{"id":9986,"date":"2020-02-29T21:05:21","date_gmt":"2020-02-29T20:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?page_id=9986"},"modified":"2020-03-01T23:46:25","modified_gmt":"2020-03-01T22:46:25","slug":"dritter-gesang","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?page_id=9986","title":{"rendered":"Dritter Gesang"},"content":{"rendered":"<p>Freundlich zeigte sich schon die heitere l\u00e4ndliche Wohnung<br \/>\nNah dem wandelnden Paar, umpflanzt mit schwankenden Pappeln,<br \/>\nDeren silbernes Laub sich mischte mit dunklerem Ahorn.<br \/>\nDort unter wei\u00dflichen S\u00e4ulen, die sch\u00f6ngeordnet den Eingang<br \/>\nZierten, erkannten im Lichte des Mondes jetzo die beiden<br \/>\nAuch den grauen Filemos, er sa\u00df auf der steinernen Bank schon<br \/>\nUngeduldig lang die liebliche Tochter erwartend.<br \/>\nHeiter rief er von fern die scherzenden Wort&#8216; ihr entgegen:<br \/>\nEi! Wie kehret so spat mein T\u00f6chterchen heute zur\u00fcck doch?<br \/>\n<strong>10<\/strong> Nimmer des harrenden Vaters nun eingedenk schweift sie im Mondschein!<br \/>\nEros h\u00f6here Macht, f\u00fcrwahr, sie zeiget an dir sich!<br \/>\nDenn am schattigen Born, wo gerne die M\u00e4dchen verweilen,<br \/>\nS\u00e4umest du nie, und warst zuerst bedacht auf die R\u00fcckkehr,<br \/>\nBis dir der z\u00e4rtliche Freund sich nun gesellt auf dem Heimweg.<br \/>\nAber es nahte dem Greis mit schmeichelnden Worten die Jungfrau:<br \/>\nZ\u00fcrne der liebenden Tochter doch nicht, obschon sie von diesem<br \/>\nFr\u00fcher kehrte zu dir; mit freudig w\u00e4rmerem Herzen<br \/>\nEilte die Gl\u00fcckliche heut&#8216; entgegen deiner Umarmung.<br \/>\nNimmer schadet der ernsteren Pflicht die freundliche Liebe;<br \/>\n<strong>20<\/strong> Denn sie ermuntert uns sch\u00f6n zu wirksam t\u00e4tigem Leben,<br \/>\nDa zum belohnenden Fest sie jede Besch\u00e4ftigung zaubert.<br \/>\nJa, sie lehret allein des fl\u00fcchtigen Augenblicks Wert uns.<br \/>\nEilend bring&#8216; ich den Wein, den st\u00e4rkenden, ordne das Mal dir,<br \/>\nWenn es Likoris nicht schon, so wie ich geboten, bereitet.<br \/>\nUnd mit L\u00e4cheln versetzte, die Tochter umfassend, Filemos:<br \/>\nMag mir doch immerhin mit Wein der Becher gef\u00fcllt sein,<br \/>\nReicht mir die liebste Tochter ihn nicht, so wie ich&#8217;s gewohnt bin!<br \/>\nNach dem freundlichen Blick verlangt&#8216; ich, welcher beim Mahl mir<br \/>\nHeiter begegnet, und kaum bewusste W\u00fcnsche mir ablauscht.<br \/>\n<strong>30<\/strong> Doch schon senkt sich die Nacht, und sch\u00e4dlich ist&#8217;s, zu verweilen.<br \/>\nAlso der muntere Greis, ihm folgte die treffliche Tochter<br \/>\nAn Diokles Hand zur ger\u00e4umigen Halle, wo freundlich<br \/>\nSie Likoris empfing, beim l\u00e4ndlichen Mahle besch\u00e4ftigt.<br \/>\nHier bot k\u00fchlende Milch, gleich Silber schimmernd, Erquickung,<br \/>\nHochgelb gl\u00e4nzte das Gold des s\u00fc\u00dfen duftenden Honigs,<br \/>\nUnd, von schwellenden Rosen umkr\u00e4nzt, die zierlichen Schalen,<br \/>\nSchon gef\u00fcllt mit dem Saft des selbstgepflegeten Weinbergs.