{"id":4399,"date":"2015-05-09T14:13:18","date_gmt":"2015-05-09T12:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4399"},"modified":"2015-05-09T14:13:18","modified_gmt":"2015-05-09T12:13:18","slug":"hexameter-und-knittel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4399","title":{"rendered":"Hexameter und Knittel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hexameter und Knittelvers<\/strong><\/p>\n<p>Die im Hexameter zu beachtende Taktdauer ist also nicht blo\u00df von der nat\u00fcrlichen Prosodie, sondern auch von anderen Umst\u00e4nden abh\u00e4ngig, welche die Metrik bisher sehr zum Schaden der Sache unber\u00fccksichtigt gelassen hat. Ich habe oben gezeigt, wie die lautliche Beschaffenheit gewisser Hebungen ihre Verk\u00fcrzung gestattet, und wie satzuntert\u00e4nige W\u00f6rter (bei Parallelismus usw.) mit dem Akzent ihre Quantit\u00e4t einb\u00fc\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber noch ein weiteres kommt in Betracht: Das Tempo und die Art des Vortrags. Nicht jede Ver\u00e4nderung der Quantit\u00e4t, die bei raschem und lebhaftem Sprechen m\u00f6glich ist, ist auch bei gleichm\u00e4\u00dfigem ruhigen Vortrag m\u00f6glich; darum steht der Knittelvers trotz Viktor Hehn hier unter anderen Gesetzen als der Hexameter.<\/p>\n<p>Im Hexameter wechseln einsilbige blo\u00df mit zweisilbigen Senkungen ab; im Knittelvers kommen fehlende Senkungen neben einsilbigen, zweisilbigen, dreisilbigen, ja sogar viersilbigen vor. Die Dehnung oder Verk\u00fcrzung der Silben ist darum eine viel gr\u00f6\u00dfere im Knittelvers, sie n\u00e4hert sich hier fast der Prosa; im Hexameter dagegen werden die Silben viel gleichm\u00e4\u00dfiger und ruhiger vorgetragen. Ein Vers wie dieser:<\/p>\n<p>Aber in einem Geb\u00fcsch und in einer vertraulichen Laube<\/p>\n<p>ist zwar kein guter Hexameter, aber immer noch ein Hexameter; in einem Knittelvers dagegen w\u00fcrde man W\u00f6rter wie <em>einem<\/em> und <em>einer<\/em> unbedenklich in die Senkung sto\u00dfen. Umgekehrt w\u00fcrde man ein zweisilbiges, satzuntert\u00e4niges Wort wie <em>hei\u00dfe<\/em> im Hexameter nicht vertragen: <em>hei\u00dfe ma <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> gistr, hei\u00dfe <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Doktor<\/em> w\u00e4re ein schlechter Eingang f\u00fcr einen Hexameter. Dagegen ist <em><span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Ha\u00f9s seines <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> (Vaters)<\/em> wohl ebenso gut im Hexameter wie im Knittelvers zu verwenden, weil das unbetonte seines die L\u00e4nge des Diphthongen fast g\u00e4nzlich eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p>Der Knittelvers gestattet, je nachdem er sich dem regelm\u00e4\u00dfigen Wechsel von Hebung und Senkung n\u00e4hert oder von ihm entfernt, einen gleichm\u00e4\u00dfig ruhigen oder einen sehr lebhaften und raschen Vortrag; er kann sich jeder Stimmung und jedem Gegenstand anschmiegen. Der Hexameter steht dem regelm\u00e4\u00dfigen Wechsel von Hebung und Senkung immer n\u00e4her, er hat einen bestimmter ausgesprochenen rhythmischen Charakter und verlangt bei aller Mannigfaltigkeit doch immer einen gleichm\u00e4\u00dfig ruhigen Vortragm der starke Verk\u00fcrzungen unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Die Aufgabe des Dichters ist es, dem Vortragenden entweder die Einhaltung der Taktdauer durch die nat\u00fcrliche Prosodie der Silben zu erm\u00f6glichen und ihm unm\u00f6gliche Verk\u00fcrzungen zu ersparen, oder ihm die Verk\u00fcrzungder Silben durch den Sinn (Satzuntert\u00e4nigkeit, rascheres Tempo) m\u00f6glich zu machen. Das geh\u00f6rt ebenso gut zur Aufgabe des Dichter, wie es zu den Pfichten eines Textdichters geh\u00f6rt, einem S\u00e4nger in den h\u00f6chsten Noten keinen dunklen und in den tiefsten Noten keinenzu hellen Ton unterzulegen. Das Geh\u00f6r unserer besten Dichter ist dieser Aufgabe auch in den meisten F\u00e4llen gerecht geworden, obwohl, vielleicht auch gerade weil ihnen hier so wenig als beim Knittelvers bestimmte Prinzipien als bewusste Norm vor Augen standen.<\/p>\n<p>Diesen Prinzipien wird die Metrik in Zukunft noch weiter auf die Spur zu kommen trachten m\u00fcssen; denn es geht nicht an, die Aufgabe der Metrik von dem Sinn und von dem Vortrag zu trennen. Auf diese Weise kommt man dahin, den ganz nach dem Geh\u00f6r gebauten Knittelvers, der die feinste metrische Kunst verr\u00e4t, ganz aus der Betrachtung auszuschlie\u00dfen und die bewusste, aber metrisch fragliche Kunst vossischer Hexameter in den Vordergrunf zu schieben.<\/p>\n<p>Wenn man einmal in metrischen Untersuchungen \u00fcber den Hexameter und den Knittelvers auch den satzakzent in Betracht gezogen haben wird, damm wird man auch \u00fcber die M\u00f6glichkeit oder Unm\u00f6glichkeit der Verk\u00fcrzung satzuntert\u00e4niger W\u00f6rter und Silben ein Urteil haben und \u00fcber Taktdauer und Quantit\u00e4t klarer sehen, die man bisher miteinander verwechselt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter und Knittelvers Die im Hexameter zu beachtende Taktdauer ist also nicht blo\u00df von der nat\u00fcrlichen Prosodie, sondern auch von anderen Umst\u00e4nden abh\u00e4ngig, welche die Metrik bisher sehr zum Schaden der Sache unber\u00fccksichtigt gelassen hat. 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