{"id":1265,"date":"2014-03-27T00:27:13","date_gmt":"2014-03-26T22:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1265"},"modified":"2014-03-27T00:27:13","modified_gmt":"2014-03-26T22:27:13","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1265","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (26)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lord Lindsays &#8222;The cranes of Ibycus&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wen der Titel des heute vorgestellten Werks an Schiller erinnert, der liegt ziemlich richtig &#8211; es handelt sich um eine \u00dcbertragung der Schillerschen Ballade ins Englische! Und obwohl Alexander Lindsay, der 25. Earl of Crawford, in seinem Band mit \u00dcbersetzungen aus dem Deutschen normalerweise so eng wie m\u00f6glich am Ursprung bleibt, in Form, Wort und Sinn &#8211; Who rides so late through night-storm wild -, w\u00e4hlt er bei den &#8222;Kranichen&#8220; die Umformung der gereimten Strophen in reimlose, fortlaufende Hexameter. Die Gr\u00fcnde? Ich kenne sie nicht wirklich. Aber der \u00dcbersetzer war ein \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger des englischen Hexameters, und die in der Antike spielende Handlung hatte wohl auch mit dieser Entscheidung zu tun. So schreibt er in seinen Anmerkungen:<\/p>\n<p><em>To German readers I need offer no apology for translating this beautiful poem into hexameters,\u2014 a measure peculiarly appropriate to classical subjects, and by no means so unsuitable to the genius of the Teutonic dialects as is commonly supposed in England.<\/em><\/p>\n<p>Na ja. Es ist ja nicht so, als ob es in Deutschland an Stimmen gefehlt h\u00e4tte, die den Hexameter als unvereinbar mit der deutschen Sprache ansahen; und ob man einfach so ein ganzes Werk in eine v\u00f6llig fremde Form gie\u00dfen kann, ohne dass es ein anderes Werk wird; wer wei\u00df. Form ist schlie\u00dflich mehr als ein Mantel, den ein Inhalt nach Belieben an- und ausziehen kann!<\/p>\n<p>Nun aber zum Text selbst. In der Gesamtheit &#8211; Schillers Ballade hat 23 achtzeilige Strophen &#8211; w\u00e4re er wohl ein wenig zu lang, aber einige Ausschnitte werden gen\u00fcgen, denke ich. Hier die Strophe, in der Ibykus durch die Hand der R\u00e4uber stirbt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und schwer getroffen sinkt er nieder,<br \/>\nDa rauscht der Kraniche Gefieder,<br \/>\nEr h\u00f6rt, schon kann er nicht mehr sehn,<br \/>\nDie nahen Stimmen furchtbar kr\u00e4hn.<br \/>\n&#8222;Von euch ihr Kraniche dort oben!<br \/>\nWenn keine andre Stimme spricht,<br \/>\nSei meines Mordes Klag erhoben!&#8220;<br \/>\nEr ruft es, und sein Auge bricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klingt in englischen Hexametern dann so (das Hinsinken, and down he heavily sinketh, beschlie\u00dft den Vers davor):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O&#8217;er him just at that moment the cranes pass rushingly onward;<br \/>\nSee them can he no more, but he hears their wild jubilation,<br \/>\nHears their heavy wings \u2014&#8220; Be ye, O ye myriads above me!<br \/>\n&#8222;Ye, since none else will answer, my witnesses and my avengers!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung im Ton! Ich bin mit Schillers Balladen-Versen nie richtig warm geworden, weil sie oft so starr und h\u00f6lzern wirken; da ist die Aufl\u00f6sung in bewegte Hexameter fast schon eine Wohltat f\u00fcr&#8217;s Ohr. Inhaltlich ist der englische Text etwas redseliger als das Vorbild, und manchmal weicht er auch zum Guten oder B\u00f6sen ab &#8211; &#8222;furchtbar kr\u00e4hn&#8220; und &#8222;wild jubilation&#8220; w\u00e4re da etwa ein Paar, \u00fcber das man nachdenken kann. Bemerkenswert, andererseits, auch der Verzicht auf den letzten Schillerschen Vers?!<\/p>\n<p>Das soll jetzt aber nicht hei\u00dfen, dass mir die \u00dcbersetzung vorbehaltslos gefiele. Da sind auch viele Stellen, in denen der Hexameter blass bleibt, seine Bewegung sich der H\u00f6lzernheit des Ursprungstextes angleicht oder einfach schlecht gebaut ist (jedenfalls nach meinem Urteil, wobei ich des Englischen aber nicht kundig bin). An einzelnen Stellen aber blitzen immer wieder sch\u00f6ne Verse auf, und an anderen ist der Vergleich mit Schillers Reimen lohnend. So etwa, wenn es \u00fcber den M\u00f6rder hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er geht vielleicht mit frechem Schritte<br \/>\nJetzt eben durch der Griechen Mitte,<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ihn die Rache sucht,<br \/>\nGenie\u00dft er seines Frevels Frucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Now, even now, perchance, thro&#8216; the midst of the Greeks he walketh,<br \/>\nShameless, enjoying the fruits of his crime, while Nemesis seeks him<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fast ist man versucht, das ganze auch einmal mit deutschen Hexametern zu probieren &#8230; Aber ich f\u00fcrchte, in meinem Fall ist es daf\u00fcr zu sp\u00e4t. Denn Verse wie<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle<br \/>\nBewahrt die kindlich reine Seele!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>haben sich einfach zu tief eingebrannt, als dass sich die Hand nicht str\u00e4ubte gegen ein Umschreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lord Lindsays &#8222;The cranes of Ibycus&#8220; Wen der Titel des heute vorgestellten Werks an Schiller erinnert, der liegt ziemlich richtig &#8211; es handelt sich um eine \u00dcbertragung der Schillerschen Ballade ins Englische! Und obwohl Alexander Lindsay, der 25. 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