{"id":6215,"date":"2016-05-30T00:42:53","date_gmt":"2016-05-29T22:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=6215"},"modified":"2017-12-11T11:53:01","modified_gmt":"2017-12-11T10:53:01","slug":"die-bedeutung-der-quantitaet-fuer-den-vers","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=6215","title":{"rendered":"Die Bedeutung der Quantit\u00e4t f\u00fcr den Vers"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Bedeutung der Quantit\u00e4t f\u00fcr den Vers<\/strong><br \/>\n<em>aus: Jacob Minor, Neuhochdeutsche Metrik, Stra\u00dfburg 1902 (leicht gek\u00fcrzt).<\/em><\/p>\n<p>Wenn nun aber Taktdauer und Akzent \u00fcberhaupt die St\u00fctzen des Rhythmus sind, so liegt es in der Natur der Sache, dass dort, wo die eine von diesen beiden St\u00fctzen schw\u00e4cher wird, die andere um so mehr Bedeutung gewinnt. Wechseln betonte und unbetonte Silben gleichm\u00e4\u00dfig miteinander ab, so ruht der Rhythmus sicher auf dem Akzent; die Quantit\u00e4t tritt dagegen zur\u00fcck. Ist der Wechsel aber kein regelm\u00e4\u00dfiger, so wird nur dann der Rhythmus aufrechterhalten bleiben, wenn die betonten Silben wenigstens in ann\u00e4hrend gleichen Zwischenr\u00e4umen wiederkehren; hier kommt also die Taktdauer zu ihrem Recht.<\/p>\n<p>Bei den Versarten mit regelm\u00e4\u00dfigem Wechsel von Hebung und Senkung (also bei den rein troch\u00e4ischen, jambischen, daktylischen und anap\u00e4stischen Versen) kommt die Taktdauer als solche nicht weiter in Betracht. Eine gr\u00f6\u00dfere Differenz kann sich ohnedies nicht ergeben, weil die gleiche Silbenzahl jede auffallende Verletzung fernh\u00e4lt. Die Unterschiede zwischen zwei langen Silben und zwischen einer L\u00e4nge und K\u00fcrze fallen hier nicht ins Gewicht, selbst die Griechen mischen Spondeen unter Troch\u00e4en und Jamben. Kein neuerer Dichter nimmt im Prinzip Ansto\u00df daran, Spondeen oder Pyrrhichien in Jamben oder Troch\u00e4en zu mischen. In dem Vers <em><strong>der<\/strong> Jahr|<strong>hun<\/strong>dert|<strong>e<\/strong> ge|<strong>se<\/strong>hen <\/em>steht der dritte Takt an Dauer hinter den \u00fcbrigen gewiss bedeutend zur\u00fcck und doch f\u00fchlen wir keine St\u00f6rung des Rhythmus und kein vortragender K\u00fcnstler wird sich veranlasst sehen, den Takt zu dehnen, um ihn den \u00fcbrigen gleich zu machen.<\/p>\n<p>Wo dagegen regelm\u00e4\u00dfiger Wechsel von Hebung und Senkung fehlt, also beim Wechsel zweisilbiger und dreisilbiger F\u00fc\u00dfe, beim Zusammentreffen zweier Hebungen in den antiken Strophen, im altdeutschen Vers, in Knittelversen, in den sogenannten freien Rhythmen, da kommt die Taktdauer mehr in Betracht und die Taktgleichheit wird wenigstens ann\u00e4hrend angestrebt. Hier k\u00f6nnen ja vier- und mehrsilbige Takte, zum Beispiel ein Takt <em>Ruh<\/em> mit einem andern <em>Holzklotzpflock<\/em> wechseln, eine Verletzung der Taktdauer, die auch dem stumpfsten Ohr auffallen m\u00fcsste; hier w\u00e4re der Rhythmus ohne Ber\u00fccksichtigung der Quantit\u00e4t einfach dem Verfall preisgegeben. Darum haben nicht blo\u00df die Versk\u00fcnstler, sondern auch unsere gro\u00dfen Dichter im Hexameter die Silbendauer mehr oder weniger immer in Acht genommen, die sie in iambischen Versen ungescheut vernachl\u00e4ssigten. V\u00f6llige Taktgleichheit im objektiven Sinn zu erreichen war nicht ihre Pflicht; wenn nur unsere subjektive Empfindlichkeit f\u00fcr die Taktdauer nicht zu sehr verletzt, das Zuviel hindangehalten wird.