{"id":5824,"date":"2016-02-20T22:19:08","date_gmt":"2016-02-20T20:19:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=5824"},"modified":"2017-09-09T17:43:30","modified_gmt":"2017-09-09T16:43:30","slug":"j-minckwitz-anapaestische-verse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=5824","title":{"rendered":"J. Minckwitz: Anap\u00e4stische Verse"},"content":{"rendered":"<p>Aus:<br \/>\n<strong>Johannes Minckwitz, Lehrbuch der rhythmischen Malerei der deutschen Sprache, Leipzig 1856<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a7 189<\/strong><\/p>\n<p>Der anap\u00e4stische Zweimesser (Dimeter) besteht aus vier Anap\u00e4sten: zwei Anap\u00e4sten n\u00e4mlich werden zu einem Doppelfu\u00dfe vereinigt, der sich sodann als Gegenbild wiederholt. In der Mitte verlangt er Z\u00e4sur und Pause, wie der troch\u00e4ische und jambische Viermesser, und zwar aus dem n\u00e4mlichen Grunde, dass die Melodie nicht gleichsam ruhelos t\u00f6ne, sondern den bestm\u00f6glichen Charakter gewinne.<\/p>\n<p>Nehmen wir also den Doppelfu\u00df: &#8222;Heil, K\u00f6nig und Herr,&#8220; so entspricht ihm als Gegensatz:<br \/>\n&#8222;der Troja bezwang&#8220;, dass mithin der ganze Zweimesser lautet:<\/p>\n<p><em>Heil, K\u00f6nig und Herr, der Troja bezwang.<\/em><\/p>\n<p>Die Melodie dieses Verses, der durch Z\u00e4sur und Pause geregelt ist, tritt uns in zwei Hauptwogen entgegen, die trotz allem Wechsel der einzelnen Glieder, wovon weiter unten die Rede ist, einander gleich bleiben, f\u00fcr das Ohr daher ebenso charakteristisch t\u00f6nend als leichtfasslich in ihrem Tone sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 190<\/strong><\/p>\n<p>Nach einem oder mehreren solchen Zweimessern tritt zun\u00e4chst ein Einmesser auf, aus einem einfachen Doppelfu\u00dfe bestehend, der eine besondere Reihe f\u00fcr sich bildet, also sein Gegenbild fallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen entweder auf den obenangef\u00fchrten Dimeter: &#8222;Heil, K\u00f6nig und Herr, der Troja bezwang&#8220; fortfahren mit dem Einmesser: &#8222;O des Atreus Sohn&#8220;, oder wir schicken zwei Dimeter voraus:<\/p>\n<p><em>Wie begr\u00fc\u00df&#8216; ich dich heut? Wie verehr&#8216; ich dich recht,<br \/>\nNicht \u00fcber das Ma\u00df, noch neben das Ziel,<\/em><\/p>\n<p>und lassen jetzt erst einen Einmesser folgen:<\/p>\n<p><em>Dich erhebend im Preis.<\/em><\/p>\n<p>Endlich d\u00fcrfen auch drei oder mehrere Zweimesser vorausgehen, ehe ein solcher Einmesser gesetzt wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 191<\/strong><\/p>\n<p>Auf den Einmesser k\u00f6nnen alsdann neue Zweimesser folgen, die anap\u00e4stischen Tonwogen im vorigen Doppelsto\u00dfe weiter fortf\u00fchrend. Allein diese Melodie w\u00fcrde nicht ausreichen, um das mit so lebendigen Kl\u00e4ngen erf\u00fcllte Ohr zu einem befriedigenden Abschlusse zu leiten, damit der Einf\u00f6rmigkeit eines rastlos fortrollenden Klangstromes ausgebeugt werde. Denn der Einmesser tritt zwar ein gewisses Halt gebietend dazwischen, aber gew\u00e4hrt trotz seiner Schroffheit keinen rechten, allgemeinen und sanften Schluss; es ist immer, als ob wir es mit einem endlos fortlaufenden Verse zu thun h\u00e4tten, w\u00e4hrend wir doch einmal ausruhen m\u00f6chten, um Atem zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Das an Rhythmus gew\u00f6hnte Ohr verlangt nach einem andern Ruhepunkte als dem rein anap\u00e4stischen Schlusse der Zeilen; es sehnt sich nach einem Versendpunkte, der die Tonreihe so bestimmt abgrenzt, wie wir den Hexameter, den Trimeter und andere Ma\u00dfe abgeschnitten und zum Stillstande gebracht sehen.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 192<\/strong><\/p>\n<p>Auf welcher Stelle lie\u00dfe sich nun ein besseres, f\u00fcr das Ohr entscheidendes Merkmal, eine sozusagen wirkliche Grenze des Verses anbringen? Am Ende jedes einzelnen Zweimessers nirgends. Denn der Zweimesser ist daf\u00fcr zu kurz, steht deshalb unwandelbar vor uns und gestattet weder die Wegnahme noch die Hinzuf\u00fcgung einer Silbe, damit dadurch ein entschiedener Schluss f\u00fcr das Ohr bewerkstelligt werde. Es blieb demnach nichts anderes \u00fcbrig als der Ausweg, mehr als einen Zweimesser von vollst\u00e4ndigen Anap\u00e4sten vor\u00fcberbrausen zu lassen und erst an der letzten Zweimesserreihe einen festen und merkbaren Schluss zu setzen, was dadurch geschah, dass man die letzte Silbe des letzten Zweimessers abschnitt und dadurch der Tonwoge auf die n\u00e4mliche Weise, wie bei dem Hexameter, eine unzweifelhafte Grenze steckte. Anstatt den letzten Zweimesser vollst\u00e4ndig aust\u00f6nen zu lassen: &#8222;Bannsprechenden Steins er verurteilt ward,&#8220;<\/p>\n<p>tilgte man den Klang der letzten Silbe (ward) und beschnitt den Vers: &#8211;<\/p>\n<p><em>Bannsprechenden Steins er verurteilt.