{"id":922,"date":"2014-02-16T13:13:46","date_gmt":"2014-02-16T11:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=922"},"modified":"2015-10-03T19:15:35","modified_gmt":"2015-10-03T17:15:35","slug":"einiges-ueber-goethes-vers","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=922","title":{"rendered":"Einiges \u00fcber Goethes Vers"},"content":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/worum-es-geht\/gesammeltes\/ueber-hexameter\/\" target=\"_blank\">\u00dcber Hexameter<\/a>, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind.<\/p>\n<p><strong>Aus: Victor Hehn, Gedanken \u00fcber Goethe (1887).<\/strong><\/p>\n<p>Was nun die M\u00f6glichkeit oder Unm\u00f6glichkeit eines deutschen Hexameters betrifft &#8211; wir wenden uns zun\u00e4chst zu dieser Versart -, so war zu Klopstocks Zeit der Stand der Sache in Wirklichkeit folgender. Man bildete eine Reihe von sechs Hebungen, die durch eine oder zwei tonlose Silben oder Senkungen von einander getrennt waren. Der Vers begann immer mit einer Hebung &#8211; denn die Senkung, die Kleist in seinem &#8222;Fr\u00fchling&#8220; seinem sechshebigen Verse vorgesetzt hatte, fand, als dem Muster der alten zuwider, keine Nachfolge; &#8211; der letzte Fu\u00df bestand immer nur aus einer Hebung mit nachschlagender Senkung, der vorletzte aus einer betonten und zwei unbetonten Silben &#8211; Beides dem antiken Hexameter abgesehen. Wo auf eine Hebung nur eine Senkung folgte, nannte man dies einen Spondeus und suchte halb- oder tieftonige Silben, zum Beispiel die eine H\u00e4lfte zusammengesetzter Nomina oder Verba oder bei Ableitungen diejenigen, die urspr\u00fcnglich Nomina gewesen waren, aber allm\u00e4hlich den Schein der Derivation angenommen hatten, wie &#8211;<em>heit<\/em>, &#8211;<em>tum<\/em>, &#8211;<em>schaft<\/em>, in geringerem Ma\u00dfe auch &#8211;<em>lich<\/em>, &#8211;<em>bar<\/em> u.s.w., an die zweite Stelle zu bringen; da dies aber nicht immer gelang und die nachfolgende Silbe allzuf\u00fchlbar kurz, d.h. tonlos war, so konnte man sich nicht verbergen, dass man statt des antiken Spondeus einen Troch\u00e4us gebildet hatte, und so stritt Klopstock ausdr\u00fccklich f\u00fcr die Zulassung dieses Fu\u00dfes im deutschen Hexameter und behauptete zuversichtlich, der Vers des Homer und Vergil habe dadurch an Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit gewonnen. Man verwechselte fortw\u00e4hrend den rhythmischen Iktus, der bei den Alten den Klang des Verses regulierte und das sogenannte gute Taktteil gegen das schlechte hervorhob, mit dem Wortakzent, der, mit dem Sinn untrennbar verbunden, im Deutschen alleinige Geltung hatte; dass man dem Wesen des deutschen Verses widersprach, indem man echte Spondeen bilden wollte &#8211; denn da w\u00e4re die Senkung ja keine Senkung gewesen &#8211; ahnte man nicht; eben so wenig, dass auf den Unterschied, ob eine oder zwei Senkungen der Hebung folgten, in deutschrhythmischer Beziehung so sehr viel nicht ankam; so unerh\u00f6rt w\u00e4re die Behauptung gewesen, man k\u00f6nne im deutschen Hexameter auch drei tonlose Silben zwischen zwei Hebungen schieben (also nach antiker Benennung einen &#8222;P\u00e4on Primus&#8220; bilden), etwa wie im Goetheschen Hexameter:<\/p>\n<p>Ungerecht bleiben die M\u00e4nner, und die Zeiten der Liebe vergehen<\/p>\n<p>&#8211; welcher Vers aber in der Tat kein unrechter deutscher Hexameter ist &#8211; nur m\u00fcssen die Senkungen, wie hier der Fall ist, das geh\u00f6rige Ma\u00df von Fl\u00fcchtigkeit und der Hebungston die n\u00f6tige Kraft haben, sie in der Sph\u00e4re seiner Anziehung zu halten.<\/p>\n<p>&#8211; Als man Goethe sp\u00e4ter auf diesen Vers in &#8222;Hermann und Dorothea&#8220;, der doch nur einem Schreib- oder Druckfehler seine Gestalt verdankte, aufmerksam machte, war er keineswegs besch\u00e4mt, sondern lie\u00df, wie er sich ausdr\u00fcckte, die siebenf\u00fc\u00dfige Bestie weiterlaufen. Er hatte n\u00e4mlich die Formalistik der Herren Metriker schon kennen und verachten gelernt, machte keine Hexameter mehr und \u00e4u\u00dferste \u00fcber den einst hochverehrten Vo\u00df: &#8222;f\u00fcr lauter Prosodie ist ihm die Poesie ganz entschwunden&#8220; (Im Jahre 1808, an Zelter, 1, 327) Auch mit Bezug auf A.W. Schlegel hatte er schon das Jahr vorher von der &#8222;modernen Rhythmik ohne Poesie&#8220; gesprochen und sie eine &#8222;Krankheit&#8220; genannt und vorausgesagt, in zehn Jahren werde &#8222;der D\u00fcnkel, womit die Rhythmiker von der strengen Observanz sich jetzt vernehmen lassen, h\u00f6chst l\u00e4cherlich sein&#8220; (an Knebel, 14. M\u00e4rz 1807). &#8211;<\/p>\n<p>Auch das Vorbild des Volkslieds, die Knittelverse in mehreren Gedichten Goethes, die schillerschen Balladen u.s.w. irrten niemand in der hergebrachten, durch die Antike gebannten Ansicht. Wenn es hie\u00df:<\/p>\n<p>Wer <strong>wagt<\/strong> es, <strong>Rit<\/strong>tersmann <strong>o<\/strong>der <strong>Knapp<\/strong><\/p>\n<p>wo sich auch betonen l\u00e4sst: &#8222;<strong>Rit<\/strong>ters<strong>mann<\/strong> oder&#8220;, oder:<\/p>\n<p>Und <strong>als<\/strong> es <strong>kam<\/strong> zu <strong>ster<\/strong>ben,<br \/>\n<strong>Z\u00e4hlt<\/strong> er seine <strong>St\u00e4dt&#8216;<\/strong> im <strong>Reich<\/strong><\/p>\n<p>mit drei Senkungen zwischen &#8222;Z\u00e4hlt&#8220; und St\u00e4dt'&#8220;, oder:<\/p>\n<p>Ich <strong>lie<\/strong>be dich, mich <strong>reizt<\/strong> deine <strong>sch\u00f6<\/strong>ne Ge<strong>stalt<\/strong><\/p>\n<p>(gleichfalls mit drei Senkungen zwischen &#8222;liebe&#8220; und &#8222;reizt&#8220;, oder:<\/p>\n<p>Sankt Peter war nicht aufger\u00e4umt,<br \/>\nEr hatte soeben im Gehen getr\u00e4umt<\/p>\n<p>im ersten Verse vier Iamben, im zweiten eine daktylische katalektische Tetrapodie mit Anakrusis, in Wirklichkeit aber vier Hebungen mit beliebigen Senkungen dazwischen oder davor, oder in demselben Gedicht:<\/p>\n<p><strong>Heb<\/strong> doch ein<strong>mal<\/strong> das <strong>Huf<\/strong>eisen <strong>auf<\/strong><\/p>\n<p>oder endlich:<\/p>\n<p>Den <strong>J\u00fcng<\/strong>ling bringt keines wieder<\/p>\n<p>in welchem Verse, wie man ihn auch lese, zwei Hebungen zusammensto\u00dfen<\/p>\n<p>&#8211; so fragte sich niemand, ob es sich mit dem Hexameter, als einem Verse mit sechs Hebungen, nicht ebenso verhalte, und ob man sich vielleicht nicht selber einige besondere Regeln, die in einer ganz andern Welt als organische Form entsprungen waren, willk\u00fcrlich auferlegt hatte? Unterdes aber war Vo\u00df aufgetreten und suchte den Hexameter Klopstocks der Strenge des griechisch-lateinischen noch mehr zu n\u00e4hern. Er vermied, soviel er konnte, den Troch\u00e4us, schuf sich k\u00fcnstliche Spondeen und Daktylen, setzte fest, welche Silben lang, welche kurz seien, welche als mittelzeitig bald kurz, bald lang sein k\u00f6nnten und gelangte so zu Haxametern wie folgendem:<\/p>\n<p>Drauf antwortetest du, ehrw\u00fcrdiger Pfarrer zu Gr\u00fcnau<\/p>\n<p>&#8211; oder:<\/p>\n<p>Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische Jungfrau<br \/>\nUnd des Gesanges Wohllaut, eindringendem Worte vereinigt,<br \/>\nWallete hell, dann leise ged\u00e4mpft, in die Stille des Abends.<br \/>\nVon hinschmelzendem Halle ges\u00e4nftiget, lauschten sie ringsum,<br \/>\nF\u00fchlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufw\u00e4rts<br \/>\n\u00dcber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.<\/p>\n<p>Da aber die deutsche Sprache sich gegen solche vollkommenen Hexameter str\u00e4ubte, so mussten Listen und Zwangsmittel angewandt werden, sie willig zu machen. Vo\u00df brauchte z.B. Diminutiva, um eine Silbe mehr oder vielleicht gar einen Spondeus zu gewinnen: &#8222;S\u00f6hnlein&#8220;, wo die Sache den &#8222;Sohn&#8220; verlangte; er setzte den Komparativ f\u00fcr den Positiv, wo es sich nicht um eine Vergleichung handelte: &#8222;der gr\u00fcnere Hain&#8220;, statt &#8222;der gr\u00fcne&#8220;, behielt das durch den Sprachgebrauch schon ausgesto\u00dfene &#8222;e&#8220; der Verbalflexion bei, wie &#8222;wallete bes\u00e4nftiget&#8220;, beides wegen des Daktylus, und brach die Worte, um Spondeen zu gewinnen, wie &#8222;drauf antwortetest&#8220;, &#8222;du ehrw\u00fcrdiger&#8220; &#8211; durch welches letztere Verfahren das Grundgesetz von der Geltung des Akzents umgesto\u00dfen ward, da niemand sagt &#8222;ant<strong>wor<\/strong>ten&#8220;, &#8222;ehr<strong>w\u00fcr<\/strong>dig&#8220;. Wirkliche Spondeen sind in der deutschen, wie in jeder akzentuierenden Rhythmik, unm\u00f6glich, ja selbst der Schein solcher, wie beim Daktylus, Iambus usw. l\u00e4sst sich nicht erregen. Der Grund liegt sehr nahe. Bei den Alten, wo die L\u00e4nge etwas f\u00fcr sich Bestehendes, durch die Zeit gemessenes und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige Silbe lang sein, die in das sogenannte schlechte Taktteil fiel; im Deutschen, wo die L\u00e4nge durch Erhebung des Tones ersetzt wird, k\u00f6nnen zwei Silben, von denen in der Bewegung des Verses nur eine den vollen Ton hat, keinen im Gleichgewicht beider H\u00e4lften schwebenden Versfu\u00df bilden.<\/p>\n<p>(Selbst Vo\u00df erkannte dies in einer vor\u00fcbergehenden Bemerkung an, deren Konsequenzen ihm aber entgingen: &#8222;Steigende Spondeen&#8220;, sagt er\u00a0 S. 127 seiner <em>Zeitmessung der deutschen Sprache<\/em>, K\u00f6nigsberg 1802, &#8222;Ahmen den Iambus, sinkende den Troch\u00e4us nach.&#8220;)<\/p>\n<p>Vo\u00df half sich auf doppelte Weise, um dennoch Spondeen zu erzwingen, indem er beide Mal nach seiner Art gewaltt\u00e4tig und mechanisch verfuhr. Er fasste n\u00e4mlich <em>entweder<\/em> zwei wirklich betonte Silben zusammen und sagte<\/p>\n<p>Der Herrscher im Donnerge<strong>w\u00f6lk Zeus<\/strong><\/p>\n<p>und:<\/p>\n<p>Fasste, die<strong>weil Karl<\/strong> dr\u00e4ngte, den Arm des bescheidenen J\u00fcnglings<\/p>\n<p>wo aber die zweite Silbe &#8222;Zeus&#8220;, &#8222;Karl&#8220; in widersinniger Weise gesprochen werden muss oder beide Silben gleich stark betont werden, folglich aufh\u00f6ren, sich zu der Einheit eines Fu\u00dfes zu verbinden, und statt des Hexameters eigentlich ein Heptameter entsteht, das hei\u00dft ein Vers mit sieben Hebungen.