{"id":1101,"date":"2014-03-06T00:47:07","date_gmt":"2014-03-05T22:47:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1101"},"modified":"2017-12-14T09:40:42","modified_gmt":"2017-12-14T08:40:42","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1101","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (20)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;An den Aether&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6lderlins Hexameter sind mit die besten. Woran das liegt? Schwer zu sagen. Friedrich Gundolf hat\u00a0 mit Blick auf die Geschichte des deutschen Hexameters geschrieben:<\/p>\n<p><em>Klopstock versuchte das Hexameter-Schema mit einem gem\u00e4\u00dferen pathetischen Gehalt zu f\u00fcllen, aber man sp\u00fcrt bald die L\u00fccken, bald die \u00fcberquellenden W\u00fclste: die griechischen Ma\u00dfe, unterm s\u00fcdlichen Himmel beim Rollen des heroischen Meeres geboren, wollten sich dem protestantisch deutschen Enthusiasmus nicht schmiegen. Goethe, dem heidnischen Wiedereroberer Roms, gehorchten sie; aber sie gehorchten doch nur. Doch die Hexameter H\u00f6lderlins sind keine metrischen Versuche, keine erfolgreichen Nachahmungen: sie sind der v\u00f6llig urspr\u00fcngliche Ausbruch der inneren Griechheit in deutscher Sprache, sie sind der angeborene Rhythmus dieser Seele, ihr unbefangener, notwendiger Ausdruck, nicht ein Zeugnis seines K\u00f6nnens, sondern seines M\u00fcssens. Kein Sch\u00fcler der Griechen, sondern nur ihr Bruder konnte so singen. Seine hellenischen Rhythmen sind Urgebilde, von innen nach au\u00dfen geboren, nicht literarische Kunstst\u00fccke, von au\u00dfen nach innen geformt, wie selbst Goethes Achilleis.<\/em><\/p>\n<p>Oha. Ich mag solche Texte schon einfach darum, weil sie zeigen, dass man \u00fcber metrische Fragen mit einem gewissen Schwung schreiben kann!? Inhaltlich h\u00e4tte ich da schon ein, zwei Bedenken, aber worauf es ankommt, h\u00f6rt man doch durch: H\u00f6lderlins Hexameter sind etwas besonderes. Seine besten stehen wahrscheinlich im &#8222;Archipelagus&#8220;, aber die folgenden stammen aus &#8222;An den Aether&#8220; &#8211; nicht schlecht, nat\u00fcrlich, und allemal ein erstes brauchbares Beispiel daf\u00fcr, wie kunstvoll H\u00f6lderlin Satz und Vers zu vers\u00f6hnen versteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber des Aethers Lieblinge, sie, die gl\u00fccklichen V\u00f6gel<br \/>\nWohnen und spielen vergn\u00fcgt in der ewigen Halle des Vaters!<br \/>\nRaums genug ist f\u00fcr alle. Der Pfad ist keinem bezeichnet,<br \/>\nUnd es regen sich frei im Hause die Gro\u00dfen und Kleinen.<br \/>\n\u00dcber dem Haupte frohlocken sie mir und es sehnt sich auch mein Herz<br \/>\nWunderbar zu ihnen hinauf; wie die freundliche Heimat<br \/>\nWinkt es von oben herab, und auf die Gipfel der Alpen<br \/>\nM\u00f6cht&#8216; ich wandern und rufen von da dem eilenden Adler,<br \/>\nDass er, wie einst in die Arme des Zeus den seligen Knaben,<br \/>\nAus der Gefangenschaft in des Aethers Halle mich trage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anzumerken gibt es da nicht viel &#8230; &#8222;Raums genug&#8220; ist ein partitiver Genitiv, &#8222;rufen de<strong>m<\/strong> Adler&#8220; ging fr\u00fcher leichter von der Zunge als heute; zweimal sitzt eine eher schwache Silbe auf einer Hebungsstelle:<\/p>\n<p><strong>Wun<\/strong>der- \/ <strong>bar<\/strong> zu \/ <strong>ih<\/strong>nen hin- \/ <strong>auf<\/strong>; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> wie die \/ <strong>freund<\/strong>liche \/ <strong>Hei<\/strong>mat<\/p>\n<p><strong>Aus<\/strong> der Ge- \/ <strong>fan<\/strong>gen- \/ <strong>schaft<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> in des \/ <strong>Ae<\/strong>thers \/ <strong>Hal<\/strong>le mich \/ <strong>tra<\/strong>ge.<\/p>\n<p>Gemeint sind &#8222;-bar&#8220; und &#8222;-schaft&#8220;. Bemerkenswert, dass beide auf Stellen stehen, an denen H\u00f6lderlin ge\u00e4ndert hat (vorher &#8222;T\u00f6richt oft&#8220; und &#8222;Von dem d\u00fcrftigen Stern&#8220;) &#8211; das kann aber auch Zufall sein.<\/p>\n<p>Insgesamt hat H\u00f6lderlin fast nur &#8222;m\u00e4nnliche&#8220; Z\u00e4suren, sprich, solche nach einer betonten Silbe; das gilt nicht nur hier, sondern in allen seinen Hexameter-St\u00fccken. Trotzdem sind keine zwei Verse v\u00f6llig gleich, es kommt in der Versbewegung nirgends Langeweile auf. Eigentlich klingen die Verse so sch\u00f6n, dass es fast gleichg\u00fcltig ist, was drin steht &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;An den Aether&#8220; H\u00f6lderlins Hexameter sind mit die besten. Woran das liegt? Schwer zu sagen. 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