{"id":4401,"date":"2015-05-09T14:14:18","date_gmt":"2015-05-09T12:14:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4401"},"modified":"2015-05-09T14:14:18","modified_gmt":"2015-05-09T12:14:18","slug":"die-trochaeen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4401","title":{"rendered":"Die Troch\u00e4en"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Troch\u00e4en im Hexamter<\/strong><\/p>\n<p>Wenn also die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t der Silben \u00fcber die Taktdauer auch nicht entscheidet, so kann sie doch bei dem gleichm\u00e4\u00dfig ruhigen Tempo des Hexameters, das starken Verk\u00fcrzungen widerstreitet, die Einhaltung der Taktdauer f\u00fcr sich erm\u00f6glichen; das hei\u00dft: als lang zu bezeichnende Senkungen m\u00fcssen nicht durchaus fehlerhaft sein, aber die richtige Quantit\u00e4t der Senkungen kann niemals fehlerhaft sein. Kurze Senkungen, ohne Konsonantenh\u00e4ufung, ohne vollen oder gar langen Vokal und ohne den &#8222;Tiefton&#8220; (der immer die Neigung hat, eine Silbe zu l\u00e4ngen), kurz also reine Daktylen werden dem Vers immer zum Vorteil gereichen. Ebenso wirkliche Spondeen, welche die Dauer eines Taktes ebenso gut ausf\u00fcllen k\u00f6nnen wie die Daktylen.<\/p>\n<p>Damit h\u00e4ngt nun auch die oft er\u00f6rterte Frage zusammen, ob Troch\u00e4en im deutschen Hexameter zul\u00e4ssig sind? Klopstock betrachtete sie sogar als ein Mittel, dem Vers durch gr\u00f6\u00dfere Mannigfaltigkeit eine h\u00f6here Sch\u00f6nheit zu geben. Aber schon Moritz verlangte, dass der Hexameter aus lauter Daktylen besteh, die nur hier und da durch einen Troch\u00e4us unterbrochen w\u00fcrden, denn der Troch\u00e4us mache ihn schleppend. Unsere deutschen Hexameter seit Klopstock aber seien nichts als sechsf\u00fc\u00dfige, mit Daktylen untermischte Troch\u00e4en, keine Hexameter.<\/p>\n<p>Goethe im Reineke Fuchs und auch Schiller in seinen ersten Hexametern k\u00fcmmerten sich gar nicht um die Troch\u00e4en. Namentlich bei Schiller sind ein Troch\u00e4us oder zwei, drei Troch\u00e4en, sogar vier in einem Vers nichts Au\u00dferordentliches, und nur sehr selten besteht ein ganzer Vers aus Daktylen, fast nur bei nachahmender Charakteristik, wie in dem folgenden Vers:<\/p>\n<p>Aber in freieren Schlingen durchkreuzt die geregelten Felder<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter aber ist Goethe zun\u00e4chst durch Vossens Einleitung zu den Georgika von Vergil auf strengere Anforderungen aufmerksam geworden und unter W. von Humboldts, A. W. Schlegels und des j\u00fcngeren Voss Beistand n\u00e4herten sich die beiden weimarischen Dichter den antikisierenden Versk\u00fcnstlern. Trotzdem sind ihre Hexameter auch sp\u00e4ter von Voss, Schlegel und Platen insgeheim und \u00f6ffentlich verspottet worden; Platen hat gegen Hermann und Dorothea das k\u00fcnstliche Distichon gerichtet:<\/p>\n<p>Holpericht ist der Hexameter zwar, doch wird das Gedicht stets<br \/>\nBleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst.<\/p>\n<p>Goethe hat sich zwar noch sp\u00e4ter gegen die Rigororisten in den Versen erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>Allerlieblichste Troch\u00e4en<br \/>\nAus den Zeilen zu vertreiben,<br \/>\nUnd schwerf\u00e4lligste Spondeen<br \/>\nAn die Stelle zu verteilen,<br \/>\nWird mich immerfort verdrie\u00dfen<\/p>\n<p>Aber man vergesse nicht, dass unter den schwerf\u00e4lligsten Spondeen die vossischen zu verstehen sind, die zu den gleichgewogenen streben!