<\/em><\/p>\n<p>Dabei geschah es aus dem gew\u00f6hnlichen Grunde, dass die Silbe, welche jetzt die letzte geworden war, wegen ihrer Gleichg\u00fcltigkeit f\u00fcr das Ohr zur Zweizeitigkeit herabfiel, lang oder kurz sein konnte. Daher durfte man, um bei diesem Beispiele stehen zu bleiben, statt verurteilt die verk\u00fcrzte Endung setzen:<\/p>\n<p><em>Bannsprechenden Steins er verurtelt,<\/em><\/p>\n<p>oder auch die lange &#8222;verurteilt&#8220; beibehalten.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 193<\/strong><\/p>\n<p>Dieser beschnittene Schlusszweimesser indessen hat die doppelte Eigenheit, dass er erstens seine auf die Mitte fallende C\u00e4sur samt der Pause aufgibt, und dass er zweitens seinen dritten Anap\u00e4st gew\u00f6hnlich als reinen Anap\u00e4st bewahrt.<\/p>\n<p>Denn indem er C\u00e4sur und Pause fallen lie\u00df, gewann er einen ununterbrochen abrauschenden Tonfall, wie er eben f\u00fcr den zum Ende eilenden Schlussvers passte:<\/p>\n<p><em>Die unendliche jauchzende Woge.<\/em><\/p>\n<p>Die C\u00e4sur indes ist keineswegs aus seiner Mitte verbannt, im Gegenteil darf sie jederzeit eintreten, aber nur ohne die Pause. Also weiblich:<\/p>\n<p><em>Schl\u00e4gt wirkliche Wunden dem Herzen,<\/em><\/p>\n<p>oder m\u00e4nnlich:<\/p>\n<p><em>Miszg\u00fcnstig verweilt in den Mauern. <\/em><\/p>\n<p>Den zweiten Punkt anlangend, bewahrt diese Schlussreihe gerne auf der dritten oder auf der vorletzten Stelle einen reinen Anap\u00e4sten aus dem Grunde, damit der Vers gef\u00e4llig, leicht und ohne Stockung auslaufe, gleich dem Hexameter, welcher meist auf dem vorletzten Fu\u00dfe einen Daktylus begehrt. Doch wird der spondeische Anap\u00e4st nicht abzuweisen sein, sobald durch seinen Eintritt der Tonfall ungezwungen bleibt oder die rhythmische Malerei seine Wahl und sein Erscheinen berechtigt.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 194<\/strong><\/p>\n<p>Ein so beschnittener Zweimesser schlie\u00dft denn also die vorausgegangenen viergliederigen Reihen ab, deren jede mit einer langen Silbe endigen muss, da hier deswegen keine Zweizeitigkeit eintreten kann, weil das Ohr an dem Ende der einzelnen Reihe keinen wirklich festen Ruhepunkt (wie er bei dem Hexameter angebracht ist) findet.<\/p>\n<p>Das Ganze eines solchen Zweimessergewoges wird daher eine sehr verschiedenartige Fassung aufweisen, bald etwa folgende:<\/p>\n<p><em>Nun aber begr\u00fcsst lautjauchzend und froh<br \/>\nDes gelungenen Werks Urheber das Herz!<br \/>\nIm Verlaufe der Zeit siehst forschend du leicht,<br \/>\nWer redlichgesinnt von den B\u00fcrgern und wer<br \/>\nMissg\u00fcnstig verweilt in den Mauern.<\/em><\/p>\n<p>Bald wiederum diese:<\/p>\n<p><em>Wie begr\u00fcsz&#8216; ich dich heut? Wie verehr&#8216; ich dich recht,<br \/>\nNicht \u00fcber das Masz, noch neben das Ziel<br \/>\nDich erhebend im Preis?<br \/>\nManch&#8216; Sterblicher sch\u00e4tzt, voll frevelnden Sinns,<br \/>\nWeit h\u00f6her den Schein, als die Wahrheit.<\/em><\/p>\n<p>Oder diese:<\/p>\n<p><em>Seem\u00e4nner des Schiffs, das Aias f\u00fchrt,<br \/>\nVon dem alten Geschlecht des Erechtheusvolks,<br \/>\nAufseufzen wir laut, die liebend besorgt<br \/>\nUm des Telamon Haus in der Ferne wir sind;<br \/>\nDenn Aias der Held, der gewaltige, liegt<br \/>\nJetzt niedergebeugt<br \/>\nVon dem Sturm wildtobender Krankheit.<\/em><\/p>\n<p>Und so l\u00e4sst sich das Geb\u00e4ude frei gestalten, ohne andere Vorschriften als die, welche im Obigen f\u00fcr den anap\u00e4stischen Rhythmus \u00fcberhaupt angegeben sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 195<\/strong><\/p>\n<p>Auf diese Weise aber wurde man absichtslos, durch die Natur der Sache, auf die Komposition von Strophen gef\u00fchrt, wie sie der lyrischen Dichtkunst eigen sind. Es entstanden teils k\u00fcrzere, teils l\u00e4ngere anap\u00e4stische Systeme, welche, nach dem Belieben des Dichters, bald frei hinrauschten, so dass sie f\u00fcr sich ein Ganzes ausmachten, bald antistrophisch wie im Lied sich wiederholten und einander an Umfang nicht blo\u00df \u00e4hnlich, sondern gleich waren.<\/p>\n<p>Der oben beschriebene Schlusszweimesser brachte die Gestaltung derartiger Systeme mit sich. Denn konnte man auch, wie es in der That h\u00e4ufig geschehen ist, schon die zweite anap\u00e4stische Reihe verk\u00fcrzen und als einen Schlussvers hinstellen, welchem neue Zweimesser und Einmesser folgten, so f\u00fchlte man doch, dasz diese rasche Abgrenzung nicht schlechtweg n\u00f6tig war: man h\u00e4ufte drei, vier, f\u00fcnf und mehr Zeilen auf, ehe man den Schluss-Stein durch Abk\u00fcrzung der letzten hinzuf\u00fcgte, die Stromwoge stillend. Die Erlaubnis und die M\u00f6glichkeit zur Verl\u00e4ngerung war vorhanden, der Wunsch nach reicherer Mannichfaltigkeit trat hinzu.