{"id":4538,"date":"2015-06-09T11:54:40","date_gmt":"2015-06-09T09:54:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4538"},"modified":"2017-12-11T11:51:18","modified_gmt":"2017-12-11T10:51:18","slug":"a-w-schlegel-ueber-die-regeln-des-deutschen-jamben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4538","title":{"rendered":"A. W. Schlegel: \u00dcber die Regeln des deutschen Jamben"},"content":{"rendered":"<p><em>Diese &#8222;fragmentarischen Winke&#8220;, wie sie im Untertitel hei\u00dfen, sind ein Teil der &#8222;Betrachtungen \u00fcber Metrik&#8220;, die August Wilhelm Schlegel an seinen Bruder Friedrich gerichtet hat, und den er darin mit\u00a0 &#8222;du&#8220;\u00a0 anredet.<\/em><\/p>\n<p><em>Zu Beginn und gegen Ende l\u00e4sst sich Schlegel \u00fcber metrische Fragen im Vergleich zu anderen Sprachen aus, vor allem der griechischen; diese Teile fehlen hier.<\/em><\/p>\n<p><em>Folgende Zeichen werden verwendet:<\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #ff0000\">\u2014<\/span> meint eine lange Silbe<\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #ff0000\">v<\/span> kennzeichnet eine kurze Silbe<\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #ff0000\">#<\/span> steht f\u00fcr eine Hebungsstelle, die von einer kurzen Silbe besetzt wird, oder eine Senkungsstelle, die von einer langen Silbe besetzt wird.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>August Wilhelm Schlegel: \u00dcber die Regeln des deutschen Jamben<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Sprache neigt sich fast durchg\u00e4ngig zu jambischen oder, welches einerlei ist, zu troch\u00e4ischen Versarten. Ich k\u00f6nnte dies mit der ausf\u00fchrlichsten Genauigkeit dartun, allein ich will nur auf zwei Punkte aufmerksam machen.<\/p>\n<p><strong>1.<\/strong> Die Quantit\u00e4t der einzelnen Worte. Die einsilbigen sind ebenso h\u00e4ufig lang als kurz. Jenes die Substantiva und Adverbia; dieses immer die Artikel, die wir unaufh\u00f6rlich gebrauchen, meistens auch die Pr\u00e4positionen, Konjunktionen, zum Teil die Pronomina. Die zweisilbigen, unter allen die gr\u00f6\u00dfte Anzahl, sind meistens <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span> oder <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span>, seltener <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>, und nie <span style=\"color: #ff0000\">v v<\/span>. Die dreisilbigen Worte folgen ihrer H\u00e4ufigkeit oder Seltenheit nach so aufeinander: <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span>, <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v<\/span> (deren viele dem Amphimaker \u00e4hneln), <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>, dann <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <\/span><span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">\u2014<\/span> oder <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014 v<\/span>, selten <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014 \u2014<\/span>, vielleicht nie (in demselben Worte)\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">v v \u2014<\/span>. Weiter will ich dies nicht verfolgen; denn die Anzahl der vier- oder mehrsilbigen Worte ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig nur gering; auch unter ihnen gibt es viele <span style=\"color: #ff0000\">v \u2014 v \u2014<\/span> und <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 v \u2014 v<\/span>; und die <span style=\"color: #ff0000\">v v \u2014 \u2014<\/span> und <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014 v v<\/span> sind f\u00fcr unseren Jamben (oder wie er hei\u00dfen mag) nicht ganz unbrauchbar.<\/span><\/p>\n<p><strong>2.