{"id":9961,"date":"2020-02-20T22:48:43","date_gmt":"2020-02-20T21:48:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=9961"},"modified":"2020-02-28T15:03:36","modified_gmt":"2020-02-28T14:03:36","slug":"an-tiedge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=9961","title":{"rendered":"An Tiedge"},"content":{"rendered":"<p>Nimm, o geliebtester Freund, mein Lied von dem ersten der Menschen,<br \/>\nNimm, als Weihegeschenk, freundlichen Herzens ihn an!<br \/>\nL\u00e4ngst in der Brust mir lebt&#8216; es und klang&#8217;s mit vernehmlichen T\u00f6nen;<br \/>\nUnd dir war es geweiht, eh&#8216; es gesungen noch war.<br \/>\nDenke der herrlichen Nacht von dem einen Jahrhundert zum andern,<br \/>\nWo, bei der Glocken Gel\u00e4ut, fr\u00f6hlich der Becher zerbrach!<br \/>\nDa schon hing ich an dir; hoch ehrt ich Uranias S\u00e4nger,<br \/>\nFreute voraus mich schon deines gewissen Triumphs.<br \/>\nDa in der Brust schon klang es in mir mit begeisterten T\u00f6nen,<br \/>\n<strong>10<\/strong> Dies mein Lied, und es war dir in der Stille geweiht.<br \/>\nDoch dein heiliges Lied, es durchdrang so gewaltig das Herz mir,<br \/>\nDass unheiliger Art meines alsbald mir erschien.<br \/>\nDrum in der Brust still hielt ich zur\u00fcck die versch\u00fcchterten T\u00f6ne,<br \/>\nUnd sang, scherzend und ernst, andere Lieder seitdem.<br \/>\nViel unterdessen erlebte die Welt! Es gestaltete vieles<br \/>\nAnders, gewaltiger sich, als es der Kl\u00fcgste gedacht!<br \/>\nViel auch gab das Geschick uns fr\u00f6hliche, traurige Stunden,<br \/>\nDeren Erinnerung nie stirbt in der f\u00fchlenden Brust.<br \/>\nStill an der winkligen Stadt hier flie\u00dfet die Saale vor\u00fcber,<br \/>\n<strong>20<\/strong> Doch manch frohes Gesicht spiegelt die Welle zur\u00fcck.<br \/>\nDenk&#8216; ich zur\u00fcck an die Freude, den Scherz in dem traulichen Kreise,<br \/>\nDer uns lange vereint, klopfet mir h\u00f6her das Herz.<br \/>\nWie war bieder der Freund, frohsinnig die redliche Freundin!<br \/>\nKinder, in kindlicher Lust, lachten und kos&#8217;ten um uns!<br \/>\nAlles vereinete sich, zu bekr\u00e4nzen mit Rosen die Horen,<br \/>\nUnd der erheiterte Sinn neigte zum Herzen das Herz.<br \/>\nFroh hinschaueten wir auf des Zeitgeists w\u00fcrdiges Streben,<br \/>\nLachten der Afterkritik, lachten der modischen Kunst.<br \/>\nMir an dem Ufer der Spree warst du der \u00e4sthetische F\u00fchrer!<br \/>\n<strong>30<\/strong> Herrliches &#8211; n\u00e4rrisches auch &#8211; gab es zu h\u00f6ren, zu sehn!<br \/>\nFr\u00f6hlich entf\u00fchrten wir dich bis hin an das Ufer der Oker,<br \/>\nWo, treulos, der Gef\u00e4hrt&#8216; ohne den Mantel entfloh!<br \/>\nHer von dem Arno flog dein scherzender Strau\u00df an die Saale,<br \/>\nUnd der erwidernde Scherz folgte zur Tiber dir nach.<br \/>\nDrauf der bezaubernde Reiz in dem Feen-Palast Dorotheas,<br \/>\nWelchen die Grazien selbst hatten zum Tempel geweiht!<br \/>\nEndlich Elisas gastliches Haus am Gestade der Elbe,<br \/>\nWo den erfreulichsten Bund schlossen das Herz und der Geist!<br \/>\nOft wallfahret&#8216; ich hin! Mein heiliges Haus zu Loretto<br \/>\n<strong>40<\/strong> Ist es geworden, und stets hat es den Wandrer begl\u00fcckt!<br \/>\nSo, vielfarbiger Art, uns bl\u00fcheten Blumen der Freude!<br \/>\nLaut hier dank ich daf\u00fcr meinem erw\u00fcnschten Geschick!<br \/>\nDoch nicht mangelten auch der Zypresse betr\u00fcbende Kr\u00e4nze,<br \/>\nUnd viel h\u00e4usliches Gl\u00fcck schwand mit dem Frieden der Welt!<br \/>\nMir in dem Arm aushauchte den Geist die geliebte Louise,<br \/>\nDie, voll kindlicher Lust, eben mit dir noch gescherzt!<br \/>\nNahe von mir &#8211; ein Blitz aus dem heitersten Himmel! &#8211; erfasste,<br \/>\nBleichen Gesichts, der Tod pl\u00f6tzlich den biederen Freund!<br \/>\nAch, da trauretest du mit den Traurenden, treuesten Herzens!<br \/>\n<strong>50<\/strong> Dein teilnehmender Schmerz hob die Gebeugten empor.<br \/>\nMitten im Krieges-Gew\u00fchl dicht standen wir Freunde zusammen,<br \/>\nTeilend Gefahren und Not, tr\u00f6stlich Elisa dabei.<br \/>\nAls des Eroberers Schwert tief beugte die V\u00f6lker, die F\u00fcrsten,<br \/>\nTeilten wir treulich den Schmerz, einer dem andern zum Trost!