<\/p>\n<p>Wenn man dagegen einwenden wollte, dass die Griechen doch anap\u00e4stische Zweimesser bildeten, welche eines halben Fu\u00dfes beraubt wurden, und solche dreiundeinhalbf\u00fc\u00dfige Reihen ohne Bedenken hintereinander aufschichteten, so gilt dies lediglich von einer besonderen Gattung der anap\u00e4stischen Versmusik, nicht aber von dem Grundma\u00df der Doppelmesser, wie sie am h\u00e4ufigsten gebraucht werden. Denn die um einen Ton verk\u00fcrzten und nacheinander aufgeh\u00e4uften Dimeter haben einen rein lyrischen Charakter und entsagen der C\u00e4sur wie der Pause: sie sind von den eigentlichen Doppelmessern abgezogene Versma\u00dfe, welche sich durch Reichtum an Doppell\u00e4ngen auszeichnen und deshalb in der deutschen Sprache weder leicht geschaffen werden k\u00f6nnen, noch besonders angenehm klingen. F\u00fcr den gew\u00f6hnlicheren Gebrauch w\u00e4re ihre Form \u00fcberhaupt ungeeignet; Ihre Musik hat etwas Schwerf\u00e4lliges und Gebrochenes.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 196<\/strong><\/p>\n<p>Schon aus obigen Beispielen erfahren wir, dass die Anap\u00e4sten \u00fcberall, selbst den dritten Fu\u00df des verk\u00fcrzten Schluszverses nicht ausgenommen, mit Spondeen vertauscht werden d\u00fcrfen, die dann nicht als hexametrische, mit dem Daktylus verwandte Spondeen ausgesprochen werden, sondern anap\u00e4stischen Ton erhalten, vermittelst des Iktus, der auf die zweite L\u00e4nge des zweisilbigen Fu\u00dfes zu stehen kommt. Durch diesen \u00fcberall gestatteten Tausch gewinnt die anap\u00e4stische Reihe einen ebenso reichen Wechsel als die spondeisch\u2014daktylische Gliederung, die oben in ihren Vorz\u00fcgen gew\u00fcrdigt worden ist. Die Mannigfaltigkeit des Tones vermehren zugleich die vielfachen Einschnitte und Z\u00e4suren neben der Hauptz\u00e4sur, die auf die Mitte fallend sowohl m\u00e4nnlich als weiblich sein kann; \u00fcber die jedoch zu bemerken ist, dass sie in m\u00e4nnlicher Form f\u00fcr die deutsche Sprache den Vorzug verdient.<\/p>\n<p>Die m\u00e4nnliche Z\u00e4sur klingt f\u00fcr uns angenehmer, weil sie den anap\u00e4stischen Strom fester und nachdr\u00fccklicher teilt als die weibliche, welche die Glieder untereinander etwas mehr verschlingt und den Ton verschleift:<\/p>\n<p><em>Mit dem Armen zu klagen || das Jammergeschick,<\/em><\/p>\n<p>wogegen die m\u00e4nnliche Form entschiedener und deshalb wohlgef\u00e4lliger lautet, wenn wir fortfahrend sagen:<\/p>\n<p><em>Zeigt Jeglicher Lust; || kein Stachel indes<\/em><\/p>\n<p>Und da fr\u00fcher schon angef\u00fchrt worden ist, dass die Hauptz\u00e4sur die Aufgabe hat, den anap\u00e4stischen Doppelmesser scharfen Schnittes in zwei gleiche Tonwogen zu trennen, und da die Pause durch den weiblichen Einschnitt fast zur H\u00e4lfte aufgehoben wird, so leuchtet ein, dass es f\u00fcr unser nordisches Ohr vorteilhafter ist, der m\u00e4nnlichen Z\u00e4sur den Vorzug zu geben, sobald nicht andere Gr\u00fcnde zum Gegenteil rathen, die widerstrebende Form der W\u00f6rter, die rhythmische Malerei und \u00c4hnliches.<\/p>\n<p>Die Griechen haben au\u00dferdem noch dem Daktylus, aber unter anap\u00e4stischer Betonung desselben, das B\u00fcrgerrecht in den anap\u00e4stischen Reihen einger\u00e4umt; der Deutsche kann dies nicht wohl nachahmen, weil es meist Missklang verursacht, wenn wir einen Daktylus anap\u00e4stisch aussprechen wollen, abgesehen davon, dass dieser Fu\u00df, der umgekehrte, gerade wie es in dem Jambenschritte der Fall ist, ein gewisses Stocken der rhythmischen Bewegung in unserem etwas schwerf\u00e4lligen Idiome hervorbringen w\u00fcrde. Indessen mag uns auch durch diesen Verlust ein Schade f\u00fcr den Wechsel der T\u00f6ne erwachsen, wir vermissen den anap\u00e4stischen Daktylus leicht: die Mannigfaltigkeit der Rhythmen, welche an allen Stellen ein reizendes Spiel mit Doppell\u00e4ngen und reinen Anap\u00e4sten vorf\u00fchren, bleibt gro\u00df genug, um uns f\u00fcr die Sch\u00f6nheit und Vollendung dieses Ma\u00dfes zu gewinnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 197<\/strong><\/p>\n<p>Ein Umstand aber k\u00f6nnte die Bildung anap\u00e4stischer Verse f\u00fcr uns Deutsche sehr schwierig erscheinen lassen und uns von ihrer Anwendung abmahnen. Die deutsche Sprache besitzt n\u00e4mlich sehr wenige rein-anap\u00e4stische Wortformen, und die meisten davon sind \u00fcberdies aus fremden Sprachen entlehnt oder halbe Fremdw\u00f6rter. Hierin k\u00f6nnten wir denn ein Zeichen vermuten, dass der Genius unserer Sprache dieser Versform ganz und gar widerstrebe. Allein f\u00fcr iese Ansieht haben wir keinen gen\u00fcgenden Grund; es bleiben immer noch Vorteile genug \u00fcbrig, die dem Bau der anap\u00e4stischen Reihen zustatten kommen, die Tonvorschl\u00e4ge, die Doppell\u00e4ngen und die Freiheit in der gesammten Komposition dieser Versgeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich allerdings nicht l\u00e4ugnen, dass die Griechen in diesem St\u00fccke mehr