{"id":4605,"date":"2015-06-21T23:20:45","date_gmt":"2015-06-21T21:20:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4605"},"modified":"2017-12-11T11:51:53","modified_gmt":"2017-12-11T10:51:53","slug":"g-a-buerger-vom-wohlklang-der-reime","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4605","title":{"rendered":"G. A. B\u00fcrger: Vom Wohlklang der Reime"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gottfried August B\u00fcrger<\/strong> hat eine kleine Reimlehre geschrieben, &#8222;H\u00fcbnerus redivivus, das ist: Kurze Theorie der Reimkunst f\u00fcr Dilettanten&#8220;. Deren zweiter Teil, in dem B\u00fcrger auf den Wohlklang der Reime eingeht, stelle ich hier vor. An einigen Stellen habe ich kurze Abschnitte weggelassen, die stark zeitgebunden sind und den heutigen Leser nicht zu k\u00fcmmern brauchen. Wer sie trotzdem nachlesen m\u00f6chte, kann den Text per Suchmaschine auffinden (allerdings nur als Scan)!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vom Wohlklange<\/strong><\/p>\n<p>Reime sind wohlklingend, wenn sie leicht und angenehm auszusprechen, und leicht und angenehm anzuh\u00f6ren sind. Demnach beruht der Wohlklang ungef\u00e4hr auf folgenden St\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>1)<\/strong> Auf der Richtigkeit. Reime, die nicht richtig sind, k\u00f6nnen auch unm\u00f6glich wohlklingend sein.<\/p>\n<p><strong>2)<\/strong> Reime von einfachen oder verdoppelten gleichen Konsonanten sind in m\u00e4nnlichen sowohl als weiblichen W\u00f6rtern wohlklingend. Zum Beispiel <em>gab, Bad, klar, empor, Natur, Stier, Gabe, Gnade, ziere, geboren, Fluren, Stamm, Lamm, Flamme, Kette, Affe<\/em> und weitere.<\/p>\n<p>Von gleichem, ja vielleicht noch vorz\u00fcglicherem Wohlklang sind auch die W\u00f6rter, in denen die fl\u00fcssigen Konsonanten <em>l, m, n, r<\/em> sich vor andere stellen, weil sie sich mit dem folgenden sehr leicht verm\u00e4hlen, und dem Wort noch mehr Metallklang geben. Zum Beispiel <em>Wald, Gestalten, stammte, Falbe, Stunde, warb, Garben, Sturme.<\/em><\/p>\n<p>Wenn die fl\u00fcssigen untereinander selbst sich gatten, so entstehen dadurch die sch\u00f6nsten, t\u00f6nendsten Reime, zum Beispiel <em>Halme, Palme; lerne, ferne; Zorne, Dorne; Harme, erbarme<\/em>; und weitere.<\/p>\n<p>Solche W\u00f6rter hingegen, in denen mehrere sehr heterogene harte Konsonanten zusammensto\u00dfen, die weder leicht und angenehm auszusprechen, noch auch anzuh\u00f6ren sind, k\u00f6nnen nicht f\u00fcr wohlklingend erachtet werden. Zum Beispiel <em>sch\u00f6pfte, schr\u00f6pfte; \u00e4chzen, kr\u00e4chzen; horcht, borgt; klopft, stopft; sch\u00e4rft, werft; nichts, Gesichts; k\u00fcrzt, sch\u00fcrzt<\/em>; und weitere. Solche entfernen sich zu weit von dem reinen Metall-Ton. Der Vokal wird durch die Menge der \u00fcber ihn st\u00fcrzenden Konsonanten erstickt:<\/p>\n<p><em>Klagestimmen versinken also, wann bebend die Erde<\/em><br \/>\n<em> St\u00e4dt&#8216; einst\u00fcrzt, und der Staub der gest\u00fcrzten gen Himmel emporsteigt.<\/em><\/p>\n<p>(Klopstock)<\/p>\n<p>Daher sind auch die gedehnten Vokale vor einfachen Konsonanten in der letzten m\u00e4nnlichen Endsilbe, so wie auch in der vorletzten Silbe der weiblichen W\u00f6rter wohlklingender, weil der gedehnte Vokal l\u00e4nger und voller t\u00f6nt als der kurz abgesto\u00dfene. Die Harmonie kann jedoch eine Ausnahme machen.<\/p>\n<p><strong>3)<\/strong> Billig m\u00fcssen die Reimw\u00f6rter unter den \u00fcbrigen der Verse am vollesten und lautesten t\u00f6nen. <em>A, i, o, u<\/em> und <em>au<\/em> t\u00f6nen lauter und metallener als <em>\u00e4, e, \u00f6, \u00fc<\/em> und <em>eu<\/em> oder <em>ei<\/em>. Zum Beispiel <em>labe, liebe, lobe, Grube, Glaube<\/em> sind in dieser R\u00fccksicht wohlklingender als <em>g\u00e4be, lebe, sch\u00f6be, gr\u00fcbe, Scheibe<\/em>.