<br \/>\nWo der gepolsterte Sitz auf erhobener Stufe bereit war,<br \/>\nLagerte nun sich der Greis und hob mit heiterem Antlitz<br \/>\n<strong>40<\/strong> Hoch empor die Schale von sch\u00f6n getriebener Arbeit.<br \/>\nKinder, lasst uns vor allen der G\u00f6tter gedenken!, so sprach er,<br \/>\nDenn sie geben Gedeihen den Erdgebor&#8217;nen, doch streng auch<br \/>\nZ\u00fcrnen des L\u00e4sigen sie, der schuldige Opfer verabs\u00e4umt.<br \/>\nIhnen vergie\u00df ich darum den Wein hier, eh&#8216; er die trock&#8217;ne,<br \/>\nDurstige Kehle mir noch erquickend netzte, das gleiche<br \/>\nZiemt auch dir, mein Sohn. Des Dankes heilige Andacht<br \/>\nIst dem Gl\u00fccklichen s\u00fc\u00df und leicht. Den Unsterblichen n\u00e4her<br \/>\nBringet Freude das Herz und hebt zu ihnen empor uns.<br \/>\nFreudig seh ich mich jetzt am Ziel! Und w\u00e4hne begonnen<br \/>\n<strong>50<\/strong> Neu die Laufbahn mir, die fast vollendet zur\u00fcckliegt.<br \/>\nMeine geliebteste Tochter verbunden dem trefflichen J\u00fcngling<br \/>\nSeh&#8216; ich, wie es mein Wunsch! Nun lohnet der z\u00fcchtigen Jungfrau<br \/>\nHymens heit&#8217;res Gl\u00fcck, im Scho\u00df der Lieb&#8216; und der Unschuld.<br \/>\nHa! Schon seh&#8216; ich die Zeit, wenn zwischen bl\u00fchenden Enkeln,<br \/>\nStatt des Stabes gest\u00fctzt auf die zarten Schultern der Kleinen,<br \/>\nLeicht und r\u00fcstiger ich ersteige den steileren Weinberg!<br \/>\nFroher brech&#8216; ich dann die purpurschwellenden Trauben<br \/>\nF\u00fcr die muntere Schar, die ungeduldig erwartend<br \/>\nMich umh\u00fcpft. So eilen, durch Lieb&#8216; und Eintracht erhellt, mir<br \/>\n<strong>60<\/strong> Schneller die z\u00f6gernden Stunden des dunklen Alters vor\u00fcber.<br \/>\nIhm erwiderte drauf der biederherzige J\u00fcngling:<br \/>\nVater, verarge mir&#8217;s nicht, wenn einfach, wie du sie schilderst,<br \/>\nReizend mir also nicht erscheint im Bilde die Zukunft;<br \/>\nDenn ich gedenke zugleich mit stiller Sorge der Mutter<br \/>\nAuch, der liebenden nun, die so des einzigen Sohnes<br \/>\nSchmerzlich beraubt sich siehet, gern auch erfreute<br \/>\nSie der Tochter sich, der w\u00fcrdigen; aber gefesselt<br \/>\nH\u00e4lt stets die Teure daheim die z\u00f6gernde Krankheit gefangen.<br \/>\nLeer steht nun das ger\u00e4umige Haus und \u00f6d&#8216; ist die Halle,<br \/>\n<strong>70<\/strong> Wo die muntern Genossen der Jagd sich l\u00e4rmend versammelt,<br \/>\nWenn das frohe Ger\u00e4usch erscholl der festlichen Mahlzeit.<br \/>\nTraurig sitzet die Mutter mit ihren Frauen, der R\u00fcckkehr<br \/>\nHarrt sie des Sohnes, umsonst, gequ\u00e4lt von schmerzlicher Sehnsucht.<br \/>\nW\u00e4r&#8216; es von dir mir verg\u00f6nnt, dass stets des rollenden Jahres<br \/>\nH\u00e4lfte k\u00fcnftig zu ihr mir folgte die liebende Gattin!<br \/>\nDass du willig mich doch begleiten m\u00f6chtest, Simaitha!