beg\u00fcnstigt waren; ihnen fehlte es nicht an reinen anap\u00e4stischen W\u00f6rtern, welche selbst f\u00fcr den Ton der daktylisch-spondeischen Gliederung durch ihren Zuschnitt Nutzen brachten. Obendrein k\u00f6nnte uns auch dieses noch bedenklich machen, dass sogar die geringe Anzahl der deutschen Anap\u00e4stenformen, die dem metrischen Dichter sich darbietet, einer etwas schwankenden oder zweifelhaften Messung unterworfen ist. Denn unsere anap\u00e4stischen Wortst\u00fccke lassen sich in den jambischen und troch\u00e4ischen Rhythmen durchweg und meistenteils ohne Ansto\u00df als Kretiker messen, indem die erste Silbe in diesem minder erregten Strome der Rhythmen zur L\u00e4nge \u00fcbergeht oder wenigstens die Stelle der L\u00e4nge vertritt.<\/p>\n<p>Doch wie sehr wir auch hierin den Griechen gegen\u00fcber im Nachteile sind, den Ausfall der rein\u2014anap\u00e4stischen Wortformen decken einigerma\u00dfen unsere zahlreichen einsilbigen W\u00f6rter, besonders die Artikel, deren wir uns nicht so k\u00fchn wie die Hellenen entschlagen k\u00f6nnen. Durch Vorsetzung eines solchen W\u00f6rtchens gestaltet sich leicht der anap\u00e4stische Versfu\u00df, er sei ein spondeischer oder ein rein-anap\u00e4stischer; wie wir denn auch gesehen haben, dass durch einen Tonvorschlag aus Troch\u00e4en sofort Jamben entstehen. Rechnen wir zweitens die Freiheit hinzu, womit die spondeischen Anap\u00e4sten an allen Stellen, ganz wie die daktylischen Spondeen in dem Hexameter, willkommen sind, so besitzen wir schon viele Mittel und Wege, wodurch der Bau dieser Reihen in unserer Sprache erleichtert wird. Drittens m\u00fcssen wir als einen nicht zu verachtenden Vorteil die Verg\u00fcnstigung in Anschlag bringen, dass es uns nach dem Obengesagten erlaubt ist, eine ganze Menge solcher anap\u00e4stischer Reihen hintereinander aufzustellen, ohne dass wir an ein bestimmtes Schlussmerkmal der einzelnen Zeilen gebunden sind, dessen umwandelbare Wiederkehr dem Versifikator eine oft schwer zu bezwingende Fessel anlegt; wie wir denn vornehmlich Hexameter und Trimeter einer solchen steten Einschr\u00e4nkung unterworfen sehen. Diese uns freistehende Entfernung des Abschlusses erweitert das Ma\u00df und durch die Erweiterung des Ma\u00dfes verringert sich die Schwierigkeit der Komposition um ein Bedeutendes: der Gedanke kann sich ungehinderter entfalten und bei seiner Einschmiegung in das Metrum vielfach gedreht und gewendet werden, bis er zur rechten Gestalt ausgedrechselt ist.<\/p>\n<p>Die erw\u00e4hnten Erleichterungen werden dem rhythmischen Baumeister so zu Statten kommen, dass ihm die Anap\u00e4sten nicht mehr M\u00fche bereiten als der Hexameter und Trimeter. Ja, sie d\u00fcrften ihm durchschnittlich sogar leichter fallen als der letztgenannte Vers; denn der jambische Sechsmesser ist an den gleichm\u00e4\u00dfigen Wechsel von kurzen und langen Gliedern geheftet, w\u00e4hrend der anap\u00e4stische Formschneider an allen Stellen der Zeile mit Doppell\u00e4ngen und reinen Anap\u00e4sten frei schaltet und waltet; ein Vorzug der Bewegung, den auch Platen so hoch ansetzte, dass er die Komposition der Trimeter im Deutschen f\u00fcr schwieriger erkl\u00e4rte als die der Anap\u00e4sten. Dies ist zwar nach meiner Erfahrung nicht ganz richtig, aber ich finde auch, dass die Anap\u00e4sten wenigstens leichter zu sein scheinen, da sie in manchen F\u00e4llen sich leichter lesen lassen oder vielmehr durch ihren fl\u00fcchtigen Tanz bestechender wirken; und selbst dieser Schein ist nicht ohne Bedeutung, weil er ein Zeugnis daf\u00fcr ablegt, dass durch des Dichters Kunst die Schwierigkeiten des anap\u00e4stischen Gef\u00fcges siegreich \u00fcberwunden sind. Die Kunst erscheint sodann, in allen F\u00e4llen, wo sie gl\u00fccklich triumphirt hat, als Natur; das Kunstwerk gef\u00e4llt und empfiehlt sich durch Einfachheit und Leichtigkeit, welche\u2019der Leser zu seiner Befriedigung bemerkt, w\u00e4hrend ihm die etwaigen Schwierigkeiten der Komposition verborgen werden.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 198<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Anap\u00e4sten \u00fcberhaupt dem Genius unserer Sprache nichts Fremdartiges aufb\u00fcrden und ihm keinerlei Gewalt antun, bezeugt selbst unsere Prosa sowie die mittelhochdeutsche Poesie.