{"id":4405,"date":"2015-05-09T14:17:46","date_gmt":"2015-05-09T12:17:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4405"},"modified":"2019-09-12T21:38:12","modified_gmt":"2019-09-12T20:38:12","slug":"geschichte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4405","title":{"rendered":"Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Geschichte des deutschen Hexameters<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte des deutschen Hexameters haben Wackernagel und Weichelt geschrieben. Die \u00e4ltesten geh\u00f6ren dem Mittelalter an und sind den gereimten lateinischen Hexametern (leonischen Hexametern), in denen Z\u00e4sur und Versschluss reimen, nachgebildet. Sie werden zuerst in \u00dcbersetzungen aus dem Lateinischen, dann in Haushaltungsregeln, Vocabularien und dergleichen angewendet und mischen meistens lateinische W\u00f6rter unter die deutschen. Der nat\u00fcrliche Akzent wird beachtet, nicht aber die nat\u00fcrliche Quantit\u00e4t, trotzdem die damals noch kurzen Stammvokale die Nachbildung der antiken K\u00fcrzen in der Senkung erleichtert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Nach hundertj\u00e4hriger Pause unternimmt es der Humanismus unter schwierigen Verh\u00e4ltnissen (die betonten Stammsilben waren inzwischen lang geworden), Hexameter nach antiken Grunds\u00e4tzen, das hei\u00dft mit Ber\u00fccksichtigung der nat\u00fcrlichen Quantit\u00e4t bis auf die Position und ohne R\u00fccksicht auf den nat\u00fcrlichen Akzent zu bauen. Konrad Gessners schwerf\u00e4llige Hexameter (1555) bestehen aus lauter Spondeen au\u00dfer einem Daktylus im f\u00fcnften Fu\u00dfe und beobachten die Quantit\u00e4t bis auf die Position; Fischardts Hexameter streben nach daktylischem Rhythmus und nehmen die Quantit\u00e4t einmal leichter, dann wieder schwerer.<\/p>\n<p>Wie fr\u00fcher in der lateinisch-deutschen Mischpoesie wird der Hexameter jetzt in der makaronischen Poesie verwendet. Sowohl der Grammatiker Clajus (1578) als Eisenbeck in seiner Bearbeitung des CIV. Psalms (1617) bleiben der Quantit\u00e4t treu und man begreift, dass die Poetiken des XVII. Jahrhunderts von solchen, den Akzent vergewaltigenden Versen nichts wissen wollten. Die Versuche blieben vereinzelt und ohne Folge: fast jeder dieser Dichter h\u00e4lt sich f\u00fcr den Erfinder der Hexameter, er wei\u00df nichts von seinen Vorg\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Im opitzischen Zeitalter trat auch hier der nat\u00fcrliche Akzent wieder in seine Rechte; auf ihn hat zuerst Birken in seiner <em>Rede- Bind- und Dichtkunst<\/em> (1679) in der \u00dcbersetzung eines lateinischen Hexameters R\u00fccksicht genommen. W\u00e4hrend aber Schottel und Morhof solche Verse als Zwang wider die &#8222;Eigenschaft&#8220; der Sprache betrachten (wobei sie offenbar an die &#8222;quantitierenden&#8220; Versuche des XVI. Jahrhunderts denken), spotten Weise und Hunold \u00fcber die m\u00fchelose Kunst solcher Verse. Erst der Hofdichter Her\u00e4us hat es gewagt, in einer Elegie auf die Geburtstagsfeier Karls VI. (1713) das antike Distichon, also zugleich den Hexameter und den Pentameter, in einer ernsten Dichtung bei feierlicher Gegelgenheit anzuwenden. Aber auch er, so gut wie Birken, Weise und Hunold, glaubt dem antiken Versma\u00df den Schmuck des Reimes nicht vorenthalten zu d\u00fcrfen, ohne den damals noch immer eine Dichtung aufh\u00f6rte, ein Gedicht zu sein.