<\/p>\n<p><em>Oder<\/em> er bildete sogenannte <em>geschleifte<\/em> Spondeen, indem er die stark betonte Silbe in die Thesis, die schwach betonte in die Arsis brachte und zum Beispiel sagte:<\/p>\n<p>es er<strong>folgt<\/strong> Schwach<strong>heit<\/strong> ab<strong>ster<\/strong>benden Alters<\/p>\n<p>oder:<\/p>\n<p>wer ge<strong>trost<\/strong> fort<strong>geh<\/strong>et, der <strong>kommt<\/strong> an<\/p>\n<p>womit abermals der deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand sagt &#8222;fort<strong>geh<\/strong>et&#8220;, es m\u00fcsste denn sein, dass der Gegensatz zum Fortreiten, Fortlaufen, Fortfliegen den Ton auf das &#8222;Gehen&#8220; verlegte, und &#8222;kommt an&#8220; k\u00f6nnte in einem iambischen Gedicht ohne Anstop als Iambus gebraucht werden, wie &#8222;Schwachheit&#8220; als Troch\u00e4us oder als die beiden Anfangssilben eines Daktylus.<\/p>\n<p>Auch an Wort- und Versmalerei, d.h. Versinnlichung des jedesmaligen Gegenstandes der Rede durch den Gang des Verses un den K\u00f6rper der Silben und Worte lie\u00df es Vo\u00df nicht fehlen. Die Stellen des Vergil und Ovid, wo das Gallopieren der Pferde durch lauter Daktylen, das Fallen der H\u00e4mmer durch lauter Spondeen, das Gequ\u00e4ke der Fr\u00f6sche durch \u00e4hnliche Sprachlaute ausgedr\u00fcckt wird, galten ja in jeder Zeit f\u00fcr die h\u00f6chste poetische Sch\u00f6nheit, und so gab Vo\u00df in seinen \u00dcbersetzungen, wo eine solche Malerei vorzuliegen schien, diese mit Treue, oft sogar \u00fcbertreibend wieder. Er selbst dichtet:<\/p>\n<p>Als rings her pechschwarz aufstieg graundrohende Sturmnacht.<\/p>\n<p>Homers naiver Gesang wei\u00df von solchen K\u00fcnsteleien nichts und verfolgt, unbek\u00fcmmert um den Sinn und Gegenstand, seinen eigenen gleichm\u00e4\u00dfigen metrischen Gang. Und dies gerade ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, dass ohne R\u00fccksicht auf den mannigfaltigen Wechsel der Bilder und Empfindungen immer ein und dieselbe rhythmische Form unab\u00e4nderlich wiederkehrt. W\u00e4re jene Malerei das Richtige, so m\u00fcsste ein festes Metrum \u00fcberhaupt verworfen werden. Das Metrum gerade gibt dem umfassenden epischen Gem\u00e4lde die ausgleichende Haltung und steht wohl zu dem Ganzen der Dichtung, nicht aber zu jedem Punkte der Bewegung in erkennbarem Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Vo\u00dfens prosodische Gesetzgebung war ein Sieg der Schule, des Handwerks \u00fcber den freien Genius der deutschen Sprache. Sein Hexameter lie\u00df sich skandieren und rollte in griechisch-lateinischen Redensarten, Bildern, Wenungen und Wortstellungen so pr\u00e4chtig daher! Je strenger die Forderungen, um so gr\u00f6\u00dfer der Triumph des K\u00fcnstlers, der sie erf\u00fcllte. Da fast alle damaligen Dichter philologisch gebildet waren und schon als Knaben in der Schule die Eklogen des Vergil und die Metamorphosen des Ovid und sp\u00e4ter die Satieren und Episteln des Horaz taktm\u00e4\u00dfig, d.h. mit moderner Betonung hergesagt hatten, so fand Vo\u00df bald Anh\u00e4nger und Nachfolger und allgemeine Zustimmung. Sich des Troch\u00e4us ganz zu enthalten, den Vo\u00df in der Not noch hatte hin und wieder zulassen m\u00fcssen, wurde ein Ideal, ein Ziel des Strebens, ja Fried. Aug. Wolf machte den Versuch, ein St\u00fcck des Homer von hundert Versen so zu \u00fcbersetzen, dass Fu\u00df f\u00fcr Fu\u00df, Spondeus mit Spondeus, Daktylus mit Daktylus im Griechischen und im Deutschen \u00fcbereinstimmten &#8211; welches man, wenn es nicht etwa satirisch gemeint war, wol den Gipfel der Torheit nennen konnte.<\/p>\n<p>(Goethe schrieb damals an Zelter, 19. M\u00e4rz 1818: &#8222;Von den hundert Hexametern mag ich ebensowenig wissen, als von den hundert Tagen der letzten Bonapartischen Regierung. Gott beh\u00fcte mich vor deutscher Rhythmik wie vor franz\u00f6sischem Thronwechsel.&#8220;)<\/p>\n<p>Auch Wilhelm von Humboldt drang auf die Regel, und A. W. Schlegel, der ein um so gr\u00f6\u00dferer Wortk\u00fcnstler sein konnte, je k\u00e4lter sein Herz war, lieferte kurze Musterst\u00fccke, die allerdings durch Feinheit und Geschmack Vo\u00dfens grobe Schreinerarbeit \u00fcbertrafen. Sie alle \u00fcberfl\u00fcgelnd trat im neunzehnten Jahrhundert der Graf A. von Platen auf, der mit blendender Technik nicht blo\u00df den heroischen und elegischen Vers, sondern auch die k\u00fcnstlichen lyrischen Ma\u00dfe der Griechen in deutscher Sprache nachbildete. Nur schade, dass in diesen herrlichen Versen, bei denen man oft die alten \u00e4olischen und dorischen Zithar\u00f6den nach so viel Jahrhunderten wieder zu vernehmen glaubt, doch der Akzent, also ein Ausdruck der Empfindung, die L\u00e4nge bestimmt und damit die Plastik des Mei\u00dfels tr\u00fcbt und ins Unbestimmte zieht!