<\/p>\n<p>Wir begegnen h\u00e4ufig in der ungebundenen Darstellung einer anap\u00e4stischen Bewegung, welche sich \u00fcber einen Doppelfu\u00df hinauserstreckt und einen vollst\u00e4ndigen Zweimesser, wenn auch meist mit Vernachl\u00e4ssigung der Hauptz\u00e4sur, erreicht:<\/p>\n<p><em>Wir treten hinaus in die fremde Welt,<\/em><\/p>\n<p>ein Beispiel, worin die zweite H\u00e4lfte zwar l\u00fcckenhaft geblieben ist, aber der anap\u00e4stische Charakter klar genug sich ausspricht. Ja, wir komponieren sogar in der Prosa Wortf\u00fc\u00dfe, die einen ganzen Doppelfu\u00df umfassen, wie z. B. &#8222;Baumwollengespinnst&#8220;, &#8222;Meteorsteinfall&#8220;, &#8222;Buchdruckergesch\u00e4ft&#8220; und \u00c4hnliches. Zu anap\u00e4stischer Bewegung erhob sich ferner auch die in der Hohenstaufenzeit herrschende Poesie, welche die L\u00e4ngen und K\u00fcrzen nach den Akzenten bestimmte und regelte: die Hebungen waren festgesetzt, die Zahl der Senkungen aber meist freigestellt, so dass h\u00e4ufig auf eine Hebung zwei Senkungen kamen, wodurch eine dem Daktylus oder Anap\u00e4st \u00e4hnliche Lautfolge entstand. Um so eher d\u00fcrfen wir es aber heutzutag wagen, mit den Griechen in der Sch\u00f6nheit dieses Verses zu wetteifern, als im Neuhochdeutschen gegenw\u00e4rtig die L\u00e4ngen und K\u00fcrzen auf das Sorgf\u00e4ltigste ausgemessen und festgestellt sind. Das R\u00fcstzeug zum Kampfe mit den Griechen ist jetzt feiner und sch\u00e4rfer zugeschnitten, als es zur Zeit des Mittelalters war.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 199<\/strong><\/p>\n<p>Die Anap\u00e4sten werden zwar niemals ein gleich weites Feld beherrschen wie die Sechsmesser, aber im Drama zuk\u00fcnftig einen vorz\u00fcglichen Platz behaupten und allemal an der rechten Stelle sein, wo eine Bewegung eintritt, die lebhafter, st\u00fcrmischer und feuriger ist, als dass sie durch jambische und troch\u00e4ische Reihen bestritten werden k\u00f6nnte. Schon oben ward gesagt, dass die Anap\u00e4sten den \u00dcbergang von der allgemeinen rhythmischen Darstellung zur eigentlichen Lyrik bilden; mithin k\u00f6nnen sie nicht den Hauptvers im Drama vertreten, wo der Gespr\u00e4chston vorherrscht. Aber in der Klangwelt des Dramas werden sie reichliche, durch andere Mittel nicht zu ersetzende Bausteine liefern, charaktervoll wie sie sind; namentlich werden sie Grundsteine f\u00fcr eine Bewegung sein, welche hier die gr\u00f6\u00dfte Heftigkeit, dort die gr\u00f6\u00dfte Feierlichkeit hat, bald das ruhigere Gespr\u00e4ch abbrechend, bald die in Gesang \u00fcbergehende Stimmung vorbereitend.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 200<\/strong><\/p>\n<p>Die anap\u00e4stischen Rhythmen sind, ihrem besondern Charakter nach, mit Heftigkeit vorw\u00e4rts strebend, dass wir sie ganz bezeichnend Marschrhythmen nennen d\u00fcrfen. Sie schreiten, durch Doppell\u00e4ngen mehr verst\u00e4rkt als bes\u00e4nftigt, da sie die schweren Silben leicht mit sich fortrei\u00dfen, in einzelnen Abs\u00e4tzen sturmschrittartig dahin, unaufhaltsamen Meerwogen \u00e4hnlich, die bei allem Wechsel regelm\u00e4\u00dfig an den Strand laufen und sich brechen.<\/p>\n<p>Ihre Str\u00f6mung ist voll, aber zugleich charakteristisch durch eine wunderbare Leichtigkeit, welche die Macht der F\u00fclle und die Gewalt des Fortschreitens gewisserma\u00dfen verbirgt; es scheint, als ob die Bewegung ohne tieferen Grund vor sich ginge und auf der Oberfl\u00e4che sie hielte, kurz, als ob sie kaum die H\u00e4lfte des Nachdrucks bes\u00e4\u00dfe, die sie eigentlich hat. So t\u00e4uscht sich das Auge des Zuschauers bei den Meereswellen; diese scheinen demjenigen, der ihre Gewalt nicht kennt und erprobt hat, spielend an das Ufer zu treiben.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 201<\/strong><\/p>\n<p>Doch schreiten die Anap\u00e4sten nicht blo\u00df in ungest\u00fcmem Laufe, heftig und unaufhaltsam hin, sondern sie bewegen sich auch, nach und nach steigend, auf einer hochgehenden Bahn fort, ohne die Fl\u00fcgel wieder sinken zu lassen. Sie dienen daher vorzugsweise dem Ausdrucke des Erhabenen und sind deshalb nicht allein dem tragischen Tone \u00fcberaus angemessen, sondern verleihen selbst dem Scherze des Lustspiels einen feierlichen, eigent\u00fcmlich ernsten und w\u00fcrdigen Anstrich. Zugleich schatten sich auch in diesem Ma\u00dfe die Empfindungen auf besondere Weise ab, hier durch rascheren, dort durch gewichtvolleren Strom der Rhythmen, wie durch eine unendlich mannigfaltige Strahlenbrechung.<\/p>\n<p>Wir wollen dies nach der Seite des Scherzes wie des Ernstes hin betrachten. Platen sagt von dem Haupthelden des romantischen \u00d6dipus:<\/p>\n<p><em>Er bezwingt die Natur, f\u00fcgt Steine dem Bau,<br \/>\nLehrt B\u00e4ren den Tanz! Im Erschaffenen rings<br \/>\nKommt nichts ihm gleich; es besiegt sein Lied<br \/>\nDer Zikade Gezirp und den Unkengesang<br \/>\nUnd des Kuckucks reiche Gedanken.<\/em><\/p>\n<p>Hier gewahren wir, wie die Scherze mit solcher Zuversicht und solchem Ernst vorgetraen sind, dass die Satire in den Hintergrund zu treten und die Schilderung auf vollkommener Wahrheit zu beruhen scheint; ein Schein, auf welchen der w\u00fcrdevolle Ton der Anap\u00e4sten entscheidenden Einfluss \u00e4u\u00dfert. Die n\u00e4mliche Hoheit atmet der Scherz des Aristophanes, wenn er unter anderm in dem \u201eVogelstaate\u201c die Nachtigall durch den Wiedehopf, ihren Gemahl, mit folgenden Worten wecken l\u00e4sst:<\/p>\n<p><em>Auf, Weibchen, verscheuch von der Wimper den Schlaf<br \/>\nUnd ergie\u00dfe den Born des geweihten Gesangs,<br \/>\nDen trauernd ergeu\u00dft dein g\u00f6ttlicher Mund,<br \/>\nWenn den Itys du, mein unseliges Kind<br \/>\nUnd das deine, beklagst mit dem tauigen Lied<br \/>\nBlondw\u00f6lbiger Brust!