{"id":1133,"date":"2014-03-10T00:47:24","date_gmt":"2014-03-09T22:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1133"},"modified":"2014-03-10T19:14:36","modified_gmt":"2014-03-10T17:14:36","slug":"die-bewegungsschule-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1133","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (8)"},"content":{"rendered":"<p>In einer seiner Satiren scheibt Horaz von einem St\u00e4dtchen, &#8222;quod versu dicere non est&#8220;, in Wielands \u00dcbersetzung: &#8222;dessen Name nicht in mein Versma\u00df passt&#8220;. An solchen Unannehmlichkeiten hat sich nun in 2000 Jahren nicht viel ge\u00e4ndert: Wenn man ein bestimmtes Versma\u00df w\u00e4hlt, dann stehen dem Schreiber durch diese Wahl bestimmte W\u00f6rter, Ausdr\u00fccke, Satzformen nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Das ist bei dem in der Bewegungsschule vorgestellten Vers nicht anders. Allerdings macht sich der Umstand hier st\u00e4rker als in anderen Ma\u00dfen bemerkbar, da gerade eine Sorte W\u00f6rter, die im Deutschen h\u00e4ufig ist, nur schwer untergebracht werden kann: die\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta &#8211; <em>Regen, kichern, Nase, kr\u00e4ftig<\/em> &#8230; In seiner bisherigen Form kann der Vers solche W\u00f6rter nur an zwei Stellen aufnehmen!<\/p>\n<p>ta ta<span style=\"color: #993300\"> <strong>TAM<\/strong> ta<\/span> ta <strong>TAM<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ta ta<span style=\"color: #993300\"> <strong>TAM<\/strong> ta<\/span> ta <strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>Und was f\u00fcr die W\u00f6rter gilt, gilt f\u00fcr die Sinneinheiten genauso: Die im Deutschen sehr h\u00e4ufigen Sinneinheiten der Form &#8222;ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta&#8220; k\u00f6nnen in reiner Form im Augenblick gar nicht im Vers untergebracht werden, also gerade die Einheiten, in denen h\u00e4ufig\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta stehen: <em>es klingelt, der Ochse, ein H\u00e4uschen<\/em> &#8230;<\/p>\n<p>Die &#8222;n\u00e4chstverwandte&#8220; Sinneinheit ist das &#8222;ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta&#8220;,\u00a0<em>in den Garten, es ist Morgen, der uns tr\u00f6stet<\/em>; da finden dann die\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta-W\u00f6rter Unterschlupf, und es wundert nicht, dass diese Art von Sinneinheit sich besonders gerne einfindet! Und mit ihr ein ganzer Halbvers, denn das &#8222;ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta&#8220; muss ja notwendigerweise durch ein &#8222;ta\u00a0<strong>TAM<\/strong>&#8220; zum Halbvers erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Das ist dann ein weiter Grund, warum diese in\u00a0<strong>(7)<\/strong> angef\u00fchrten Verse nicht wirklich gelungen sind:<\/p>\n<p>Prinz Klappstuhl kommt an den Graben; er schweigt,<br \/>\nUnd sein Schweigen verschmilzt mit der Fr\u00f6sche Gequak<\/p>\n<p>Im zweiten, dritten und vierten Halbvers zieht sich die Bewegung auf das genannte, &#8222;bequeme&#8220; Muster zur\u00fcck!<\/p>\n<p>ta ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta \/ ta\u00a0<strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>mit einem der h\u00e4ufigen\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta-W\u00f6rter, &#8222;Graben&#8220;, und der dazugeh\u00f6rigen ta<strong>TAM<\/strong>ta-Sinneinheit, &#8222;den Graben&#8220; (aber eben erg\u00e4nzt um noch ein &#8222;ta&#8220;, hier das &#8222;an&#8220;). Da zeigt sich gut, das war einer der ersten Verse, die ich in diesem Ma\u00df geschrieben habe &#8230; (Von dem Umstand, dass dreimal derselbe Halbvers nacheinander ert\u00f6nt, ganz zu schweigen.)