{"id":4459,"date":"2015-05-22T12:14:34","date_gmt":"2015-05-22T10:14:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4459"},"modified":"2020-02-04T22:32:15","modified_gmt":"2020-02-04T21:32:15","slug":"die-zehn-tugenden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4459","title":{"rendered":"Die zehn Tugenden"},"content":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/worum-es-geht\/gesammeltes\/ueber-hexameter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00dcber Hexameter<\/a>, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind.<\/p>\n<p>Die eigentlich auf den antiken Hexameter bezogenen &#8222;zehn Tugenden&#8220; sind verschiedentlich erw\u00e4hnt; ich gebe zwei Texte dazu, einen knappen, eher aufz\u00e4hlenden und einen etwas ausf\u00fchrlicheren (der die Grundlage des ersten ist).<\/p>\n<p><em>Aus: Friedrich Schmitthenner: <strong>Teutonia<\/strong>. Ausf\u00fchrliche teutsche Sprachlehre, nach neuer wissenschaftlicher Begr\u00fcndung (S. 211).<\/em><\/p>\n<p>Die Grammatiker nennen noch zehn Tugenden der daktylischen Sechsf\u00fc\u00dfer. Nach diesen Tugenden hei\u00dfen dieselben<\/p>\n<p><strong>Unverst\u00fcmmelt<\/strong>, wenn keine W\u00f6rter darinnen des Metrums halber zusammengezogen, wie <em>froh&#8217;s<\/em>, oder erweitert, wie <em>Adelers<\/em>, sind.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Ganzen<\/strong> (ungeheftet), wenn sie, ohne Bindew\u00f6rter, blo\u00df aus Hauptwortarten bestehen, wie:<\/p>\n<p><em>Schicksalvoller Gestirnlaufbahn allfassender Umkreis<\/em><\/p>\n<p><strong>Einfach<\/strong>, wenn sie keine zusammengesetzen W\u00f6rter enthalten, wie:<\/p>\n<p><em>Stimme von Gott, wie Donner und Sturm, und Ges\u00e4usel des Fr\u00fchlings<\/em> (Vo\u00df)<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfgliedrig<\/strong>, wenn sie aus f\u00fcnf Wortf\u00fc\u00dfen bestehen, zum Beispiel:<\/p>\n<p><em>\u00d6des Gebirgwaldschloss, melancholischer Eulen Behausung.<\/em><\/p>\n<p><strong>Nach F\u00fc\u00dfen gegliedert<\/strong>, wenn jeder Fu\u00df von einem besonderen Redeteil gegliedert wird.<\/p>\n<p><strong>Anschwellend<\/strong>, wenn sie, von einem einsilbigen Worte anfangend, zu solchen mit immer mehr Silben fortschreiten. Man nennt solche Verse der \u00c4hnlichkeit wegen, die sie mit einer Keule haben, auch Keulenverse (versus rhopalici), zum Beispiel:<\/p>\n<p><em>Weit, bahnlos, ausschweifet verheerende Wasserbeflutung<\/em><\/p>\n<p><strong>Antwortend<\/strong>, wenn der zweite Abschnitt mit dem ersten in Sinn und Wort einen Gegensatz bildet.<\/p>\n<p><strong>Rund<\/strong>, wenn sie leicht und ohne Ansto\u00df gelesen und geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Kr\u00e4ftig<\/strong>, wenn sie gewichtvolle Wortf\u00fc\u00dfe und eine nachdruckvolle Tonstellung haben, wie:<\/p>\n<p><em>Schrecklich erscholl Kriegsdonner vom j\u00e4hen Gebirg in das Schlachtfeld <\/em>(Vo\u00df)<\/p>\n<p><strong>Vollt\u00f6nend<\/strong>, wenn die starken Stimmlaute in ihnen vorwalten, wie:<\/p>\n<p><em>Aber du bist furchbar, sehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer<\/em> (Klopstock)<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Aus: August Apel, <strong>Metrik<\/strong>, zweiter Band. (Gek\u00fcrzt und leicht bearbeitet)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Ein rechter Musterhexameter soll nach <em>Diomedes<\/em> zehn Tugenden haben. Er soll sein: Unverst\u00fcmmelt; aus dem Ganzen; von einfachen Worten; f\u00fcnfgliedrig; nach F\u00fc\u00dfen gegliedert; wohlgeordnet; rund; vollt\u00f6nend; wohllautend.