<\/p>\n<p>Ungereimte Verse hat bekanntlich anfangs auch Gottsched in seiner <em>Kritischen Dichtkunst<\/em> beg\u00fcnstigt; unter den reimlosen Metren, die er in der zweiten Auflage (1737) zur Nachahmung empfiehlt, ist auch der Hexameter, in dem er den Eingang der Ilias \u00fcbersetzt. Bald darauf ist Uz in dem Streben, die antike Quantit\u00e4t bis auf die Position zu beobachten, ganz unbewusst auf den Hexameter mit Auftakt gef\u00fchrt worden, indem er je zwei Iamben (eigentlich aufsteigende Spondeen) mit einem reinen Anap\u00e4st zweimal abwechslen lie\u00df: das ist der erste Vers seiner <em>Fr\u00fchlingsode<\/em> (Schwabes Belustigungen 1743):<\/p>\n<p>Ich will, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> vom Wei <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> ne berauscht, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> die Lust <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> der Er <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> de besingen<\/p>\n<p>Uz scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass er hier einen Hexameter gebaut habe; sein Freund Gleim ist erst sechs Jahre sp\u00e4ter zuf\u00e4llig darauf aufmerksam geworden. Dass der uzische Vers gleich eine so starke Nachfolge fand, liegt aber nicht in seinem Zusammenhang mit dem Hexameter, sondern in seinem Zusammenhang mit dem Alexandriner begr\u00fcndet: man konnte ihn ebensogut als einen Alexandriner mit Anap\u00e4sten im dritten und im sechsten Fu\u00df betrachten, wie ja sogar zwischen dem echten Hexameter ohne Auftakt und dem Alexandriner \u00dcberg\u00e4nge m\u00f6glich sind, vergleiche den Vers aus dem <em>Faust<\/em>:<\/p>\n<p>Trau nur dem<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> alten <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Spruch und<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> meiner <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Muhme der <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Schlange<\/p>\n<p>Nicht in der Theorie, wohl aber in der Praxis bildet also der uzische Vers den \u00dcbergang vom Alexandriner zum Hexameter. Denn an ihn kn\u00fcpft, wiederum unbewusst, E. von Kleist in seinem <em>Fr\u00fchling<\/em> an, dessen Hexameter mit Vorschlagsilbe mit dem uzischen Vers, wie schon die Zeitgenossen erkannt haben, so oft (ungef\u00e4hr 340 mal unter 540 Versen) zusammentrifft, dass die Abh\u00e4ngigkeit kaum bezweifelt werden kann.<\/p>\n<p>Der Hexameter mit Auftakt ist im Deutschen wegen des im Satz vorherrschenden iambischen Rhythmus viel leichter zu haben als der eigentliche Hexameter; man darf aber nicht \u00fcbersehen, dass bei freiem Enjambement durch das Zusammentreffen zweier Senkungen im Versschluss und im Versanfang der sonst regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrende zweisilbige Takt fehlt, dass also die Integrit\u00e4t des Verses nur durch einen Sinnabschnitt gesichert werden kann.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr gleichzeitig mit Uz&#8216; <em>Fr\u00fchlingsode<\/em> korrespondierten auch K\u00f6nig und Bodmer miteinander \u00fcber die M\u00f6glichkeit deutscher Hexameter. Nach Cramer h\u00e4tte Klopstock blo\u00df Gessners und Her\u00e4us&#8216; Versuche gekannt, als er sich, bekanntlich erst in Leipzig, also unter Gottscheds Augen, entschloss, den <em>Messias<\/em> in Hexametern zu dichten, die er immer als &#8222;das neue Sibenma\u00df&#8220; bezeichnet. Klopstock hat den Verdienst, den spielenden Versuchen ein Ende gemacht und den Vers f\u00fcr unsere Dichtung dauernd gewonnen zu haben, indem er ihn in einem gro\u00dfen Werk zur Anwendung brachte.