<br \/>\nMancher neue Genuss erwartet dich! Ja, schon bereitet<br \/>\n(Also ordnet&#8216; es selbst die Mutter), steht der Gem\u00e4cher<br \/>\nSch\u00f6nstes f\u00fcr dich; dort gew\u00e4hren dir hohe Fenster die Aussicht<br \/>\n<strong>80<\/strong> \u00dcber den Hafen, und zeigen ein stets erg\u00f6tzendes Schauspiel.<br \/>\nFr\u00f6hlich tanzen die Schiffe vom fernen Saume des Himmels<br \/>\nAuf den Wellen heran, die Aeos herrlich vergoldet.<br \/>\nStolzer schwellen die Segel im Morgenhauch&#8216;, und sch\u00e4umend<br \/>\nRauscht, von den Rudern bewegt, in gemessenen T\u00f6nen die Flut auf.<br \/>\nDort am Ufer das frohe Gew\u00fchl! Erscheinet ein Fahrzeug,<br \/>\nForschet jeder bewegt, ob das erwartete komme?<br \/>\nSo erharret das liebende Weib den Gatten, dem Sohne<br \/>\nSchleicht entgegen der Greis, und Freude kr\u00f6nt die Erwartung.<br \/>\nPeitschet Sturm das dunkele Meer, dann liegen die Schiffe<br \/>\n<strong>90<\/strong> Ruhig im sch\u00fctzenden Port. Es rauschen friedlich die Wipfel<br \/>\nHoher Ulmen herab auf die gesicherten Maste.<br \/>\nAber strahlet, entw\u00f6lkt, am heiteren Himmel des Tages<br \/>\nFreundlich waltendes Licht, schnell r\u00fcstet sich jeder zu Abfahrt.<br \/>\nL\u00fcfte bl\u00e4hen das Segel, die Anker werden gelichtet,<br \/>\nKr\u00e4nz&#8216; umflattern den Mast, aus Opferschalen vergie\u00dfet<br \/>\nWein der Schiffer ins Meer, er fleht den starken Poseidon<br \/>\nErst um gl\u00fcckliche Fahrt und dann zu den Seinen um R\u00fcckkehr.<br \/>\nMitylene prangt, erfreute die eigene Wohnung<br \/>\nMich vom frohen Gew\u00fchl gesch\u00e4ftigen Lebens erheitert.<br \/>\n<strong>100<\/strong> Und entging im bunten Gedr\u00e4ng&#8216;, so fragte Simaitha,<br \/>\nDeinem betrachtenden Blick der Unruh schwankender Fu\u00dftritt?<br \/>\nDort auf befurcheten Wangen die Bl\u00e4sse nagenden Grames,<br \/>\nHier die qu\u00e4lende Angst, der starre Blick der Verzweiflung?<br \/>\nSiehst du am Halse des Manns nicht oft die scheidende Gattin,<br \/>\nDie ihr lallendes Kind schon jetzt als Waise beweinet?<br \/>\nSiehst du nicht den Greis, der tief gebeugt in die Fluten<br \/>\nHinstarrt, welche die St\u00fctz&#8216; ihm des einsamen Alters verschlangen?<br \/>\nWo sich in dichteren Massen die Menschen dr\u00e4ngen, vervielfacht<br \/>\nSchmerz und Kummer sich auch; im sebstgebildeten Kreise<br \/>\n<strong>110<\/strong> Wirken freudiger sie und sicherer. Nur in des Gl\u00fcckes<br \/>\nAnschau&#8217;n, welches wir selbst verbreitet, schwindet des fremden<br \/>\nElends qu\u00e4lendes Bild, das Gef\u00fchl der eigenen Ohnmacht.<br \/>\nWillst du, gesammelt in dir, das Stadt bewegliches Schauspiel<br \/>\nMit dem stilleren gern vertauschen, in freundlicher F\u00fclle<br \/>\nBietet auch dort, wie hier, die Natur den heit&#8217;ren Genuss dir.