<\/strong> Die ganze Art unserer prosodischen Bestimmung. Die wenigsten L\u00e4ngen und K\u00fcrzen sind bei uns absolut; die meisten relativ, nach ihrer Stellung. Sie werden gegen die vorhergehende und nachfolgende Silbe abgewogen und gelten f\u00fcr kurz, wenn sie nur leichter sind als diese, f\u00fcr lang, wenn schwerer. Daher kommt es, dass unsere meisten Molossen (<span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>) sich zum <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>, unsere <span style=\"color: #ff0000\">v v v<\/span> zum <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span> neigen. Das erste ist immer der Fall, wenn auf einen trochaisierenden Spondeen eine absolut lange Silbe folgt; z.B. <em>die Schwermut siegt<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>. Das zweite leidet auch nur wenige Ausnahmen; etwa: <em>beseligende Ruh<\/em>,\u00a0 <span class=\"postbody\"><span style=\"color: #ff0000\">v \u2014 v v v \u2014<\/span>. <em>Huldigung<\/em> ist \u00a0<span style=\"color: #ff0000\">\u2014 v v<\/span>, wenn eine vollkommene L\u00e4nge folgt; aber <em>Huldigungen<\/em> ist notwendig <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 v \u2014 v<\/span>.<\/span><\/p>\n<p>Also wird gew\u00f6hnlich durch diese Folge der Silben: <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>, oder <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span>, der jambische Gang des Verses gar nicht gest\u00f6rt; und man darf ohne Schwierigkeit den jambisierenden Spondeen (<span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> | <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> | v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>) und den jambisierenden Pyrrhichius (<span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> | v v | v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>) darin aufnehmen.<\/p>\n<p>Der trochaisierende Spondee ist viel h\u00e4ufiger bei uns als der eigentliche oder gleich abgewogene: alle Zusammensetzungen von zwei Wurzelsilben bilden jenen. Bei unserer begriffm\u00e4\u00dfigen Quantit\u00e4t kann dies nicht anders sein &#8211; denn der allgemeinere Geschlechtsbegriff wird gew\u00f6hnlich ans Ende, der spezifische Unterschied, ein Umstand, oder eine Individuelle Bestimmung vorangesetzt; z.B. <em>krank, seekrank<\/em>,\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> #<\/span>, <em>Fall, Rheinfall,<\/em> <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> #<\/span>. Der Geschlechtsbegriff ist leerer, enth\u00e4lt weniger von der Sache &#8211; die <em>differentia specifica<\/em> hat mehr Bestandheit, n\u00e4hert sich den wirklichen Dingen schon mehr; und dies wird dann auch in der Prosodie bezeichnet. Kommt nun am Ende noch eine Biegungssilbe hinzu, die einen grammatischen Nebenbegriff ausdr\u00fcckte und also kurz ist, so bleibt zwar der Spondee trochaisierend, aber die letzte Hauptsilbe bleibt doch entschiedener lang als vorher; zum Beispiel <em>Mut<\/em>, <span class=\"postbody\" style=\"color: #ff0000\">\u2014<\/span>, <em>Schwermut<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">v<\/span><\/span>, <em>schwerm\u00fctig<\/em> <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span>. Dieser Fu\u00df <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span> ist daher in einem Worte nicht angenehm &#8211; die erste und letzte Silbe arbeiten sich in Ansehung der mittleren gleichsam entgegen; jene verk\u00fcrzt, diese verl\u00e4ngt sie. Sie ist also in einer unbequemen Lage, wie ein Mensch, der an einem Arm ein schwereres Gewicht tr\u00e4gt als am anderen. Hieraus lie\u00dfe sich wieder manches \u00fcber die Vorz\u00fcge des Jamben in unserer Sprache folgern.