<\/p>\n<p>Die unbetonten, gr\u00f6\u00dftenteils auf <em>e<\/em> ausgehenden Endsilben der weiblichen W\u00f6rter, welche mit einem Konsonanten, etwa <em>l, m, n, r<\/em> schlie\u00dfen, sind t\u00f6nender als diejenigen, die auf das blo\u00dfe unbetonte <em>e<\/em> ausgehen, zum Beispiel <em>Gabel<\/em> hat mehr Klang als <em>Gabe<\/em>.<\/p>\n<p><strong>4)<\/strong> Die m\u00e4nnliche Reimsilbe muss eine voll betonte sein. <em>Huldigen<\/em> und <em>Grazien<\/em> sind f\u00fcr m\u00e4nnliche Reime nicht t\u00f6nend genug. Etwas mehr Ton ziehen die Ableitungssilben ig und lich auf ishc, zum Beispiel <em>feierlich, adelig<\/em>. An den Ableitungssilben <em>bar, sam, haft, heit, keit, ung<\/em> ist in dieser R\u00fccksicht nichts auszusetzen. Voll und laut genug t\u00f6nnen daher die m\u00e4nnlichen Ausg\u00e4nge auf <em>wunderbar, tugendsam, grillenhaft, Erfahrenheit, Tapferkeit, Huldigung<\/em>.<\/p>\n<p><strong>5)<\/strong> Ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges ist Mannigfaltigkeit und Abwechslung der betonten sowohl als unbetonten Reimsilben, in R\u00fccksicht auf Konsonanten und Vokale.<\/p>\n<p><strong>A. Der betonten<\/strong><\/p>\n<p><strong>a)<\/strong> Mannigfaltigkeit der Schluss-Konsonanten in den m\u00e4nnlichen W\u00f6rtern, die nahe aufeinander folgen, z.B. die Reime <em>Stab<\/em> und <em>gab<\/em>; <em>lieb<\/em> und <em>schrieb<\/em>; <em>hob<\/em> und <em>schnob<\/em>; <em>hub<\/em> und <em>grub<\/em> d\u00fcrften wohl die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs beleidigen, wenn sie ein einer Strophe oder sonst allzunahe beieinander vork\u00e4men. Eben die Bewandtnis d\u00fcrfte es wohl auch mit den weiblichen W\u00f6rtern <em>laben, graben; heben, geben; lieben, trieben; loben, toben; huben, gruben<\/em> haben.<\/p>\n<p><strong>b)<\/strong> Mannigfaltigkeit der Vokale und Diphthonge. Diese will, dass die letzte Silbe der m\u00e4nnlichen und die vorletzte Silbe der weiblichen nebeneinander stehenden, oder abwechselnd untereinander gemischten Reimw\u00f6rter nicht einerlei Vokal und Diphthong f\u00fchren. In nicht mehr als vier Zeilen \u00fcbersieht man dies allenfalls; allein in noch mehreren entsteht dadurch ein unangenehmer Gleichklang, zum Beispiel:<\/p>\n<p><em>Furchtbares Meer der ersten Ewigkeit,<\/em><br \/>\n<em> Uralter Quell von Welten und von zeiten,<\/em><br \/>\n<em> Unendlich&#8217;s Grab von Welten und von Zeit,<\/em><br \/>\n<em> Best\u00e4ndig&#8217;s Reich der Gegenw\u00e4rtigkeit,<\/em><br \/>\n<em> Die Asche der Vergangenheit<\/em><br \/>\n<em> Ist dir ein Keim von K\u00fcnftigkeiten.<\/em><\/p>\n<p>(Haller)<\/p>\n<p><strong>B. Der unbetonten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>a)<\/strong> In Ansehung der Vokale ist da nun leider wegen des \u00fcberl\u00e4stigen unbetonten e, worauf bei weitem die meisten weiblichen W\u00f6rter ausgehen, nicht viel Mannigfaltigkeit m\u00f6glich. Indessen gibts doch auch einige, wiewohl nur wenige weibliche Ausg\u00e4nge mit anderen Vokalen, die man m\u00f6glichst zu Hilfe nehmen muss. Ich meine die unbetonten oder nur halb betonten <em>ung, ig, lich<\/em>. Zum Beispiel <em>Emp\u00f6rung, Zerst\u00f6rung; g\u00fctig, edelm\u00fctig; unvergesslich, unermesslich<\/em>. Da sich aber das <em>e<\/em> gar zu oft aufdringt, so muss man wenigstens<\/p>\n<p><strong>b)<\/strong> durch die Schlusskonsonanten in die unbetonte