{"id":116,"date":"2013-12-13T16:46:10","date_gmt":"2013-12-13T14:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=116"},"modified":"2013-12-13T16:46:10","modified_gmt":"2013-12-13T14:46:10","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=116","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (8)"},"content":{"rendered":"<p>Hermann Hesses gro\u00dfe Liebe zur Gartenarbeit spricht auch aus seinem &#8222;Tagebuchblatt&#8220;, das in &#8222;Hermann Hesse: Die Gedichte. 1892 &#8211; 1962&#8220;, erschienen 1977 bei Suhrkamp, auf Seite 667 zu finden ist. Dem Titel angemessen ist das Gedicht in sehr entspannten Blankversen geschrieben, die sich hier und da auch mal eine kleine Freiheit g\u00f6nnen &#8230; Im gleich folgenden ersten Abschitt des Werkes sind das vor allem Abweichungen bez\u00fcglich der &#8222;Schwere Silben in die Hebung, leichte Silben in die Senkung&#8220;-Grundordnung!<\/p>\n<p>Am Abhang hinterm Hause hab ich heute<br \/>\nDurch Wurzelwerk und Steine eine Grube<br \/>\nGehauen und gegraben, tief genug,<br \/>\nUnd jeden Stein aus ihr entfernt und auch<br \/>\nDie spr\u00f6de, d\u00fcnne Erde weggetragen.<br \/>\nDann kniet ich eine Stunde da und dort<br \/>\nIm alten Wald und sammelte mit Kelle<br \/>\nUnd H\u00e4nden aus vermoderten<br \/>\nKastanienstr\u00fcnken jene schwarze, mulmige<br \/>\nWalderde mit dem warmen Pilzgeruch,<br \/>\nZwei schwere K\u00fcbel voll, trug sie hin\u00fcber<br \/>\nUnd pflanzte in die Grube einen Baum,<br \/>\nUmgab ihn freundlich mit der torfigen Erde,<br \/>\nGoss sonngew\u00e4rmtes Wasser langsam zu<br \/>\nUnd schwemmte, schl\u00e4mmte sanft die Wurzel ein.<\/p>\n<p>Der Einstieg ins Gedicht besteht aus sechs ganz gleichm\u00e4\u00dfigen Blankversen. Im siebten gibt es dann aber eine leichte Abweichung:<\/p>\n<p><em>Im alten Wald und sammel<span style=\"color: #ff0000\">te<\/span> mit Kelle<\/em><\/p>\n<p>Das gekennzeichnete &#8222;-te&#8220; ist eine sehr leichte Silbe, besetzt hier aber trotzdem eine Hebungsstelle! Das ist bez\u00fcglich des Metrums noch machbar, denn die Nebensilben &#8222;-mel&#8220;- und &#8222;mit&#8220;, die ja Senkungen besetzen, sind ihrerseits auch ziemlich leicht, so dass kein gr\u00f6\u00dferer Versto\u00df f\u00fchlbar wird. Im Vortrag f\u00fchrt diese Silbenwahl allerdings ziemlich sicher dazu, dass alle drei Silben unbetont und schnell gelesen werden, der Vers also leichter wird und weniger umfangreich?! Der n\u00e4chste Vers zeigt eine \u00e4hnliche Erscheinung:<\/p>\n<p><em>Und H\u00e4nden aus vermoder<span style=\"color: #ff0000\">ten<\/span><\/em><\/p>\n<p>Selbst wenn das ger\u00f6tete &#8222;-ten&#8220; als Hebung z\u00e4hlt, ist der Vers nur vierhebig &#8211; aber das ist ja, wie schon besprochen, eine M\u00f6glichkeit, die dem Blankvers offensteht. Nimmt man die erste Silbe des Folgeverses dazu, steht das &#8222;-ten&#8220; zwischen &#8222;-der-&#8220; und &#8222;Kas-&#8222;, so dass es dem Metrum nach wieder auf einer Hebung stehen k\u00f6nnte; bei der Aussprache w\u00fcrde ich vermuten, dass diese Silbe &#8222;halbbetont&#8220; gelesen wird, da der Versschluss ja doch immer leicht herausgehoben wird?! Auch im n\u00e4chsten Vers gibt das Versende zu denken:<\/p>\n<p><em>Kastanienstr\u00fcnken jene schwarze, mulmig<span style=\"color: #ff0000\">e<\/span><\/em><\/p>\n<p>Hier bietet das in Rot gesetzte &#8222;-e&#8220; zwei M\u00f6glichkeiten &#8211; einmal, bei angenommenem strengen Wechsel zwischen betonten und unbetonten Silben, w\u00e4re es eine Hebung, der Vers also sechshebig und damit gleichsam ein Ausgleich zum vorhergehenden vierhebigen Vers; allerdings ist es schwer, das &#8222;-e&#8220; dann auch irgendwie zur Geltung zu bringen, erst recht angesichts des am Anfang des n\u00e4chsten Verses folgenden &#8222;Wald-&#8222;?!