<\/p>\n<p>A. W. Schlegel unterschied anfangs den griechischen Vers genau von dem deutschen; unsere Hexameter, meinte er damals, w\u00fcrden den Griechen bei ihrer fl\u00fcchtigeren Sprache fade und matt erscheinen sein; der wahre griechische Hexameter mit seinen Spondeen und Daktylen dagegen w\u00fcrde sich in unserer Sprache nur m\u00fchselig fortschleppen, oder man m\u00fcsste die Daktylen noch mehr suchen als selbst Homer. Sp\u00e4ter wurde auch er Rigorist: er verlangt zuerst in den Charakteristiken die v\u00f6llige Verbannung des Troch\u00e4us; seine Elegie &#8222;Rom&#8220; ist er erste Versuch in troch\u00e4enlosen Distichen.<\/p>\n<p>F. A. Wolf in den Proben einer Odyssee-\u00dcbersetzung und andere \u00dcbersetzer der alten sind ihm darin gefolgt: Gr\u00e4fe als \u00dcbersetzer des Nonnos, Wolf (1813) in der \u00dcbersetzung der ersten horazischen Satire, Falbe in der humanistischen Zeitschrift Athen\u00e4um (1817) in der \u00dcbersetzung der ersten 162 Verse aus der Pharsalia des Lukan. Dann sind Apel als Metriker und Platen als Dichter gegen den Troch\u00e4us aufgetreten, gegenn den sich noch Hamerling und Jordan erkl\u00e4rt haben.<\/p>\n<p>Zwar gegen\u00fcber Paul Heyse, der dem Troch\u00e4us auf dem Umweg durch das patriotische Gef\u00fchl Eingang verschaffen wollte, weil sonst das Wort<em> Vaterland<\/em> nicht in den Vers passe, wendet Hamerling mit Recht ein, man d\u00fcrfe auch aus Patriotismus keine schlechten Verse machen. Aber auch nach seiner Meinung macht der Troch\u00e4us den Vers unsicher und hinkend, er nehme ihm den getragenen, feierlichen und doch anmutigen Gang; Hamerling will noch lieber Daktylen von der Form <span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> &#8218;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span> oder\u00a0\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">&#8222;<span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span> gelten lassen als Troch\u00e4en, das hei\u00dft starke Verk\u00fcrzungen lieber als Dehnungen.<\/p>\n<p>So kurzer Hand, indem man den Troch\u00e4en in Bausch und Bogen entweder die T\u00fcre \u00f6ffnet oder die T\u00fcre weist, ist die Frage schon deshalb nicht zu erledigen, weil niemand sagen kann, wo der Spondeus aufh\u00f6rt und der Troch\u00e4us anf\u00e4ngt. Es ist f\u00fcr uns kein Zweifel, dass die deutschen Hexameter wie die deutsche Sprache \u00fcberhaupt weil mehr Spondeen enthalten, als Voss und seine Schule glaubten, weil sie nach &#8222;gleichgewogenen&#8220; Spondeen suchten.<\/p>\n<p>Ein konstantes Verh\u00e4ltnis zwischen L\u00e4nge und K\u00fcrze besteht meiner Meinung nach werder in dem troch\u00e4ischen Wortfu\u00df (in <em>guter<\/em> ist die erste Silbe weit l\u00e4nger als in dem schw\u00e4cher betonten unbestimmten Artikel <em>eines<\/em>) noch in dem troch\u00e4ischen Versfu\u00df. Auch hier handelt es sich blo\u00df darum, dass die geforderte Taktdauer m\u00f6glichst genau eingehalten wird. Das kann geschehen entweder durch eine dehnbare Hebung; betonte Silben k\u00f6nnen physisch zwar immer gedehnt werden, aber bei unbedeutenden oder satzuntert\u00e4nigen W\u00f6rtern w\u00e4re die Dehnung aus logischen Gr\u00fcnden unertr\u00e4glich: ein Versfu\u00df einen wird sich im Hexameter immer \u00fcbel genug ausnehmen, weil der unbestimmte Artikel wohl die K\u00fcrzung, aber nicht die Dehnung des Vokals vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Oder es kann geschehen durch eine dehnbare Senkung: das hei\u00dft durch eine Senkungssilbe, die durch vollen Vokal oder durch starke Konsonanz (auch der folgende anlaut spielt hier eine Rolle) die Dauer des Taktes ausf\u00fcllt; die Aufstellung Hamerlings, dass <em>liebes (Kind)<\/em> ein besserer Versfu\u00df ist als <em>liebe (Tat)<\/em>, wegen der st\u00e4rkeren Konsonanz, duldet keinen Widerspruch.