{"id":9904,"date":"2020-02-07T22:30:04","date_gmt":"2020-02-07T21:30:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=9904"},"modified":"2020-02-07T22:35:14","modified_gmt":"2020-02-07T21:35:14","slug":"deutscher-und-antiker-hexameter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=9904","title":{"rendered":"Deutscher und antiker Hexameter"},"content":{"rendered":"<p>Auf welche Art soll ein mit den Mitteln der deutschen Sprache gebildeter Hexameter die in den antiken Sprachen vorgefundenen Eigenheiten dieser Versart nachbilden? Von der Antwort auf diese Frage h\u00e4ngt alles ab, und die Theoretiker und Praktiker des Verses haben daher viel Zeit aufgewendet, um hier Klarheit zu schaffen. Leider widersprechen sich die gefundenen L\u00f6sungen oft v\u00f6llig! Die Frage zum Beispiel, ob der antike Spondeus ( \u2014 \u2014), also ein Versfu\u00df aus zwei gleichlangen Silben, durch den deutschen Troch\u00e4us (\u2014 \u25e1), also einen Versfu\u00df aus einer betonten und einer unbetonten Silbe, darstellbar ist, hat je nach Verfasser und Zeit zu (unter anderem!) folgenden Antworten gef\u00fchrt:<\/p>\n<p>&#8211; Der deutsche Vers ordnet sich ausschlie\u00dflich nach der Tonst\u00e4rke der Silben und muss als zweisilbigen Versfu\u00df den Troch\u00e4us verwenden, weil die deutsche Sprache keine Spondeen bilden kann.<\/p>\n<p>&#8211; Der deutsche Vers kann den Troch\u00e4us ohne Bedenken neben dem Spondeus verwenden und sollte das auch tun, weil er dadurch an Ausdruckskraft gewinnt.<\/p>\n<p>&#8211; Der deutsche Vers muss auf den Troch\u00e4us zur\u00fcckgreifen, weil es im Deutschen nicht genug Spondeen gibt; sein Gebrauch unterliegt aber Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p>&#8211; Der deutsche Vers muss als zweisilbigen Versfu\u00df den Spondeus verwenden, da er wie der antike Vers seine Silben dem Zeitwert nach ordnet, der Troch\u00e4us aber dreizeitig ist im Gegensatz zum vierzeitigen Spondeus.<\/p>\n<p>Dementsprechend unterschiedlich klingen die deutschen Hexameter, die aufbauend auf diesen \u00dcberlegungen geschrieben wurden.<\/p>\n<p><em>In ein Gasthaus f\u00fchrte man mich, woselbst ich das beste<\/em><br \/>\n<em>Essen und Trinken fand und weiches Lager und Pflege.<\/em><\/p>\n<p>Das ist Goethe, der in seiner \u201eersten Epistel\u201c ein tiefenentspanntes Verh\u00e4ltnis zum Troch\u00e4us zeigt: \u201eIn ein\u201c, \u201eGasthaus\u201c \u201emich wo\u201c, \u201ebeste\u201c, \u201eTrinken\u201c, \u201efand und\u201c, \u201eweiches\u201c, \u201ePflege\u201c &#8230;<\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend sie so im Gebet sich emporschwang, \u00f6ffnete Skyron<\/em><br \/>\n<em>Mit Kriegsknechten die T\u00fcr, und ruhig erhob sich die Jungfrau,<\/em><br \/>\n<em>Ihnen entgegengewandt mit siegreich gl\u00e4nzenden Augen.<\/em><\/p>\n<p>Paul Heyse zeigt in seiner \u201eThekla\u201c einen sehr bewussten Umgang mit den zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfen: \u201e-porschwang\u201c, \u201eSkyron\u201c, \u201eJungfrau\u201c \u201esiegreich\u201c n\u00e4hren sich dem Spondeus an, so gut es geht, \u201eMit Kriegs-\u201c ist einer der ber\u00fcchtigten \u201egeschleiften Spondeen\u201c, und bei \u201eT\u00fcr, und\u201c, dem einzigen Troch\u00e4us in diesen drei Versen, hilft die in den Versfu\u00df fallende Z\u00e4sur durch ihr Pausieren, dem Versfu\u00df mehr Umfang zu geben; ihn dem Spondeus anzugleichen.<\/p>\n<p>August Wilhelm Schlegel schrieb in der Einleitung zu &#8222;Die Herabkunft der G\u00f6ttin Ganga&#8220;: <em>Es versteht sich von selbst, dass im Hexameter keine Troch\u00e4en geduldet werden k\u00f6nnen<\/em>. Und l\u00e4sst dann Verse folgen wie:<\/p>\n<p><em>Schwingungen, tausenderlei sich begegnende, deckten den Himmel,<\/em><br \/>\n<em>Wie in der Schw\u00fcl&#8216; ausziehn wei\u00dfwolkige Scharen der Schw\u00e4ne.<\/em><\/p>\n<p>Der erste Vers hat nur dreisilbige F\u00fc\u00dfe, der zweite zwei aufeinanderfolgende, kunstvoll-griechisch gedachte Spondeen: &#8222;Schw\u00fcl&#8216; aus-&#8222;, &#8222;-ziehn wei\u00df&#8220;.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be allein zu diesen sieben Versen noch viel zu sagen, aber das einzig wirklich wichtige ist die eingangs gestellte Frage: Wie werden aus antiken Hexametern deutsche Hexameter? Diese Frage muss sich jeder, der ernsthaft Hexameter schreiben m\u00f6chte, zu irgendeinem Zeitpunkt stellen und beantworten; und so auch dieses Lexikon!<\/p>\n<p>Was aber ist seine Antwort? Nun: Ein klares \u201eSowohl als auch\u201c! Es schlie\u00dft sich an Heinrich Viehoff an, der in seiner \u201eVorschule zur Dichtkunst\u201c schreibt:<\/p>\n<p><em>Der deutsche Hexameter ist allerdings ein Akzentvers, wie alle deutschen Verse, und als solcher nicht an das strenge Gleichgewichtsgesetz des quantitativ abgewogenen antiken Hexameters gebunden; er ist nicht der n\u00e4mliche Vers, wie dieser; aber er ist doch ein Analogon desselben. Er verbindet mit seinem akzentuierenden Charakter etwas von dem Wesen quantitativ gemessener Verse; und darauf beruht gerade ein gro\u00dfer Teil seiner Sch\u00f6nheit und W\u00fcrde.<\/em><\/p>\n<p>Lies: Der deutsche Hexameter ordnet sich nach der Tonst\u00e4rke seiner Silben; er leugnet aber seine antike Herkunft nicht und beachtet, so gut es immer geht, auch die Zeitdauer dieser Silbe &#8211; und das macht ihn sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf welche Art soll ein mit den Mitteln der deutschen Sprache gebildeter Hexameter die in den antiken Sprachen vorgefundenen Eigenheiten dieser Versart nachbilden? Von der Antwort auf diese Frage h\u00e4ngt alles ab, und die Theoretiker und Praktiker des Verses haben daher viel Zeit aufgewendet, um hier Klarheit zu schaffen. 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