{"id":4928,"date":"2015-08-10T01:11:13","date_gmt":"2015-08-09T23:11:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=4928"},"modified":"2015-08-10T01:11:13","modified_gmt":"2015-08-09T23:11:13","slug":"die-schnitte-des-hexameters","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4928","title":{"rendered":"Die Schnitte des Hexameters"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <strong>Andreas Heusler<\/strong>, Deutsche Versgeschichte, dritter Band (de Gruyter 1929), Seite 256 &#8211; 260.<\/p>\n<p>Leicht gek\u00fcrzt um Verweise auf andere Stellen der<em> Versgeschichte<\/em> und einige Bemerkungen \u00fcber den antiken Hexameter; auch einige wenige Beispiele fehlen. Wer kann, sollte unbedingt den &#8222;richtigen&#8220; Text einsehen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1113<\/strong> Der Hexameter hat eine gesteigerte Empfindlichkeit, er ist gleichsam aus zarterem, zerbrechlicherem Tone geknetet als unsre \u00fcbrigen Versarten. Das liegt gutenteils an seinen Schnitten.<\/p>\n<p>Es handelt sich um Schnitte im eigentlichen Sinne: keine Versgrenzen; sie f\u00fchren keine metrische Pause mit sich. Aber zur Formrichtigkeit des deutschen Hexameters geh\u00f6rt es, dass an gewissen Stellen ein Schnitt eintrete, an anderen nicht.<\/p>\n<p>Man hat bemerkt, der Hexameter kenne 16 Z\u00e4suren und, wenn man die &#8222;Nebenz\u00e4suren&#8220; mitrechne, eine un\u00fcbersehbare Vielheit (z. B. <em>Minor<\/em>). Dabei z\u00e4hlt man alle Kolonschl\u00fcsse. Nach diesem Verfahren m\u00fcsste man <em>jeder<\/em> deutschen Versart ein verwickeltes Z\u00e4surwesen zuerkennen. Wir wollen den Begriff der Nebenz\u00e4sur nicht verbannen, fragen aber beim Hexameter wie anderw\u00e4rts <em>so<\/em>: an welchen Stellen fordert oder meidet man f\u00fchlbaren Kolonschluss? Dann wird das Bild sehr viel einfacher.<\/p>\n<p>Von einem &#8222;Schnitt&#8220; zum Beispiel nach dem ersten Takte kann nicht die Rede sein; in Verseing\u00e4ngen wie<\/p>\n<p><strong>Schlug<\/strong> er, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> da \/\u00a0 <strong>wand<\/strong> sich \/ <strong>je<\/strong>ner &#8230;<\/p>\n<p><strong>Sam<\/strong>melten, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>B\u00f6<\/strong>ses zu \/ <strong>brin<\/strong>gen &#8230;<\/p>\n<p>sind die bezeichneten Kolonschl\u00fcsse Zufall, sie d\u00fcrften fehlen. Vossens angebliche Schnitte vor der Schluss-Silbe sind Missgeburten:<\/p>\n<p>&#8230; so \/ <strong>viel<\/strong> er be- \/ <strong>sitzt<\/strong>, gilt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1114<\/strong> Die kurze Regel f\u00fcr den deutschen Hexameter lautet so: Er braucht einen Schnitt im dritten oder im vierten Takte. Beide Male kann der Schnitt nach der Hebungs- oder der ersten Senkungssilbe liegen, also m\u00e4nnlich oder weiblich sein. Beispiele aus Goethes Reineke Fuchs, erster Gesang:<\/p>\n<p>3m: <span style=\"color: #999999\">3<\/span> <strong>\u00dcb<\/strong>ten ein \/ <strong>fr\u00f6h<\/strong>liches \/ <strong>Lied<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> die \/ <strong>neu<\/strong>er- \/ <strong>mun<\/strong>terten \/ <strong>V\u00f6<\/strong>gel<\/p>\n<p>3w: <span style=\"color: #999999\">17<\/span> <strong>Al<\/strong>le \/\u00a0 <strong>hat<\/strong>ten zu \/ <strong>kla<\/strong>gen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> er \/ <strong>hat<\/strong>te sie \/ <strong>al<\/strong>le be- \/<strong> lei<\/strong>digt<\/p>\n<p>4m: <span style=\"color: #999999\">11<\/span> <strong>Hof<\/strong> zu \/ <strong>hal<\/strong>ten in \/ <strong>Fei<\/strong>er und \/ <strong>Pracht<\/strong>; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> er \/ <strong>l\u00e4sst<\/strong> sie be- \/ <strong>ru<\/strong>fen<\/p>\n<p>4w: <span style=\"color: #999999\">114<\/span> <strong>I<\/strong>segrim \/ <strong>kam<\/strong> von \/ <strong>fer<\/strong>ne ge- \/ <strong>schli<\/strong>chen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ver- \/ <strong>zehr<\/strong>te die \/ <strong>Fisch<\/strong>e<\/p>\n<p>Auf der Abwechslung dieser vier Arten ruht der Reiz des Hexameters nicht minder als auf dem Wechsel der Silbenzahl. Man weide sich an dem Formenspiel der ersten zw\u00f6lf Reinekeverse! Den Anfang des &#8222;Messias&#8220; mag man dagegenhalten. Eine gewohnte Schw\u00e4che der Unge\u00fcbten ist einseitiger Gebrauch von 3m und 3w.<\/p>\n<p>Die drei ersten Arten sind die bei Griechen und R\u00f6mern allbr\u00e4uchlichen (Man bemerke, das f\u00fcr die Alten wichtige Verbot des <em>Wortschlusses<\/em> an bestimmten Stellen spielt im Deutschen nicht; da kann an <em>jeder<\/em> Stelle ein Wort enden.)<\/p>\n<p>Der vierte Schnitt, &#8222;post quartum trochaeum&#8220;, meiden die Griechen, und so haben ihn auch bei uns Voss und die Seinen verfehmt. Unter ihrem Drucke hat ihn Goethe 1799 und 1800 mehrmals weggebessert; Schiller fing schon ein paar Jahre fr\u00fcher damit an. Klopstock bewahrte seine entschiedene Vorliebe f\u00fcr diese Z\u00e4sur, und in diesem Punkte ist sogar Platen nicht vossisch geworden! Wenigstens als Nebenschnitt bringt er das 4w ungescheut, doch gelegentlich auch als Hauptschnitt:<\/p>\n<p><strong>Leicht<\/strong> an den \/ <strong>Strand<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> ganz \/ <strong>oh<\/strong>ne Be- \/ <strong>schwer<\/strong>de, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> mit \/ <strong>freund<\/strong>lichem \/ <strong>L\u00e4ch<\/strong>eln (1833)<\/p>\n<p><strong>Nie<\/strong>mals, \/<strong> ruft<\/strong> er <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> mit \/ <strong>h\u00e4<\/strong>mischem \/ <strong>Ei<\/strong>fer, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> be- \/ <strong>geis<\/strong>terte \/ <strong>Shake<\/strong>spearn (1834)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1115<\/strong> Mit dem Schnitt im vierten Takte, 4m und 4w, verbindet man gern eine h\u00f6rbare Grenze in oder nach dem zweiten, m\u00e4nnlich oder weiblich: eine Nebenz\u00e4sur. Dann dreiteilt sich der Vers. So vorhin in Reineke I, 11 oder in:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">50<\/span> <strong>Mehr<\/strong> als \/ <strong>euch<\/strong>\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> doch \/ <strong>Wac<\/strong>kerlos \/ <strong>Kla<\/strong>ge<span style=\"color: #ff0000\"> ||<\/span> will \/ <strong>we<\/strong>nig be- \/ <strong>deu<\/strong>ten (4w)<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">49<\/span> <strong>Ist<\/strong> hier \/ <strong>nie<\/strong>mand, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>jung<\/strong> oder \/ <strong>alt<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> er \/ <strong>f\u00fcrch<\/strong>tet den \/ <strong>Frev<\/strong>ler (4m)<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">68<\/span> <strong>Und<\/strong> sie \/<strong> setz<\/strong>ten sich <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>ge<\/strong>genein- \/ <strong>an<\/strong>der, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> be- \/ <strong>gan<\/strong>nen das \/ <strong>Cre<\/strong>do (4w)<\/p>\n<p>Das sind beliebte Formen. N\u00f6tig aber ist dieser Nebenschnitt nicht; man h\u00f6re vorhin Reineke I, 114 oder:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">70<\/span> <strong>In<\/strong>nerhalb \/ <strong>un<\/strong>seres \/ <strong>K\u00f6<\/strong>niges \/ <strong>Fried<\/strong><span style=\"color: #ff0000\"> ||<\/span> und \/ <strong>frei<\/strong>em Ge- \/ <strong>lei<\/strong>te (4m)<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">87<\/span> <strong>A<\/strong>ber \/ <strong>wird<\/strong> ihm \/ <strong>dies<\/strong>mal ver- <strong>ziehn<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> so \/ <strong>wird<\/strong> er in \/ <strong>kur<\/strong>zem (4m)<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">169<\/span> <strong>Denn<\/strong> seit- \/ <strong>dem<\/strong> des \/ <strong>K\u00f6<\/strong>nigs \/ <strong>Frie<\/strong>de <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ver- \/ <strong>k\u00fcn<\/strong>diget \/ <strong>wor<\/strong>den (4w)<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">IV 189<\/span> <strong>Noch<\/strong> zum \/ <strong>letz<\/strong>tenmal \/ <strong>\u00f6f<\/strong>fentlich \/ <strong>sprech<\/strong>en <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>red<\/strong>lich be- \/ <strong>ken<\/strong>nen (4w)<\/p>\n<p>Umgekehrt macht die Grenze im zweiten Takte den Schnitt im vierten nicht entbehrlich:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">276<\/span><strong> Braun<\/strong> den \/ <strong>B\u00e4<\/strong>ren er- \/ <strong>nan<\/strong>nte man \/ <strong>a<\/strong>ber <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> zum \/ <strong>Bo<\/strong>ten. Der \/ <strong>K\u00f6<\/strong>nig<\/p>\n<p>Hier d\u00fcrfen wir \u00fcber den Kolonschluss nach aber nicht hinweglesen. Diese Grenze \u00fcbert\u00f6nen hier die beiden nach B\u00e4ren und Boten, und doch ist sie das lebenswichtige Gelenk des Verses und die beiden anderen Zugabe. Missraten ist diese Zeile der els\u00e4ssischen Zwillinge Wolf (geb. 1774):<\/p>\n<p><strong>K\u00e4uz<\/strong>chen \/ <strong>schwin<\/strong>gen<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> aus \/ <strong>ih<\/strong>ren \/ <strong>stau<\/strong>bigen \/ <strong>Nes<\/strong>tern \/ die <strong>Fl\u00fc<\/strong>gel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1116<\/strong> Die beiden Schnitte im dritten Takte, 3m und 3w, die freihalbierenden, sind nicht nur die h\u00e4ufigsten, sondern die ohrenf\u00e4lligsten. Das Ohr <em>erwartet<\/em> die Z\u00e4sur im dritten Takt und &#8222;h\u00f6rt sie dort auch wirklich, wenn es der Sinn nur einigerma\u00dfen gestattet&#8220; (Gotthold 1820).<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">1<\/span> <strong>Pfings<\/strong>ten, das \/ <strong>lieb<\/strong>liche \/ <strong>Fest<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> war ge- \/ <strong>kom<\/strong>men; <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> es \/ <strong>gr\u00fcn<\/strong>ten und \/ <strong>bl\u00fch<\/strong>ten<\/p>\n<p>Der tiefste Satzeinschnitt, nach <em>gekommen<\/em>, erg\u00e4be die Form 4w. Man kann aber auch den Kolonschluss nach <em>Fest<\/em> zur Herrschaft bringen: Form 3m. Es ist eine Frage der Stimmf\u00fchrung. \u00c4hnlich in:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">5<\/span> <strong>Fes<\/strong>tlich \/ <strong>hei<\/strong>ter \/ <strong>gl\u00e4nz<\/strong>te<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> der \/ <strong>Him<\/strong>mel <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und \/ <strong>far<\/strong>big \/ die <strong>Er<\/strong>de<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">45<\/span> <strong>Rei<\/strong>neke \/ <strong>hab<\/strong> auch \/ <strong>das<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> ihm ge- \/ <strong>nom<\/strong>men! <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Jetzt \/ <strong>sprang<\/strong> auch der \/ <strong>Ka<\/strong>ter<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">100<\/span> <strong>Als<\/strong> zwei \/ <strong>glei<\/strong>che Ge- \/ <strong>sel<\/strong>len <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> zu <strong>le<\/strong>ben. <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Das \/ <strong>muss<\/strong> ich er- \/ <strong>z\u00e4h<\/strong>len<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">136<\/span> <strong>Rei<\/strong>neke \/ <strong>kon<\/strong>nte vor \/ <strong>Zorn<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> nicht <strong>re<\/strong>den, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> doch \/ <strong>was<\/strong> er sich \/ <strong>dach<\/strong>te<\/p>\n<p>Die Messung nach Form 4 ist die weniger gemeinpl\u00e4tzige &#8211; eben weil das Ohr zun\u00e4chst Form 3 erwartet! In Zeile 64 kommt zugleich zweierlei Iktensetzung in Frage:<\/p>\n<p><strong>Lasst<\/strong> euch er- \/<strong>z\u00e4h<\/strong>len,<span style=\"color: #ff0000\"> |<\/span> <strong>wie<\/strong> er so \/ <strong>\u00fc<\/strong>bel <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> an \/ <strong>Lam<\/strong>pen dem \/ <strong>Ha<\/strong>sen<\/p>\n<p>oder<\/p>\n<p><strong>Lasst<\/strong> euch er- \/ <strong>z\u00e4h<\/strong>len, wie \/ <strong>er<\/strong><span style=\"color: #ff0000\"> ||<\/span> so \/ <strong>\u00fc<\/strong>bel an \/ <strong>Lam<\/strong>pen dem \/ <strong>Ha<\/strong>sen<\/p>\n<p>Die folgenden Verse rettet man durch Anbringen der Form 3:<\/p>\n<p><strong>Un<\/strong>be &#8211; \/ <strong>d\u00e4ch<\/strong>tig \/ <strong>sag<\/strong>te <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> der \/ <strong>Ka<\/strong>ter: \/ <strong>tut<\/strong> mir die \/ <strong>Lie<\/strong>be (Reineke III 47)<\/p>\n<p><strong>Neh<\/strong>met uns \/ <strong>auf<\/strong>, ihr \/ <strong>hoch<\/strong>&#8211; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> auf- \/<strong>ra<\/strong>genden \/ <strong>W\u00e4l<\/strong>der, ihr \/ <strong>T\u00e4<\/strong>ler (Gebr. Wolf)<\/p>\n<p><strong>Und<\/strong> er \/<strong> tat<\/strong> es, der \/ <strong>un<\/strong>&#8211; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> er- \/ <strong>forsch<\/strong>liche, \/ <strong>wie<\/strong> sie ihn \/ <strong>nan<\/strong>nten (G. Hauptmann, Anna)<\/p>\n<p><strong>F\u00fch<\/strong>re sie \/ <strong>mir<\/strong>, als \/\u00a0 <strong>dei<\/strong>ne <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Nach- \/ <strong>ah<\/strong>merin, \/ <strong>vol<\/strong>ler Ent- \/ <strong>z\u00fcc<\/strong>kung (Messias I 11)<\/p>\n<p>Zur Not auch noch:<\/p>\n<p><strong>Sah<\/strong>, und mit \/ <strong>dem<\/strong> er un- \/ <strong>nach<\/strong>&#8211; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ahm- \/ <strong>ba<\/strong>rere \/ <strong>Ta<\/strong>ten voll- \/ <strong>f\u00fchr<\/strong>te (Messias I 318)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1117<\/strong> Unter den Nebenschnitten, die beliebig stehen oder fehlen k\u00f6nnen, hat die Vossische Schule <em>einem<\/em> besonders nachgestrebt: der von Thoekrit beg\u00fcnstigten &#8222;Tmesis bucolica&#8220; (Vo\u00df, Zeitmessung 195 f.). Sie f\u00e4llt ans Ende des vierten (dann meist dreisilbigen Taktes und hat als eigentlichen Einschnitt Form 3 vor sich. In Goethes unbefangener Dichtung flie\u00dfen diese Verstypen absichtslos ein:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">23<\/span> <strong>E<\/strong>del \/ <strong>seid<\/strong> ihr und \/ <strong>gro\u00df<\/strong>! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Und \/ <strong>eh<\/strong>renvoll, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span><strong> je<\/strong>dem er- \/ <strong>zeigt<\/strong> ihr<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">26<\/span> <strong>A<\/strong>ber vor \/ <strong>al<\/strong>len \/ <strong>Din<\/strong>gen <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> er- \/ <strong>barmt<\/strong> euch, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>dass<\/strong> er mein \/ <strong>Weib<\/strong> zu<\/p>\n<p>Unter Schlegels Einwirkung ist er ihnen bewusst nachgegangen, so in der Achilleis.