{"id":4397,"date":"2015-05-09T14:12:02","date_gmt":"2015-05-09T12:12:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4397"},"modified":"2015-05-09T14:12:02","modified_gmt":"2015-05-09T12:12:02","slug":"die-taktdauer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4397","title":{"rendered":"Die Taktdauer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Taktdauer im Hexameter<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Taktdauer in dem Hexameter eine gewisse Ber\u00fccksichtigung fordert, w\u00e4re wahrscheinlich von niemandem in Abrede gestellt worden, wenn man nicht Taktdauer und nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t auch hier miteinander verwechselt h\u00e4tte. Die geringste Aufmerksamkeit bei dem Vortrage kann jeden lehren, dass man Hexameter taktfester als etwa Iamben liest und dass man unwillk\u00fcrlich bereit ist, die Ungleichheiten der Taktdauer auszugleichen. In dem folgenden Hexameter Goethes:<\/p>\n<p>Silber <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> grau be <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> zeichnet dir <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> heute der <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Schnee nun den <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Gipfel<\/p>\n<p>dehnt man die ersten zweisilbigen Takte ebenso, wie man sp\u00e4ter die dreisilbigen befl\u00fcgelt; w\u00e4hrend es auch dem unreifsten Sch\u00fcler nicht einfallen wird, un dem Vers<\/p>\n<p>D\u00e9r Jahr <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> h\u00fander <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> t\u00e9 ge <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> s\u00e9hen<\/p>\n<p>die Taktdauer von<em> te ge<\/em> mit der des vorhergehenden Takts <em>hundert<\/em> in \u00dcbereinstimmung bringen zu wollen. Und f\u00fcr niemanden wird es zweifelhaft sein, dass der goethische Hexameter auf den Herzog von Braunschweig<\/p>\n<p>Sei dann <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> h\u00fclfreich dem <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Volke, wie du es Sterblicher wolltest<\/p>\n<p>in der Umarbeitung gewonnen hat:<\/p>\n<p>H\u00fclfreich <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> werde dem <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Volke! so wie du ein Sterblicher wolltest<\/p>\n<p>Eine andere Frage ist aber, ob die Taktdauer durch die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t der Silben sichergstellt werden kann; und das muss ich allerdings verneinen. Die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t unserer Silben ist so wenig fest und konstant, dass sie die Taktdauer nicht zu sichern vermag. Je mehr oder weniger eine Silbe zur Deutlichkeit gebracht werden muss, je st\u00e4rker oder schw\u00e4cher sie betont ist, um so l\u00e4nger oder k\u00fcrzer wird sie gehalten; viel gebrauchte Komposita haben eine andere Quantit\u00e4t des Grundwortes als selten gebrauchte oder gar neu gebildete, und auch die Quantit\u00e4t desselben Kompositums ist in Bezug auf das Grundwort verschieden, je nachdem es dem Sprechenden und den Zuh\u00f6rern mehr oder weniger gel\u00e4ufig ist.<\/p>\n<p>Bei Parallelismus kann oft ein zweisilbiges Wort unbetont bleiben und es verliert dann auch an Quantit\u00e4t:<\/p>\n<p>He\u00ed\u00dfe Mag\u00edster, hei\u00dfe D\u00f3ktor g\u00e1r<\/p>\n<p>bei regelm\u00e4\u00dfigem Wechsel von Hebung und Senkung k\u00f6nnte es nat\u00fcrlich auch hei\u00dfen:<\/p>\n<p>He\u00ed\u00dfe Me\u00edster, he\u00ed\u00dfe D\u00f3ktor g\u00e1r<\/p>\n<p>und dasselbe Wort, das im ersten Fall nicht einmal die ganze Senkung ausf\u00fcllt, f\u00fcllt hier einen ganzen Takt.<\/p>\n<p>In den Volksr\u00e4tseln und Aufz\u00e4hlspr\u00fcchen ist es eine h\u00e4ufig vorkommende Erscheinung, dass W\u00f6rter, die im ersten Vers einen ganzen Takt f\u00fcllen, bei der Wiederholung nur einen halben Takt f\u00fcllen:<\/p>\n<p>\u00danse D\u00edcke D\u00famm\u00e8<br \/>\nGeht im Finstern umme<br \/>\nOhne Stock und ohne Licht<br \/>\n\u00danse Dicke D\u00famme f\u00e9rcht sich n\u00edcht<\/p>\n<p>Die bei der Wiederholung schw\u00e4cher betonte Verbindung verliert also die H\u00e4lfte von ihrer Quantit\u00e4t.