<\/p>\n<p>Die zweite M\u00f6glichkeit ist, das &#8222;e&#8220; als zweite unbetonte Silbe zu sehen, also eine zweisilbig besetzte Senkung anzunehmen:<\/p>\n<p>x X x X x X x X x X x x<\/p>\n<p>Das scheint mir am sinnvollsten, auch wenn derlei am Versende eher ungew\u00f6hnlich ist; dann ist der Vers f\u00fcnfhebig und man liest das &#8222;mulmige&#8220; einfach &#8222;wie immer&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>Die bisher angesprochenen Verse hatten Hebungsstellen mit recht schwachen Silben besetzt; im folgenden Vers ist es genau andersherum:<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #ff0000\">Wald<\/span>erde mit dem warmen Pilzgeruch,<\/em><\/p>\n<p>Das &#8222;im Wort&#8220; eigentlich die Betonung tragende &#8222;Wald-&#8220; steht hier auf einer Senkungstelle?! Na ja, das ist eine Sache, die nicht nur den Blankvers betrifft, sondern mit der alle alternierenden Ma\u00dfe zu k\u00e4mpfen haben: die W\u00f6rter der Bildung &#8222;betonte Slibe &#8211; stark nebenbetonte Silbe &#8211; unbetonte Silbe&#8220;, wof\u00fcr &#8222;Walderde&#8220; ein Beispiel ist; und die schwer bis gar nicht eingepasst werden k\u00f6nnen in ein alternierendes Metrum.<\/p>\n<p>Wenn man sie nicht einfach weglassen oder umschreiben m\u00f6chte, sondern aus Gr\u00fcnden der Auflockerung doch in den Text nimmt, oder weil ohne sie eben nicht auszukommen ist: dann machen es die Dichter \u00fcblicherweise wie Hesse hier auch, sie setzen die st\u00e4rker betonte Silbe in die Senkung und die schw\u00e4cher betonte Silbe in die Hebung; im Vortrag f\u00fchrt das dann oft zu einer &#8222;schwebenden Betonung&#8220;, was hei\u00dft, dass die beiden Silben nahezu gleichstark betont werden; und dabei etwas schw\u00e4cher als eine &#8222;normal&#8220; betonte Silbe.<\/p>\n<p>Sparsam eingesetzt, ist auch das eine willkommene Auflockerung des steten &#8222;Auf und Ab&#8220;, und vor allem im Verseingang st\u00f6rt es eigentlich kaum! Wenn nach einem derartigen dreisilbigen Wort zwei eher schwache Silben folgen, wie hier, kann man aber auch gut folgende Bewegungslinie lesen:<\/p>\n<p><em><strong>Wald<\/strong>&#8211;<strong>er<\/strong>de mit dem <strong>war<\/strong>men <strong>Pilz<\/strong>ge<strong>ruch<\/strong>,<\/em><\/p>\n<p>Also vorne beide Silben kr\u00e4ftiger betonen, daf\u00fcr die folgende Hebungssilbe (hier: &#8222;mit&#8220;) weitestgehend dr\u00fccken. In meinen Ohren recht wohlklingend!<\/p>\n<p>Nach diesem etwas aufgelockerten Mittelst\u00fcck bietet der Absatz dann nur noch eine kleinere Abweichung:<\/p>\n<p><em>Umgab ihn freundlich mit der torfi<span style=\"color: #ff0000\">gen<\/span> Erde,<\/em><\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den schon genannten Versen ist das rote &#8222;-gen&#8220; hier aber einfach nur Teil einer doppelt besetzten Senkung; als Hebung kommt es angesichts der starken Folgesilbe &#8222;Er-&#8220; sicher nicht in Betracht!<\/p>\n<p>Insgesamt zeigen die Beispiele aber sehr sch\u00f6n, wie locker und selbstverst\u00e4ndlich die Sprache im Blankvers werden kann, ohne dabei das &#8222;Vers-Gef\u00fchl&#8220; aufgeben zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>(Eine davon ganz unabh\u00e4ngige, mich aber doch st\u00f6rende Sache ist dieser &#8222;Steine eine&#8220;-Reim im zweiten Vers; solche unbeabsichtigten &#8211; ich nehme an, er war unbeabsichtigt &#8211; Gleichkl\u00e4nge lenken das Ohr nur ab &#8230; Aber das kann man nat\u00fcrlich auch anders sehen, \u00e4h: h\u00f6ren.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hermann Hesses gro\u00dfe Liebe zur Gartenarbeit spricht auch aus seinem &#8222;Tagebuchblatt&#8220;, das in &#8222;Hermann Hesse: Die Gedichte. 1892 &#8211; 1962&#8220;, erschienen 1977 bei Suhrkamp, auf Seite 667 zu finden ist. Dem Titel angemessen ist das Gedicht in sehr entspannten Blankversen geschrieben, die sich hier und da auch mal eine kleine Freiheit g\u00f6nnen &#8230; Im gleich&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=116\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (8)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}