E-Silbe Mannigfaltigkeit und Abwechslung zu bringen suchen, so viel es n\u00e4mlich da das gleichfalls sich allzu oft aufdringende e verstattet. Indessen ist doch in Ansehung der Konsonanten mehr Mannigfaltigkeit m\u00f6glich durch <em>el, eln, ern, er, es, et, elt, ert, end<\/em>, und weitere. Wie zum Beispiel in <em>Handel, stammeln, sammelt, Wasser, eisern, schauert, Grabes, labet, waltend<\/em>. \u00d6fters wird man aller angewandten M\u00fche ungeachtet die vielen Ausg\u00e4nge auf <em>e<\/em> und <em>en<\/em> nicht wegschaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>6)<\/strong> Um der Mannigfaltigkeit und Abwechslung willen muss man auch nach neuen, aber in sich wohlklingenden Reimenstreben, deren Wohlklang dann durch die Neuheit gewinnt. Man vermeide daher die allzu gew\u00f6hnlichen, zu oft schon gebrauchten, zum Beispiel <em>Liebe, Triebe; Jugend, Tugend;<\/em> und weitere, ohne jedoch hierin gar zu \u00e4ngstlich zu sein.Die Sch\u00f6nheit des Gedanken muss man dar\u00fcber nie aufopfern. Es kann aber sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und sch\u00f6ner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergisst man des abgenutzen Reimes v\u00f6llig. Ein allzu sichtbares Bestreben nach neuen und sonderbaren Reimen tr\u00e4gt um so mehr ein Ansehn von Geckerei, je weniger sch\u00f6n und geistreich der Gedanke ist, der durch die seltsamen Reime herbeigef\u00fchrt wird. Sind sie in sich auch nicht einmal wohlklingend, so trifft sie in vollem Ma\u00dfe der Spott der bekannten schwer gereimten Oden.<\/p>\n<p><strong>7)<\/strong> Es klingt meinem Ohre nicht gut, wenn in Gedichten von regellos wechselnden m\u00e4nnlichen und weiblichen Reimen, so zum Beispiel in poetischen Episteln, zwei nicht sich reimende m\u00e4nnliche oder weibliche Endw\u00f6rter zusammensto\u00dfen, oder wenn da, wo m\u00e4nnliche und weibliche Reime geh\u00f6rig wechseln sollten, nur Reime von einerlei Art wechseln. Auch liebe ich&#8217;s nicht, wenn in Gedichten dieser Art mehr als zwei m\u00e4nnliche oder weibliche Reime aufeinander folgen. Drei lasse ich mir h\u00f6chstens noch gefallen; mehr aber nicht leicht, es m\u00fcsste denn um der nachahmenden Harmonie willen geschehen. Au\u00dferdem ist es l\u00e4stiger Gleichklang.<\/p>\n<p><strong>8)<\/strong> Die sogenannten <em>reichen Reime<\/em>, wenn sie nicht zur Harmonie dienen, sind eben nicht wohlklingend. Denn es fehlt hier die zur Einheit erforderliche Mannigfaltigkeit. Wortklang und Begriff fallen v\u00f6llig in eins zusammen. Wenn es aber die Umst\u00e4nde erfordern, dass einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als dass er auch mit eben demselben Worte bezeichnet werde. Bei m\u00e4nnlichen Ableitungssilben, zum Beispiel <em>heit, keit<\/em>, an verschiedenen Stamm-W\u00f6rtern von verschiedenen Begriffen ist der reiche Reim allenfalls zu dulden, weil er da meist minder bemerkbar ist. So kann man <em>Tapferkeit<\/em> und <em>Heiterkeit<\/em> noch wohl reimen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottfried August B\u00fcrger hat eine kleine Reimlehre geschrieben, &#8222;H\u00fcbnerus redivivus, das ist: Kurze Theorie der Reimkunst f\u00fcr Dilettanten&#8220;. Deren zweiter Teil, in dem B\u00fcrger auf den Wohlklang der Reime eingeht, stelle ich hier vor. An einigen Stellen habe ich kurze Abschnitte weggelassen, die stark zeitgebunden sind und den heutigen Leser nicht zu k\u00fcmmern brauchen. Wer&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4605\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in G. A. 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