<\/p>\n<p>Als Schiller den Vers der Elegie<\/p>\n<p>Lange <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Jahre, Jahr <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> hunderte <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> lang mag die Mumie dauern<\/p>\n<p>auf Humboldts Tadel in<\/p>\n<p>Jahre lang <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> mag, Jahr<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> hunderte <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> lang die Mumie dauern<\/p>\n<p>umschrieb, hat er eine \u00fcberfl\u00fcssige und sogar schlechte Arbeit gemacht. Denn <em>lange Jahre,<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> Jahrhunderte<\/em> ist gar nicht zu beachstanden, weil in der Steigerung <em>Jahre, Jahr <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> hunderte<\/em> das wiederhote <em>Jahr-<\/em> zwischen zwei starken Akzenten und unmittelbar vor dem st\u00e4rkeren Akzent auf <em>hund-<\/em> den Ton so ganz verliert, dass durch auch die Quantit\u00e4t beeintr\u00e4chtigt wird; wie das zweisilbige Wort <em>hei\u00dfe<\/em> in dem Knittelvers aus dem Faust, so verliert auch das einsilbige <em>Jahr<\/em> hier mit dem Akzent an Quantit\u00e4t und bildet als <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <em>Jahre, Jahr<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> einen besseren Takt als Schillers sp\u00e4teres <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <em>mag, Jahr<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span>. Es bleibt eben \u00fcberhaupt ein m\u00fc\u00dfiges Spiel, sich auf die nat\u00fcrliche Prosodie der Silben zu steifen, so lange die Grenze zwischen L\u00e4ngen und K\u00fcrzen nicht fest bestimmt ist.<\/p>\n<p>Ich habe ferner schon gesagt, dass ich an eine gleichm\u00e4\u00dfige Verteilung der Zeitdauer unter die Arsis und Thesis nicht glaube, und mit einer &#8222;verschleifung auf Hebung&#8220; oder &#8222;auf Senkung&#8220; im Hhd. nichts anzufangen wei\u00df. Nicht also, dass im zweisilbigen Versfu\u00df die Arsis eine halbe Note, die Thesis eine Viertelnote oder im dreisilbigen die Arsis und jede der beiden Senkungssilben immer eine Viertelnote darstellen, wird gefordert; sondern die Dauer der Hebung und Senkung ist ebenso weinig fest bestimmt, als die nat\u00fcrliche Prosodie der Silben. Wie in der Musik der ZWeivierteltakt nicht durch ein ganzes St\u00fcck hindurch aus zwei Vierteln oder aus einem Viertel und zwei Achteln bestehen muss, so kann er auch in der rhythmisch weniger vollkommenen Schwesterkunst einmal aus 1\/4 + 1\/4, dann aus 1\/4 + 1\/8 + 1\/8, dann aus drei Triolen, dann aus 3\/8 + 1\/16 + 1\/16 usw. usw. bestehen.<\/p>\n<p>In den bei Arndt beliebten und in den Geisterch\u00f6ren des Faust auch von Goethe angewendeten daktylischen Dipodien wird eine Reihe von Versen, in denen die Daktylen 1\/2 + 1\/8 + 1\/8 vorstellen, durch einen Schluss-Satz abgeschlossen, in dem sie 1\/ 4 + 1\/4 + 1\/4 vorstellen. Man beobachte ich nur einmal beim Lesen und man wird finden, dass man in den Geisterch\u00f6ren des Faust <em>Christ ist erstanden <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> aus der Verwesung Scho\u00df<\/em> als 1\/2 + 1\/8 + 1\/8 liest, w\u00e4hrend der letzte Vers <em>euch ist er <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> da<\/em> 1\/4 + 1\/4 + 1\/4 <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> 1\/2 lautet, trozdem die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t der Viertel eine viel geringere ist als die der Achtel.