{"id":102,"date":"2013-12-13T13:11:22","date_gmt":"2013-12-13T11:11:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=102"},"modified":"2013-12-13T13:11:22","modified_gmt":"2013-12-13T11:11:22","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=102","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (3)"},"content":{"rendered":"<p>Ging es im letzten Beitrag um den Einschnitt in der Mitte des Verses, so soll es hier dar\u00fcber hinaus um das Versende gehen.<\/p>\n<p>So wie ein Satz ein Ende hat, und im Inneren eine Unterteilung in mehrere Glieder; so hat auch ein Vers ein Ende und ist unterteilt. Nun k\u00f6nnen sich Satz- und Versende auf zwei Arten zueinander verhalten: Entweder sie entsprechen sich, dann endet der Satz mit dem Vers, und oft sind beide deckungsgleich. Oder aber, der Satz geht \u00fcber das Versende hinweg, dann endet der Satz aller Wahrscheinlichkeit nach im Einschnitt des Folgeverses. Nat\u00fcrlich kann ein Satz sich auch \u00fcber mehrere Verse erstrecken, aber ich bleibe mal, im wesentlichen, bei diesen beiden M\u00f6glichkeiten &#8211; der Satz endet am Versende, der Satz endet in der (folgenden) Versmitte -, weil sie den Blankvers ganz unterschiedlich klingen lassen!<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr das &#8222;Satzende in der Versmitte&#8220; nehme ich Ewald von Kleists &#8222;Ci\u00dfides und Paches&#8220;, im Erscheinungsjahr 1759 einer der allerersten Blankvers-Texte im Deutschen. Der vorgestellte Abschnitt klingt altersbedingt etwas seltsam, aber ich denke, da sollte man nicht zu schnell urteilen &#8211; Kleist war ein wirklicher Dichter, und wenn man sich einl\u00e4sst, dann merkt man das auch schnell. Beschrieben wird eine Belagerung:<\/p>\n<p>Den tapfern Parmeo durchbohrt ein Pfeil;<br \/>\nSimotes auch. Dem Zelon, der allein<br \/>\nEin Heer an Mut und Geiste war, zerschlug<br \/>\nEin Felsst\u00fcck beide Bein&#8216;. Er lebte lang<br \/>\nEin grausam Leben, und verbiss den Schmerz<br \/>\nVoll Gro\u00dfmut. Endlich fand sein Bruder ihn<br \/>\nIm Kampf mit Schmerz und Tod, und schlug, erblasst,<br \/>\nDie H\u00e4nde \u00fcber sich zusammen. Selbst<br \/>\nDem Tode f\u00fcr Entsetzen nah, verband<br \/>\nEr den Geliebtesten. Ein Tr\u00e4nenbach<br \/>\nFloss ihm vom Aug. &#8222;Ach Bruder, endige<br \/>\nMein Leben! Endig es, o du, um den<br \/>\nEs mir allein gefiel&#8220;, sprach Zelon. &#8222;Nimm<br \/>\nMein unn\u00fctz Gold von mir, dass du, und nicht<br \/>\nDer Feind verdient&#8220; \u2013 allein der Bruder weint,<br \/>\nUnd ging davon. &#8222;Verl\u00e4ssest du mich auch?&#8220;,<br \/>\nRief Zelon, &#8222;G\u00f6nnst du mir langsamen Tod?&#8220;<\/p>\n<p>Das wichtige ist nun aber auch nicht der Inhalt, sondern die Art, wie Kleist die (\u00fcbrigens immer betont endenden) Verse und die S\u00e4tze daran hindert, sich zu entsprechen. Wieder und wieder wird der &#8222;Punkt&#8220; in der Versmitte gesetzt, und manchmal sogar kurz vor Versende, so dass nur noch ein Wort des neuen Satzes den Vers schlie\u00dft. Hier stehen Satz und Vers also im Streit, und oft ist die Pause in der Versmitte so lang, dass sie den Vers fast zerrei\u00dft; so wie der Vers den Satz zerrei\u00dft.<\/p>\n<p>(Wer es wissen m\u00f6chte &#8211; der Bruder kehrt zur\u00fcck und t\u00f6tet Zelon, indem er ihm einen Pfeil ins Herz schie\u00dft.)<\/p>\n<p>Als Gegenst\u00fcck bem\u00fche ich Johann Wolfgang Goethes &#8222;Iphigenie&#8220;, also zum ersten Mal einen Dramentext als Beispiel. Thoas im Gespr\u00e4ch mit Iphigenie:<\/p>\n<p>Drum endige dein Schweigen und dein Weigern!<br \/>\nEs fordert dies kein ungerechter Mann.<br \/>\nDie G\u00f6ttin \u00fcbergab dich meinen H\u00e4nden;<br \/>\nWie du ihr heilig warst, so warst du&#8217;s mir.<br \/>\nAuch sei ihr Wink noch k\u00fcnftig mein Gesetz:<br \/>\nWenn du nach Hause R\u00fcckkehr hoffen kannst,<br \/>\nSo sprech ich ich dich von aller Fordrung los.<br \/>\nDoch ist der Weg auf ewig dir versperrt,<br \/>\nUnd ist dein Stamm vertrieben oder durch<br \/>\nEin ungeheures Unheil ausgel\u00f6scht,<br \/>\nSo bist du mein durch mehr als ein Gesetz.<br \/>\nSprich offen! und du wei\u00dft, ich halte Wort.<\/p>\n<p>Jeder Satz ein Vers, und jeder Vers ein Satz &#8211; zumindest am Anfang. Bei &#8222;&#8230; durch \/\/ ein &#8230; schleicht sich dann kurz einmal etwas Bewegung in den sonst w\u00fcrdevollen, gemessenen Vortrag; doch das legt sich schnell wieder, und nach Iphigenies Antwort &#8211; &#8222;Vernimm! Ich bin aus Tantalus&#8216; Geschlecht.&#8220; sagt Thoas dann einen dieser aus Stein gemei\u00dfelten Wucht-S\u00e4tze:<\/p>\n<p>Du sprichst ein gro\u00dfes Wort gelassen aus.<\/p>\n<p>Und mehr Satz-Vers-\u00dcbereinstimmung geht eigentlich nicht! (Ob Goethe wohl geahnt hat, dass er mit derlei Spr\u00fcchen Generationen von Zitatensammlungs-Herausgebern ern\u00e4hren wird?!)<\/p>\n<p>Na gut, noch mal knapp zusammengefasst: Ein f\u00fcnf- oder sechshebiger Vers hat zwei \u00e4u\u00dferst wichtige Stellen &#8211; einmal den Einschnitt im Inneren des Verses, einmal das Versende. Wie sich diese beiden Stellen zum Satz verhalten, besonders zu dessen Ende: bestimmt die Wirkung des Textes in einem sehr hohen Ma\u00dfe. Darauf zu achten, lohnt beim eigenen Schreiben also ganz sicher, selbst wenn man, was ja wahrscheinlich ist, auf einem Mittelweg bleibt und die Dinge nicht so weit treibt wie Kleist und Goethe in den gezeigten Beispielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ging es im letzten Beitrag um den Einschnitt in der Mitte des Verses, so soll es hier dar\u00fcber hinaus um das Versende gehen. So wie ein Satz ein Ende hat, und im Inneren eine Unterteilung in mehrere Glieder; so hat auch ein Vers ein Ende und ist unterteilt. 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