging ich, mein Heil in Morgenland zu versuchen.<br \/>\nHier verbannete mich aus einer besessenen Jungfrau<br \/>\nVon holdseliger Bildung ein abissinischer Bischof.<br \/>\nUnd nun leb ich im Kloster, und feg als geistlicher Kobold<br \/>\nNachts die Zellen der M\u00f6nche, den Feuerherd und die Kirche.<br \/>\nDaf\u00fcr werd ich geteilt, und gespeichert wie ein <span style=\"color: #993366\">Kap\u00e4unchen<\/span>;<br \/>\nDenn im Vertraun, es lebt sich ganz gem\u00e4chlich im Kloster.<br \/>\nNun, was schn\u00fcffelst du, Puhx?<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nMich deucht, ich rieche so etwas!<br \/>\nSicherlich tr\u00e4gt dein Bock was leckres zum heutigen Picknick!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nUnd du h\u00e4ttest wohl Lust, die Leckerbisschen zu kosten?<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nLurian, trautester Freund! Seit funfzehn Monden genie\u00df ich<br \/>\nBlo\u00df Heuschrecken, und Honig, der dort aus dem Felsen herabtrieft,<br \/>\nOder Datteln vom Baum; und \u00e4u\u00dferst selten ein Wildbret,<br \/>\nEtwa ein Skorpi\u00f6nchen, und eine magere Eidechs!<br \/>\nJa ich verschmachtete gar in der st\u00e4ubenden D\u00fcrre des Sommers,<br \/>\nWenn nicht manchmal ein <span style=\"color: #993366\">Smum<\/span> mit giftigem Hauch mich erquickte!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nNa, so wollen wir sehn, wie die Herren Fratres den Ranzen<br \/>\nMir gespickt! Und wann du mit Trank und Speise gelabt bist,<br \/>\nWill ich versuchen, dein Schw\u00e4nzchen vom Zauberbaum zu befreien.<br \/>\nHat auch der Papst den Ga\u00dfner f\u00fcr heilig erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nWie wollt&#8216; er!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nGut! &#8211; Da koste das St\u00fcck von der Klapperschlange mit Schierling<br \/>\nUnd die gebratene Kr\u00f6te mit einer Tunke aus <span style=\"color: #993366\">Asa<\/span>.<br \/>\nSieh, wie der Teufel schmackt, und die rauen Ohren beweget!<br \/>\nUnd wie die Nas ihm schnaubt, und der Saft aus dem Maule herausl\u00e4uft!<br \/>\nHier sind Otterneier, in Hexenbutter geschmoret,<br \/>\nFliegenschw\u00e4mme mit <span style=\"color: #993366\">Nafta<\/span>, und junge fette Taranteln.<br \/>\nAber du musst auch trinken! Da willst du ein Schl\u00fcckchen Tabaks\u00f6l,<br \/>\nOder den Magenwein, den mein liebster K\u00fcper in Hamburg<br \/>\nKunstgem\u00e4\u00df mit Arsenik und Silbergl\u00e4tte gew\u00fcrzet?<br \/>\nWetter! So setze doch ab! Du Esel s\u00e4ufst wie ein Postknecht!<br \/>\nNun zum Nachtisch, Puhx, noch ein paar ger\u00e4ucherte Seelen.<br \/>\nDiese bewohnte vordem den geilsten Schwelger; mit Ablass<br \/>\nK\u00f6rnte der Pater sein Gut, und gab mir die Seele zum R\u00e4uchern.<br \/>\nK\u00fctzelt sie nicht die Zunge mit scharfem ranzigem Wohlschmack?<br \/>\nDiese besa\u00df im Leben ein Geizhals. Aber was kaust du?<br \/>\nIst sie zu d\u00fcrr und z\u00e4he? So wirf sie dem meckernden Bock hin!<br \/>\nDieses war die Seele des windigsten deutschen Magisters,<br \/>\nDer das V\u00f6lkchen mit dummem entscheidendem B\u00fccherurteil<br \/>\nNarrete. Tunke sie reichlich in Phosphorus, gegen die Bl\u00e4hung!<br \/>\nJetzo wisch dir das Maul; zum Anbiss kann das genug sein.<br \/>\nBald wird Satanas dich auf dem Blocksberg besser bewirten.