<\/p>\n<p>Ist hie und da einige Pedanterei darin nicht zu verkennen, so kann man doch nicht ableugnen, dass ein richtiger Sinn f\u00fcr das Sch\u00f6ne den meisten dieser Behauptungen zu Grunde liegt.<\/p>\n<p><strong>Unverst\u00fcmmelte<\/strong> Verse sind solche, deren Worte des Metrums wegen weder zusammengezogen noch erweitert sind, die also ihre nat\u00fcrliche Silben- und Buchstabenzahl des Verses wegen nicht haben \u00e4ndern m\u00fcssen. Ein Beispiel vom Gegenteil w\u00e4re etwa:<\/p>\n<p><em>Froh&#8217;s Muts stunde der F\u00fcrst; austeil&#8217;nd gar manche Genade<\/em><\/p>\n<p>Nur verwechsle man mit diesen Fehlern nicht die Elision der Vokale, wo sie weder H\u00e4rte noch \u00dcbellaut erzeugt.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Ganzen<\/strong> hei\u00dft ein Vers, wenn er ohne Bindeworte blo\u00df aus Hauptworten zusammengef\u00fcgt ist.<\/p>\n<p><em>Schicksalvoller Gestirnlaufbahn allfassender Umkreis<\/em><\/p>\n<p>Dass ein solcher Vers besser klinge als ein durch kleine Bindew\u00f6rter zerst\u00fcckelter, f\u00e4llt in die Sinne. Allein nur das Zuviel der kleinen W\u00f6rter und ihre Einmischung, um den Vers zu f\u00fcllen, oder weil der Dichter zu bequem ist, eine bessere Wortfolge zu w\u00e4hlen, verdient Tadel; denn niemand wird im Ernst ein gedicht von einigem Umfang ohne alle Bindew\u00f6rter verlangen. Soviel ist auch gewiss, dass die Bem\u00fchung, mit m\u00f6glichster Vermeidung der Bindew\u00f6rter zu schreiben, nicht allein dem vers, sondern selbst der Sprache des Dichters Kraft und W\u00fcrde gibt.<\/p>\n<p><strong>Einfach<\/strong> hei\u00dft ein Vers, in welchem keine Wortzusammensetzung enthalten ist:<\/p>\n<p><em>Stimme von Gott, wie Donner und Sturm und Ges\u00e4usel des Fr\u00fchlings<\/em> (Voss)<\/p>\n<p>Fehlerhaft w\u00e4re dagegen in dieser Hinsicht:<\/p>\n<p><em>Donnerte bald graunhaft, wie gestadanklimmende Brandung<\/em> (Voss)<\/p>\n<p>Wer wird aber solche Zusammensetzung im Ernst tadeln? Das Zusammenzw\u00e4ngen zeilenausf\u00fcllender Prachtwortkolosse mag billig gescholten werden, und nur in Gedichten nach Art orphischer Hymnen oder in der Parodie am Platze sein; allein jede Zusammensetzung verwerfen, w\u00e4re vom Kritiker Pedanterei und f\u00fcr den Dichter unausf\u00fchrbarer, verderblicher Zwang.<\/p>\n<p><strong>\u00a0F\u00fcnfgliedrig<\/strong> hei\u00dfen Verse, die aus f\u00fcnf Wortf\u00fc\u00dfen bestehen:<\/p>\n<p><em>\u00d6des Gebirgswaldschloss, melancholischer Eulen Behausung<\/em><\/p>\n<p>Andere ( zum Beispiel Plotius) r\u00fchmen sogar viergliedrige Hexameter als vorz\u00fcglich:<\/p>\n<p><em>Waldumg\u00fcrteter Einsiedlei gr\u00fcnschwellendes Moosdach<\/em><\/p>\n<p>Bei griechischen und lateinischen Dichtern findet man dergleichen gro\u00dfgegliederte verse ungleich h\u00e4ufiger als bei deutschen. Einige Schuld davonn tr\u00e4gt ohne Zweifel die Sprache, welche sich mehr zu Einsilbigkeit neigt als die alten; sehr viel aber verdirbt die Sorglosigkeit der meisten Dichter, die, unterst\u00fctzt durch halbkritisches Raisonnement, die Sch\u00f6nheit des Verses f\u00fcr ein Phantom der Schule halten.<\/p>\n<p><strong>Nach F\u00fc\u00dfen gegliedert<\/strong> hei\u00dfen Verse, in welchen jeder Fu\u00df von einem besondern Redeteil erf\u00fcllt wird.<\/p>\n<p><strong>Anschwellende Verse<\/strong> hei\u00dfen Verse, welche von einem einsilbigen Wort beginnen und zu immer mehrsilbigen fortgehn, also gleich einer Keule sich vom schmalen Ende immer weiter ausbreiten:<\/p>\n<p><em>Weit, bahnlos, ausschweifet verheerende Wasserbeflutung.