<\/p>\n<p>Wenn die Distichen des Orakels im Triumph der Empfindsamkeit nicht schon der ersten Gestalt dieses Dramas vom Jahre 1777 angeh\u00f6ren, so scheint Goethe die Form des Hexameters zum ersten Male in dem kleinen Gedicht &#8222;Physiognomische Reisen&#8220; (unter Epigrammatisch) versucht zu haben. Es kann nicht fr\u00fcher als in das Jahr 1778 fallen, da das gleichnamige Buch von Mus\u00e4us in den Jahren 1778-79 in Altenbzurg erschien; aber auch nicht viel sp\u00e4ter, da Lavaters physiognomische Lehre darin mit warmen Worten in Schutz genommen wird, auch das Interesse an Mus\u00e4us und dessen Angriff bald erl\u00f6schen musste. Dann finden sich in den &#8222;V\u00f6geln&#8220; vom Sommer 1780 vier Hexameter eingeschaltet, mit denen Treufreund die versammelten V\u00f6gel \u00fcber den Anfang der Anf\u00e4nge belehrt, und die er einem l\u00e4cherlichen Dichter Periplektomenes (der Verwickelte, Umwundene) entnommen haben will. Im Herbst desselben Jahres \u00fcbersetzte der Dichter einige Zeilen aus den sogenannten goldenen Spr\u00fcchen des Pythagoras und schickte sie der Freundin (an Fr. v. Stein, 8. September 1780). Darauf, im Fr\u00fchling 1782, als ihm einige Epigramme der griechischen Anthologie in der \u00dcbersetzung bekannt geworden waren, fand er sich zu \u00e4hnlichen kleinen Gebilden angeregt, in elegischem Ma\u00df und meist im Gewand griechischer MYthologie, seiner verstohlenen Liebe und den Felsen und Tuhepl\u00e4tzen gewidmet (unter &#8222;Antiker Form sich n\u00e4hernd&#8220;). Die Behandlung des Verses war die Klopstockische und sie ging ihm leicht von der Hand; die eigentlich elegisch-hexametrische Zeit war noch nicht gekommen und so sind die Blumen dieses Vorfr\u00fchlings wohl hin und wieder artig, doch etwas sch\u00fcchtern und d\u00fcrftig. Als dann Herder im Jahre 1784 eine Nachdichtung erlesener St\u00fccke derselben Anthologie unternommen hatte (sie erschienen gedruckt in den &#8222;Zerstreuten Bl\u00e4ttern&#8220; 1785 und 1786) und sie Goethe mitteilte, erwiderte dieser zwar mit Dank und lebhafter Anerkennung, aber seine Dichtung fand sich durch die Gabe nicht unmittelbar befruchtet; nur diese und jene unfreiwillige Gelegenheit verwandelte sich in einen leichten elegischen Schmetterling, so die Distichen auf den Tod des in der Oder ertrunkenen Herzogs Leopold zu Braunschweig, der Bruders der Herzogin Mutter, oder die warmen Verse in das Stammbuch seines Z\u00f6glings, Fritz von Stein, oder die schalkhaften in das gleiche der Gr\u00e4fin Tina Br\u00fchl usw. Und wieder vergingen einige Jahre, der Dichter war in Italien gewesen, er hatte viel gewonnen, viel genossen, aber als ein Befriedigter kehrte er nicht wieder, so manches Leid tr\u00fcbte den Blick &#8211; bis die Missstimmung pl\u00f6tzlich, noch im Jahre 1788, in Gl\u00fcck und Heiterkeit sich aufl\u00f6ste und nun in den r\u00f6mischen Elegien und Epigrammen (den venetianischen, den schlesischen, dem auf die Sakontala &#8211; diese im ersten Rausch der Freude gedichteten zwei Distichen \u00fcbersch\u00e4tzen \u00fcbrigens dies indische Drama bei Weitem) das Distichon wieder auftauchte und in den beiden Episteln auch der blo\u00dfe Hexameter, wie in den gleichnamigen Gedichten des Horaz.<\/p>\n<p>Dann kam ihm der Reineke Fuchs in die Hand (in der Gottschedischen prosaischen \u00dcbersetzung) &#8211; auf den er sich schon vor Jahren &#8222;kindisch gefreut&#8220; hatte &#8211; und er brachte ihn in ein gro\u00dfes Homerisches Epos, um sich, wie er sp\u00e4ter \u00e4u\u00dferte, im Hexameter zu \u00fcben. Es folgten in den n\u00e4chsten Jahren einige Idyllen, Alexis und Dora, Euphrosyne, Amyntas, der neue Pausias, die Xenien und die friedlichen Epigramme, mitten darunter auch ein hexametrisches Epos in neun Ges\u00e4ngen, Hermann und Dorothea, und als letzer Nachklang dieser antiken Periode und ihrer Formen &#8211; die etwa zehn Jahre gedauert hatte, ebenso lange wie von 1776 bis 1786 die fr\u00fchere Waimarische Zeit &#8211; der erste Gesang der Achilleis. Noch im Jahre 1806 gedachte er, wie uns die Analen zu diesem Jahre berichten, sein episches Gedicht Wilhelm Tell in Hexametern zu schreiben, aber die angstvolle und st\u00fcrmische politische Lage vereitelte den Plan und mit &#8222;dieser herrlichen Versart&#8220; war es f\u00fcr immer dahin (W\u00e4re das Gedicht zu Stande gekomen &#8211; welch ein beliebtes Thema f\u00fcr deutsche Aufs\u00e4tze in den Schulen: &#8222;Vergleichung des dramatischen Tell von Schiller mit dem epischen von Goethe!&#8220;)<\/p>\n<p>Durch Goethes Beispiel ermutigt, begann auch Schiller seit Herausgabe der Horen, also seit 1795, in gedankenvollen Gedichten sich des Ma\u00dfes der alten Elegiker zu bedienen, und wie man gestehen muss, gleich Anfangs mit Gl\u00fcck und Meisterschaft. Aber beide Dichter waren keine eigentlichen Techniker; eben als Dichter vor allem um die Wahrheit des Ausdrucks bem\u00fcht, behandeln sie die metrische Form sorglos, diese gleichsam von Innen, aus dem Inhalt selbst hervorbildend. Damit aber gaben sie denen, die sich nach der neuen deutsch-lateinischen Doktrin in Lang und Kurz ge\u00fcbt hatten, fort w\u00e4hrenden Ansto\u00df. Vo\u00df selbst, der mit jedem Jahre strenger wurde, d.h. sich immer weiter von dem alten S\u00e4nger, den er wiedergeben wollte, entfernte &#8211; f\u00fchlte sich hoch erhaben \u00fcber die st\u00fcmperhaften Versuche der beiden Herrscher \u00fcber den deutschen Parnass und wagte es, sie in einem Distichon also zu verspotten:<\/p>\n<p>In Jena und Weimar macht man Hexameter wie der,<br \/>\nAber die Pentameter sind noch viel vortrefflicher.