<\/p>\n<p>Die gleich gewogenen Spondeen entstehen bei uns meisten nur aus Zusammenstellungen zweier einsilbiger Hauptworte; zum Beispiel <em>der Strom braust<\/em>,\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>. Die L\u00e4ngen m\u00fcssen so lang als m\u00f6glich sein, wegen der gegenseitigen Wirkung der Silben aufeinander. Jede L\u00e4nge misst sich gleichsam an der, die bei ihr steht; und wenn sie der anderen nur die geringste Schw\u00e4che anmerkt, wird sie gewiss ihren Vorrang geltend machen. Die L\u00e4ngen m\u00fcssen einander also durchaus nichts anhaben k\u00f6nnen. Darum ist dieser Spondeus ein so sehr starker Fu\u00df: zwischen seinen Bestandteilen ist immer eine Art von Kampf.<\/p>\n<p>Klopstock w\u00fcnscht unserer Sprache mehr Reichtum daran. Er hat der Sponda (er musste den Spondeus erst weiblich nachen, damit man ihn nicht etwa zu einer Leidenschaft nach griechischen Sitten beschuldigen m\u00f6chte) seine Liebe auf das z\u00e4rtlichste erkl\u00e4rt, aber zugleich \u00fcber die wenige Erwiderung geklagt. Diese Ode, deren du dich gewiss erinnerst, zeigt poetische Kunst und zugleich Pedanterie auf ihrem h\u00f6chsten Gipfel: sie w\u00fcrde vortrefflich in einem poetischen Rarit\u00e4tenkabinett prangen. Der Enthusiasmus sinkt, wenn man n\u00e4her erw\u00e4gt, f\u00fcr wen der liebende Dichter schmachtet. Die deutsche Sponda ist nicht die griechische; jene ist eine nervige, knochige, herkulische Sch\u00f6ne, gewaffnet mit Keule und L\u00f6wenhaut, aber nicht, wie Omphale, \u00fcber runden Schultern und zartgeschweiften H\u00fcften: nur ein nordischer Barde kann ihre Umarmungen begehren. Die Wahrheit ist, dass unsere meisten Spondeen durch breite Dehnungen und Diphthonge und geh\u00e4ufte Konsonanten bis zur g\u00e4nzlichen Unbrauchbarkeit \u00fcbellautend sind. Der Dichter mag also eher die Muse bitten, ihm derer, die wir haben, ohne Nachteil entraten zu helfen, als ihm noch mehrere zu bescheren.<\/p>\n<p>Aber wie, wenn sich Klopstock nun gar in der Person seiner Geliebten geirrt, und wie ein Professor sein Ehegesuch an die falsche gebracht h\u00e4tte? Die Sponda, eine Folge von zwei L\u00e4ngen, ist reichlich in unserer Sprache vorhanden &#8211; nur bildet sie leider, von kurzen Silben eingefasst, den Antispastus, der unter allen F\u00fc\u00dfen am wenigsten musikalisch, und ein wahrer D\u00e4mon der Disharmonie ist: zum Beispiel <em>die See tobte, hinaufsteigen, verantworten, Gesichtspunkte,<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">v <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> <span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v<\/span>, und viele Hunderte. Den psychologischen Grund seiner \u00fcblen Wirkung hat Moritz recht gut entwickelt, und auch der griechische Name zeigt ihn an: er zieht Ohr und Seele nach verschiedenen Seiten hin. Aus dem Hexameter, Jamben und \u00fcberhaupt den meisten alten Silbenma\u00dfen ist er deswegen auch verbannt.<\/p>\n<p>Die Sponda steckt also, wie die Alten eine Grazie in der Statue eines rauen Satyrs zu verbergen pflegten, in dem garstigen Gegenzerrer wie eingeschachtelt. Wie w\u00e4re sie da herauszuholen? Mit einem Wort, ausgenommen zu Anfang oder Ende eines Verses, ist mit zwei L\u00e4ngen nichts anzufangen; drei m\u00fcssen beisammenstehen, um den Antispast zu vermeiden. Der Dichter begehrt also eigentlich die Molossa, nicht die Sponda. Indessen muss jene, sonst rau und barbarisch, wie der molossische K\u00f6nig Echiopn, doch nicht hier\u00fcber eifers\u00fcchtig geworden sein, sie gew\u00e4hrt Klopstock, besonderts in der letzten H\u00e4lfte des Messias und in seinen sp\u00e4teren Oden, nur allzu oft.