<br \/>\nNah&#8216; dem kleinen Hafen, der, minder besuchet und s\u00fcdw\u00e4rts<br \/>\nLiegt, erheben sich H\u00fcgel, die rings der gesch\u00e4ftige St\u00e4dter<br \/>\nMannichfaltig bepflanzt, in lieblich wechselnder Mischung;<br \/>\nRau ist und felsig der Grund, wo ihm der Flei\u00df nicht, betriebsam,<br \/>\n<strong>120<\/strong> Urbar machte; so gr\u00fcnt mit schwellenden Trauben ein Weinberg<br \/>\n\u00dcber dunklem Gestr\u00fcpp, das wildernd zwischen der Felskluft<br \/>\nNickt. Der rauschenden Flut entsteigend, trotzend und steiler,<br \/>\nRings die Klippenufer, ein abgerissenes Felsst\u00fcck,<br \/>\nAus der Titanen gewaltiger Hand zum Abgrund geschleudert<br \/>\nScheint es und strecket hinaus, von t\u00f6nenden Wogen umsp\u00fclet,<br \/>\nWeit den R\u00fccken ins Meer. Hier sitzen singende Fischer,<br \/>\nEmsig betr\u00fcgliche Netze bereitend, wo von des \u00d6lbaums<br \/>\nSchwankenden Schatten besch\u00fctzt, sich bilden die sicheren Buchten.<br \/>\nDichte verbreiten sich hier am Ufer die strebenden \u00c4ste,<br \/>\n<strong>130<\/strong> Geben liebliche K\u00fchlung und tiefen Schatten dem Mittag.<br \/>\nOft verweilt&#8216; ich dort, wo gern sich in freundlichen Tr\u00e4umen<br \/>\nMeine Seele verliert. Dort rauscht ein heilig Entz\u00fccken<br \/>\nAus den Wipfeln hernieder auf mich, und Ahndung umwehet<br \/>\nFreundlich leise das Haupt. Hier rief, die Rede des J\u00fcnglings<br \/>\nUnterbrechend, Filemos: Wie gl\u00fccklich scheinet die Blindheit<br \/>\nMir, das sch\u00f6nere Los der unbefangenen Jugend!<br \/>\nUnbewusst, auf Tr\u00fcmmern des Gl\u00fccks, auf der Asche der Vorwelt<br \/>\nWandelt ein neues Geschlecht, genie\u00dft und hoffet; der Schauplatz<br \/>\nBleibt der n\u00e4mliche stets; ob Schmerz, ob einst Freud&#8216; ihn bezeichnet,<br \/>\n<strong>140<\/strong> Nicht bek\u00fcmmert&#8217;s den Lebenden! L\u00e4ngst auf immer verklungen<br \/>\nIst der Vergangenheit Stimme, die keine Spur ihm zur\u00fcckruft.<br \/>\nWie du sie schilderst, erkenn&#8216; ich genau die Gegend, es zeigt mir<br \/>\nDort ein trauriges Bild der fernen Jahre Geschichte.<br \/>\nWehmut w\u00fcrde mich nur und Schauer erfassen, betr\u00e4t&#8216; ich<br \/>\nJe dies Ufer, o Sohn!, wo frohe Ruh&#8216; dir gelacht hat.<br \/>\nWohl entsinn&#8216; ich mich noch, obschon die purpurnen Fr\u00fcchte<br \/>\nBald zum drei\u00dfigsten Mal gereift am schattenden \u00d6lbaum.<br \/>\nDenn, ein J\u00fcngling noch, bewohnt&#8216; ich die fr\u00f6hliche Stadt auch,<br \/>\nSp\u00e4t, mit der Gattin erst, erw\u00e4hlt&#8216; ich die stillere Wohnung.<br \/>\n<strong>150<\/strong> An dies Ufer zog die heftig dr\u00e4ngende Menge<br \/>\nEines Morgens mich einst, auch mir die Neugier erweckend.<br \/>\nN\u00e4her zeigte dem Blick sich bald ein r\u00fchrendes Schauspiel.<br \/>\nKaum den Wogen entrafft ein M\u00e4dchen bleich und leblos,<br \/>\nWie es eben den Felsen hinan an das Ufer gebracht ward.<br \/>\nAber ihr hatte des Todes erstarrende Hand das Gepr\u00e4ge<br \/>\nSchon auf die lieblichen Z\u00fcge gedr\u00fcckt, ihr sanken die Stirne<br \/>\nSchwere Locken herab, genetzt mit bitterer Meerflut.<br \/>\nRings umfloss sie das Haar, das lange; in wilder Verwirrung<br \/>\nWaren die seidenen Flechten gel\u00f6st, die Zierde der Jungfrau&#8217;n.