<\/p>\n<p>Auch A. W. Schlegel \u00fcberwand in diesem Punkte seine Abneigung gegen Vo\u00df und erkl\u00e4rte schon im Jahre 1801, Vo\u00df sei unstreitig als &#8222;der zweite Erfinder&#8220; der antiken Silbenma\u00dfe, besonders des Hexameters, im Deutschen anzusehen und sein Verdienst dabei &#8222;unermesslich gro\u00df&#8220;. Noch in seinen sp\u00e4teren Lebensjahren, als ihm der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe bekannt geworden war, wo er mitunter \u00fcber wegkommt, schoss er als Gro\u00dfmeister poetischer Formalistik Pfeile gegen die Duumvirn wegen ihrer angeblich unvollkommenen Hexameter ab:<\/p>\n<p>Eure Hexameter sind der nat\u00fcrlichste Naturalismus,<br \/>\nNimmer begriff eu&#8217;r Ohr jenes hellenische Ma\u00df<\/p>\n<p>Wo &#8222;eu&#8217;r Ohr&#8220; erst recht das Ohr beleidigt, und:<\/p>\n<p>Hexameter zu machen,<br \/>\ndie weder hinken noch krachen,<br \/>\ndas sind nicht jedermanns Sachen<\/p>\n<p>(richtiger deutsch: &#8222;das ist nicht jedermanns Sache&#8220;, was aber \u00e4rgerlicherweise der Reim nicht zulie\u00df.) Der stolze Schiller lie\u00df sich durch die Pedanten nicht irren und tat wohl daran.<\/p>\n<p>Unter den Xenien, die er gegen die Schlegel richtete &#8211; sie taten, als ob sie nichts merkten, empfanden aber den Stachel tief -, deuten wir eins auf August Wilhelms metrische Gr\u00fcbeleien (wie Schiller sie ansah, in den Briefen \u00fcber Poesie, Silbenma\u00df und Sprache in der Rezension von Vo\u00dfens Homer):<\/p>\n<p>Rezension<\/p>\n<p>Sehet wie artig der Frosch nicht h\u00fcpft! doch find ich die hinteren F\u00fc\u00dfe<br \/>\nUm vieles zu lang, sowie die vordern zu kurz.<\/p>\n<p>Auf denselben und im besonderen auf sein Gedicht &#8222;Pygmalion&#8220; (im Schiller&#8217;schen Musen-Almanach f\u00fcr 1797) geht wohl auch die Xenie &#8222;Ein deutsches Meisterst\u00fcck&#8220;:<\/p>\n<p>Alles an diesem Gedicht ist vollkommen, Sprache, Gedanke,<br \/>\nRhythmus; das Einzige nur fehlt noch, es ist kein Gedicht.<\/p>\n<p>Goethe, weich und bildsam auch hierin, suchte von seinen Gegnern zu lernen und ging sein neues episches Gedicht mit Humboldt durch, um aus demselben, kurz gesagt, m\u00f6glichst viel Troch\u00e4en, und, wo es sich um einen Daltylus handelte, m\u00f6glichst viel zusammengesetzte Substantive wegzuschaffen.\u00a0 Nach unserem Urteil wurde aber das sch\u00f6ne, gleichm\u00e4\u00dfig flie\u00dfende Gedicht dadurch nur gesch\u00e4digt. Wenn es zum Beispiel hei\u00dft:<\/p>\n<p>Die Gesinnung ist l\u00f6blich und wahr ist auch die Geschichte,<br \/>\nM\u00fctterchen, die du erz\u00e4hlst. Denn so ist alles geschehen<\/p>\n<p>so musste statt &#8222;M\u00fctterchen&#8220; vielmehr &#8222;Mutter&#8220; stehen, denn so und nicht mit dem Diminutiv redet der Mann die Frau an, wie sie zu ihm in dem Gedicht zu wiederholten Malen &#8222;Vater&#8220; sagt. So war wohl auch Vo\u00df daran schuld, wenn schon fr\u00fcher ein Vers in Alexis und Dora lautete:<\/p>\n<p>Und das M\u00fctterchen ging feierlich neben dir her<\/p>\n<p>wo die &#8222;Mutter&#8220; zwar zwei sogenannte Troch\u00e4en ergeben h\u00e4tte, aber viel angemessener gewesen w\u00e4re, schon mit R\u00fccksicht auf das folgende &#8222;feierlich&#8220;. Ganz so verh\u00e4lt es sich mit &#8222;der\/die Krankende&#8220; statt &#8222;der\/die Kranke&#8220; in den zwei Versen:<\/p>\n<p>Wenn der S\u00e4ugling die Krankende weckt und Nahrung begehrt<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p>Doch der Krankende f\u00fchlt auch schmerzlich die leise Ber\u00fchrung<\/p>\n<p>&#8211; offenbar, um beide Male den Ditroch\u00e4us zu vermeiden.<\/p>\n<p>Zu dem Verse:<\/p>\n<p>Tretet herein in den hinteren Raum, in das k\u00fchlere S\u00e4lchen<\/p>\n<p>ist &#8222;S\u00e4lchen&#8220; f\u00fcr &#8222;Saal&#8220; ein ganz Vo\u00dfischer Notbehelf, der der Rede etwas Spelendes gibt, und auch der gleich folgende, etwas kostbare Genitiv:<\/p>\n<p>Sorgsam brachte die Mutter des klaren, herrlichen Weines,<\/p>\n<p>der hinzugef\u00fcgte Spondeus &#8222;sorgsam&#8220; &#8211; da die Sorgsamkeit hier keinen wesentlichen Zug bildet -, endlich die ganze zu niederl\u00e4ndische Schilderung der geschliffenen Flasche, der gr\u00fcnlichen Gl\u00e4ser, des gl\u00e4nzend gebohnten Tisches usw. &#8211; alles dies erinnert nicht angenehm an den Dichter der Luise. So auch das imperativisch gebrauchte passive Participium:<\/p>\n<p>Frisch, Herr Nachbar, getrunken!<\/p>\n<p>oder im Pro\u00f6mium:<\/p>\n<p>Noch einmal getrunken!<\/p>\n<p>&#8211; denn dies war eine Lieblingswendung des groben Vo\u00dfischen Stiles, die sich f\u00fcr den Kutscher (Vorgesehen!) oder den Fronvogt (Nicht lange gefeiert!) oder den Schulmeiser unter seinen Jungen (das Maul gehalten!) schicken mag, aber mitten in der Grazie der Goetheschen Rede wie ein fremder Zusatz auff\u00e4llt. Einige Male begegnen in Hermann und Dorothea auch die geschleiften Spondeen, das neueste und h\u00f6chste Kunstst\u00fcck der Schule: &#8222;<strong>auf<\/strong> halb<strong>wah<\/strong>ren Worten ertappt&#8220;, &#8222;<strong>selbst<\/strong> hin<strong>ging<\/strong> nach Paris&#8220;, &#8222;<strong>die<\/strong> hoch<strong>her<\/strong>zig ein M\u00e4dchen vollbrachte&#8220;, &#8222;<strong>das<\/strong> un<strong>wil<\/strong>lig sie flieht&#8220;, mit <strong>scheu<\/strong> un<strong>sich<\/strong>erem Blicke&#8220; usw. &#8211; und wir wissen nicht, ob und wie viele davon schon urspr\u00fcnglich im Texte standen oder von falschen Ratgebern hineinkorrigiert waren.