<br \/>\nVon dem Ahornbusch steigt silbern empor<br \/>\nDer melodische Hall zu dem Throne des Zeus,<br \/>\nWo goldenumlockt steht lauschend Apoll:<br \/>\nUnd entz\u00fcckt durch dein sehns\u00fcchtiges Ach,<br \/>\nGreift jauchzend der Gott in die helfene Lei\u2019r,<br \/>\nDer Olympier Chor hinrei\u00dfend zu Tanz:<br \/>\nVon der Ewigen Mund inbr\u00fcnstig erschallt<br \/>\nZu der Reigenmusik<br \/>\nHarmonische selige Klage.<\/em><\/p>\n<p>In dieser Darstellung tritt die lebensvollste Schilderung des Nachtigallengesanges vor uns. Der Hain wird von melodischen hellen T\u00f6nen erf\u00fcllt, sodann wogt der Gesang in einzelnen lieblichen Schwingungen \u00fcber die Kronen der B\u00e4ume hinausschallend nach dem blauen \u00c4ther empor. Deutlich entfalten dies die Str\u00f6mungen der Anap\u00e4sten: in den ersten sechs Reihen vernehmen wir die klangreiche Melodie, welche durch die Stille des Geb\u00fcsches, den ganzen Bezirk gleichsam ausf\u00fcllend, sich erhebt. Allm\u00e4hlich aber schl\u00e4gt die Nachtigall st\u00e4rker; die Musik ihrer Stimme versammelt sich nicht mehr los auf einen Punkt, sondern wallt \u00fcber das Geb\u00fcsch hinaus und ergie\u00dft sich in drei m\u00e4chtigen Str\u00f6mungen, von welchen jede durch drei anap\u00e4stische Reihen getragen wird, bis sie mit der schlie\u00dfenden letzten Zeile sanft verschwebt und in den L\u00fcften ggrrinnt als eine &#8222;harmonische selige Klage&#8220;.<\/p>\n<p>Worauf dann der H\u00f6rende seine Bewunderung mit den Worten ausdr\u00fccken durfte:<\/p>\n<p><em>O himmlischer Zeus, wie wonnig singt das V\u00f6gelein,<br \/>\nWie f\u00fcllt ein honigs\u00fc\u00dfer Laut den ganzen Hag.<\/em><\/p>\n<p>Schon aus solchen Beispielen des Lustspiels l\u00e4sst sich ein Schluss ziehen, wie der Ernst der Trag\u00f6die durch die Anap\u00e4stenform sich ausnehme. Aeschylus legt dem Chorf\u00fchrer in den \u201ePersern&#8220; folgende Schmerzworte in den Mund:<\/p>\n<p><em>Zeus, Herrscher, so hast du zertr\u00fcmmert das Heer,<br \/>\nDas Persien, stolz und gewaltig an Volk,<br \/>\nAussandt&#8216; in den Streit,<br \/>\nUnd in Trauer geh\u00fcllt steht Susis&#8216; Stadt<br \/>\nUnd Ekbatana, n\u00e4chtig umschattet!<\/em><br \/>\nUnd den Schleier vom Haupt mit der gl\u00e4nzenden Hand<br \/>\nAbrei\u00dfend benetzt manch Weib stromweis<br \/>\nMit der Tr\u00e4nen Erguss,<br \/>\nVon der Kunde verwundet, den Busen!<\/p>\n<p>Von dem tragischen Ernste und von der Erhabenheit des Schmerzes absehend, der uns aus der gesammten Stelle entgegentritt, wollen wir nur auf die Malerei der letzten beiden Zeilen aufmerksam machen, in welchen der rhythmische Tonfall durch den dunkeln Laut der Vokale unterst\u00fctzt wird, um die tiefste Trauer und Melancholie zu bezeichnen. Es benetzt n\u00e4mlich &#8222;manch Weib stromweis mit der Tr\u00e4nen Erguss, von der Kunde verwundet, den Busen&#8220;. Die Worte versagen gleichsam hier dem Klagenden, er verstummt in seinem Schmerzgef\u00fchle und neigt das Haupt mit diesen Lauten, welche seiner Empfindung selbst im \u00e4u\u00dferlichen Tone entsprechend klingen.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 202<\/strong><\/p>\n<p>Die Zinne, auf welcher die Anap\u00e4sten zu schweben scheinen, \u00fcbertrifft bei weitem jene von den troch\u00e4ischen Reihen eingenommene H\u00f6he; selbst der Hexameter steht, wenn auch nicht an Majest\u00e4t des Tones im Allgemeinen, doch an Dauer des Fluges, welcher ihn \u00fcber die H\u00f6hen f\u00fchrt, gegen den anap\u00e4stischen Rhythmenzug zur\u00fcck. Dies r\u00fchrt daher, dass die anap\u00e4stischen Reihen nicht mit jedem einzelnen Zweimesser abschlie\u00dfen, sondern zu mehreren Gef\u00fcgen verbunden werden und eine ungleich l\u00e4ngere Bahn verfolgen, als der daktylischspondeische Sechsmesser.<\/p>\n<p>Der \u00e4u\u00dfere Umfang kommt den Anap\u00e4stenreihen zustatten, er hilft die Gedanken ausbreiten und weiter fortf\u00fchren, wenn sie den Gipfel erstiegen haben, und so entsteht denn auch daraus eine ausgedehntere majest\u00e4tische Bewegung, indem der H\u00f6rende gleichsam mehr Mu\u00dfe hat, um auf den H\u00f6hen der Rhythmen sich einzuleben und seinen Geist an den reinen Strahlen, welche auf ihn fallen, zu sonnen. Ein System von Platen wird dies veranschaulichen:<\/p>\n<p><em>Auf, auf, o Genossen! Umtanzt ihn rings,<br \/>\nUnd die Hymne beginnt, die gewaltige, die<br \/>\nWie ein Bote des Gl\u00fccks, wie ein Aar, der keck<br \/>\nVon dem Idageb\u00fcrg Ganymeden geraubt,<br \/>\nDie Gestirne vorbei, sich siegstolz wiegt<br \/>\nAuf silberner Schwinge des Wohlklangs.