{"id":9923,"date":"2020-02-18T16:31:09","date_gmt":"2020-02-18T15:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=9923"},"modified":"2020-02-18T16:32:08","modified_gmt":"2020-02-18T15:32:08","slug":"reim","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=9923","title":{"rendered":"Reim"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hexameter und Reim<\/strong><\/p>\n<p><em>Hexameter reimen sich nicht.<\/em> Das ist, in einem kurzen Satz, alles, was man wirklich wissen muss; aber wie schon der Umfang dieses Eintrags zeigt, ist der Weg zu dieser Erkenntnis lang!<\/p>\n<p>Zwei Gr\u00f6\u00dfen sind f\u00fcr jeden metrisch geregelten Vers von entscheidender Bedeutung, seine Bewegung und sein Klang; eine dieser Gr\u00f6\u00dfen ist dabei die Grundlage des Verses, w\u00e4hrend die andere, obwohl sie f\u00fcr das Gelingen des Verses genauso wichtig ist, sich dienend unterordnet.<\/p>\n<p>Ist, wie im Reimvers, der Klang die Grundgr\u00f6\u00dfe: dann achtet der Verfasser zwar auf eine anziehende und abwechslungsreiche Versbewegung, w\u00e4hlt sie aber so, dass sie auf den Gleichklang am Versende hinf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ist, wie im Hexameter, die Bewegung die Grundgr\u00f6\u00dfe: so achtet der Verfasser auch auf einen vollen und abwechslungsreichen Klang, will aber mit ihm die Linien der Versbewegung erfahrbar machen.<\/p>\n<p>Daher ist dem Hexameter der Endreim fremd, denn der Reim lenkt die Aufmerksamkeit des H\u00f6rers auf den Gleichklang am Schluss des Verses und zieht sie ab von der Grundgr\u00f6\u00dfe, der Versbewegung, die am Beginn des Verses einsetzt und dann auf die den Hexameter bestimmende Art den Versraum durchschwingt!<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass der Hexameter ein Vers ist, der ohne Begrenzung der Zahl gereiht werden kann und soll; ein Endreim aber verbindet zwei Verse zu einem Paar, einer kleinen, sich gegen den Rest absetzenden Einheit: Der Text bekommt ein strophisches Wesen.<\/p>\n<p>Beispiele gereimter und gereihter Hexameter finden sich daher selten und meist fr\u00fch. So wollte zum Bespiel Gottsched den Beginn von Vergils \u201eAeneis\u201c aus lateinisch-ungereimten in deutsch-gereimte Hexameter \u00fcbersetzen:<\/p>\n<p><em>Waffen besing ich, und den, der von trojanischen K\u00fcsten<\/em><br \/>\n<em>Welschlands Grenzen bezog, wo Latiens Ufer sich br\u00fcsten;<\/em><br \/>\n<em>Welcher viel Unfalls erfuhr, als nebst der G\u00f6tter Verh\u00e4ngnis<\/em><br \/>\n<em>Iunos w\u00fctender Groll den Helden in manche Bedr\u00e4ngnis,<\/em><br \/>\n<em>Teils auf der See, teils wieder zu Lande gezwungen zu schweben,<\/em><br \/>\n<em>Eh er noch Alba gebaut, und Welschland G\u00f6tter gegeben;<\/em><br \/>\n<em>Bis der Lateinergeschlecht, der Rat der Albaner entsprungen,<\/em><br \/>\n<em>Ja dir auch selber, o Rom, die erhabenen Zinnen gelungen.<\/em><\/p>\n<p>Dazu, als Vergleich, die \u00dcbersetzung von Vo\u00df:<\/p>\n<p><em>Waffen ert\u00f6nt mein Gesang, und den Mann, der von Troer-Gefild einst<\/em><br \/>\n<em>Kam, durch Schicksal verbannt, gen Italia, und an Latinums<\/em><br \/>\n<em>Wogenden Strand. Viel hie\u00df ihn Land\u2018 umirren und Meerflut<\/em><br \/>\n<em>G\u00f6ttergewalt, weil dau&#8217;rte der Groll der erbitterten Juno;<\/em><br \/>\n<em>Viel auch ertrug er im Kampf, bis die Stadt er gegr\u00fcndet, und endlich<\/em><br \/>\n<em>Latium G\u00f6tter empfing; woher der Latiner Geschlecht ward,<\/em><br \/>\n<em>Und Albanische V\u00e4ter, und du, hocht\u00fcrmende Roma.<\/em><\/p>\n<p>Es wird h\u00f6rbar, dass die Reime den Vers gl\u00e4tten und die Aufmerksamkeit auf das Versende richten?!<\/p>\n<p>Wenn \u00fcberhaupt, vertr\u00e4gt der Hexameter nach dem bisher Gesagten den Endreim, wenn er strophisch gebraucht wird in Verbindung mit Versen von einfacherer Bewegung. Ein Beispiel geben vier Verse aus \u201eWettgesang\u201c von Friedrich R\u00fcckert, der den Text ein \u201emodernes Idyll\u201c nennt:<\/p>\n<p><em>Kunstlos war der Gesang, auch prunklos waren die Singer,<\/em><br \/>\n<em>Und selber schmucklos war die Flur;<\/em><br \/>\n<em>Doch vom Himmel ein Glanz war irdischer M\u00e4ngel Bezwinger,<\/em><br \/>\n<em>Ich sah verkl\u00e4rte Lichtnatur.