<\/p>\n<p>Goethe selbst nahm im August des Jahres 1799 zum Behufe eines neuen Abdrucks seine kleinen Gedichte aus den letzten zehn Jahren, die Epigramme, Elegien und Idyllen, wieder vor und besserte daran im Sinne der neuen Prosodik. Er meldete dies Schiller und f\u00fcgte hinzu, er zeige dadurch &#8222;Respekt f\u00fcr die Fortschritte in der Prosodie, welche man Vo\u00dfen und seiner Schule nicht absprechen kann.&#8220; Schiller billigte das Verfahren und hatte sogleich nach seiner Art eine kunstphilosophische Formel dazu in Bereitschaft, obwohl er selbst den Hexameter und Pentameter damals f\u00fcr immer aufgegeben hatte. Manches nun wurde durch diese \u00dcberarbeitung in der Tat geschmeidiger; an anderen Stellen aber hat die Sorge f\u00fcr das Metrum die Anmut der sprachlichen Form ins Steife und Gesuchte verkehrt, zum Beispiel, wenn es in dem Epigramme &#8222;dem Ackermann&#8220; statt des fr\u00fcheren &#8222;Pfl\u00fcge fr\u00f6hlich und s\u00e4e&#8220; jetzt hei\u00dft: &#8222;Fr\u00f6hlich gepfl\u00fcgt und ges\u00e4t&#8220; -mit dem schon erw\u00e4hnten imperativischen Partizip, oder in &#8222;Versuchung&#8220; der erste Vers<\/p>\n<p>Eine sch\u00e4dliche Frucht reicht unsere Mutter den Gatten<\/p>\n<p>jetzt in einen manirierten Fragesatz verwandelt ist:<\/p>\n<p>Reichte die sch\u00e4ndliche Frucht einst Mutter Eva dem Gatten<\/p>\n<p>vermutlich um den fl\u00fcchtigen Troch\u00e4us &#8222;Eine&#8220; wegzuschaffen usw. Alle diese Bem\u00fchungen konnten die Rigoristen, von denen manche, die auf s\u00e4chsischen Schulen erwachsen waren, mit Leichtigkeit sogar lateinische Verse anfertigen, doch nicht vers\u00f6hnen. Platen fand den Vers in Hermann und Dorothea ungen\u00fcgend:<\/p>\n<p>Holpricht ist der Hexameter zwar, doch wird das Gedicht stets<br \/>\nBleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst<\/p>\n<p>und als Goethe sp\u00e4ter, wie schon erw\u00e4hnt, unvorsichtigerweise das Bekenntnis ablegte, er habe sich mit dem Reineke Fuchs nur befasst, um sich im Hexameter zu \u00fcben, da war die Sache ausgemacht: die Hexameter unserer beiden Klassiker waren und blieben sch\u00fclerhaft; im besten Fall verzieh man sie ihnen im Hinblick auf manches andere Verdienst. Goethes Reineke Fuchs fand \u00fcberhaupt in der literarischen Kritik nicht die geb\u00fchrende W\u00fcrdigung &#8211; und dennoch hat nur dies Gedicht die Fabeln von Reineke und den \u00fcbrigen tierischen Charakterfiguren popul\u00e4r gemacht und im Andenken der Nation erhalten und so ein sch\u00f6nes Verm\u00e4chtnis der Vorfahren vor dem Untergang bewahrt.<\/p>\n<p>Um aber gleich herauszusagen, wie wir denken, so scheinen uns die Hexameter in den zw\u00f6lf Ges\u00e4ngen des Reineke Fuchs und in den gleich folgenden Episteln die besten, die \u00fcberhaupt in deutscher Sprache in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang gemacht worden sind.<\/p>\n<p>Zu unserer \u00dcberraschung finden wir ein \u00e4hnliches Urteil schon durch Kneben ausgesprochen, der \u00fcberhaupt unbefangener und klarer sah, als fast alle \u00dcbrigen in Goethes Umgebung. Er schreibt am 22. Dezember 1795 an Goethe: &#8222;Da du im vollkommenen besitz bist, auch hier\u00fcber (\u00fcber den Bau des Hexameters) Regel auf dem Parnass zu geben und ich zum Beispiel deinen Reineke Fuchs f\u00fcr das beste und der Sprache eigent\u00fcmlichste Werk deutscher Prosodie halte, so wollte ich nicht, dass du anderen, die bei weitem nicht Gef\u00fchl und Geschmack genug zu dieser Sache haben, aus zu vieler Nachsicht und Gutheit zu viel einr\u00e4umtest. Der lebendige Geist, mit Sinn und Geschmack verbunden,\u00a0 fehlt ja fast \u00fcberall noch in unseren Gedichten, und was soll es werden, wenn sich unsere einzigen Muster unter die Regel einseitiger oder gef\u00fchlloser Pedanten schmiegen!&#8220; Auch Friedrich Schlegel, der hierin liberaler war als sein mehr z\u00fcnftiger Bruder, meinte sp\u00e4ter in den kritischen Fragmenten: &#8222;Man tadelt die metrische Sorglosigkeit der Goetheschen Gedichte. Sollten aber die Gesetze des deutschen Hexameters wohl so konsequent und allgemeing\u00fcltig sein wie der Cahrakter der Goethe&#8217;schen Poesie?