<\/p>\n<p>Voss gibt das anschauliche Beispiel:<\/p>\n<p><strong>Je<\/strong>ner \/ <strong>sprachs<\/strong>, und ver- \/ <strong>wirrt<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ent- \/ <strong>eil<\/strong>te sie, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>Qua<\/strong>len er- \/ <strong>dul<\/strong>dend<\/p>\n<p>Eine formgerechte Gleiderung nach 3m. Sie w\u00fcrde zerst\u00f6rt durch die \u00c4nderung:<\/p>\n<p><strong>Je<\/strong>ner \/ <strong>sprachs<\/strong>, und \/ <strong>angst<\/strong>voll <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>eil<\/strong>te sie, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>Qua<\/strong>len er- \/ <strong>dul<\/strong>dend<\/p>\n<p>Denn hier gingen dem K\u00fcherschnitte nur Grenzen in zweiten und nach dem dritten Takte voran: dem verse fehlte also der n\u00f6tige Schnitt im innern des dritten oder vierten Taktes. (Es liegt nicht an Partizip gegen Adverb, wie Minor meint!) Auch Platen hat eine Zeile derart durchschl\u00fcpfen lassen (23. Juni 1835):<\/p>\n<p><strong>Je<\/strong>ne ver- \/ <strong>stei<\/strong>nerten, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>die<\/strong> du so \/ <strong>m\u00f6r<\/strong>derisch, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>ei<\/strong>nem Po- \/ <strong>lyp<\/strong> gleich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1118<\/strong> Formwidrig sind danach die sogenannten &#8222;z\u00e4surlosen&#8220; Hexameter, das hei\u00dft die keinen der erw\u00e4hnten vier Schnitte, 3m und 3w, 4m und 4w, hergeben. Bodmers Verse waren daf\u00fcr ber\u00fcchtigt. Ein Beispiel wieder aus den Els\u00e4ssern Wolf:<\/p>\n<p><strong>Rau<\/strong>schet nicht, \/ <strong>we<\/strong>hende \/ <strong>Nie<\/strong>der- \/ <strong>m\u00fcns<\/strong>ter- \/ <strong>lin<\/strong>den, mir \/ <strong>furcht<\/strong>bar<\/p>\n<p>Am meisten greift es die Hexameter-Linie an, wenn am Schluss des dritten Taktes eine nicht zu \u00fcberh\u00f6rende Kolongrenze eintritt. Sie zerschneidet den Vers in zwei mehr oder weniger gleiche H\u00e4lften; ist der dritte Takt dreisilbig, verletzt es weniger.<\/p>\n<p><strong>Ei<\/strong>nen \/ <strong>sch\u00f6<\/strong>nen\/\u00a0 <strong>Pai<\/strong>an <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>san<\/strong>gen die \/ <strong>jun<\/strong>gen Ach- \/ <strong>ai<\/strong>er (B\u00fcrger, Ilias I, 473)<\/p>\n<p><strong>Mild<\/strong> steigt \/ <strong>nie<\/strong>der und \/ <strong>huld<\/strong>reich <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>\u00fc<\/strong>ber die \/ <strong>gl\u00e4n<\/strong>zende \/ <strong>Eb<\/strong>ne (Gebr\u00fcder Wolf)<\/p>\n<p><strong>Schmei<\/strong>dige \/ <strong>doch<\/strong> ein \/ <strong>we<\/strong>niges <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>dei<\/strong>ne \/ <strong>bors<\/strong>tige \/ <strong>See<\/strong>le (M\u00f6rike, Sichrer Mann)<\/p>\n<p>Bei Friedrich von Stolberg ist der Fall verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig. W\u00e4hrend Goethe schon vor dem Hereinreden der Philologen die Schnitte feinf\u00fchlig handhabt.<\/p>\n<p>Klostock hat den antiken, genauer den lateinischen Z\u00e4surregeln, die er ja von der Schule her kannte, nicht den Krieg erkl\u00e4rt; beobachtet doch die gro\u00dfe Masse schon seiner fr\u00fchesten hexameter diese nicht selbstverst\u00e4ndlich zu nennenden Vorschriften. Wenn er dennoch \u00f6fter als andere ausweicht, muss das an einer gewissen Gleichg\u00fcltigkeit in diesem Punkte liegen. Und zwar haben ihn <em>hierin <\/em>die 1760er Jahre nicht schulfromm gemacht. Eine sp\u00e4tere \u00c4u\u00dferung, aus den <em>grammatischen Gespr\u00e4chen<\/em> 1794, befremdet durch ihre Harth\u00f6rigkeit f\u00fcr die homerische Hauptz\u00e4sur 3w.