<\/p>\n<p>Klopstock macht es dem Jamben zum Vorwurf, dass man dergleichen wie <em>Angst wehklagt<\/em> nicht ohne Silbenzwang hineinbringen k\u00f6nne. Gott bewahre uns! Wer wird denn \u00fcnerhaupt solche Monstrosit\u00e4ten in ein Gedicht bringen wollen? WEnn der Lambe uns davor beschirmt, so verdient er gar sch\u00f6nen Dank.<\/p>\n<p>Wie der Spondeus mit einfassenden K\u00fcrzen den Antispast, so bildet der Pyrrhichius mit den umgebenden L\u00e4ngen den sch\u00f6nen Choriambus ( <span style=\"color: #ff0000\"><span class=\"postbody\">\u2014<\/span> v v\u00a0<span class=\"postbody\">\u2014<\/span><\/span>). Dieses sch\u00f6nen Fu\u00dfes berauben wir uns freilich, wenn wir aus unseren Jamben den Anap\u00e4st ausschlie\u00dfen: allein ich bin auch weit entfernt, den anap\u00e4stischen Jamben in unserer Sprache zu verwerfen. Vielleicht, wie wir nachher sehen werden, gibts auch eine Auskunft, den Choriambus ohne Aufnahme des Anap\u00e4stes doch wieder zu bekommen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Gebrauch der Nebenf\u00fc\u00dfe in unserem Jambus musst du folgende Regeln nur als einen fl\u00fcchtig hingeworfenen Versuch ansehen.<\/p>\n<p>Den jambisierenden Spondeus und jambisierenden Pyrrhichius kann man fast ohne Skrupel gebrauchen &#8211; freilich macht jener den Vers nachdr\u00fccklicher, dieser leichter, besonders wenn sie zweimal in demselben f\u00fcnff\u00fc\u00dfigen Jamben gebraucht werden. Man muss das nach dem Inhalte abmessen; zum Beispiel:<\/p>\n<p>An allem, was hienieden sch\u00f6nes lebet<br \/>\nv \u2014 v # v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p>Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder<br \/>\nv \u2014 v # v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Vernahm mein Sinn so reinen Einklang nie<br \/>\nv \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 # \u2014<\/p>\n<p>Der eigentliche Pyrrhichius darf nur selten gebraucht werden: er w\u00fcrde den Vers entkr\u00e4ften. Hier und da einmal bei sanften und lieblichen Gegenst\u00e4nden tut er eine gute Wirkung; zum Beispiel<\/p>\n<p>Es ist die ewige Magie<br \/>\nv \u2014 v \u2014 v v v \u2014<\/p>\n<p>Am Ende des Verses macht ihn der Reim unm\u00f6glich; aber auch in reimlosen Versen gef\u00e4llt er mir da nicht: er scheint mir die Spitze der Zeile gleichsam abzustumpfen. Ebenfalls vor einem m\u00e4nnlichen Abschnitt, besonders wenn die darauf folgende Silbe nicht ganz entschieden kurz ist; zum Beispiel dieser Vers ist falsch:<\/p>\n<p>Dem Gl\u00fccklichen | kann es an nichts gebrechen<br \/>\nv \u2014 v v | \u2014 v v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Er w\u00e4re richtiger so:<\/p>\n<p>Es kann an nichts dem Gl\u00fccklichen gebrechen<br \/>\nv\u00a0\u2014 v \u2014 | v \u2014 v # v \u2014 v<\/p>\n<p>Erlaubter als jenes ist vielleicht:<\/p>\n<p>Sie wandelte, mit einer G\u00f6ttin Gange<br \/>\nv \u2014 v v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Zu Anfang des Verses (<span style=\"color: #ff0000\">v v v \u2014<\/span>) verbietet er sich von selbst &#8211; von drei K\u00fcrzen vor einer L\u00e4nge wird gewiss immer die zweideutigste lang.<\/p>\n<p>Trochaisierende Spondeen in zweisilbigen W\u00f6rtern k\u00f6nnen nie so gebraucht werden, dass die l\u00e4ngere L\u00e4nge anstatt der k\u00fcrzeren Silbe des Jambus st\u00fcnde.<\/p>\n<p>In dreisilbigen d\u00fcrfen sie zuweilen so gebraucht werden, doch mit gro\u00dfer Vorsicht, am besten zu Anfang des Verses oder nach einem m\u00e4nnlichen Abschnitt: gebraucht man sie anderswo, so muss man vorz\u00fcglich daf\u00fcr sorgen, eine entschiedene L\u00e4nge vorausgehen zu lassen. Man muss hierbei haupts\u00e4chlich den Wohlklang zu Rate ziehen; <em>wehm\u00fctig<\/em> darf eher stehen als <em>aufbrausend<\/em>.