&#8220;<\/p>\n<p>In den sp\u00e4teren Werken antiker Form hat der Dichter schon die Unbefangenheit nicht ganz, aber doch ein wenig verloren. Im Reiniek Fuchs aber bewegt sich die deutsche Rede mit dem freiesten Behagen in der reizendsten Zierlichkeit fort, nirgends vom Metrum gest\u00f6rt oder beengt, bald nach dem ihr eigenen Numerus dem Verse entgegen und ihn kreuzend, bald in mannigfachen Verschlingungen sich ihm wieder zuneigend und abermals von ihm abwendend, um endlich am Schlusse der Periode harmonisch mit ihm zusammenzufallen. Wir sind ganz im Gegenstande, in der Erz\u00e4hlung, wissen kaum, dass wir Verse h\u00f6ren, und doch begleitet uns das halbdunkle Gef\u00fchl, innerhalb der goldnen Schranken des Ma\u00dfes gehalten zu werden und zwischen wechselnden aber festen Ufern, auf sanften Wellen im leichten Kahn den Fluss hinabzugleiten. Wie der Stoff die Homer&#8217;sche Heldenwelt in leichter Parodie zu streifen scheint, so blickt uns auch der Hexameter selbst, der ehrw\u00fcrdige Vers, durch den selbst die Pythia den Ratschluss der G\u00f6tter verk\u00fcndigte, so schalkhaft, so mutwillig an &#8211; die schwere R\u00fcstung liegt der Fabel nur leicht auf, denn sie ist ja keine wirkliche, sondern eine heitere Maske, und wenn diese sich hin und wieder verschiebt, so erh\u00f6ht das nur den Zauber des Vortrags und das Erg\u00f6tzen des H\u00f6rers. Vor dem Doppel-Troch\u00e4us f\u00fcrchtet sich der Dichter nicht, so gleich am Anfange:<\/p>\n<p><em>Jede Wiese<\/em> sprosste von Blumen in duftenden Gr\u00fcnden,<br \/>\n<em>Festlich heiter<\/em> gl\u00f6\u00e4nzte der Himmel und farbig die Erde<\/p>\n<p>wo die troch\u00e4ische erste und die daktylische zweite H\u00e4lfte der Verse eine gef\u00e4llige gegenseitige Ausgleichung bewirken; ebenso wenig vor dem Halbton in der zweiten H\u00e4lfte des Daktylus:<\/p>\n<p>Gutes \/ <strong>Hand<\/strong>geld ist \/ das, versetzte Reineke munter<\/p>\n<p>Oder: &#8222;Eurem Geleit nicht \/ <strong>Nach<\/strong>druck ver- \/ schaffen&#8220;, &#8222;es leidet Euer \/ <strong>An<\/strong>sehn da- \/ durch&#8220;, &#8222;merket den \/ <strong>Um<\/strong>stand und \/ sucht ihn zu nutzen&#8220;, &#8222;von der \/ <strong>Haus<\/strong>frau em- \/ pfangen&#8220;, &#8222;Fragen und \/ <strong>Ur<\/strong>teil ge- \/ stellt&#8220;, &#8222;als Euer \/ <strong>Leicht<\/strong>sinn ge- \/ dacht hat&#8220;, &#8222;Jeder genie\u00dfet die \/ <strong>Wohl<\/strong>tat des \/ Rechtes&#8220;, &#8222;was f\u00fcr \/ <strong>Ant<\/strong>wort ge- \/ b\u00fchret&#8220;, &#8222;Eueren \/ <strong>Vor<\/strong>teil be- \/ sorgt er nicht mehr&#8220;, &#8222;mich f\u00fchrte der \/ <strong>Zu<\/strong>fall den \/ Weg her&#8220; usw. In der Tat gewinnt der deutsche Hexameter nur durch diese Zulassung die n\u00f6tige Mannigfaltigkeit und Sch\u00f6nheit. Was verschl\u00e4gt es, wenn due Thesis bald mehr, bald minder ins Gewicht f\u00e4llt? Oder vielmehr, nur so kann der Hexameter den Tonfall und die innere Gliederung des deutschen Idioms in sich aufnehmen und dem deutschen Gef\u00fchle nat\u00fcrlich und anmutig werden.<\/p>\n<p>Man vergleiche damit die Protestationen Knebels gegen die Vo\u00df-Schlegelsche Manier in dem Briefe an Goethe vom 18. November 1799, denen man nur beistimmen kann. Einmal nennt Knebel Vo\u00dfens Hexameter spottend &#8222;wagerechte Verse&#8220;.<\/p>\n<p>Ganz so w\u00fcrde ein jambisches Gedicht, in dem die Thesen aus lauter d\u00fcnnen, v\u00f6llig tonlosen Silben best\u00fcnden, dem einf\u00f6rmigen Takt eines mechanischen Werkes gleichen; auch hat man seltsamerweise in jambischen oder troch\u00e4ischen Versen das, was im Hexameter verboten wurde, immer erlaubt. Das &#8222;Maultier&#8220; sollte im Hexameter nur als Spondeus gelten d\u00fcrfen, am ausgesuchtesten so, das &#8222;Maul-&#8220; einem vorausgehenden Spondeus, &#8222;-tier&#8220; als Arsis einem nachfolgenden Daktylus angeh\u00f6rte &#8211; aber in dem Verse:<\/p>\n<p>Das Maultier sucht im Nebel seinen Berg<\/p>\n<p>ist es noch niemand eingefallen einen Fehler zu finden.<\/p>\n<p>(Oder hielt Platen den Vers doch f\u00fcr fehlerhaft? Er sagt in der &#8222;verh\u00e4ngnisvollen Gabel&#8220;:<\/p>\n<p>Setzen ja die Jambenschmierer, deren Vers den Vers zerst\u00f6rt,<br \/>\nDen Spondeus oft an Stellen, wo er gar nicht hingeh\u00f6rt.)<\/p>\n<p>Und ebenso wenig in Fausts Worten:<\/p>\n<p>Dochh lass uns dieser Stunde sch\u00f6nes Gut<br \/>\nDurch solchen Tr\u00fcbsinn nicht verk\u00fcmmern<\/p>\n<p>oder aus den lyrischen Gedichten in Zeilen wie den folgenden:<\/p>\n<p>Jeden Nachklang f\u00fchlt mein Herz<\/p>\n<p>Voll Unmut und Verdruss<\/p>\n<p>Beengt der Abschied mir das Herz<\/p>\n<p>oder in dem Kirchenlied:<\/p>\n<p>Allein Gott in der H\u00f6h sei Ehr<\/p>\n<p>oder in dem politischen Liede:<\/p>\n<p>Deutschland, Deutschland \u00fcber alles<\/p>\n<p>(womit man den obigen Pentameter Platens, in dem das arme Deutschland mittendurch gebrochen ist, vergleiche: &#8222;<strong>blei<\/strong>ben der \/ <strong>Stolz<\/strong> Deutsch- \/ <strong>lands<\/strong>&#8222;).<\/p>\n<p>Die Sprache selbst hat diese Richtung genommen und manche Zusammensetzung durch Verk\u00fcrzung rhythmischer und wohllautender gemacht, zum Beispiel &#8222;Wimper&#8220; aus &#8222;Windbraue&#8220;, &#8222;Junker&#8220; aus &#8222;Jungherr&#8220;, &#8222;Schulze&#8220;, &#8222;Schulz&#8220; aus Schulthei\u00df, Im Volksmund &#8222;Emse&#8220; aus &#8222;Ameise&#8220;, &#8222;Wingert&#8220; aus &#8222;Weingarte&#8220; usw. Doch sind noch immer genug Komposita \u00fcbrig, die wegen ihres Halb- oder Dreiviertelgewichts sich nicht messen lassen und als v\u00f6llig unrhythmisch die Sprache \u00fcbel belasten.