<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nHa! Das hei\u00df ich ich geschmaust! Mein armes runzlichtes B\u00e4uchlein,<br \/>\nJetzo bist du so rund und so glatt und so lieblich zu klatschen!<br \/>\nW\u00e4re mein Schwanz nur los, ich ginge selber ins Kloster!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nEi, den wollen wie l\u00f6sen! Ich raubte dem koptischen Bischof<br \/>\nNeulich dies kleine B\u00fcchlein voll pharaonischer Schriften,<br \/>\nWelches er einst bei <span style=\"color: #993366\">Sakara<\/span> im steinernen Mumienkasten<br \/>\nEines \u00e4gyptischen Zauberers fand. Drin stehet ein Bannspruch,<br \/>\nWelcher jede Bezaubrung, nur nicht der Heiligen, aufhebt.<br \/>\nAber mein rechtes Auge hat auch von der Tinte gelitten!<br \/>\nStreichle mein R\u00fcckenhaar mir aufw\u00e4rts, w\u00e4hrend ich singe,<br \/>\nDass die Funken mir leuchten! &#8211; Ahirom tukimalidscho<br \/>\nZalka kerutsch misrai \u2013 Du kratzest ja, Puhx, wie ein Kater!<br \/>\nZiehe die Krallen doch ein! &#8211; bedulemi puschakirolwin<br \/>\nKirlekamatschka wenorch happuhxing abrakadabra!<\/p>\n<p>PUHX<br \/>\nHei\u00dfa! Ich h\u00fcpfe vor Freuden! Mein Schwanz ist frei! O du trauter<br \/>\nLurian, lass dich umhalsen! Das Feuer der h\u00f6llischen Wonne<br \/>\nBrennt mir aus Nas und Maul! Wie k\u00f6niglich wedelt mein Schw\u00e4nzchen!<\/p>\n<p>LURIAN<br \/>\nTrillert der alte Narr, wie ein saugendes Lamm, mit dem Schwanze!<br \/>\nKomm, und sitz auf den Bock; zum Fliegen bist du zu kraftlos.<br \/>\nArmer, du bist so leicht, wie die kupfernen Blasen am Luftschiff!<br \/>\nAber schlie\u00dfe nur ja mit dem H\u00fchnerfu\u00dfe, der andre<br \/>\nPferdefu\u00df ist schwerer; und halte dich fest bei den H\u00f6rnern!<br \/>\nHurtig schwinge dich, Bock, durch sausende L\u00fcfte zum Blocksberg!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Der verzweifelte Ga\u00dfner<\/span>: Johann Joseph Ga\u00dfner (1727 &#8211; 1779) war ein ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigter Exorzist und Wunderheiler.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Kap\u00e4unchen<\/span>: Ein <em>Kapaun<\/em> ist ein Masthahn.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Smum<\/span>: Eigentlich\u00a0<em>Samun<\/em>, eine Sandsturm-Art im afrikanisch-arabischen Raum.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Asa<\/span>: Asant, auch <em>Stinkasant<\/em> oder <em>Teufelsdreck<\/em>: im Irak, in Afghanistan und Pakistan heimische Pflanze.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Nafta<\/span>: <em>Naphta<\/em>, Erd\u00f6lfraktionen, fr\u00fcher als Bestandteile des griechischen Feuers verwendet.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993366\">Sakara<\/span>: <em>Sakkara<\/em>, alt\u00e4gyptische Totenstadt, 20 km s\u00fcdlich von Kairo gelegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine orientalische Idylle\u00a0(1781) LURIAN Keuchst du schon, Bock? Nur langsam! Wir kommen fr\u00fche zum Blocksberg; Nach dem Siebengestirn ist erst in anderthalb Stunden Mitternacht. Fleug h\u00f6her, du Narr! Dir sengten nur eben Zwo Sternschnuppen den Bart; und in der arabischen W\u00fcste Taut es stark, mir trieft das Wasser schon von den H\u00f6rnern. Horch, was heult&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4216\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in J. H. 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