{"id":8485,"date":"2017-12-12T13:25:11","date_gmt":"2017-12-12T12:25:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=8485"},"modified":"2020-02-10T23:56:19","modified_gmt":"2020-02-10T22:56:19","slug":"der-versus-spondiacus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=8485","title":{"rendered":"Versus spondiacus"},"content":{"rendered":"<p>Der f\u00fcnfte Fu\u00df des Hexameters ist fast immer dreisilbig. Nur sehr selten, im klassischen deutschen Hexameter etwa in 2% aller Verse, wird er gegen einen zweisilbigen Fu\u00df ausgetauscht. Der entstandene Vers, bei dem dann der vierte Fu\u00df dreisilbig sein muss, hei\u00dft nach seinem antiken Vorbild <em>versus spondiacus<\/em>; manche Metriker bevorzugten allerdings die Bezeichnung <em>spondeischer Hexameter<\/em>. Das Silbenbild der Grundform, z\u00e4surfrei:<\/p>\n<p>\u2014 \u25e1 (\u25e1) \/ \u2014 \u25e1 (\u25e1) \/ \u2014 \u25e1\u00a0 (\u25e1) \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1<\/p>\n<p>Einige Beispiele:<\/p>\n<p>Dort empfangen sie mich. O Stimme der Stadt, der Mutter! (<em>H\u00f6lderlin<\/em>)<br \/>\n\u2014\u00a0 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1<\/p>\n<p>Auf dein seidenes Blatt ein zierliches Liebesbriefchen (<em>R\u00fcckert<\/em>)<br \/>\n\u2014\u00a0 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1<\/p>\n<p>Aber es kam noch hinzu: &#8222;Ein verteufelter Kerl, der Fleps, das!&#8220; (<em>Wildgans<\/em>)<br \/>\n\u2014\u00a0 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferst selten folgen mehrere spondeische Hexameter aufeinander:<\/p>\n<p>(Und schon wallt&#8216;, ein lebendiges Meer, rotgl\u00fchend in ganzer<br \/>\nL\u00e4nge, hinunter der See, mit unendlichen Wellen erzitternd,)<br \/>\nBis wo die feurige Flut er gestadlos breit ausgie\u00dfet<br \/>\n\u2014\u00a0 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0 \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 \u25e1<br \/>\nIn das Gewoge des tief entz\u00fcndeten Abendhimmels. (<em>M\u00f6rike<\/em>)<br \/>\n\u2014\u00a0 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u25e1\u00a0 \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1 \/ \u2014 \u25e1<\/p>\n<p>\u00dcber diese beiden Verse (im ersten ist auch der vierte Fu\u00df zweisilbig!) schreibt Ulrich H\u00f6tzer 1964 in seinem Aufsatz &#8222;Grata negligentia&#8220; &#8211; &#8222;Ungestiefelte Hexameter&#8220;? (Der Deutschunterricht 16):<\/p>\n<p><em>Das Fehlen der daktylischen Klausel mit ihrer abschlie\u00dfenden Wirkung &#8222;entgrenzt&#8220; diese beiden Verse, und so zeigen sie in ihrer &#8222;gestadlosen&#8220; Form den Vorgang: Einstr\u00f6men ins Unendliche<\/em>.<\/p>\n<p>Das deutet an, dass der zweisilbige f\u00fcnfte Fu\u00df an inhaltliche Bedingungen gekn\u00fcpft ist, was auch alle Metriken in der einen oder anderen Weise feststellen. Heinrich Viehoff zum Beispiel bekr\u00e4ftigt die Notwendigkeit des dreisilbigen f\u00fcnften Fu\u00dfes, um dann fortzufahren:<\/p>\n<p><em>Wo von der Regel abgegangen wird, muss im darzustellenden Gegenstand ein Grund dazu liegen; so ist der Spondeus<\/em> <em>im vorletzten Fu\u00dfe &#8211; wodurch der versus spondiacus entsteht &#8211; da an seiner Stelle, wo etwas Ernstes, Feierliches, W\u00fcrdevolles, Gro\u00dfes, Massenhaftes, Schwerf\u00e4lliges darzustellen ist<\/em> (Vorschule der Dichtkunst, 1860).<\/p>\n<p>Oder, mit Beispiel, Johann Josef Dillschneider:<\/p>\n<p><em>Tritt ausnahmsweise im f\u00fcnften Ma\u00dfe die Doppell\u00e4nge ein, so geschieht dies gew\u00f6hnlich nur aus malerischen Zwecken, wie im Verse<\/em><\/p>\n<p><em>Hier nun m\u00fcde des schon zweit\u00e4gigen Gangs, bergan stets (Baggesen)<\/em><br \/>\n\u2014\u00a0 \u2014 \/ \u2014 \u25e1\u00a0\u25e1 \/ \u2014\u00a0 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u2014 \/ \u2014 \u25e1 \u25e1 \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 \u2014<\/p>\n<p><em>wo das m\u00fchsame Bergansteigen dargestellt wird <\/em>(Deutsche Verslehre, 1839).<\/p>\n<p>Was hier ausschlie\u00dflich \u00fcber den Spondeus gesagt wird, l\u00e4sst sich sicherlich &#8211; mit der entsprechenden Vorsicht &#8211; auf den zweisilbigen Fu\u00df an sich verallgemeinern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der f\u00fcnfte Fu\u00df des Hexameters ist fast immer dreisilbig. Nur sehr selten, im klassischen deutschen Hexameter etwa in 2% aller Verse, wird er gegen einen zweisilbigen Fu\u00df ausgetauscht. Der entstandene Vers, bei dem dann der vierte Fu\u00df dreisilbig sein muss, hei\u00dft nach seinem antiken Vorbild versus spondiacus; manche Metriker bevorzugten allerdings die Bezeichnung spondeischer Hexameter&#8230;. <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=8485\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Versus spondiacus<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":8483,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-8485","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8485"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8485\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9919,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8485\/revisions\/9919"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8483"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}