\u00a0 In der letzten Region eines weiblichen Verses darf er durchaus nicht stehen. Haller hat gesagt:<\/p>\n<p>sie sind wie wir hinl\u00e4ssig<br \/>\nv \u2014 v \u2014 \u2014 \u2014 v<\/p>\n<p>Es w\u00e4re vielleicht kein \u00fcbler Gedanke, diese Art Spondeen, wo man sie erlaubt, durch einen Pyrrhichius gleich wieder aufwiegen zu lassen, und dem Verse also wieder zu nehmen, was man ihm zuviel gab; zum Beispiel:<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicher wie du<br \/>\n\u2014 \u2014 v v v \u2014<\/p>\n<p>Freiwilliges Geschenk<br \/>\n\u2014 \u2014 v v v \u2014<\/p>\n<p>Der Spondeus, der aus einem einsilbigen Wurzelwort und einem darauf folgenden troch\u00e4ischen Worte entsteht und zu allen drei Gattungen von Spondeen geh\u00f6ren kann, darf schon k\u00fchner angebracht werden; besonders, wenn seine erste Silbe kein starkes mechanisches Gewicht hat. <em>Geh weiter<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014 v<\/span>, k\u00f6nnte man wohl auch am Ende eines Verses sagen; <em>bleibt immer<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014 v<\/span>, w\u00e4re da schon bedenklicher.<\/p>\n<p>Der Spondeus aus zwei einsilbigen Wurzelw\u00f6rtern hat in der Mitte des Verses eine beinah zu gro\u00dfe Kraft, weil da drei absolut lange Silben zusammentreten; zum Beispiel <em>die See tobt wild<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">v \u2014 \u2014 \u2014<\/span>. Zu Anfang des Verses hingegen verleiht er W\u00fcrde und Nachdruck:<\/p>\n<p>Nichts kam ihr gleich auf diesem Erdenrunde<br \/>\n\u2014 \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Eben das gilt von der eben beschriebenen Art Spondeen, wenn sie durch das Gewicht der Bedeutung oder mechanischen Beschaffenheit der ersten Silbe trochaisierend werden:<\/p>\n<p>Horch! Hohe Dinge lehr ich dich<br \/>\n\u2014 \u2014 v \u2014 v \u2014 v \u2014<\/p>\n<p>Auch nach einem m\u00e4nnlichen Abschnitt stehen beide Arten gut. Man bemerkt da, eben wegen der Pause des Abschnitts, die drei vollen L\u00e4ngen weniger &#8211; zum Beispiel:<\/p>\n<p>F\u00fchrt euch ein Augenblick? | Kann Liebe so bet\u00f6ren?<br \/>\n\u2014 \u2014 v \u2014 v \u2014 | \u2014 \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Des grauenvollen Turms; | drob schau ich starr<br \/>\nv \u2014 v \u2014 v \u2014 | \u2014 \u2014 v \u2014<\/p>\n<p>Der Gebrauch der Troch\u00e4en ist am engsten beschr\u00e4nkt, sowohl in seiner Beschaffenheit als seiner Stellung.<\/p>\n<p>Bei unserer relativ bestimmten Quantit\u00e4t ist die Vergleichung mehrerer Silben eines Wortes unmittelbarer, notwendiger und sicherer als verschiedener Worte. Daher findet auch bei zusammenstehenden einsilbigen Worten am meisten Unbestimmtheit der Quantit\u00e4t statt. Da nun der Troch\u00e4e gerade das Gegenteil des Jamben ist, so w\u00fcrde der Kontrast zu schneidend sein, wenn man Troch\u00e4en in einem Worte erlaubte. Es d\u00fcrfen nur solche gebraucht werden, die aus zwei W\u00f6rtern bestehen und bei einer anderen Bedeutung und Wendung der Deklamation auch Jamben oder wenigstens Spondeen vorstellen k\u00f6nnen; zum Beispiel durchaus nicht <em>deine Gestalt<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 v v \u2014<\/span>, aber wohl: <em>hast du gesehn?<\/em>,\u00a0<span style=\"color: #ff0000\">\u2014 v v\u00a0\u2014<\/span>; Denn es kann auch hei\u00dfen <em>hast du gesehn?<\/em>, <span style=\"color: #ff0000\">v \u2014 v \u2014<\/span>.<\/p>\n<p>Ferner: hinter dem Jambus bildet der Troch\u00e4us den greulichen Antispast, vor ihm den sch\u00f6nen Choriambus. Er darf also nie nach einem Jambus stehen &#8211; daher sind seine einzigen guten Stellen zu Anfang des Verses und nach einer m\u00e4nnlichen Pause. Er scheint mir vorz\u00fcglich im Anfang dem Vers einen sch\u00f6nen Aufschwung zu geben.