<br \/>\n<strong>160<\/strong> Und aufschauernd rief Likoris: Weh! Mit Entsetzen<br \/>\nF\u00fcllt mir die Seele dies Bild! O sprich! Wie wurden der Armen<br \/>\nDoch zum traurigen Grab die tosenden Wellen? Unglaublich<br \/>\nScheinet immer es mir, dass von dem freundlichen Dasein<br \/>\nWillig scheidend, ein Mensch die Tage selber sich abk\u00fcrzt.<br \/>\nDenn so lange das Leben noch w\u00e4hrt, auch w\u00e4hret die Hoffnung;<br \/>\nDoch der Orkus verdeckt uns alle Freuden auf ewig.<br \/>\nN\u00e4her dr\u00e4ngte sich nun und tief beweget das M\u00e4gdlein<br \/>\nAn des Vaters Seite, der also gespr\u00e4chig erwidert:<br \/>\nDass die Unselige selbst hinab sich st\u00fcrzte, dies hatten<br \/>\n<strong>170<\/strong> Manche, welche von fern zu sp\u00e4t sie&#8217;s gewahrten, best\u00e4tigt.<br \/>\nSteil ist das Ufer, hier jagt zum Fels die heftige Brandung<br \/>\nSch\u00e4umende Wellen hinan, sie w\u00e4lzen entgegen den Leichnam<br \/>\nSchon dem eilenden Kahn, den k\u00fchn mitleidige Fischer<br \/>\nIhr zur Rettung gebracht, der nun die Entseelte nur einnahm.<br \/>\nLykos zweite Tochter nur war sie, des reichesten B\u00fcrgers,<br \/>\nAber das erste M\u00e4dchen an Reiz und bezaubernder Anmut.<br \/>\nUm die \u00e4ltere warb ein J\u00fcngling; schimmernder Reichtum<br \/>\nLockte zu dieser, ihn zog zu jener fesselnde Sch\u00f6nheit<br \/>\nStets den schwankenden Sinn, so zwischen beiden, Liebe<br \/>\n<strong>180<\/strong> Heuchelnd bald und bek\u00e4mpfend, stand jetzt so schwach er als treulos.<br \/>\nNimmer der Sitte gedenk, der langverj\u00e4hrten, die niemals<br \/>\nHymens Freuden zugleich der J\u00fcngeren g\u00f6nnet, ern\u00e4hrte<br \/>\nStill, in verschlossener Brust, das M\u00e4dchen die t\u00e4uschende Hoffnung,<br \/>\nSeiner Treue gewiss; ihr war der schmeichelnden M\u00e4nner<br \/>\nLockende Sprache noch fremd, ihr tr\u00fcglicher Zauber gewann das<br \/>\nUnerfahrne Herz, im ungleich wechselnden Tausche<br \/>\nGab sie gl\u00fchende Liebe f\u00fcr eitle str\u00e4fliche Selbstsucht.<br \/>\nGanz dem Geliebten vertrauend, erblickte sie wachsame Vorsicht<br \/>\nNoch im kalten Verrat. So t\u00e4uschet sich Leidenschaft immer,<br \/>\n<strong>190<\/strong> Schlie\u00dft freiwillig das Aug&#8216; am Rande des g\u00e4hnenden Abgrunds!<br \/>\nDoch er w\u00e4hlte nicht lang&#8216;! Besiegt durch die m\u00e4chtige Goldgier<br \/>\nReicht er der Schwester die Hand. Am Tage, welcher dies B\u00fcndnis<br \/>\nFestlich auf immer zu kn\u00fcpfen bestimmt war, riss auch die Arme<br \/>\nZu den trauernden Schatten hinab ihr dunkles Verh\u00e4ngnis.<br \/>\nAlso erz\u00e4hlte Filemos, als, heftig schluchzend, Likoris<br \/>\nSeiner Seit&#8216; nun enteilte; mit weitem Gewande das Antlitz<br \/>\nSich, das tr\u00e4nengebadete, tief umh\u00fcllend verbarg sie<br \/>\nLautaufweinend nun mit langverhaltenem Schmerze<br \/>\nAn den Marmor die Stirn und achtete nicht auf des Vaters<br \/>\n<strong>200<\/strong> Rasch auflodernden Zorn, mit dem er verweisend ihr zurief.