<\/p>\n<p>Auf den ersten Gesang des Messias in der Fassung von 1748, 705 Zeilen, rechnen wir 21 &#8222;z\u00e4surlose&#8220; F\u00e4lle (nicht mitgerechnet, was irgend anders deutbar ist). Ein Beispiel:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">509<\/span> <strong>Still<\/strong> mit \/ <strong>ei<\/strong>nem all- \/ <strong>ge<\/strong>gen- \/ <strong>w\u00e4r<\/strong>tigen <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>Mor<\/strong>gen be- \/ <strong>gr\u00fc\u00df<\/strong>te<\/p>\n<p>\u00d6fter kann man schwanken, wo der Halbpartschnitt nach den dritten Takte notwendig ins Ohr falle;\u00a0 ein sicherer Vertreter:<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">682<\/span> <strong>Und<\/strong> drauf \/ <strong>sagt<\/strong> er, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> o \/ <strong>Ben<\/strong>jamin, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> <strong>un<\/strong>sern um- \/ <strong>ste<\/strong>henden \/ <strong>M\u00fct<\/strong>tern<\/p>\n<p>Von den 21 F\u00e4llen setzen sich acht, zum Teil mit ge\u00e4ndertem Wortlaut, bis in die letzte Fassung fort. Diese bringt aber auch neue F\u00e4lle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1119<\/strong> Wir machen uns auf den Einwand gefasst: dem Unbefangenen klingen diese Verse ebenso sch\u00f6n; die Schnittregel der Alten ist f\u00fcr uns leeres Herkommen. Darauf k\u00f6nnte man antworten wollen: die ganze Hexameterform ist Herkommen, und zu ihr geh\u00f6rt diese Regel; wer sich in sie eingelebt hat, sp\u00fcrt die \u00dcbertretung als ein Weniger an Form.<\/p>\n<p>Allein der Gegensatz zwischen griechen und R\u00f6mern (1114) zeigt schon, dass man die Regel enger oder weiter fassen kann. Es fragt sich, an welchem Muster man sich erziehen will. Voss w\u00e4hlte das griechische Muster und empfand daher den Schnitt 4w als unsch\u00f6n, ja sogar einen <em>Neben<\/em>schnitt an dieser Stelle:<\/p>\n<p><strong>Ei<\/strong>, ver- \/ <strong>schm\u00e4<\/strong>het ihr \/ <strong>so<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> den \/ <strong>Ho<\/strong>nig, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> den \/ <strong>man<\/strong>cher be- \/ <strong>geh<\/strong>ret<\/p>\n<p>Auch heutige G\u00e4zisten bekennen sich zu diesem Urteil. Wir stehen also da vor einer Grad- und Geschmacksfrage; und die Antwort kann nicht einfach vom gesunden deutschen Sprachgef\u00fchl kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus: Andreas Heusler, Deutsche Versgeschichte, dritter Band (de Gruyter 1929), Seite 256 &#8211; 260. Leicht gek\u00fcrzt um Verweise auf andere Stellen der Versgeschichte und einige Bemerkungen \u00fcber den antiken Hexameter; auch einige wenige Beispiele fehlen. Wer kann, sollte unbedingt den &#8222;richtigen&#8220; Text einsehen! &nbsp; 1113 Der Hexameter hat eine gesteigerte Empfindlichkeit, er ist gleichsam aus&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=4928\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Schnitte des Hexameters<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":4922,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4928","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4928","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4928"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4928\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4929,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4928\/revisions\/4929"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4922"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}