<\/em><\/p>\n<p>Ein Hexameter und als Kurzvers dabei ein iambischer Vierheber &#8211; ein &#8222;iambischer Dimeter&#8220; nach antikem Verst\u00e4ndnis:<\/p>\n<p>\u25e1 \u2014, \u25e1 \u2014, \u25e1 \u2014, \u25e1 \u2014<\/p>\n<p>Insgesamt ein &#8222;1. pythiambisches Distichon&#8220; (das 2. hat einen sechshebigen Iambus &#8211; einen &#8222;iambischen Trimeter&#8220; &#8211; als Zweitvers).<\/p>\n<p>Gleichfalls eine alte Form legt Ludwig H\u00f6lty einer Reimstrophe zugrunde &#8211; die erste Strophe von \u201eAn Braga\u201c:<\/p>\n<p><em>Komm, du Geber des Sangs, Apollens Besieger o Braga,<\/em><br \/>\n<em>Bei mir warten dein Braten und Fisch,<\/em><br \/>\n<em>Komm, sonst hol dich der Teufel, Papa der Barden und Aga,<\/em><br \/>\n<em>Komm an meinen besch\u00fcsselten Tisch!<\/em><\/p>\n<p>Ein &#8222;alkmanisches Distichon&#8220; aus Hexameter und \u201ealkmanischem Vers\u201c, womit ein katalektischer daktylischer Vierheber gemeint ist:<\/p>\n<p>\u2014 \u25e1 (\u25e1), \u2014 \u25e1 (\u25e1), \u2014 \u25e1 \u25e1, \u2014<\/p>\n<p>Zwei solcher Distichen werden in einer Strophe durch den Kreuzreim verklammert. Derartige Versuche sind aber sehr selten geblieben!<\/p>\n<p>Trotzdem k\u00f6nnen Reime im Hexameter gebraucht werden, dann allerdings im Versinnern! Gleich einen dreifachen Reim benutzt Wildgans im \u201eKirbisch\u201c, um den Augenblick zu beschreiben, in dem ein zuvor heimlich weitergereichtes Ger\u00fccht \u00f6ffentlich wird:<\/p>\n<p><em>Was das V\u00f6glein gewispert, am hellichten Tage gedieh es<\/em><br \/>\n<em>Dort zum staunenden, raunenden, endlich posaunenden Chorus!<\/em><\/p>\n<p>Neben dem Reim f\u00e4llt auch die falsche Z\u00e4sur nach dem dritten Fu\u00df auf; der Vers ist kaum noch als Hexameter erfahrbar.<\/p>\n<p>Solche Verse sind m\u00f6glich, aber rar, und sie ben\u00f6tigen immer eine starke inhaltliche Begr\u00fcndung. Im allgemeinen gilt: Hexameter wirken st\u00e4rker, wenn kein Reimklang in ihnen wirkt!<\/p>\n<p>Auch im epigrammatisch verwendeten Distichon finden sich immer wieder Hexameter mit \u201eInnenreimen\u201c:<\/p>\n<p><em><strong>Wahl<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und dein Kunstwerk,<\/em><br \/>\n<em>Mach es wenigen recht, vielen gefallen ist schlimm.<\/em><\/p>\n<p>In diesem Distichon Schillers f\u00e4llt neben dem Reim \u201eallen gefallen\u201c auch noch das bezugnehmende \u201evielen gefallen\u201c auf, was die Klangwirkung durch eine Alliteration zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p><em><strong>Goethes Biographie<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Anfangs ist es ein Punkt, der leise zum Kreise sich \u00f6ffnet,<\/em><br \/>\n<em>Aber, wachsend, umfasst dieser am Ende die Welt.<\/em><\/p>\n<p>Hier, in einem Distichon Hebbels, verbindet sich der Reim \u201eleise zum Kreise\u201c mit einer bewegungsarmen zweiten Versh\u00e4lfte, die aus drei Amphibrachen besteht!<\/p>\n<p>Inwieweit diese Reime eine Wirkungsabsicht haben, also vom Verfasser bewusst verwendet worden sind, oder schlicht als nicht st\u00f6rend eingesch\u00e4tzt wurden, muss man am einzelnen Vers beurteilen; und genau so im eigenen Schreiben von Fall zu Fall entscheiden.<\/p>\n<p>Wird der Reim noch unauff\u00e4lliger, ist er nur noch eine bedeutungsfreie Klangwirkung unter vielen wie in diesem Vers aus Eberhards \u201eDer erste Mensch und die Erde\u201c:<\/p>\n<p><em>Neues, Erhabenes viel sah da sein staunendes Auge!<\/em><\/p>\n<p>In \u201esah da\u201c verbindet der Klang eine (schwere) Senkungssilbe und eine benachbarte Hebungssilbe.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llige Gleichkl\u00e4nge, wie sie sich immer wieder in den Vers schleichen durch zum Beispiel die Nachbarschaft von Bausilben, (\u201edie sie\u201c) werden unter \u201eDer Klang\u201c besprochen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter und Reim Hexameter reimen sich nicht. 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