<\/em><\/p>\n<p>Wenn man auch eine solche metrische K\u00fcnstelei nicht als Muster aufstellen kann, so m\u00f6chten doch dergleichen Verse, wo sie ungezwungen am rechten Ort stehen,\u00a0 Aufmerksamkeit und Wohlgefallen erregen.<\/p>\n<p><strong>Antwortend<\/strong> hei\u00dfen Verse, deren zweiter Abschnitt mit dem ersten in Sinn und Wort einen Gegensatz bildet.<\/p>\n<p><strong>Rund<\/strong> hei\u00dfen Verse, welche leicht und ohne Ansto\u00df gelesen und vom H\u00f6rer vernommen werden k\u00f6nnen. Dieser Rundung und Gl\u00e4tte bed\u00fcrfen sie sowohl in Ansehung der Prosodie (sonst werden sie hart und holprig) als auch der Wortstellung (sonst werden sie gezungen). Nur verlange man nicht, auf der anderen Seite ausschweifend, die Wortfolge der Prosa vom heroischen Vers.<\/p>\n<p><strong>Kr\u00e4ftig<\/strong> ist der Vers in Ansehung seiner Bewegung, deren Gewalt auf gewichtvollen Wortf\u00fc\u00dfen und nachdruckvoller Tonstellung beruht. Zum Beispiel:<\/p>\n<p><em>Schrecklich erscholl Kriegsdonner vom j\u00e4hen Gebirg in des Schalchtfeld<\/em> (Voss)<\/p>\n<p>Das Gegenteil sind schw\u00e4chliche Verse, deren Schw\u00e4che gleichfalls auf schwachen Wortf\u00fc\u00dfen und kraftloser Tonstellung beruht. Zum Beispiel statt des vorigen:<\/p>\n<p><em>Schrecklich erschollen die Donner vom j\u00e4hen Gebirge den Streitern<\/em><\/p>\n<p><strong>Vollt\u00f6nend<\/strong> sind Verse in Ansehung des Klanges, wenn sie volllautende Vokale t\u00f6nen lassen, und deren Klang nicht durch anhaltende, schwirrende und rasselnde Konsonanten zerst\u00f6ren. Klopstocks bekannter Vers:<\/p>\n<p><em>Sing, unsterbliche Seele, der s\u00fcndigen Menschen Erl\u00f6sung,<\/em><\/p>\n<p>hat diese Vorz\u00fcge nicht. Die stets wiederkehrenden &#8222;e&#8220; und die vielen &#8222;s&#8220; machen ihn tonlos. Voller lautet von ihm:<\/p>\n<p><em>Aber du bist furchtbar, sehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer<\/em><\/p>\n<p>und von Voss:<\/p>\n<p><em>Suchest du Wortausdruck, Sinn ist Grundwesen und Urquell<\/em><\/p>\n<p>Zu dem Wohlklang der Verse geh\u00f6rt auch besonders, was von deutschen Dichtern so oft vernachl\u00e4ssigt wird: der m\u00f6glichste Wechsel der Endvokale und Endkonsonanten sowohl in Vers als auch in einzelnen Worten. Der\u00a0 deutsche Versbildner gewinnt diesen Wechsel fast schon dann, wenn es ihm gelingt, die zudringlichen Wortendungen in &#8222;en&#8220; oft zur\u00fcckzuweisen; dass die anderen dann zu gleichf\u00f6rmig sich zudr\u00e4ngen, verhindert schon der Bau unserer Sprache. Ferner ist es nicht hinreichend, in den langen Silben sich des \u00dcberreichtums von &#8222;e&#8220; zu ent\u00e4u\u00dfern, weil dieser Laut dagegen aus allen K\u00fcrzen nachhallt. Die deutsche Sprache macht dem Dichter allerdings manche Schwierigkeit; wer aber diese M\u00e4ngel aus eigner Erfahrung kennt und nicht blo\u00df in die allgemeine, oft nur halbverstandene Klage einstimmt, der h\u00e4tte in seiner Erfahrung auch Mittel gefunden, wo nicht alle, so doch viele dieser Schwierigkeiten zu beheben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite \u00dcber Hexameter, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind. Die eigentlich auf den antiken Hexameter bezogenen &#8222;zehn Tugenden&#8220; sind verschiedentlich erw\u00e4hnt; ich gebe zwei Texte dazu, einen knappen, eher aufz\u00e4hlenden und einen etwas ausf\u00fchrlicheren (der die Grundlage des ersten ist). 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