<\/p>\n<p>Auch der Vortrag strebt bei solchen Versen deutlich dahin, der Taktgleichheit n\u00e4her zu kommen: wir sprechen in dem Vers <em>habe nun, | ach, | Philoso|phie<\/em> die dreisilbigen Takte so rasch und wir halten die einsilbigen mit ihren Pausen so genau ein, dass fast Taktgleichheit entsteht. Unser Gef\u00fchl verlangt auch beim Hexameter ein genaueres Einhalten der Taktdauer, und w\u00e4hrend wir bei troch\u00e4ischen oder jambischen Versen gar kein Bed\u00fcrfnis f\u00fchlen, nachzuhelfen, suchen wir den Unterschied zwischen den Troch\u00e4en und Daktylen im Hexameter unwillk\u00fcrlich auszugleichen; wir dehen das <em>r\u00f6tlich<\/em> im ersten Vers des Spaziergangs und wir lesen in dem Hexameter Goethes <em>Silber|grau be|zeichnet dir | heute der | Schnee nun den | Gipfel<\/em> die ersten beiden Takte nicht blo\u00df nachdr\u00fccklich, sondern auch langsam und machen nach <em>-grau<\/em> eine kleine Pause, welche die Taktdauer fast genau herstellt.<\/p>\n<p>Damit sind nun wohl die Anforderungen, die der Vers in Bezug auf die Taktdauer an den Dichter stellt, aber nicht die Bedeutung der nat\u00fcrlichen Prosodie f\u00fcr den Vers ersch\u00f6pft. Denn diese ist wohl in der Theorie, aber nicht in der Natur von dem Akzent zu trennen und es besteht zwischen beiden eine Art von Wechselverh\u00e4ltnis. Einerseits ist die Quantit\u00e4t im Neuhochdeutschen eine Wirkung des Akzents, durch den die Stammsilben zu L\u00e4ngen wurden; andererseits ist aber auch der Akzent von der Quantit\u00e4t abh\u00e4ngig. Der Akzent ist seiner Natur nach relativ; und er tritt um so deutlicher heraus, je mehr die betonte Silbe ihren Nachbarsilben an Lautgehalt \u00fcberlegen ist. Ein langer Vokal oder eine starke Konsonantenh\u00e4ufung in der N\u00e4he einer betonten Silbe erfordert zu ihrer Aussprache eine gr\u00f6\u00dfere Kraft als eine ganz kurze Silbe; und sie entziehen daher dem Akzent der betonten Silbe an Kraft. Eine langsilbige oder mit Konsonanten belastete Senkung sch\u00e4digt also den Rhythmus nicht blo\u00df direkt, weil sie die Taktdauer verl\u00e4ngert, sondern auch indirekt, weil sie die Kraft der Hebung abschw\u00e4cht. <em>Heben<\/em> ist, ganz abgesehen von der Quantit\u00e4t, ein rhythmisch brauchbareres Wort als <em>furchtbar<\/em>; <em>Holzklotzpflock<\/em> ist allerdings zun\u00e4chst der Quantit\u00e4t wegen im Hexameter unm\u00f6glich, aber es ist auch sonst ein wenig rhythmisches Wort, weil der Akzent unter dem Druck der schweren nachfolgenden Silben auf der ersten zu wenig heraustritt. Die Quantit\u00e4t hat also nicht nur f\u00fcr die Taktdauer eine Bedeutung, sondern auch f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Hebung und Senkung zueinander. Von dieser Seite spielt sie, indirekt, auch in den Versma\u00dfen mit gleichm\u00e4\u00dfig wechselnder Hebung und Senkung eine Rolle: massenhafte Spondeen in jambischen Versen werden zwar nicht von Seite der Taktdauer schaden, aber sie werden den Gang des Verses schwer und tr\u00e4ge machen, weil der Akzent weit weniger entschieden ist und nur mit einer gewissen Schwerf\u00e4lligkeit heraustritt.<\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr alle, aber f\u00fcr die Mehrzahl der F\u00e4lle kann man darum die folgende praktische Regel bei Untersuchungen und beim Versemachen im Auge behalten. In der Hebung kommt es haupts\u00e4chlich auf die Betonung oder den Akzent an; denn mit dem Akzent ist die L\u00e4nge in den meisten F\u00e4llen gegeben. Bei der Senkung dagegen kommt in den Versarten, wo kein regelm\u00e4\u00dfiger Wechsel von Hebung und Senkung herrscht, auch die Quantit\u00e4t f\u00fcr den Rhythmus in Betracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bedeutung der Quantit\u00e4t f\u00fcr den Vers aus: Jacob Minor, Neuhochdeutsche Metrik, Stra\u00dfburg 1902 (leicht gek\u00fcrzt). Wenn nun aber Taktdauer und Akzent \u00fcberhaupt die St\u00fctzen des Rhythmus sind, so liegt es in der Natur der Sache, dass dort, wo die eine von diesen beiden St\u00fctzen schw\u00e4cher wird, die andere um so mehr Bedeutung gewinnt. 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