{"id":5399,"date":"2015-11-09T14:11:44","date_gmt":"2015-11-09T12:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=5399"},"modified":"2016-04-24T23:24:28","modified_gmt":"2016-04-24T21:24:28","slug":"verschiedenes-zum-anapaest","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=5399","title":{"rendered":"Verschiedenes zu anap\u00e4stischen Versen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Verseingang<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein schwerer Vogel erst einen Anlauf machen muss, bevor er ins Fliegen kommt, und wie ein beladener Wagen nur langsam einsetzt, bis er in der Ebene lustig rollend weiter sich bewegt, so setzen inhaltschwere anap\u00e4stische Reihen gew\u00f6hnlich langsam mit einem Jambus ein, bevor sie ihre charakteristisch rollende Bewegung annehmen. Es widerstrebt unserem Gef\u00fchl, die rhythmische Reihe mit zwei Thesen zu beginnen; auch verlangt die rhythmische Malerei f\u00fcr Unterbrechung des hastigen Forteilens zuweilen nur <em>eine<\/em> Thesis. Dies ist wohl der Grund, weshalb man so selten ganze Gedichte aus reinen Anap\u00e4sten antrifft. Beim Rezitieren des Anap\u00e4sts liest man die beiden Thesen so, dass sie den gleichen Tongrad zu haben scheinen.\u00a0 (C. Beyer)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Versregeln<\/strong><\/p>\n<p>Der anap\u00e4stische Vers bedarf nur weniger Regeln.<\/p>\n<p><strong>1 &#8211;<\/strong> Die Anap\u00e4ste m\u00fcssen rein sein, und d\u00fcrfen nicht mit Molossen, Tribrachen, Daktylen, Bacchien und anderen dreisilbigen F\u00fc\u00dfen vermengt werden. Folgender Vers w\u00fcrde daher ein sehr schlechter anap\u00e4stischer Vers sein:<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000\">H\u00f6rt Siegsruf<\/span>, aus der Fern <span style=\"color: #ff0000\">schallet er<\/span> mit Trompetengeschmetter<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000\"><strong>\u2014 \u2014 \u2014<\/strong><\/span>, \u25e1 \u25e1 \u2014, <span style=\"color: #ff0000\"><strong>\u2014 \u25e1 \u25e1<\/strong><\/span>, \u25e1 \u25e1 \u2014, \u25e1 \u25e1 \u2014<\/p>\n<p><strong>2 &#8211;<\/strong> Durch die Aufl\u00f6sung der Anap\u00e4sten in einen der P\u00e4onen wird der Rhythmus zwar figuriert, aber nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Voll der e<span style=\"color: #ff0000\">dleren Gef\u00fch<\/span>le, die Mitleid weckt<br \/>\n\u25e1 \u25e1 \u2014 , <span style=\"color: #ff0000\"><strong>\u25e1 \u25e1 \u25e1 \u2014<\/strong><\/span>, \u25e1 \u25e1 \u2014, \u2014 \u2014<\/p>\n<p>Es versteht sich dann aber von selbst, dass die K\u00fcrzen der P\u00e4onen so fl\u00fcchtig angenommen werden m\u00fcssen, dass sie mit den Anap\u00e4sten einerlei Zeitraum f\u00fcllen.<\/p>\n<p><strong>3 &#8211;<\/strong> Die Anfangssilbe eines anap\u00e4stischen Verses kann lang sein, nur muss sie, weil sie Auftaktsilbe ist, thetischer Natur sein. (J. H. F. Meinecke)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Vermeidung der Amphibrachen<\/strong><\/p>\n<p>Der Auftakt des Anap\u00e4stus enth\u00e4lt zwei Momente, kann aber auch durch eins vertreten werden, welchem dann die der Anakrusis \u00fcberhaupt innewohnende Unbestimmtheit eigen ist, und das daher durch eine langzeitige Silbe gebildet wird, obwohl sich diese aks voller Auftakt ansehen l\u00e4sst, dessen beide kurzen Momente sich einem langen konzentriert haben. Der kurzzeitige einsilbige Auftakt veranlasst aber leicht amphibrachische Wortteilung; deshalb ist anzuraten, dieses gleichsam anlaufende Moment lieber langzeitig zu w\u00e4hlen oder den Amphibrachus durch daktylischen oder spondeischen Wortfu\u00df zu vermeiden, und den Vers, durch Herbeif\u00fchrung der anap\u00e4stischen Z\u00e4sur nach der Arsis, in seiner eigent\u00fcmlichen Bewegung sich zeigen zu lassen:<\/p>\n<p>Da st\u00f6\u00dft <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> kein Nachen vom sicheren Strand<\/p>\n<p>Die Stadt <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> vom