{"id":4393,"date":"2015-05-09T14:09:15","date_gmt":"2015-05-09T12:09:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4393"},"modified":"2015-05-09T14:09:15","modified_gmt":"2015-05-09T12:09:15","slug":"das-verhaeltnis-der-versfuesse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4393","title":{"rendered":"Das Verh\u00e4ltnis der Versf\u00fc\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Verh\u00e4ltnis der Versf\u00fc\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber das Verh\u00e4ltnis der zweisilbigen zu den dreisilbigen Verf\u00fc\u00dfen im griechischen, lateinischen und deutschen Hexameter liegen uns ausgezeichnete statistische Beobachtungen vor, die Drobisch und an ihn anschlie\u00dfend G\u00f6tzinger angestellt haben. Sie ziehen von jedem Dichter je 1000 Verse in Betracht und scheiden die Spondiaci von vornherein aus. Bezeichnet man die zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfe mit s (gleichviel ob es wirkliche Spondeen oder Troch\u00e4en sind), die dreisilbigen mit d (gleichviel ob es rein Daktylen oder Ketiken, Bacchien sind), so sind in Bezug auf den Wechsel der Versf\u00fc\u00dfe 16 Formen m\u00f6glich, die man mit <strong>s s s s<\/strong> (lauter Spondeen, <strong>s s s d<\/strong> (Daktylus im vierten Fu\u00df), <strong>s s d s<\/strong> (Daktylus im dritten Fu\u00df) usw. bezeichnen kann.<\/p>\n<p>Die Gesamtzahl der dreisilbigen F\u00fc\u00dfe zu den zweisilbigen verh\u00e4lt sich bei Homer wie 68 : 32, bei Vergil wie 40 : 60. Klopstock steht im Messias n\u00e4her zu Homer als zu Vergil (61 : 39). Voss&#8216; Homer (60 : 40) unterscheidet sich von Klopstock wieder dur durch das bessere Material, die echten Troch\u00e4en und Daktylen, d.h. nur durch die Qualit\u00e4t der Versf\u00fc\u00dfe, nicht durch die Quamtit\u00e4t; in der Luise ist der Verh\u00e4ltnis gar 65 : 35. Bei Goethe dagegen \u00fcberwiegen nicht wie bei Homer, Klopstock und Voss die Daktylen, sondern es zeigt sich ein Zunahme der zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfe, die den dreisilbigen an Zahl nicht blo\u00df gleichkommen, sondern sogar ein leises \u00dcbergewicht erhalten. Im Reineke Fuchs wenigstens ist das Verh\u00e4ltnis 49 : 51, in Hermann und Dorothea umgekehrt 51 : 49. Goethes Hexameter halten also die Mitte zwischen Homer, wo die dreisilbigen, und zwischen Vergil, wo die\u00a0 zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfe \u00fcberwiegen. F\u00fcr die harmonische Natur des Dichters ebenso wie f\u00fcr die ruhige epische Haltung seines Gedichts ist das m\u00fchelos behauptete Gleichgewicht sehr bezeichnend.<\/p>\n<p>Die Proben einer Homer\u00fcbersetzung von F. A. Wolf in seinen Analekten zeigt wieder den Einfluss des homerischen Verses in den \u00fcberwiegenden Daktylen (69 : 31). Die antikisierenden Metriker, A. W. Schlegel in seiner Herabkunft der G\u00f6ttin Ganges und Platen, haben den Prozentsatz noch ein wenig erh\u00f6ht. Das Verh\u00e4ltnis 70 : 30 bildet ungef\u00e4hr die Grenze f\u00fcr die Versuche, den Daktylus im deutschen Hexameter zur Geltung zu bringen.<\/p>\n<p>Betrachtet man den einzelnen Vers, so kommen Verse mit \u00fcberwiegend spondeischen F\u00fc\u00dfen bei Homer im Verh\u00e4ltnis 7 (spondeisch) : 61 (daktylisch) : 32 (gleichm\u00e4\u00dfige Verteilung) vor; im Lateinischen 40 : 20 : 40. Bei Klopstock 13 : 47 : 40; in Voss&#8216; Homer fast ebenso wie bei Klopstock 12 : 44 : 44, aber in der Liuse dem Homer \u00e4hnlicher 6 : 57 : 37. Goethe aber entfern sich im Reineke Fuchs auch hier von dem bei Homer, Klopstock und Voss ziemlich \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnis und n\u00e4hert sich dem lateinischen Vers durch das \u00dcberwiegen von Versen mit spondeischem Rhythmus im Verh\u00e4ltnis von 32 : 24 : 44. In Hermann und Dorothea stellt sich wiederum das harmonische Gleichgewicht her (27 : 28 : 45).