{"id":1039,"date":"2014-02-27T00:24:59","date_gmt":"2014-02-26T22:24:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1039"},"modified":"2015-10-02T21:15:55","modified_gmt":"2015-10-02T19:15:55","slug":"die-bewegungsschule-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1039","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (3)"},"content":{"rendered":"<p>Wer den Vers, wie ihn der letzte Eintrag\u00a0 der Bewegungsschule vorgestellt hat, einige Male versucht hat, wird wahrscheinlich den Eindruck von Eint\u00f6nigkeit bekommen haben?!<\/p>\n<p>Das hat seinen Grund im Aufeinanderfallen von metrischen Einheiten und Sinneinheiten, wodurch die Versbewegung sich st\u00e4ndig wiederholt, voraussagbar wird und damit langweilig. Um den Vers davon zu heilen, geht es diesmal um:<\/p>\n<p><strong>Das Auseinandertreten von metrischen Einheiten und Sinneinheiten.<\/strong><\/p>\n<p>Wer nun meint, das sei nichts besonderes und kein Grund, pl\u00f6tzlich zur Fettschrift zu greifen oder gar aufgeregt zu klingen (was ich im folgenden wahrscheinlich werde), dem sei gesagt: Doch. Das ist etwas besonderes. Es wirkt blo\u00df nicht so, weil es andauernd gemacht wird und es jeder, der schreibt, als selbstverst\u00e4ndlich ansieht; aber hier liegt der eigentliche Reiz fast jeden metrisch geregelten Verses verborgen!<\/p>\n<p>Denn wenn sich Metrum und Sinn, das meint: Rhythmus nicht entsprechen, entsteht ein Spannungsverh\u00e4ltnis, Streit und Vers\u00f6hnung; und dadurch wirkt ein solcher Vers lebendig, dadurch macht es Freude, ihn zu h\u00f6ren!<\/p>\n<p>Das Metrum ist dabei eine theoretische Gr\u00f6\u00dfe &#8211; das Ohr h\u00f6rt nicht das Metrum, sondern den \u00fcber dem Metrum verwirklichten Rhythmus, der sich durch die verwendeten Sinneinheiten auspr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Im &#8222;Grundvers&#8220; allerdings deckten sich die metrischen Einheiten mit den Sinneinheiten, so dass hier &#8211; ausnahmsweise! &#8211; tats\u00e4chlich das Metrum zu vernehmen war: tata<strong>TAM<\/strong>.<\/p>\n<p>ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> \/ ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> \/ ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>Eine &#8222;Sinneinheit&#8220; enth\u00e4lt im Deutschen eigentlich immer eine betonte Silbe. Wenn in unserem Grundvers also vom Metrum abweichende Sinneinheiten m\u00f6glich sein sollen, gibt es, auf den Halbvers bezogen, im wesentlichen zwei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p>ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta \/ ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta ta \/ <strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; Hier links und rechts der Z\u00e4sur zu sehen. Wenn man so will, wird der Trennstrich zwischen den Sinneinheiten um eine, beziehungsweise um zwei Silben nach rechts geschoben! Dadurch entstehen zwei neue Bewegungsmuster, die auf neuen Sinneinheiten beruhen. Insgesamt kann ein Schreiber, der diesen Vers nutzt, nun also auf f\u00fcnf Sinneinheiten, f\u00fcnf <em>rhythmische<\/em> Einheiten zur\u00fcckgreifen &#8211; nach Gr\u00f6\u00dfe geordnet (das tata<strong>TAM<\/strong> im Zentrum!):<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff6600\">tata<strong>TAM<\/strong>tata<\/span>, <span style=\"color: #993300\">tata<strong>TAM<\/strong>ta<\/span>,<span style=\"color: #ff0000\"> tata<strong>TAM<\/strong><\/span>, <span style=\"color: #993300\">ta<strong>TAM<\/strong><\/span>, <span style=\"color: #ff6600\"><strong>TAM<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Obwohl es die Sinneinheiten sind, die der Leser letztendlich wahrnimmt, sollte man die Wirkung des Metrums nicht untersch\u00e4tzen! Denn zum einen entscheidet das Metrum ja, welche Sinneinheiten \u00fcberhaupt m\u00f6glich sind, und auch in welcher Zusammenstellung und Reihenfolge sie vorkommen k\u00f6nnen; und zum anderen legt das Metrum auch fest, welcher Teil des Wortschatzes einem Verfasser \u00fcberhaupt zur Verf\u00fcgung steht!