<\/p>\n<p>Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde<br \/>\n\u2014 v v \u2014 \u2014 v v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>(Zweimal in einem Vers ist doch beinah zu viel.)<\/p>\n<p>K\u00e4m uns Homer zur\u00fcck ins Leben<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>W\u00fcrd&#8216; er die Schuld dem G\u00fcrtel geben<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, was er davon gesungen<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Man muss besonders darauf achten, dass der n\u00e4chste Jambe eine recht bestimmte lange Silbe habe; sonst verliert der Vers seinen jambischen Gang.Fehlerhaft ist zum Beispiel:<\/p>\n<p>Wenn ein kastilian&#8217;scher Grande Briefe<br \/>\n\u2014 v # # \u2014 v \u2014 v \u2014 v<\/p>\n<p>Auch ist es wohlklingender, wenn mit eben diesem Jamben ein Wort endigt, als wenn eine weibliche Endung folgt; zum Beispiel:<\/p>\n<p>Frei wie ein Gott, und alles dank ich dir<br \/>\n\u2014 v v \u2014, v \u2014 v \u2014 v \u2014<\/p>\n<p>ist sch\u00f6ner als<\/p>\n<p>Siehst du die Wogen der Rebellion<br \/>\n\u2014 v v \u2014 v # v \u2014 v \u2014<\/p>\n<p>Beim Gebrauch aller dieser Nebenf\u00fc\u00dfe ist \u00fcbrigens die gr\u00f6\u00dfte M\u00e4\u00dfigung zu empfehlen. Einer in einem zweif\u00fc\u00dfigen Jamben, aufs h\u00f6chste zwei, und nicht leicht zweimal derselbe; zum Beispiel:<\/p>\n<p>es K\u00f6nige | in Spanien gegeben<br \/>\nv \u2014 v v | v \u2014 v v v \u2014 v<\/p>\n<p>ist mit seinen eigentlichen Pyrrhichien unertr\u00e4glich matt.<\/p>\n<p>Nun ist noch die Lehre von den Abschnitten oder Pausen, der Zusammenkn\u00fcpfung der Zeilen durch die poetischen Perioden, dem Gebrauche der hyperkataletischen Verse oder weiblichen Versendungen \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Was vom jambischen Verse gesagt ist, l\u00e4sst sich leicht mit den geh\u00f6rigen Modifikationen auf den troch\u00e4ischen anwenden.<\/p>\n<p>Eines der besten Muster ist Goethe in der <em>Zuneigung, Iphigenia, Tasso, Claudine, Erwine.<\/em> Weit weniger ausgearbeitet ist <em>Don Carlos<\/em>; besonders fehlt es Schillers Jamben oft an F\u00fclle. Lessings <em>Nathan<\/em>, so viel ich mich erinnern kann, ist f\u00fcr das vertrauliche Gespr\u00e4ch gut. Klopstocks Trauerspiele erinnere ich mich nicht.<\/p>\n<p>Der anap\u00e4stische Jambus, wie er sich zum Beispiel im neuen <em>Amadis<\/em> und in einigen Stellen des <em>Oberon<\/em> findet, hat bisher bei uns eine zu ungebundene Freiheit genossen. Man sollte ihm den Pyrrhichius und Troch\u00e4us als Nebenf\u00fc\u00dfe ganz verbieten, ihm nur den Spondeus erlauben, und die Anzahl und die Stellen der zu brauchenden Anap\u00e4ste genauer bestimmen.<\/p>\n<p>Du musst dich die M\u00fche nicht verdrie\u00dfen lassen, lange St\u00fccke, gereimte und reimlose, in unseren Dichtern nach den angegebenen R\u00fccksichten durchzuskandieren und zu deklamieren. Es ist wohl eine verzeihliche Eitelkeit, wenn ich dir dazu auch meine Gedichte empfehle. Obgleich ich mir diese Gesetze nie so deutlich entwickelte, wirst du sie darin doch so ziemlich beobachtet finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese &#8222;fragmentarischen Winke&#8220;, wie sie im Untertitel hei\u00dfen, sind ein Teil der &#8222;Betrachtungen \u00fcber Metrik&#8220;, die August Wilhelm Schlegel an seinen Bruder Friedrich gerichtet hat, und den er darin mit\u00a0 &#8222;du&#8220;\u00a0 anredet. Zu Beginn und gegen Ende l\u00e4sst sich Schlegel \u00fcber metrische Fragen im Vergleich zu anderen Sprachen aus, vor allem der griechischen; diese Teile&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4538\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in A. W. 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