{"id":5356,"date":"2015-11-03T14:02:59","date_gmt":"2015-11-03T13:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=5356"},"modified":"2020-07-28T23:37:54","modified_gmt":"2020-07-28T22:37:54","slug":"rudolf-borchardt-klage-der-daphne","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=5356","title":{"rendered":"Rudolf Borchardt: Klage der Daphne"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus: Rudolf Borchardt. Gesammelte Werke in Einzelb\u00e4nden. Gedichte. Stuttgart: Klett 1957. S. 180-185.<br \/><\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Klage der Daphne<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fche vor Tag in dem Tau, wo sie kalt lag, fand ich die Grille,<br \/>Atmet ihr \u00fcber den F\u00fchler, da hob sie ihn; gab ihr im Hinfliehn<br \/>Hauch meiner \u00e4ngstigen Brust, gedankenlos, ohne das Mitleid.<br \/>Mitleid \u00fcbe der Grobe, der Leichtger\u00fchrte: der J\u00e4ger,<br \/><strong>5<\/strong> Wenn er die Hinde gerade erschossen hat, schone des Rickleins,<br \/>Oder es bringe den Kindern der H\u00e4ssliche, dass sie erbarme,<br \/>Warm im Runde der blutigen Hand, den geborgenen Nestling.<br \/>Mich nicht eben wie diese erbarmt es mich, mich die Gejagte<br \/>Schwingt es \u00fcber den Bach wie ein Hirsch, mich durch die Getreue<br \/><strong>10<\/strong> Schneller den irgend ein anderes Wild, ein gehetzteres w\u00e4re,<br \/>Oder von Baume zu Baum von dem frevelnden Knaben gesteinigt,<br \/>Surrt die unselige Grille! nicht diese wohl: diese in Busen<br \/>Schob ich mir achtlos Tun, ein zerfahrenes, wilder Gedanken.<br \/>Ruchlos bin ich, ein Wild, ich selber geworden, wer w\u00e4r ich,<br \/><strong>15<\/strong> Dass ich das Veilchen im Tau ers\u00e4h, dar\u00fcber ich st\u00fcrme,<br \/>Dass ich der Grille gewahre, eh hinter mir, eh ich sie eintrat?<br \/>Grille, du rufst und rufst in dem Busen mir immer; was rufst du!<\/p>\n<p>Hinter mir rennts geschwinder denn ich; wie hurtig ich w\u00e4re<br \/>L\u00e4uferin ich, der Gespielinnen immer ich erste Gepriesne,<br \/><strong>20<\/strong> Fl\u00fcchtiger sausts, es ersp\u00e4ht m\u00fchloser noch, ach, es erjagt mich<br \/>Endlich, und &#8211; seh ichs jetzt oder nicht, &#8211; was suchen, was sp\u00fcren?<br \/>Hat michs doch, schon zielt es auf mich, schon \u00fcber mir jauchzt es!<br \/>Bergt mich, Kl\u00fcfte im Fels, wie nur immer den zitternden Steinbock!<br \/>Wasserfall sch\u00fctze mich, dass ich im Sto\u00df vor dem St\u00f6\u00dfer verschwinde.<br \/><strong>25<\/strong> Dryas, g\u00f6nne im Stamme mir Unterschlupf, Erde, erbarm dich,<br \/>Tu mir auf die heiligen Br\u00fcste und birg mich in ihnen,<br \/>Wie ich die Grille mir zwischen den Br\u00fcsten hier, also verbirg mich<br \/>Armseligste! Ich rufe nicht her daraus, wie mir die grille<br \/>Ruft am jagenden Herzen, ich schweige schon! Nicht meinen Herzschlag<br \/><strong>30<\/strong> Soll er vernehmen, der Sch\u00f6ne, der Tanzende, hinter mir drein Der!<br \/>Noch meinen Herzschlag, G\u00f6ttin, ersticke mir; noch in den Br\u00fcsten<br \/>Eisige mir in der K\u00fchle die Brust, da wird es verstummen,<br \/>Wie sichs mir in der W\u00e4rme ermunterte, dass es sich toll ruft &#8211;<br \/>Grille, du rufst und rufst und rufst noch immer? Was rufst du?