<\/p>\n<p>So konnte Schiller mit dreisilbigen W\u00f6rtern wie &#8222;Landenge&#8220;, &#8222;Hochofen&#8220;, &#8222;Scharfsch\u00fctzen&#8220; nichts anfangen; er musste sagen:<\/p>\n<p>Der auf Korinthus <em>Landesenge<\/em><\/p>\n<p>(eine ganz undeutsche Form) und<\/p>\n<p>wo ihm in <em>hoher \u00d6fen<\/em> Glut<\/p>\n<p>(desgleichen) und:<\/p>\n<p>Aber dort seh ich drei <em>scharfe Sch\u00fctzen<\/em><br \/>\nLinker Hand um das Feuer sitzen<\/p>\n<p>So konnte auch Goethe seinen Mepistopheles nicht von Gelbschn\u00e4beln reden lassen, sondern von der Wahrheit,<\/p>\n<p>Die <em>gelben Schn\u00e4beln<\/em> keineswegs behagt<\/p>\n<p>und vermied in den Venetianischen Epigrammen das Wort &#8222;Eidechse&#8220; und sagte lieber &#8222;Lacerte&#8220;:<\/p>\n<p>Wollt ihr mir&#8217;s k\u00fcnftig erlauben, so nenn ich die Tierchen Lacerten,<br \/>\nDenn ich brauche sie noch oft als gef\u00e4lliges Bild<\/p>\n<p>F\u00fcr Platen aber war das Wort wie geschaffen, er skandierte &#8222;Eidechse&#8220; als\u00a0 <span class=\"postbody\"><span style=\"font-weight: bold\">\u2014<\/span><\/span> <span class=\"postbody\"><span style=\"font-weight: bold\">\u2014 <\/span><\/span>v und sagte (im Gedicht Almasi):<\/p>\n<p><strong>Nur<\/strong> Ei<strong>dech<\/strong>sen umklettern es jetzt, nur flatternde Raben.<\/p>\n<p>Zur Vollkommenheit des Hexameters rechnet man auch die passende Verwendung der Z\u00e4suren, die den langen heroischen Vers durch willkommene Pausen teilen und gliedern. Auch hierin verf\u00e4hrt der Dichter mit liebensw\u00fcrdigem Leichtsinn: niemals opfert er dem metrischen Bed\u00fcrfnis das der Sprache eingeborene Gef\u00fcge, die Wortfolge oder Wortstellung, den logischen Zusammenhang, die Heiterkeit der ruhig sich ausbreitenden Darstellung. Sein Vers nimmt wie der des Homer alle m\u00f6glichen Gestalten an, und alle von den alten aufgez\u00e4hlten Einschnitte finden sich wie von selbst ein. So die Penthemimeres, die mit Recht f\u00fcr die sch\u00f6nste der Z\u00e4suren gilt und die man den goldenen Schnitt des Hexameters nenn k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>W\u00fcrdiger Freund, du runzelst die Stirn; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> es scheinen die Scherze<\/p>\n<p>(mit der Nebenz\u00e4sur nach der Arsis des zweiten Fu\u00dfes, wodurch zwei sch\u00f6ne Choriamben entstehen), die bukolische, die nach dem dritten Troch\u00e4us usw. Sie alle zusammen geben dem Gang des Verses Schwung und Elastizit\u00e4t. Kommt dazwischen auch eine Zeile vor, wo wegen mangelnder Einschnitte die Schaukel, die uns hin und her wiegt, an der Erde zu schleifen scheint, so empfinden wir gleich darauf den erneuten, durch gesonderte Gruppen unterhaltenen Schwung um so lebhafter. Zwei oder drei Stellen, die wir aus einer Menge anderer herausgreifen, m\u00f6gen die Behandlung der Z\u00e4suren in Goethes Vers durch Beispiele deutlicher vor Augen stellen.<\/p>\n<p>Herrmann und Dorothea:<\/p>\n<p>Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,<br \/>\nDie in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verh\u00fcllte,<br \/>\nAus dem Schleier, bald hier bald dort, mit gl\u00fchenden Blicken<br \/>\nStrahlend \u00fcber das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.<\/p>\n<p>Aus demselben Gesang:<\/p>\n<p>Herrlich gl\u00e4nzte der Mond, der volle vom Himmel herunter;<br \/>\nNacht war&#8217;s, v\u00f6llig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne;<br \/>\nUnd so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander<br \/>\nLichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler N\u00e4chte.<\/p>\n<p>Aus Reineke Fuchs:<\/p>\n<p>Reineke stand und wusste darauf gar k\u00fcnstlich zu dienen;<br \/>\nDenn ergriff er das Wort, so floss die zierliche Rede<br \/>\nSeiner Entschuldigung her, als w\u00e4r es lautere Wahrheit;<br \/>\nAlles wusst er bei Seite zu lehnen und alles zu stellen.<br \/>\nH\u00f6rte man ihn, man wunderte sich und glaubt&#8216; ihn entschuldigt,<br \/>\nJa er hatte noch \u00fcbriges Recht und vieles zu klagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Seite ist eine Unterseite zur Seite \u00dcber Hexameter, auf der viele weitere Texte \u00fcber den Hexameter zu finden sind. Aus: Victor Hehn, Gedanken \u00fcber Goethe (1887). Was nun die M\u00f6glichkeit oder Unm\u00f6glichkeit eines deutschen Hexameters betrifft &#8211; wir wenden uns zun\u00e4chst zu dieser Versart -, so war zu Klopstocks Zeit der Stand der Sache&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=922\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Einiges \u00fcber Goethes Vers<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":4072,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-922","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=922"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5183,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/922\/revisions\/5183"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4072"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}