<\/p>\n<p>\u00dcber den klopstockischen Vers haben Strauss, Hamel, Munker und M. Ettlinger Untersuchungen angestellt. Durch Klopstock sind auch die holprigen Z\u00fcrcher Hexameter Bodmers und der \u00fcbrigen Patriachadendichter angeregt; Bodmer ist auch der erste, der den Hexameter im Drama zur Anwendung gebracht hat und zwar nur einmal, in den aus Epen hervorgegangenen biblischen Schauspielen <em>Der erkannte Josef<\/em> und <em>Der keusche Josef<\/em> (1754); sp\u00e4ter (1772) ist ihm der Wiener Dramatiker Weidmann in seiner <em>Merope<\/em> mit &#8222;leichtflie\u00dfenden Hexametern&#8220; gefolgt.<\/p>\n<p>Nach Klopstocks auftreten bedauerte Gottsched in den sp\u00e4teren Auflagen der <em>Kritischen Dichtkunst<\/em>, den Hexameter empfohlen zu haben, der bei den Deutschen so rau und hart kl\u00e4nge; sp\u00e4ter empfahl er wiederum den Hexameter zu reimen und er gab selbst die Probe einer \u00dcbersetzung der <em>Aeneide<\/em> in gereimten Hexametern. Die Z\u00fcrcher Hexameter nahmen Lessing gegen den deutschen Hexameter \u00fcberhaupt ein: er mochte dieses Versma\u00dfes wegen die G\u00f6tzische <em>M\u00e4dcheninsel<\/em> nicht leiden und spottete gelegentlich, dass ihn bei Mangel an Zeit, seine Briefe in Prosa abzufassen, zuweilen die Lust anwandle, sie in Hexametern zu schreiben.<\/p>\n<p>Friedrich der Gro\u00dfe war es, der in seiner Schrift \u00fcber die deutsche Literatur die Versart der g\u00f6tzischen <em>M\u00e4dcheninsel<\/em> f\u00fcr die unserem Idiom an meisten entsprechende und namentlich dem gereimten Vers weit vorzuziehende erkl\u00e4rte. Sind Goethes Versuche (seit 1781) wirklich auf diese Anregung, und nicht vielmehr auf Toblers und Herders Nachbildungen von Gedichten der <em>griechischen Anthologie<\/em> zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/p>\n<p>Seit Vossens Odyssee und den epischen und elegischen Dichtungen Goethes und Schillers bildet der Hexameter einen unverlierbaren Besitz unserer Dichtung, den uns weder mehr die engherzigen Anforderungen der Vertreter der strikten Observanz (Voss, A. W. Schlegel, Wolf), noch die Angriffe der Anh\u00e4nger der nationalen Metrik haben entwenden k\u00f6nnen, die schon 1820 in Wachters <em>Dialogen teutonischer J\u00fcnglinge und Jungfrauen<\/em> \u00fcber die &#8222;Unanwendbarkeit des Hexameters und der ihm verwandten Versarten in der deutschen Sprache&#8220; (Jena) ihren Anfang nehmen und einem \u00dcbersetzer Homers die Nibelungenstrophe empfehlen, w\u00e4hrend acht Jahre vorher Bothe die <em>Nibelungen<\/em> in Hexameter \u00fcbersetzt hatte.<\/p>\n<p>Der Hexameter wird in XIX. Jahrhundert nicht blo\u00df von Kunstdichtern wie Pyrker, Hamerling und anderen gebraucht, sondern auch von Dialektdichtern wie Hebel, Groth, Stelzhamer, Misson, Rosegger, Nagl; doch hat schon vor Klopstock auch Donalitius seine litauischen Idyllen in Hexametern gedichtet. Schon daraus ergibt sich, dass er kein unvolkst\u00fcmliches Versma\u00df ist.<\/p>\n<p>Das man Hexameter blo\u00df nach dem Geh\u00f6r, ohne Kenntnis des antiken Schemas bauen kann, daf\u00fcr gibt uns Bissing im Leben der Dichterin Imhoff-Helwig ein wertvolles Zeugnis. Diese hatte in ihren <em>Schwestern von Lesbos<\/em> Hexameter geschrieben, ohne zu wissen, was ein Hexameter ist; Goethe sagte: &#8222;Ich verstehe; das Kind hat die Hexameter gemacht, wie der Rosenstock die Rosen tr\u00e4gt!&#8220; Und in Bierbaums <em>Irrgarten der Liebe<\/em> (1901, S. 36) haben auch moderne Leser an Distichen, die sich in Form der vierzeiligen Strophe vorstellen, sicher keinen Ansto\u00df genommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichte des deutschen Hexameters Die Geschichte des deutschen Hexameters haben Wackernagel und Weichelt geschrieben. Die \u00e4ltesten geh\u00f6ren dem Mittelalter an und sind den gereimten lateinischen Hexametern (leonischen Hexametern), in denen Z\u00e4sur und Versschluss reimen, nachgebildet. 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