<\/p>\n<p><strong>35<\/strong> Mich nicht eben! Warum grade mich, mich eine, Apollon?<br \/>Oder, wohl, die eine nicht mich; warum zu den vielen<br \/>Mich noch? Eine denn noch zu unz\u00e4hligen, ich aber diese?<br \/>Sch\u00f6n, ich d\u00fcnke dichs? Sch\u00f6nste? Ich hasste mich, w\u00e4r ich es lang noch:<br \/>Jung, ich altere doch, oh, altert&#8216; ich! Lieblich? Ich liebe<br \/><strong>40<\/strong> Nicht, nicht dich, und liebte mich keiner, ich lebt&#8216; es mir eins noch!<br \/>Muss ich es geben denn, was du mir nehmen willst muss ich sein, was<br \/>Du dir d\u00fcnkst, dass ich sei und befiehlst es mir &#8211; muss ich es l\u00fcgen,<br \/>Was dich blendete, wie ich wei\u00df es nicht, &#8211; muss ich die Echo<br \/>Werden, weil du mir singst, an der Steinwand, muss ich es dulden?<br \/><strong>45<\/strong> Leben soll ich mir nicht, nicht sterben mir, wie es den T\u00f6chtern<br \/>Ziemt der bescheidenen Erde, den einfachen? Feiergedanken<br \/>Nicht mehr kennen, sie bl\u00fchen nur auf in den Kindern des Alltags!<br \/>Alltags Dinge nicht schaffen, sie gl\u00fccken nur t\u00e4glichen Weibern?<br \/>Scherzen mit rechtlich geborenen Kindern nicht, rechtlichem Vater<br \/><strong>50<\/strong> Nicht die noch ungeschickten, wie Tierlein sind, in die bereiten<br \/>Arme heben, ich nicht? Halbg\u00f6ttlichen gleichen? An Br\u00fcsten<br \/>Nicht das Geborene s\u00e4ugen wie dich nicht, Ph\u00f6bus, die Mutter<br \/>S\u00e4ugen gedurft, Ambrosia gab man dir, geistrige Zauber;<br \/>Davon schrilltest du ihr an der Brust, unmenschlicher Spieler,<br \/><strong>55<\/strong> Zithergewandter als S\u00e4ugling schon, wie&#8217;s mir an der Brust schrillt,<br \/>Aus der unmenschlichen Kehle, ein Tier, was schonte ich sein auch?<br \/>Grille, du rufst und rufst, und rufst noch immer! Was rufst du?<\/p>\n<p>Wann nur gewahrtest du mich, Uns\u00e4glicher! Dass ich es w\u00fcsste!<br \/>Dass mich ein Aug, wie andere Br\u00e4utliche, dass mich ein Schrei doch,<br \/><strong>60<\/strong> Wild und ein s\u00fc\u00dfer, ein einfacher h\u00e4tte, ein selger getroffen,<br \/>Troffen, oh, wohl wie ein Schuss, ein verwundender, das mir das Herz dran<br \/>Wider den Willen zersprungen sich auftan h\u00e4tte, und w\u00fcsst es!<br \/>Aber ersp\u00e4ht ward ich, und ich wusst es nicht; aber erlauert<br \/>Ward ich von Geistergesichte; begeistert hab ich und wei\u00df nicht,<br \/><strong>65<\/strong> Einen Gespenstigen, mir \u00dcberlegnen, einen mir Fernen!<br \/>Fernher sieht er und wirkt fernher, sich selber berauscht er<br \/>Fern im Leiergebraus, nicht andere, selber zuerst sich!