<br \/>\nWeibliche Schw\u00e4che nur sah der Greis in dem Schmerze des M\u00e4dchens,<br \/>\nDer, vergebens bek\u00e4mpft, nun leidenschaftlich hervorbrach.<br \/>\nDoch die Weinende nicht missdeutend, blickte der J\u00fcngling,<br \/>\n\u00c4ngstlich stumm, nach ihr. Was leis&#8216; ein dunkles Gef\u00fchl ihm<br \/>\nZugefl\u00fcstert, dies sagt ihm lauter nun die Gewissheit.<br \/>\nZartes Erbarmen zog und sanft verf\u00fchrendes Mitleid<br \/>\nZu der Liebenden hin, er f\u00fchlte besch\u00e4mt in der Brust sich<br \/>\nLeises Verlangen erweckt und mied, im stillen Bewusstsein,<br \/>\nScheu Simaithas Blick, der ernst und pr\u00fcfend ihn fasste.<br \/>\n<strong>210<\/strong> Denn enth\u00fcllet erschien auch dieser das tr\u00fcbe Geheimnis,<br \/>\nKeinen Zweifel verg\u00f6nnend. Zu qu\u00e4lenden Schmerzen gesellte<br \/>\nNoch die Sorge sich ihr, sie dachte den heftigen Vater<br \/>\nSchonend zu t\u00e4uschen, und sprach ins stiller himmlischer Anmut<br \/>\nScheinbar ruhig, zu ihm geneigt, bes\u00e4nftigend also:<br \/>\nVater! Wenn im Schimmer der Abendr\u00f6te du mit uns<br \/>\nUnter den S\u00e4ulen verweilst, und purpurn dann ein Gew\u00f6lke<br \/>\nAus der Ferne sich hebt, von scheidenden Strahlen ums\u00e4umet,<br \/>\nPflegest bedeutend du oft zu sprechen: Kinder! Der Morgen<br \/>\nD\u00e4mmert freundlich heiter wie heut&#8216; uns nicht, denn es dr\u00e4uen<br \/>\n<strong>220<\/strong> Dort Gewitter und Sturm. So scheinet nun in der Wehmut<br \/>\nTr\u00fcber Wolke der Abend auch mir, der heit&#8217;re, verdunkelt,<br \/>\nWelcher den festlichen Tag uns bringt auf d\u00e4mmerndem Fittig?<br \/>\nUngl\u00fcck rauschet er mir und Schmerz, ich bek\u00e4mpfe der Ahndung<br \/>\nDunkel wirkende Macht vergebens. Lass mich, o Vater!,<br \/>\nJetzt im stillen Gemach die G\u00f6tter bitten, vom Haupt mir<br \/>\nMild zu wenden den Sturm. Doch ist es des h\u00f6heren Schicksals<br \/>\nErnster Schluss, so verleihen der Flehenden freundliche M\u00e4chte,<br \/>\nzu dem pr\u00fcfenden Schmerz, vielleicht zugleich die Ergebung.<br \/>\nAber Diokles h\u00f6rte voll tiefer schmerzlicher R\u00fchrung,<br \/>\n<strong>230<\/strong> Was Simaitha sprach, und rasch zu den F\u00fc\u00dfen ihr sinkend<br \/>\nBarg er sprachlos, verwirrt, im Scho\u00dfe der herrlichen Jungfrau<br \/>\nDer Besch\u00e4mung R\u00f6te zugleich mit der Z\u00e4hre des Unmuts.<br \/>\nDoch mit sanfter Gewalt hob still das Haupt sie ihm aufw\u00e4rts.<br \/>\nRings an den gl\u00e4nzenden Schl\u00e4fen die gold&#8217;nen Locken verteilend,<br \/>\nDr\u00fcckt auf des J\u00fcnglings Stirn sie leis&#8216; die keuschen Lippen<br \/>\nUnd entwand sich dem Arm, der noch das Knie ihr umfasst hielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freundlich zeigte sich schon die heitere l\u00e4ndliche Wohnung Nah dem wandelnden Paar, umpflanzt mit schwankenden Pappeln, Deren silbernes Laub sich mischte mit dunklerem Ahorn. 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