<\/p>\n<p>Betrachten wir die einzelnen Versf\u00fc\u00dfe, so ist das Verh\u00e4ltnis der Daktylen zu den Spondeen im ersten Fu\u00df bei Vergil als dem mittleren Repr\u00e4sentanten des lateinischen Verses 40 : 60. aber bei Klopstock 52 : 48; in Voss Homer 54 : 46, in seiner Luise 59 : 41. Bei Goethe dagegen macht sich das \u00dcberwiegen des Spondeus im ersten Fu\u00df noch noch mehr als im lateinischen Vers schon im Reineke Fuchs geltend (32 : 68), und es tritt noch st\u00e4rker in Hermann und Dorothea hervor (27 : 73). A. W. Schlegel bevorzugt in seiner Herabkunft wieder die Daktylen im ersten Fu\u00df.<\/p>\n<p>Im zweiten Fu\u00df bei Vergil 46 : 54, also \u00dcberwiegen des Spondeus. Aber bei Klopstock wiederum 71 : 29; in Voss&#8216; Homer 65 : 35, in der Luise sogar 73 : 27; und auch bei Goethe im Reineke Fuchs fast wie bei Klopstock 77 : 23, in Hermann und Dorothea sogar 80 : 20. Im allgemeinen ist also der Daktylus an dieser Stelle im Deutschen am h\u00e4ufigsten. Die richtige Erkl\u00e4rung hat schon G\u00f6tzinger gegeben: im dritten Fu\u00df steht meist die Z\u00e4sur, die den fallenden, daktylischen Charakter des Verses doch nicht hervortreten l\u00e4sst: denn es entsteht, entweder so\u00a0\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> | v v\u00a0 &#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span>\u00a0<\/span> oder so\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span>\u00a0 v\u00a0 | v\u00a0 &#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span> immer steigender Rhythmus; der daktylische Charakter des Verses kann sich also vor der Z\u00e4sur am leichtesten im zweiten, wie nach der Z\u00e4sur im f\u00fcnften Fu\u00df auspr\u00e4gen. Der zweite Fu\u00df ist also \u00f6fter ein Daktylus als der erste.<\/p>\n<p>Im dritten Fu\u00df bei Vergil 40 Daktylen auf 60 Spondeen. Wiederum anders bei Klopstock 72 : 28; in Voss&#8216; Homer 69 : 31, Luise 65 : 35. Dagegen bei Goethe Ann\u00e4hrung an den lateinischen Hexameter schon im Reineke Fuchs 55 : 45, und noch mehr in Hermann und Dorothea, wo also der Spondeus um ebensoviel \u00fcberwiegt, wie er im Reineke Fuchs hinter den Daktylus zur\u00fcckbleibt. Der dritte Fu\u00df ist also weniger oft daktylisch als der zweite, aber h\u00e4ufiger als der vierte Fu\u00df.<\/p>\n<p>Im vierten Fu\u00df bei Vergil 29 : 71, also weitaus \u00fcberwiegender Spondeus. Auch bei Klopstock hat er noch ein leises \u00dcbergewicht 48 : 52; in Voss&#8216; Homer zwar noch 51 : 49, aber in der Luise 63 : 27, also weitaus \u00fcberwiegende Daktylen. Goethe steht Klopstock und dem lateinischen Vers n\u00e4her, im Reineke Fuchs fast wie bei Vergil 31 : 69, in Hermann und Dorothea immer noch 42 : 58. Bei den Lehrlingen der Griechen dagegen, bei A. W. Schlegel und Platen, ist umgekehrt gerade der Daktylus an dieser Stelle beliebt.<\/p>\n<p>Also: Klopstock bevorzugt, wie auch Homer, in den ersten drei F\u00fc\u00dfen den Daktylus, im vierten aber gibt er, in viel h\u00f6herem Grade als Vergil, dem Spondeus den Vorzug; sein Vers steht hier wie sonst dem homerischen Hexameter n\u00e4her als dem vergilischen. Der Vers in Vossens Homer ist in diesem Punkt nur wenig von dem klopstockischen unterschieden, wenn er auch sonst aus besserem Material besteht; der Vers der Luise dagegen ist zwar auch noch mit dem homerischen verwandt, aber er entfernt sich doch weiter von ihm als der der Homer\u00fcbersetzung. Goethe endlich gibt den Daktylen wie Klopstock und der \u00dcbersetzer des Homer im zweiten und dritten Fu\u00df den Vorzug, h\u00e4lt aber durch die Bevorzugung des Spondeus im vierten Fu\u00df zu Vergil und Klopstock gegen\u00fcber Homer und den Sch\u00fclern der Griechen. Ganz neu tritt bei Goethe die Vorliebe f\u00fcr den Spondeus im ersten Fu\u00df hervor; dadurch unterscheidet er sich von allen \u00fcbrigen deutschen Dichtern und steht dem Vergil n\u00e4her als dem Homer. A. W. Schlegel bevorzugt im Gegensatz zu Goethe in in \u00dcbereinstimmung mit Homer den Daktylus gerade im ersten und im vierten Fu\u00dfe; aber den Unterschied zwischen der Anzahl der Daktylen und der Spondeen ist bei ihm in allen Versf\u00fc\u00dfen verschwindend klein, so dass weder Neigung noch Abneigung deitlich hervortritt.