<\/em><\/p>\n<p>Zuerst beginnen die beiden ersten Zeilen ihren Sturmlauf, wir f\u00fchlen uns aus dem Bereich der Allt\u00e4glichkeit emporgehoben wie auf starken Fl\u00fcgeln. Nachdem aber mit der dritten Reihe die eigentliche Wolkenh\u00f6he errungen ist, nach welcher die Rhythmen aufzustreben schienen, bewegen wir uns, nat\u00fcrlich unterst\u00fctzt durch den Sinn der Gedanken, auf der Zinne gem\u00e4chlich weiter und verweilen geraume Zeit oben, so dass wir die Tiefen der Erde vergessen haben, wenn wir ans Ende des Systems und zum letzten Hauche der Melodie gelangen.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 203<\/strong><\/p>\n<p>Diese Kraft, W\u00fcrde und Hoheit in gleicher St\u00e4rke auszudr\u00fccken, w\u00e4re durch den Hexameter unm\u00f6glich, weil dieser einem Geflechte solcher Reihen gegen\u00fcber gewisserma\u00dfen zu kurzatmig ist. Auch der anap\u00e4stische Tetrameter wird den Hexameter in diesen Eigenschaften \u00fcberbieten, schon deswegen, weil er ebenfalls l\u00e4nger ist, obgleich blo\u00df aus zwei der oben geschilderten Reihen zusammen esetzt.<\/p>\n<p>Um n\u00e4mlich diesen stromreichen Vers zu bilden, verbinden wir zu einer fortlaufenden Reihe zwei vollst\u00e4ndige Doppelf\u00fc\u00dfe und einen unvollst\u00e4ndigen Zweimesser, einen, welchem der halbe Fu\u00df des letzten Anap\u00e4sten abgeschnitten worden ist, mit kurzem Worte, einen Schlusszweimesser, wie wir ihn oben beschrieben haben. So tritt der Tetrameter oder Viermesser als die Verdoppelung des Zweimessers auf, unter der Einschr\u00e4nkung, dass die fertige Zeile stets ein bestimmtes Schlussmerkmal hat: Hauptz\u00e4suren und Pausen bleiben unver\u00e4ndert, das hei\u00dft, sie fallen auf die n\u00e4mlichen Stellen, wo sie stehen w\u00fcrden, wenn die beiden Hauptst\u00fccke, der vollst\u00e4ndige Zweimesser und der Schlusszweimesser, getrennt geblieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Daher die Hauptz\u00e4sur der verl\u00e4ngerten Reihe samt der Hauptpause stets auf dem Punkte stattfinden muss, wo der Schlusszweimesser an den vollst\u00e4ndigen Zweimesser sich anreiht, mithin auf dem Mittelpunkte der gesammten Zeile:<\/p>\n<p><em>Seit \u00e4ltester Zeit | hat hier es get\u00f6nt und so oft, || im erneuenden Umschwung,<\/em><\/p>\n<p>In verj\u00fcngter Gestalt | aufstrebte die Welt || klang auch ein germanisches Lied nach.<\/p>\n<p>Das ist nicht ein Zufall, sondern die Musik der an uns vorbeirauschenden Verswelle bringt es mit sich, dass aus gleichen Gr\u00fcnden wie bei den andern Viermessern der Stillstand auf der Mitte eintrete. Um so weniger aber wird an dieser Stelle eine Verschleifung der Anap\u00e4sten, w\u00e4re es auch nur durch die weibliche Z\u00e4sur, angebracht sein. Denn der anap\u00e4stische Charakter des Verses verl\u00f6re sich bei der Verwischung oder Umgehung dieses Ruhezeichens in einen zuletzt vollkommen daktylischen, wie das Ohr sofort heraush\u00f6rt, wenn wir statt des Obigen schreiben wollten:<\/p>\n<p>Seit \u00e4ltester Zeit | hat hier es get\u00f6net, || und oft in erneuerndem Umschwung,<\/p>\n<p>Man vergisst den anap\u00e4stischen Schritt, der kaum bis zum &#8222;t\u00f6net&#8220; h\u00f6rbar bleibt, mit &#8222;t\u00f6net&#8220; aber in den Ton des Hexameters umzuschlagen anf\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 204<\/strong><\/p>\n<p>Vergleichen wir also den Hexameter und den anap\u00e4stischen Tetrameter, so werden wir finden, dass der Hexameter in dem umfangreicheren K\u00f6rper dieses anap\u00e4stischen Viermessers nicht blo\u00df aufgeht, sondern gleichsam wie eine kleinere Welle von der gr\u00f6\u00dferen verschlungen wird.<\/p>\n<p>Der gesamte Charakter eines Verses gestaltet sich durch seine nach richtigem Gesetz erfolgte Erweiterung um. Wie viel selbst ein Paar Silben, um welche eine metrische Reihe sich erweitert, zur Entfaltung und Malerei der Gedanken wie zur Steigerung der rhythmischen Sch\u00f6nheit \u00fcberhaupt beitragen, ist schon fr\u00fcher gezeigt worden, und haben wir namentlich an dem jambischen Sechsmesser empfunden, der die f\u00fcnff\u00fc\u00dfige Jambenreihe bedeutend \u00fcberragt.