<\/p>\n<p>Es kann aber der der Taktdauer endlich auch dadurch gen\u00fcgt werden, dass eine kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Pause (Z\u00e4sur) den Takt f\u00fcllen hilft, und darum kommt au\u00dfer der nat\u00fcrlichen Prosodie auch die Z\u00e4sur in Betracht; ja auch Troch\u00e4en, die aus einem einzelnen Wortfu\u00df bestehen, werden st\u00f6render empfunden als Troch\u00e4en, die verschiedenen Wortf\u00fc\u00dfen angeh\u00f6ren und also durch ein zwar sehr kleines, aber eben doch durch ein Intervall getrennt sind.<\/p>\n<p>Hat man auf diese Weise jene Engherzigkeit verbannt, die den Rigoristen eigen war; hat man die schweren Troch\u00e4en als Spondeen, wenn auch gl\u00fccklicherweise nicht als gleichgewogene, erkannt; hat man dann endlich das oberste Gesetz der ann\u00e4hrend gleichen Taktdauer \u00fcber das untergeordnete, die L\u00e4nge oder die K\u00fcrze der Hebung oder der Senkung, gestellt: dann wird man sich der Erkenntnis nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen, dass die wahren und wirklichen Troch\u00e4en, die \u00fcbrig bleiben, in dem Verse keinen Platz haben. Ein Vers wie der:<\/p>\n<p>Aber in <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> einer <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> von den <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> besten und gl\u00fccklichsten Stunden<\/p>\n<p>oder wie der<\/p>\n<p>Dass du der <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Fehler <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> schlimmsten, die <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Mittel <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> m\u00e4\u00dfigkeit, meidest<\/p>\n<p>ist einfach schlecht, weil <em>einer<\/em> und <em>von den<\/em> unm\u00f6gliche Versf\u00fc\u00dfe sind.<\/p>\n<p>Ebenso h\u00f6rt jeder, dass die erste H\u00e4lfte des Pentameters <em>meinen ge <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> \u00e4ngstigten <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Schritt<\/em> besser ist als <em>meinen <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> angstvollen <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Schritt<\/em>, wo man, um hzwischen den so ungleichen Takten wenigstens einigerma\u00dfen auszugleichen, das schwachbetonte <em>meinen<\/em> unwillk\u00fcrlich dehnt und das schwere <em>angstvollen<\/em> ebenso ungeb\u00fchrlich verk\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Es ist also kein leerer Wahn, wenn sich der Dichter den Grundsatz vor Augen h\u00e4lt: bei zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfen nach m\u00f6glichst langen, bei dreisilbigen nach m\u00f6glichst kurzen Senkungen zu trachten. Bewusst oder unbewusst haben das auch alle unsre Dichter getan; und wer nicht die vossischen &#8222;Gleichgewogenen&#8220; Spondeen sucht, der wird in Goethes Reineke Fuchs mehr lange Senkungen finden, als er glaubt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Troch\u00e4en im Hexamter Wenn also die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t der Silben \u00fcber die Taktdauer auch nicht entscheidet, so kann sie doch bei dem gleichm\u00e4\u00dfig ruhigen Tempo des Hexameters, das starken Verk\u00fcrzungen widerstreitet, die Einhaltung der Taktdauer f\u00fcr sich erm\u00f6glichen; das hei\u00dft: als lang zu bezeichnende Senkungen m\u00fcssen nicht durchaus fehlerhaft sein, aber die richtige Quantit\u00e4t&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4401\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Troch\u00e4en<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":4251,"menu_order":9,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4401","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4401"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4402,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4401\/revisions\/4402"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4251"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}