<br \/>Fernher schie\u00dft er, ein immer Ermordender, nicht wie ein K\u00e4mpfer<br \/>Kommt und fordert den K\u00e4mpfer ins Offene, w\u00e4hlt sich ein Opfer<br \/><strong>70<\/strong> Unbefragt in der gr\u00e4sslichen H\u00f6h! O liebliche N\u00e4he,<br \/>Aber auch mir nun bist du versagt, der Gefl\u00fcchteten; schon sein<br \/>Eigen d\u00fcnk ich mir nun, der das N\u00e4chste unter dem Fu\u00df saust,<br \/>L\u00fcfte erf\u00fcllt mein Name, ich fliehe sie, denn er erschallt ihn,<br \/>V\u00f6lker verk\u00fcndigen mich, ich meide sie, T\u00f6rinnen neiden<br \/><strong>75<\/strong> Mir den entsetzlichen Ruhm, ich neide der letzten, der Hirten-<br \/>M\u00e4dchen verbranntester, unansehlichster, dass sie im Dunkel<br \/>Darf, dem erb\u00e4rmlichen, sterben, Erbarmen nehmen und geben<br \/>Unter den Sterblichen, die sich einander noch gerne erbarmen<br \/>Und eines Tierleins, selbst achtlos, noch wilder Gedanken &#8211;<br \/><strong>80<\/strong> Grille, du rufst und rufst noch immer, was rufst du?<\/p>\n<p>H\u00e4tt ich ihn nur nicht selber gewahrt, und, wie er geschaffen,<br \/>W\u00fcsst ich es nicht und graute mirs immer nicht \u00fcber den Busen!<br \/>Einmal warst du mir nah, und vergeblich, Ph\u00f6bus Apollon,<br \/>Eitel sp\u00e4hte das schreckliche Blau in dem himmlischen Auge.<br \/><strong>85<\/strong> Nah schon warst du mir, unter mir brachen die eisigen Knie,<br \/>Tod und das Ende erschien; da kreuzte dir Hermes, ein Sturmwind<br \/>Aaren gleich \u00fcber Fittichen hockend die Sohlen der Laufbahn,<br \/>Stand bei dir, und verga\u00dfest du mein f\u00fcr den Wink; und es tat sich<br \/>Neben mir auf aus St\u00e4mmen des Hags und winkte mich einw\u00e4rts:<br \/><strong>90<\/strong> Schutzrecht gab mir das M\u00e4dchen des Baums dem gepeinigten M\u00e4dchen,<br \/>Rankte sich mir um den Wuchs und schloss um uns beide die Rinde,<br \/>Aber sie blieb mir hell wie ein Glas; und sagte die Nymphe:<br \/>&#8222;F\u00fcrchte dich nicht; er gewahrt dich nicht, soweit mir der Bann reicht,<br \/>Aufgehoben betrachte ihn nur; was fliehst du den Gro\u00dfen?&#8220;<br \/><strong>95<\/strong> Grille, du rufst nicht mehr, wie du riefst; ich wollte, du riefest.<\/p>\n<p>Prachtvoll standst du im gl\u00fchenden Blau, grausamer Bezwinger,<br \/>Eng in H\u00fcften und breit deiner Schulteren, dr\u00fcber ver\u00e4chtlich<br \/>Prunkte das Knabengesicht seellos und lachte der sch\u00f6ne<br \/>Singende Mund, und verschm\u00e4hte die Welt das Auge des Sehers.<br \/><strong>100<\/strong> Zwitschernd ging dir wie V\u00f6geln die Zwiesprach mit dem Gebruder,<br \/>Der wie ein Zwilling neben dir sah, und hatte die Ferse<br \/>Schimmernde, auf einem Steine und b\u00fcckte sich, Fittiche richtend.<br \/>Nebeneinander, Entsetzliche, standet ihr, gr\u00f6\u00dfer, als wir sind,<br \/>Harte Gew\u00e4ltiger, glei\u00dfender Haut, mit lachenden Z\u00e4hnen<br \/><strong>105<\/strong> Zwischen dem schwelgenden Munde, Verzehrende, Flammengeschwister,<br \/>Und ihr beredetet euch, \u00fcber mich, in eigener Sprache.<br \/>Furchtbar m\u00fcssen sie sein so wie ihr, euch willige Br\u00e4ute,<br \/>Gro\u00dfe und lachende M\u00e4dchen des Zufalls, brennende Dirnen<br \/>Ohne ein Herz in Br\u00fcsten, in deren vergessende Arme<br \/><strong>110<\/strong> Und in den Scho\u00df ihr Brennende fahrt zu gewitternder Hochzeit.<br \/>H\u00e4tt ich dich einen gesehn, wer wei\u00df, ich w\u00e4re dir schw\u00e4cher<br \/>Dann oder wann erlegen und tr\u00fcge von dir die Gespenster.