<\/p>\n<p>Der Zug einer so langen anap\u00e4stischen Zeile ist ungleich gewaltiger als der Gang des daktylisch-spondeischen Hexameters. Diesen m\u00f6chte ich mit einer starken Flusswelle vergleichen, unsern Viermesser mit einer hohen und breiten atlantischen Woge, welche die Gr\u00f6\u00dfe des Weltmeers bekundet. Weniger m\u00f6chte jedoch diese \u00dcbermacht aus dem schnellen Vorw\u00e4rtseilen der anap\u00e4stischen F\u00fc\u00dfe entspringen, als auf dem \u00e4u\u00dferlichen Umfange beruhen. Denn w\u00e4hrend der Hexameter auf zwei Hauptstr\u00f6mungen beschr\u00e4nkt ist, rauscht der Tetrameter in drei Windungen an uns vor\u00fcber, welche \u00fcberdies durch zwei merkbare Pausen auseinander gehalten werden, wodurch der Hall der Melodie sich verl\u00e4ngert. Dazu kommt alsdann noch, dass der Reichtum und Wechsel der Wortformen und Z\u00e4suren durch die Ausdehnung der Reihe ebenfalls gr\u00f6\u00dfer wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 205<\/strong><\/p>\n<p>Der Grundzug des Erhabenen, den wir an dem Zweimesser gefunden haben, verbleibt auch dem Viermesser. Obgleich der Strom in ein engeres und regelm\u00e4\u00dfigeres Bett einged\u00e4mmt ist, ver\u00e4ndert er doch kaum die eigent\u00fcmliche Farbe, womit die Anap\u00e4sten das Gro\u00dfe und Gewaltige schm\u00fccken; es herrscht nur der Unterschied, dass er die Seele nicht so lange gleichm\u00e4\u00dfig auf der H\u00f6he der Gedanken wiegt wie die mit Hinausschiebung der Schlusszeile ungest\u00f6rt fortlaufenden, zu einer Art Strophe zusammengeschichteten Zweimesser, sondern dass er \u00f6fter neue Anl\u00e4ufe nimmt und von einer H\u00f6he zur andern \u00fcberfliegt.<\/p>\n<p>\u00dcberall dr\u00e4ngt sich dieser Charakter siegreich durch und augenblicklich empfinden wir die Feierlichkeit seiner Fl\u00fcgelschl\u00e4ge,welche uns aus den gew\u00f6hnlichen Kreisen der Empfindung nach dem \u00c4ther emportragen. Wie Glockenschl\u00e4ge \u00fcberraschen uns die Reihen, wenn Aristophanes pl\u00f6tzlich, sei es nach den Takten von nicht eben sehr lebendigen Rhythmen, sei es selbst nach dem Verrauschen einer gesangreichen Melodie, abbrechend anhebt:<\/p>\n<p><em>Schweigt andachtsvoll! Und geleitet die Braut in dem Hause mit brennenden Fackeln<br \/>\nZu der Pforte heraus, und das Volk ringsher mag jauchzen in fr\u00f6hlichen Reizen.<\/em><\/p>\n<p>Es ist, als ob uns pl\u00f6tzlich das Weltmeer rauschend und brausend entgegenwoge, wenn wir ein Paar solcher Zeilen vernommen haben.<\/p>\n<p><strong>\u00a7 206<\/strong><\/p>\n<p>Obgleich es aber unter den einfach wiederkehrenden rhythmischen Zeilen keine einzige gibt, welche eine gro\u00dfartigere Melodie entfaltete und die Erhabenheit so m\u00e4chtig und in so eigent\u00fcmlicher Weise ausdr\u00fcckte, wie dieser Viermesser, so erscheint er doch f\u00fcr das Reich der Trag\u00f6die minder geeignet, und wir werden ihn dem h\u00f6heren Lustspiel zuweisen m\u00fcssen. Dass ihn die Griechen nur f\u00fcr das letztere verwendet zu haben scheinen, daran brauchten wir uns freilich nicht zu kehren, wenn es nicht sonst in der Natur seines Wesens einen Grund g\u00e4be, welcher seinen Gebrauch f\u00fcr die Trag\u00f6die, wenn auch nicht geradezu verb\u00f6te, doch beschr\u00e4nkte. Denn w\u00e4re er auch seither blo\u00df f\u00fcr den Scherz der Huldg\u00f6ttin benutzt worden, so st\u00e4nde uns doch k\u00fcnftighin die Erweiterung seines Feldes frei; wir k\u00f6nnten unbedenklich seine Rhythmen f\u00fcr die tragische und f\u00fcr die komische Gedankenflut ebenso gut verwenden, wie die Zweimesser, die von den Hellenen ohne Unterschied f\u00fcr beides gebraucht wurden. Aber es gibt einen gewichtigen Grund, welcher ihn fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr das Lustspiel bestimmt. Er tr\u00e4gt n\u00e4mlich einen zu lebendigen Charakter an sich, sein Strom rauscht zu heftig, unruhig und gewaltsam, als dass er seinen Donner mit der durchaus ernsten Stimme der tragischen Muse, mit ihrer gesetzten Sprache und ihrer ewig ruhigen W\u00fcrde vergesellschaften lie\u00dfe, ohne den sonnenhellen Spiegel h\u00e4ufig zu tr\u00fcben, welchen sie der menschlichen Leidenschaft vorh\u00e4lt, um das Gem\u00fct zu bes\u00e4nftigen und von der \u00fcbersprungenen Schranke auf das Ma\u00df der Wahrheit zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Im Lustspiel herrscht ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis. Die komische Muse darf alle T\u00f6ne anschlagen, die tiefsten wie die h\u00f6chsten, und so wird sie sich auch den gewaltsameren Str\u00f6mungen \u00fcberlassen d\u00fcrfen, welche der anap\u00e4stische Viermesser, bald unter gehobenen oder anmutigen Scherzen, bald unter begeisternden Warnungen, wie ein Gewittersturm an unserer Seele vor\u00fcberf\u00fchrt. Sie bek\u00fcmmert sich so wenig um den Wechsel der Empfindung, dass sie ihn vielmehr sucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus: Johannes Minckwitz, Lehrbuch der rhythmischen Malerei der deutschen Sprache, Leipzig 1856 &nbsp; \u00a7 189 Der anap\u00e4stische Zweimesser (Dimeter) besteht aus vier Anap\u00e4sten: zwei Anap\u00e4sten n\u00e4mlich werden zu einem Doppelfu\u00dfe vereinigt, der sich sodann als Gegenbild wiederholt. In der Mitte verlangt er Z\u00e4sur und Pause, wie der troch\u00e4ische und jambische Viermesser, und zwar aus dem&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=5824\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in J. 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