{"id":1022,"date":"2014-02-25T00:56:49","date_gmt":"2014-02-24T22:56:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1022"},"modified":"2014-02-25T00:57:12","modified_gmt":"2014-02-24T22:57:12","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1022","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (17)"},"content":{"rendered":"<p>Am Beginn von Arthur Schnitzlers &#8222;Anatol&#8220; (1893) stehen als Prolog die folgenden Verse von Hugo von Hofmannsthal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hohe Gitter, Taxushecken,<br \/>\nWappen nimmermehr vergoldet,<br \/>\nSphinxe, durch das Dickicht schimmernd &#8230;<br \/>\n&#8230;\u00a0 Knarrend \u00f6ffnen sich die Tore. &#8211;<br \/>\nMit verschlafenen Kaskaden<br \/>\nUnd verschlafenen Tritonen,<br \/>\nRokoko, verstaubt und lieblich,<br \/>\nSeht &#8230; das Wien des Canaletto.<br \/>\nWien von siebzehnhundertsechzig &#8230;<br \/>\n&#8230; Gr\u00fcne, braune stille Teiche,<br \/>\nGlatt und marmorwei\u00df umrandet.<br \/>\nIn dem Spiegelbild der Niken<br \/>\nSpielen Gold- und Silberfische &#8230;<br \/>\nAuf dem glattgeschornen Rasen<br \/>\nLiegen zierlich gleiche Schatten<br \/>\nSchlanker Oleanderst\u00e4mme:<br \/>\nZweige w\u00f6lben sich zur Kuppel.<br \/>\nZweige neigen sich zur Nische<br \/>\nF\u00fcr die steifen Liebespaare,<br \/>\nHeroinen und Heroen &#8230;<br \/>\nDrei Delphine gie\u00dfen murmelnd<br \/>\nFluten in ein Muschelbecken &#8230;<br \/>\nDuftige Kastanienbl\u00fcten<br \/>\nGleiten, schwirren leuchtend nieder<br \/>\nUnd ertrinken in den Becken &#8230;<br \/>\n&#8230; Hinter einer Taxusmauer<br \/>\nT\u00f6nen Geigen, Klarinetten,<br \/>\nUnd sie scheinen den grazi\u00f6sen<br \/>\nAmoretten zu entstr\u00f6men,<br \/>\nDie rings auf der Rampe sitzen.<br \/>\nFiedelnd oder Blumen windend,<br \/>\nSelbst von Blumen bunt umgeben,<br \/>\nDie aus Marmorvasen str\u00f6men:<br \/>\nGoldlack und Jasmin und Flieder &#8230;<br \/>\n&#8230; Auf der Rampe, zwischen ihnen<br \/>\nSitzen auch kokette Frauen,<br \/>\nViolette Monsignori &#8230;<br \/>\nUnd im Gras, zu ihren F\u00fc\u00dfen<br \/>\nUnd auf Polstern, auf den Stufen<br \/>\nKavaliere und Abbati &#8230;<br \/>\nAndre heben andre Frauen<br \/>\nAus den parf\u00fcmierten S\u00e4nften &#8230;<br \/>\nDurch die Zweige brechen Lichter.<br \/>\nFlimmern auf den blonden K\u00f6pfchen.<br \/>\nScheinen auf den bunten Polstern,<br \/>\nGleiten \u00fcber Kies und Rasen,<br \/>\nGleiten \u00fcber das Ger\u00fcste,<br \/>\nDas wir fl\u00fcchtig aufgeschlagen.<br \/>\nWein und Winde klettert aufw\u00e4rts<br \/>\nUnd umh\u00fcllt die lichten Balken,<br \/>\nUnd dazwischen farben\u00fcppig<br \/>\nFlattert Teppich und Tapete,<br \/>\nSch\u00e4ferszenen, keck gewoben,<br \/>\nZierlich von Watteau entworfen &#8230;<\/p>\n<p>Eine Laube statt der B\u00fchne,<br \/>\nSommersonne statt der Lampen,<br \/>\nAlso spielen wir Theater,<br \/>\nSpielen unsre eignen St\u00fccke,<br \/>\nFr\u00fchgereift und zart und traurig.<br \/>\nDie Kom\u00f6die unsrer Seele,<br \/>\nUnsres F\u00fchlens Heut und Gestern,<br \/>\nB\u00f6ser Dinge h\u00fcbsche Formel.<br \/>\nGlatte Worte, bunte Bilder.<br \/>\nHalbes, heimliches Empfinden,<br \/>\nAgonien, Episoden &#8230;<br \/>\nManche h\u00f6ren zu, nicht alle &#8230;<br \/>\nManche tr\u00e4umen, manche lachen.<br \/>\nManche essen Eis &#8230; und manche<br \/>\nSprechen sehr galante Dinge &#8230;<br \/>\n&#8230; Nelken wiegen sich im Winde,<br \/>\nHochgestielte wei\u00dfe Nelken,<br \/>\nWie ein Schwarm von wei\u00dfen Faltern,<br \/>\nUnd ein Bologneserh\u00fcndchen<br \/>\nBellt verwundert einen Pfau an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In meinen Ohren sind das wundervolle Verse. Auch inhaltlich, da der zweite Abschnitt im besonderen, und die letzen f\u00fcnf Verse noch gesteigert; aber vor allem klanglich, als Beispiel daf\u00fcr, wieviel Wohlklang ungereimte Verse\u00a0 aufweisen k\u00f6nnen! Da sind ja l\u00e4ngst nicht nur solche Ketten von in den Versen versteckten W\u00f6rtern wie <em>Klarinetten<\/em> \/ <em>Amoretten<\/em> \/ <em>kokette<\/em> \/ <em>Violette<\/em> &#8211; auch die Wortwiederholungen, die Alliterationen, die Vokalfolgen: zusammen ein fast schon bet\u00e4ubender Wohlklang. Dem ganzen nachzusp\u00fcren, in der Hoffnung zu verstehen, wie Hofmannsthal das gemacht und erreicht hat: Da liegt viel n\u00fctzliches f\u00fcrs eigene Schreiben verborgen, glaube ich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Beginn von Arthur Schnitzlers &#8222;Anatol&#8220; (1893) stehen als Prolog die folgenden Verse von Hugo von Hofmannsthal. &nbsp; Hohe Gitter, Taxushecken, Wappen nimmermehr vergoldet, Sphinxe, durch das Dickicht schimmernd &#8230; &#8230;\u00a0 Knarrend \u00f6ffnen sich die Tore. &#8211; Mit verschlafenen Kaskaden Und verschlafenen Tritonen, Rokoko, verstaubt und lieblich, Seht &#8230; das Wien des Canaletto. 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