Tyrannen befreien<\/p>\n<p>So m\u00f6g auch Gott, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> der allm\u00e4chtige Hort<\/p>\n<p>Wir sehen hieraus, wie sehr es beim anap\u00e4stischen Verse darauf ankommt, seine Bewegung von Hause aus anzuk\u00fcndigen, und dass er dieses teils durch den Auftakt zweier kurzer Momente, oder eines langzeitigen, und in den meisten F\u00e4llen durch sofortigen Abschntt in der Arsis der ersten rhythmischen Reihe zu erreichen sucht, wodurch eine Verkennung seiner Bewegung mit der daktylischen und amphibrachischen von vorn herein gleichsam abgewehrt wird. (C. F. Edler)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Z\u00e4sur<\/strong><\/p>\n<p>Es ist noch anzuf\u00fchren, dass hinsichtlich der Z\u00e4suren eine gro\u00dfe Abwechslung stattfinden kann, wobei man jedoch darauf zu achten hat, die Bewegung nicht in amphibrachische oder daktylische ausarten zu lassen, wenn der Daktylus oder Amphibrachys als Wortf\u00fc\u00dfe zu oft verwendet werden. Die eigentliche Z\u00e4sur, insofern sie n\u00e4mlich mit logischem Schlusse und Interpunktion zusammenh\u00e4ngt, findet sich am h\u00e4ufigsten am Ende der ersten metrischen Dipodie:<\/p>\n<p>Tr\u00e4umende Wehmut, hinschmachtender Gram (Schlegel)<\/p>\n<p>doch kann sie auch anderw\u00e4rts vorkommen, oder der ganze Dimeter eine rhythmische Einheit bilden, wo dann nat\u00fcrlich die Worteinschnitte nicht als Z\u00e4suren gelten. (C. F. Edler)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Anap\u00e4st im Vergleich<\/strong><\/p>\n<p>Der <em>Anap\u00e4st<\/em> klingt gegen den <em>Daktylus<\/em> hart, weil in dem <em>Anap\u00e4st<\/em> eigentlich der <em>Pyrrhichius<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u25e1<\/span> und der <em>Iambus<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u2014<\/span> zusammen t\u00f6nen, die einander zu nahe liegen, weil sie sich beide ihrer Natur nach zum Sprunge neigen, und also der sanfte Wechsel zwischen Steigen und Fallen bei dem <em>Anap\u00e4st<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u25e1 \u2014<\/span> nicht stattfindet, der den <em>Daktylus<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u2014<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u25e1\u00a0<\/span> so harmonisch macht, in welchem der <em>Troch\u00e4us<\/em> und <em>Pyrrhichius<\/em> zusamment\u00f6nen, wovon sich der erste zum Fall, und der letztre schon wieder zum Sprung neigt.<\/p>\n<p>Setz&#8216; ich aber zu dem <em>Anap\u00e4st<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u25e1 \u2014<\/span> noch eine kurze Silbe, so mildre ich durch den daraus erwachsenden sanften Fall am Ende die H\u00e4rte desselben, und aus dieser Mildrung erw\u00e4chst der <em>dritte P\u00e4on<\/em> oder <em>Didym\u00e4us<\/em> <span style=\"color: #ff0000\">\u25e1 \u25e1 \u2014 \u25e1<\/span>, der doch unter allen metrischen F\u00fc\u00dfen vielleicht den sanftesten Klang hat. (K. P. Moritz)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anap\u00e4stische Verse<\/strong><\/p>\n<p>Diese Verse erlauben \u00fcberall die Vertauschung des Anap\u00e4sts mit dem steigenden Spondeus, welcher dem Grundfu\u00dfe an Zeitdauer gleich ist und dessen lebhaftere Bewegung m\u00e4\u00dfigt, ohne den Rhythmus zu schw\u00e4chen, vielmehr demselben mehr W\u00fcrde gibt.<\/p>\n<p>In der neueren Poesie aber setzt man an die Stelle des Anap\u00e4sts noch h\u00e4ufiger den Iambus, welcher zwar einerlei Tonbewegung mit dem Grundfu\u00dfe hat, aber von geringerer Zeitdauer ist und daher den Rhythmus offenbar schw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Der anap\u00e4stische Rhythmus ist im allgemeinen kr\u00e4ftig und lebhaft eindringend. Durch eingemischte Spondeen wird er ruhiger und gehaltener, ohne an Kraft zu verlieren. (F. Ficker)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vom daktylischen zum anap\u00e4stischen Vers<\/strong><\/p>\n<p>Denkt man sich vor einer daktylischen Reihe den einfachen Auftakt, so w\u00fcrde die nat\u00fcrliche Bewegung dieser Reihe die amphibrachische werden:<\/p>\n<p>\u25e1 |\u00a0 \u2014 \u25e1 , \u25e1 \u2014 \u25e1 , \u25e1 \u2014 \u25e1 ,\u00a0 \u25e1 \u2014 \u25e1<br \/>\n<em>Vertrautes Gelispel ersehnter Begr\u00fc\u00dfung<\/em><\/p>\n<p>Denn der einzelne Daktylus verliert, wie jede Reihe, den Weit des Auftaktes am Schluss. Seine Form wir also durch den Auftakt zu amphibrachischen, \u25e1 \u2014 \u25e1.