<br \/>\nDann, als r\u00e4chend der Tag des Gerichts den Verw\u00fcster ereilte,<br \/>\nDeutschland, kr\u00e4ftigen Arms, endlich die Ketten zerbrach:<br \/>\nLaut zujauchzte der eine die Wonne des Herzens dem andern,<br \/>\nUnd teilnehmend, erhob einer dem andern das Herz.<br \/>\nSo vom Geschick uns beiden die Bahnen des Lebens verschlungen,<br \/>\n<strong>60<\/strong> Ward mir immer mit dir lieber und lieber der Bund.<br \/>\nMehr als den S\u00e4nger in dir noch lernet&#8216; ich lieben den Menschen,<br \/>\nLieben den trefflichen Freund, hoch in der Treue bew\u00e4hrt.<br \/>\nGehet, im Laufe der Zeit, ein Freund nach dem andern von dannen:<br \/>\nSchlie\u00dfet sich fester das Herz an den Gebliebenen an.<br \/>\nDeckt erst Silber das Haupt: wird Gold die bew\u00e4hrete Freundschaft,<br \/>\nEnger und enger der Kreis: steiget an Werte der Freund.<br \/>\nR\u00fcckt man tiefer hinein in den Herbst des verd\u00fcsterten Lebens:<br \/>\nSchaut man sinnend zur\u00fcck auf den entschwundenen Lenz.<br \/>\nWie sich die Bien&#8216; in dem Stock noch labt an dem Honig des Lenzes,<br \/>\n<strong>70<\/strong> Labet sich oft mein Herz, schauend ins Leben zur\u00fcck.<br \/>\nHell, im verkl\u00e4renden Glanz holdl\u00e4chelnder Jugend, erscheinet<br \/>\nManche geliebte Gestalt oft mir im wachenden Traum!<br \/>\nDie mich fr\u00fche geliebt, die fr\u00fche der Tod mir entrissen,<br \/>\nSchweben, im Heiligenschein, hin durch das Dunkel der Nacht!<br \/>\nStill zu dem Himmel empor dann heben sich sehnende Blicke,<br \/>\nUnd das ersch\u00fctterte Herz f\u00fchlt sich dem Himmel verwandt!<br \/>\nJ\u00fcngst so sa\u00df ich und tr\u00e4umt&#8216; in betr\u00fcbte Gedanken verloren,<br \/>\nHorch! da klang es in mir pl\u00f6tzlich wie Ruf zu Gesang!<br \/>\nHell in dem Geist auflebten aufs neu die Gebilde, die T\u00f6ne,<br \/>\n<strong>80<\/strong> Die, von der Urwelt her, schwebten und klangen in mir.<br \/>\nDoch viel ernster, als sonst, jetzt waren die T\u00f6ne geworden,<br \/>\nWie sich tiefer der Ton stimmt in der alternden Brust.<br \/>\n\u00d6fter gemahnt an die N\u00e4he des Ziels, das hier mir beschieden,<br \/>\nSchaut&#8216; ich, ernsteren Blicks, hin auf die Wunder der Welt.<br \/>\nRasch da nahm ich herab von der Wand die befreundete Leier,<br \/>\nGriff in die Saiten, und sang, zahlend veraltete Schuld.<br \/>\nHab&#8216; ich zu sp\u00e4t es getan, mit gel\u00e4hmten Fl\u00fcgeln des Geistes:<br \/>\nM\u00f6gen die Musen es mir, m\u00f6g&#8216; es Apoll mir verzeihn!<br \/>\nWar es doch oft, als wollte der Tod mir die Leier entrei\u00dfen;<br \/>\n<strong>90<\/strong> Doch, still hoffenden Blicks, hielt ich die t\u00f6nende fest.<br \/>\nOb mich Moses, Homer, G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter verklagen,<br \/>\nWerd&#8216; ich h\u00f6ren, gefasst, komm&#8216; ich zum Orkus hinab!<br \/>\nFrei hin flattert das Lied, ein Schmetterling, welcher der G\u00e4rten<br \/>\nMehr, als einen, durchirrt, immer von Blumen verlockt.<br \/>\nG\u00f6nnt mir der Kritikus nicht solch freies, poetisches Walten<br \/>\nFern in der Urwelt Raum: sprech&#8216; er den richtenden Spruch!<br \/>\nDu nur, Teurer, verschm\u00e4he mir nicht den geweiheten Denkstein!<br \/>\nIst er gering auch: steht, klar doch, \u201eIch liebe dich\u201c drauf.<br \/>\nZeugnis geb&#8216; er von uns noch manchem befreundeten Herzen,<br \/>\n<strong>100<\/strong> Decket die Erde dereinst unsern entseeleten Staub!<\/p>\n<p>Eberhard.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nimm, o geliebtester Freund, mein Lied von dem ersten der Menschen, Nimm, als Weihegeschenk, freundlichen Herzens ihn an! L\u00e4ngst in der Brust mir lebt&#8216; es und klang&#8217;s mit vernehmlichen T\u00f6nen; Und dir war es geweiht, eh&#8216; es gesungen noch war. Denke der herrlichen Nacht von dem einen Jahrhundert zum andern, Wo, bei der Glocken Gel\u00e4ut,&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=9961\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in An Tiedge<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"parent":9928,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-9961","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9961"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9975,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9961\/revisions\/9975"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}