<\/p>\n<p>Im &#8222;Metrum=Rhythmus-Vers&#8220; des letzten Beitrags waren zum Beispiel W\u00f6rter mit einer unbetonten Schluss-Silbe nicht unterzubringen; ein &#8222;Polizist&#8220; konnte also vorkommen, ein &#8222;R\u00e4uber&#8220; aber nicht, noch nicht einmal ganz allgemein ein &#8222;Verbrecher&#8220;! In die neu eingef\u00fchrten Sinneinheiten lassen sich diese W\u00f6rter ohne Schwerigkeiten einf\u00fcgen: &#8222;Ein Verbrecher&#8220;, tata<strong>TAM<\/strong>ta; &#8222;der ein R\u00e4uber&#8220;, tata<strong>TAM<\/strong>ta.<\/p>\n<p>Andere W\u00f6rter m\u00fcssen weiterhin drau\u00dfen bleiben &#8211; ein &#8222;Topfschrank&#8220; zum Beispiel f\u00fcgt sich noch in keine der angebotenen Sinneinheiten. Noch! Der Vers wird in den folgenden Beitr\u00e4gen aber auch die M\u00f6glichkeiten erhalten, die es daf\u00fcr braucht.<\/p>\n<p>Bis es soweit ist, schlage ich allerdings vor, sich erst einmal mit den neuen Halbversen vertraut zu machen: &#8222;ta ta <strong>TAM<\/strong> ta \/ ta\u00a0<strong>TAM<\/strong>&#8220; und &#8222;ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta ta \/\u00a0<strong>TAM<\/strong>&#8222;. Am besten, man schreibt erst einmal eine Menge Halbverse der ersten Art; die sind einfacher.<\/p>\n<p>&#8222;In den Stra\u00dfen der Stadt&#8220;, &#8222;Es ist dunkel des Nachts&#8220;, &#8222;Siamesen-Miau&#8220; &#8230; Wie immer kommt es auf den Inhalt nicht an.<\/p>\n<p>Die Halbverse der zweiten Art sind etwas weniger naheliegend:<\/p>\n<p>&#8222;Was erz\u00e4hlst du denn, Karl!&#8220;, &#8222;Philosophisches Zeugs&#8220;, &#8222;Doch gelingt es ihm? Nein!&#8220;<\/p>\n<p>&#8211; Aber auch die lassen sich bald leicht herunterschreiben.<\/p>\n<p>Wenn diese neuen Halbverse dann einigerma\u00dfen vertraut sind, gilt es, sie zu ganzen Versen zusammenzusetzen. Da es ja auch den &#8222;alten Halbvers&#8220; gibt, stehen insgesamt neun M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung, davon acht neue; ich schlage vor, sie alle zu versuchen! Ich denke mir auch schnell selbst noch welche aus:<\/p>\n<p>Aus der <strong>Hand<\/strong> \/ in den <strong>Mund<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ist des<strong> Le<\/strong>bens \/ Ge<strong>bot<\/strong>.<\/p>\n<p>&#8222;Die Ge<strong>dan<\/strong>ken \/ sind <strong>frei<\/strong>&#8220; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ist ein<strong> Lied<\/strong>; \/ nur ein <strong>Lied<\/strong>.<\/p>\n<p>Der da <strong>sprach<\/strong>, \/ ist der <strong>Tod<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> was er <strong>sag<\/strong>te, war: \/ &#8222;<strong>Komm<\/strong>&#8222;.<\/p>\n<p>Was der <strong>Den<\/strong>ker \/ sich <strong>denkt<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ist der <strong>Wirk<\/strong>lichkeit \/ <strong>schnurz<\/strong>.<\/p>\n<p>Es ist <strong>\u00e4r<\/strong>gerlich &#8211; \/ <strong>kaum<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> dass mein <strong>Le<\/strong>ben \/ be<strong>gann<\/strong>,<\/p>\n<p>Ist&#8217;s Ver<strong>gan<\/strong>genheit &#8230; \/ <strong>Nun<\/strong>: <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Was ge<strong>schieht<\/strong>, \/ das ge<strong>schieht<\/strong>.<\/p>\n<p>Wie immer gilt: Keinen gro\u00dfen Sinn reinpacken, keine Gedichte schreiben wollen: einfach nur hinh\u00f6ren, vergleichen, abwandeln, neu hinh\u00f6ren &#8230; Wenn dann trotzdem mal zwei Verse dabei rauskommen, die sich aufeinander beziehen (hier die letzten beiden), macht das selbstredend auch nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Vers, wie ihn der letzte Eintrag\u00a0 der Bewegungsschule vorgestellt hat, einige Male versucht hat, wird wahrscheinlich den Eindruck von Eint\u00f6nigkeit bekommen haben?! Das hat seinen Grund im Aufeinanderfallen von metrischen Einheiten und Sinneinheiten, wodurch die Versbewegung sich st\u00e4ndig wiederholt, voraussagbar wird und damit langweilig. Um den Vers davon zu heilen, geht es diesmal&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1039\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Bewegungsschule (3)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1039","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1039"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5177,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1039\/revisions\/5177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}