<br \/>Aber ich sah euch Gleich zu Gleichende, wo ihr ein Blut seid,<br \/>Sprecht wie es hergeht unter euch allen, lacht, wie ihr auslacht,<br \/><strong>115<\/strong> T\u00f6tet, wie du im Sprechen den Stein nachzieltest dem Eidechs,<br \/>Trafst und erschlugst, achtlos, wie ich achtlos sch\u00fctzte die Grille &#8211;<br \/>Grille, du rufst nicht mehr, aber rufe du wieder! Ach rufe!<\/p>\n<p>Selige dort, im Baume gesessene, der er vorbeistob<br \/>Blendend hinter der Spur, der vermeintlichen, aber betrogen!<br \/><strong>120<\/strong> Fernher h\u00f6rten wir sie, die G\u00f6tterklage, wir lachten,<br \/>Weinend ich, aber bitterlich sie, des ersch\u00fctternden Wohllauts,<br \/>Denn er vernahm mein nicht und befragte den Wald und die Felsen.<br \/>Selige, w\u00e4re ich du, und er st\u00f6be mir, st\u00f6be vor\u00fcber:<br \/>Gerne f\u00fcr Gnade des Ausruhns nur, f\u00fcr Gnade des Schutzes<br \/><strong>125<\/strong> Vor der Liebe des Liebunwissenden, Liebeunwerten<br \/>Lobte ich mir dein \u00c4stegeschick in dem ewigen Gr\u00fcne!<br \/>Holzgeworden und windebesucht viel lieber und wurzelnd<br \/>In den geheiligten Grund und ein Spiel sein heiliger L\u00fcfte,<br \/>Spiel im Spiele der z\u00e4rtlichen Nachtigall, oder dem Spiele<br \/><strong>130<\/strong> L\u00e4ndlicher M\u00e4dchen und Hirtengeschlechts, in den Schatten mich kehrend!<br \/>Ihnen besch\u00fctzte ich K\u00fcsse und Heimlichkeit, menschliche Wonne<br \/>Und das Zittern der Braut und die Lust des verwegenen Werbers<br \/>\u00dcber der freundlichen Erde, der unteren, aller der Heimat<br \/>gerne verg\u00e4\u00df ich und all des Geweigerten, Himmlischen dankbar,<br \/><strong>135<\/strong> Dass sie mich lie\u00dfen, welkte ich hin, die Verborgene: alles<br \/>Ists, das Verborgene, sch\u00f6n, und das Ruchbare, alles ein Greuel!<br \/>Aber sie lassen mich nicht, es erbarme sich meiner der Vater<br \/>Selber, der Meisternde, denn, und liebte mich wie ich ihn liebe,<br \/>Weinend, ein fliehendes Kind: ach, hilf mir, eh er mich einholt!<br \/><strong>140<\/strong> Birg mich in dich, wie in mich eins deiner Sterbenden einbarg &#8211;<br \/>Grille, du rufst nicht mehr, aber rufe du wieder! Ach rufe.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus: Rudolf Borchardt. Gesammelte Werke in Einzelb\u00e4nden. Gedichte. Stuttgart: Klett 1957. S. 180-185. \u00a0 Klage der Daphne Fr\u00fche vor Tag in dem Tau, wo sie kalt lag, fand ich die Grille,Atmet ihr \u00fcber den F\u00fchler, da hob sie ihn; gab ihr im HinfliehnHauch meiner \u00e4ngstigen Brust, gedankenlos, ohne das Mitleid.Mitleid \u00fcbe der Grobe, der Leichtger\u00fchrte:&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=5356\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Rudolf Borchardt: Klage der Daphne<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":10226,"menu_order":3,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5356","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5356"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10252,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5356\/revisions\/10252"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/10226"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}