<\/p>\n<p>Wie verschieden sich die Daktylen auch in der Musik ausdr\u00fccken lassen, davon hat man ein Beispiel an der preu\u00dfischen Volkshymne. Gefordert wird also in der Metrik wie beim musikalischen Vortrag nicht mehr als die gleiche Dauer der Takte, die in der Musik noch genauer eingehalten wird, w\u00e4hrend die Gleichheit der Takte in der Dichtung doch immer nur eine ann\u00e4hrende ist. Denn die vollkommene (objektive) Taktgleichheit d\u00fcrfte auch hier kaum zu erweisen sein und nur experimentelle Untersuchungen mit zuverl\u00e4ssigen Instrumenten k\u00f6nnten uns dar\u00fcber Aufschluss geben, bis zu welchem Grade wir gegen die Verletzung der Taktdauer stumpf sind und wo wir sie umgekehrt als rhythmische St\u00f6rung empfinden.<\/p>\n<p>Dass dem wirklich so ist, ergibt sich schon daraus, dass die Taktdauer \u00fcberhaupt nicht allein von den durch T\u00f6ne angef\u00fcllten Moren, sondern auch von den Pausen (Z\u00e4suren, Versabschnitten, Sinnabschnitten) abh\u00e4ngt und dass sogar ein viersilbiger Versfu\u00df zwar gegen das Schema des Hexameters, aber nicht immer gegen das Geh\u00f6r verst\u00f6\u00dft, wie der ganz tadellose Vers beweist:<\/p>\n<p>Ungerecht bleiben die <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> M\u00e4nner, und die <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Zeiten der Liebe vergehen<\/p>\n<p>Man wird folgerichtig darauf gef\u00fchrt, dass, da ja die Taktdauer etwas blo\u00df Relatives ist, auch solche Verse unanst\u00f6\u00dfig w\u00e4ren, die aus lauter Versf\u00fc\u00dfen der Form <span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> &#8218;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span> oder <span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span class=\"postbody\">\u2014 <\/span><\/span>best\u00fcnden. Und in Bezug auf die Taktdauer w\u00e4re dagegen auch nichts weiter einzuwenden. Zwar hat Voss ein paar abschreckende Beispiele dieser Art gedichtet; aber diese Beispiele sind ganz verschieden ausgefallen und daher auch verschieden zu beurteilen. In<\/p>\n<p>H\u00f6chstdero Vers \u00fcbert\u00e4ubt unser Ohr gegen Zeitma\u00df und Tonma\u00df<\/p>\n<p>sind schwerlich die Takte gleichlang und h\u00f6chstens einzelne F\u00fc\u00dfe zu beanstanden. In<\/p>\n<p>Fre\u00fand, komm heut n\u00e1chmittag h\u00e9r, sieh Herrn Bl\u00e1nchards neu L\u00faftschiff hoch a\u00fafziehn<\/p>\n<p>d\u00fcrfte aber die Quantit\u00e4t \u00fcberhaupt nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen, der Vers ist nur schlecht, weil infolge der schweren Senkungen der Akzent zu wenig heraustritt, weil die Satzakzente nicht stark genug sind, zwei lange Silben von solcher Lautgestalt zu tragen.<\/p>\n<p>Die vielen einsilbigen W\u00f6rter ohne stark ausgesprochenen Satzakzent m\u00fcssen nat\u00fcrlich den Vers schw\u00e4chen; aber es lassen sich wohl mit Hilfe von vielgebrauchten Kompositen und mit Hilfe von Redewendungen wie <em>b\u00f2rgen macht <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> S\u00f2rgen<\/em> oder <em>Gl\u00f9ck braucht er<\/em> Hexameter hestellen, die aus lauter Versf\u00fc\u00dfen von der Form\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>\u00a0 oder\u00a0\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> &#8218;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span> und in Bezug auf die Quantit\u00e4t und auf den Akzent tadellos w\u00e4ren, wenn sie auch den Charakter des Versma\u00dfes verf\u00e4lschten, weil sie es schwerer und schleppender machten. Das ber\u00fcchtigte <em>Holzklotzpflock<\/em> aber taugt aus zwei Gr\u00fcnden nicht in den Hexameter: erstens weil in Folge der schweren Senkungssilben der Akzent nicht genug hervortritt; zweitens weil die Qualit\u00e4t dieser drei Silben eine so starke ist, dass die Verletzung der Taktdauer bei der Abwechslung mit zweisilbigen F\u00fc\u00dfen doch zu auff\u00e4llig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Taktdauer im Hexameter Dass die Taktdauer in dem Hexameter eine gewisse Ber\u00fccksichtigung fordert, w\u00e4re wahrscheinlich von niemandem in Abrede gestellt worden, wenn man nicht Taktdauer und nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t auch hier miteinander verwechselt h\u00e4tte. 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