<\/p>\n<p>Dass aber diese Form, schon als vorwaltende (zum Beispiel in Wortf\u00fc\u00dfen der Hexameter) und noch viel mehr als charakterisierende Form den Vers verunstalte und verweichliche, weil sie ein stetiges Anheben und Ablassen darstellt und deswegen mehr Nebulistisches als feste Gestalt hat, ward von jeher allgemein anerkannt. Wollte also ein Dichter amphibrachische Verse bilden, so m\u00fcsste er sich wenigstens bem\u00fchen, den Charakter der Gattung in dem Verse selbst aufzuheben; er w\u00fcrde zum Beispiel statt<\/p>\n<p><em>Es locket zum Tanze das Lied<\/em><\/p>\n<p>die Bewegung<\/p>\n<p><em>es lockt zu dem Tanz der Gesang<\/em><\/p>\n<p>vorziehen. Nun aber ist die Bewegung nicht mehr amphibrachisch, sondern anap\u00e4stisch, und der einzelne Auftakt steht jetzt zu schwach vor der immer zweizeitig anlaufenden Bewegung. Er fordert daher, um sich zu halten, Zweizeitigkeit, sei es in zwei Silben, oder in einer zweizeitigen Silbe:<\/p>\n<p><em>Schon lockt zu dem Tanz der Gesang<\/em><\/p>\n<p>Und so ist ein anap\u00e4stischer Vers aus dem daktylischen entstanden. (A. Apel)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Wesen des Anap\u00e4sts<\/strong><\/p>\n<p>Der Anap\u00e4st steigert die Schnelligkeit und Leichtigkeit seines Tones bis zum Sturmlauf und strebt, \u00fcber den gesetzen Ton hinausgehend, alles mit sich fortzurei\u00dfen, ohne jedoch in ein \u00dcberma\u00df sich zu verlieren und ohne eine gewisse W\u00fcrde zu vergessen.<\/p>\n<p>Man empfinde dies, um die Glieder zu verdoppeln, an diesem anap\u00e4stischen Ruf: &#8222;O gewaltige Tat&#8220;; es w\u00e4re \u00fcberfl\u00fcssig, mehr dar\u00fcber zu sagen. (J. Minckwitz)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anap\u00e4stische und daktylische Messung<\/strong><\/p>\n<p>Da der anap\u00e4stische Vers im Auftakt beginnt und dieser aus zwei K\u00fcrzen besteht, so wird dem Verse noch eher als dem daktylischen der Charakter der Raschheit und Keckheit inwohnen.<\/p>\n<p>Dass der anap\u00e4stische Vers viel \u00c4hnlichkeit mit einem daktylischen Vers hat, dem ein Auftakt gegeben ist, braucht kaum bemerkt zu werden, und um hier den Unterschied herauszufinden, m\u00fcssen wir eine Zerlegung in Wortf\u00fc\u00dfe vornehmen. Folgender Vers:<\/p>\n<p>Wenn ein Weiblein sorgt | f\u00fcr das Schenkenamt<\/p>\n<p>tritt ganz entschieden als anap\u00e4stischer auf, w\u00e4hrend man in:<\/p>\n<p>So umstanden sie | festlich den Herrscher der Welt.<\/p>\n<p>ohne weiteres ein daktylische Messung mit Auftakt annehmen darf. Manchmal besteht der Auftakt auch nur aus einem einzigen Momente, wo man dann zu einer daktylischen Messung um so eher veranlasst wird:<\/p>\n<p>Da | st\u00f6\u00dft kein Nachen vom sichern Strand.<\/p>\n<p>Der anap\u00e4stische Vers k\u00fcndigt sich besonders dadurch an, dass er mit zwei K\u00fcrzen beginnt und dass seine Z\u00e4sur stets hinter die Arsis f\u00e4llt. Wird statt des zweimomentigen Auftakts eine L\u00e4nge gew\u00e4hlt, so ist man immer berechtigt, den Vers f\u00fcr einen daktylischen anzusehen. (Otto Lange)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Verseingang Wie ein schwerer Vogel erst einen Anlauf machen muss, bevor er ins Fliegen kommt, und wie ein beladener Wagen nur langsam einsetzt, bis er in der Ebene lustig rollend weiter sich bewegt, so setzen inhaltschwere anap\u00e4stische Reihen gew\u00f6hnlich langsam mit einem Jambus ein, bevor sie ihre charakteristisch rollende Bewegung annehmen. 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