{"id":1179,"date":"2014-03-16T00:48:20","date_gmt":"2014-03-15T22:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1179"},"modified":"2014-12-05T03:00:27","modified_gmt":"2014-12-05T01:00:27","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1179","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (23)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hexameter und&#8230; (1)<\/strong><\/p>\n<p>Der Hexameter ist ein erz\u00e4hlender Vers &#8211; jedenfalls, solange ein Hexameter an den anderen geh\u00e4ngt wird. Dann str\u00f6mt die Handlung durch den einzelnen Vers wie durch die Menge der aufeinanderfolgenden Verse, und ehe man sich&#8217;s versieht, ist ein ganzes Epos hier geschrieben, dort gelesen.<\/p>\n<p>Was aber, wenn man mehr lyrisch als episch dichten m\u00f6chte! Muss man da auf den Hexameter verzichten?<\/p>\n<p>Nicht unbedingt. Ein gangbarer Weg ist da die Verbindung des Hexameters mit einem anderen Vers, um so eine aus zwei Versen bestehende Einheit zu schaffen, die dem Gedicht dann mehr Halt gibt; die das &#8222;sich Verstr\u00f6men wollen&#8220; des Hexameters eind\u00e4mmt, wenn man so will.<\/p>\n<p>Welche Form dieser zweite Vers hat, ist dabei recht beliebig. Das bekannteste Beispiel ist sicher der Pentameter, der sich mit dem Hexameter zum elegischen Distichon verbindet, aber die Dichter haben auch viele andere M\u00f6glichkeiten erprobt, von denen ich hier im Faden nach und nach einige vorstellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Den Beginn macht Friedrich Gottlieb Klopstock, also der Urvater des deutschen Hexameters &#8211; aber eben nicht nur dessen Urvater, sondern auch der vieler anderer Ideen. In &#8222;An Ebert&#8220; verbindet er den Hexameter mit diesem dreihebigen Vers:<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x x \/ X<\/p>\n<p>Dabei meint &#8222;(x)&#8220; wie immer eine unbetonte Silbe, die stehen kann, aber nicht stehen muss. Meistens steht sie, wie in den unten folgenden Beispielen; ein Beispiel f\u00fcr ihr Fehlen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So erstarb auch mein Blick!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So<\/strong> er- \/ <strong>starb<\/strong> auch mein \/ <strong>Blick<\/strong>!<\/p>\n<p>Einige Beispiele, die verdeutlichen sollen, wie diese Zusammenarbeit zwischen Hexameter und Zweitvers aussehen kann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lindernde Tr\u00e4nen, euch gab die Natur dem menschlichen Elend<br \/>\nWeis&#8216; als Gesellinnen zu.<br \/>\nW\u00e4ret ihr nicht, und k\u00f6nnte der Mensch sein Leiden nicht weinen;<br \/>\nAch! wie ertr\u00fcg&#8216; er es da!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Weggehn muss ich, und weinen<\/em> hei\u00dft es kurz zuvor &#8211; das waren eben Zeiten, in denen auch M\u00e4nner noch offen weinen durften. Grund der Klage sind die vielen Gef\u00e4hrten, die, wenn sie gestorben sind, Klopstock und Ebert alleine zur\u00fccklassen werden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn sich unser Vater zur Ruh, sich Hagedorn hinlegt;<br \/>\nEbert, was sind wir alsdann,<br \/>\nWir Geweihten des Schmerzes, die hier ein tr\u00fcberes Schicksal<br \/>\nL\u00e4nger, als Alle sie lie\u00df?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hagedorn, unser Vater? Muss man den heute kennen?! Nein. Aber schaden t\u00e4t&#8217;s auch nicht, ein paar gelungene Gedichte gibt es schon von ihm. Sch\u00f6n zu sehen jedenfalls, wie die Kurzverse helfen, jeweils zwei klar unterscheidbare Untereinheiten von je zwei Versen zu schaffen! Beim elegischen Distichon (Hexameter + Pentameter) gilt es als angebracht, diese Einheiten auch inhaltlich zu beachten, und im besonderen keinen neuen Gedanken im Pentameter anzufangen und im Hexameter fortzusetzen &#8211; klar: die Grundeinheit ist eben erst ein Hexameter, dann ein Pentameter, und wof\u00fcr soll diese Grundeinheit den Text vorbilden, wenn man dieser Bildung dann inhaltlich nicht folgt! Verwendet man aber, wie hier Klopstock, k\u00fcrzere Verse als Zweitverse, ist dieses &#8222;zur Deckung bringen&#8220; nat\u00fcrlich etwas schwieriger. Das wird hier schon erkennbar, und am Schluss des Gedichts verliert dann alles den Halt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Finstrer Gedanke, lass ab! lass ab in die Seele zu donnern!<br \/>\nWie die Ewigkeit ernst,<br \/>\nFurchtbar, wie das Gericht, lass ab! die verstummende Seele<br \/>\nFasst dich, Gedanke, nicht mehr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie immer bei Klopstock l\u00f6st sich jede Ordnung in Bewegung und Empfindung auf&#8230; Ich f\u00fcrchte, das ist eine Art Dichtung, die uns sehr fremd geworden ist, aber gut gemacht ist es trotzdem. Finde ich. Auch, weil die Ordnung ja nur scheinbar verloren geht &#8230;<\/p>\n<p>Geschrieben hat Klopstock &#8222;An Ebert&#8220; 1748, also mit 24 Jahren (!), und all die Menschen, die er anf\u00fchrt in seinem Gedicht, lebten da noch; am Schluss kam es aber, wie er es beschrieben hatte, und Ebert und er blieben allein zur\u00fcck. Und auch die Verse<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stirbt dann auch Einer von uns, und bleibt nur Einer noch \u00fcbrig;<br \/>\nBin der Eine dann ich;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>bewahrheiteten sich: Ebert starb 1795, 47 Jahre nach Entstehung des Gedichts, im Alter von 72 Jahren; Klopstock lebte noch bis 1803, ehe er 79j\u00e4hrig starb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexameter und&#8230; (1) Der Hexameter ist ein erz\u00e4hlender Vers &#8211; jedenfalls, solange ein Hexameter an den anderen geh\u00e4ngt wird. Dann str\u00f6mt die Handlung durch den einzelnen Vers wie durch die Menge der aufeinanderfolgenden Verse, und ehe man sich&#8217;s versieht, ist ein ganzes Epos hier geschrieben, dort gelesen. 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