<\/p>\n<p>In den folgenden Beitr\u00e4gen wird die T\u00fcr f\u00fcr die &#8222;ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta&#8220; einen Spalt weit aufgemacht werden; nicht viel, aber so, dass sie in Ma\u00dfen verwendet werden k\u00f6nnen und das Schreiben erleichtern. Mehr w\u00e4re nicht gut, denke ich: denn eine kr\u00e4ftige, sch\u00f6ne Bewegung lebt ja einerseits davon, dass sie sich zumindestens ein St\u00fcck weit abhebt von dem, was im t\u00e4glichen Leben zu h\u00f6ren ist; und zum anderen abwechslungsreich und anregend bleibt. Und das sind Eigenschaften, die man dem &#8222;ta\u00a0<strong>TAM<\/strong> ta&#8220; nun wirklich nicht zuschreiben kann.<\/p>\n<p>Ich denke, jeder, der das hier vorgestellte Ma\u00df schon versucht hat, konnte den Druck sp\u00fcren, der da auf die eigene Sprache ausge\u00fcbt wird: er &#8222;konnte nicht, wie er wollte&#8220;, der eigentlich naheliegende Ausdruck war nicht verwendbar! Das ist sicherlich l\u00e4stig, es verlangsamt das Schreiben und zwingt dazu, andere L\u00f6sungen zu suchen f\u00fcr Dinge, die man eigentlich schon als fertig, als richtig empfindet; aber andererseits bekommt ein Schreibender gerade dadurch auch die M\u00f6glichkeit, die Dinge neu zu betrachten und sie auf eine Art zu sagen, die ihm sonst nie in den Sinn gekommen w\u00e4re!<\/p>\n<p>Das finde ich sehr bereichernd, und das ist auch der Grund, warum ich gerade diesen Vers in der Bewegungsschule vorstelle &#8211; er verlangt in seiner endg\u00fcltigen Form durchaus eine gewisse Achtsamkeit, soll er gelingen, mehr jedenfalls, als es ein alternierender Reimvers tut; andererseits ist er mit etwas Gew\u00f6hnung immer noch flie\u00dfend zu schreiben, im Gegensatz etwa zum &#8222;Ioniker&#8220;, der ja gleichfalls im <strong>Verserz\u00e4hler<\/strong> vorgestellt wird &#8211; wer in den entsprechenden Eintr\u00e4gen vorbeischaut, wird feststellen, dass dieser &#8222;Ioniker&#8220; fast g\u00e4nzlich unzug\u00e4nglich f\u00fcr\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta ist; und das Schreiben dadurch unglaublich schwer f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Mit den Ma\u00dfnahmen, die den\u00a0<strong>TAM<\/strong>ta-Gebrauch erleichtern, werden auch noch andere bis jetzt ausgeschlossene W\u00f6rter den Weg in den Vers finden k\u00f6nnen. Wer mag, kann sich ja mal \u00fcberlegen, welche W\u00f6rter bisher noch &#8222;drau\u00dfen bleiben m\u00fcssen&#8220;?!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer seiner Satiren scheibt Horaz von einem St\u00e4dtchen, &#8222;quod versu dicere non est&#8220;, in Wielands \u00dcbersetzung: &#8222;dessen Name nicht in mein Versma\u00df passt&#8220;. An solchen Unannehmlichkeiten hat sich nun in 2000 Jahren nicht viel ge\u00e4ndert: Wenn man ein bestimmtes Versma\u00df w\u00e4hlt, dann stehen dem Schreiber durch diese Wahl bestimmte W\u00f6rter, Ausdr\u00fccke, Satzformen nicht oder&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1133\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Bewegungsschule (8)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1133"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1140,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1133\/revisions\/1140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}