<\/p>\n<p>Was endlich den Wechsel von zweisilbigen und dreisilbigen Versf\u00fc\u00dfen in den unmittelbar aufeinanderfolgenden Versf\u00fc\u00dfen betrifft, so macht sich die Neigung zur Abwechslung namentlich im ersten und zweiten Fu\u00df geltend. Selten sind beide F\u00fc\u00dfe Spondeen oder Daktylen; meistens wechseln hier zwei- und dreisilbige F\u00fc\u00dfe ab, und zwar ist der erste Fu\u00df h\u00e4ufiger der Troch\u00e4us, der zweite der Daktylus als umgekehrt. Bei Homer und Vergil, bei Klopstock, Voss und noch mehr bei Goethe l\u00e4sst sich die Neigung zum Wechsel deutlich beobachten.<\/p>\n<p>In dem zweiten und dritten Fu\u00df ist Abwechslung bei Homer, Vergil und Klopstock nicht zu erkennen, wohl aber bei Voss und bei Goethe.<\/p>\n<p>Im dritten und vierten Fu\u00df ist die Wiederholung desselben Versfu\u00dfes bei Homer und Vergil h\u00e4ufiger als der Wechsel. Bei Klopstock und Voss dagegen findet Abwechslung statt. Goethe bevorzugt den Wechsel erst in Hermann und Dorothea, noch nicht im Reineke Fuchs.<\/p>\n<p>Im vierten und f\u00fcnften Fu\u00df kommt Wechsel bei Klopstock vor, der die Spondiaci liebt. Voss dagegen liebt es, hier zwei Daktylen aufeinander folgen zu lassen; zwei Spondeen kommen bei ihm an dieser Stelle noch seltener vor als bei Homer, wenigstens im Versus spondiacus ist also der vierte Fu\u00df immer ein Daktylus. Auch Schlegel und Platen bevorzugen hier nach griechischem Muster zwei Daktylen. Goethe und Schiller dagegen lieben, wie Vergil und Horaz, den Wechsel von Spondeus und Daktylus; bei ihnen dr\u00fcckt sich also in der zweiten H\u00e4lfte (<strong>s d s<\/strong>) der gleichm\u00e4\u00dfig schwankende Charakter des Verses am deutlichsten aus. Goethe liebt auch in der ersten H\u00e4lfte die Abwechslung. Seine Lieblingsformen sind <strong>s d s s d s<\/strong>, <strong>s d d s d s<\/strong>, <strong>s d s d d s<\/strong>, also ein deutliches Auf- und Abwogen, wie es Schiller vom Hexameter verlangt.<\/p>\n<p>Im ganzen gestattet der Hexameter eine f\u00fcnfmalige Abwechslung von zwei- und dreisilbigen Versf\u00fc\u00dfen. Blo\u00df einmaliger Wechsel (<strong>d d d d d s<\/strong>) kommt\u00a0 bei Homer vor in 18%, in Vossens Luise in 11%, Klopstock 10%, Vossens Odyssee 9%, im Reineke Fuchs 4%, Hermann und Dorothea 3%, noch seltener bei Vergil und Horaz vor. F\u00fcnfmaliger (<strong>d s d s d s<\/strong>) am h\u00e4ufigsten in Vossens Odyssee 11%, bei Vergil 11%, Klopstock 8%, in der Luise 7%, im Reineke Fuchs 4,5%, in Hermann und Dorothea 3%. Viermaliger (<strong>s d s d d s<\/strong>): am h\u00e4ufigsten (13%) in Goethes Hermann und Dorothea, beg\u00fcnstigt durch die Vorliebe f\u00fcr spondeischen Eingang, f\u00fcr wechselnde Versf\u00fc\u00dfe und f\u00fcr Daktylen im f\u00fcnften Fu\u00df; dann in Vossens Luise 11%, im Reineke Fuchs 8%, in Vossens Odyssee 8%, bei Klopstock 6%, Horaz 5,5%, Vergil 4%, Homer 3%.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis der Versf\u00fc\u00dfe \u00dcber das Verh\u00e4ltnis der zweisilbigen zu den dreisilbigen Verf\u00fc\u00dfen im griechischen, lateinischen und deutschen Hexameter liegen uns ausgezeichnete statistische Beobachtungen vor, die Drobisch und an ihn anschlie\u00dfend G\u00f6tzinger angestellt haben. Sie ziehen von jedem Dichter je 1000 Verse in Betracht und scheiden die Spondiaci von vornherein aus. 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