{"id":128,"date":"2013-12-15T13:00:57","date_gmt":"2013-12-15T11:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=128"},"modified":"2013-12-15T13:09:15","modified_gmt":"2013-12-15T11:09:15","slug":"erzaehlverse-der-ioniker-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=128","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Ioniker (1)"},"content":{"rendered":"<p>Der Ioniker ist ein von Friedrich Gottlieb Klopstock Mitte des 18. Jahrhunderts erfundener Vers. Klopstock hat die theoretischen Grundlagen dieses Verses ausf\u00fchrlich dargelegt und hatte wohl auch gro\u00dfe Pl\u00e4ne mit ihm; am Ende hat er aber nur ein einziges Gedicht geschrieben, das diesen Vers benutzt. Danach ist dieser Vers nicht wieder verwendet worden &#8211; niemals nicht, von niemandem!<\/p>\n<p>Und das aus gutem Grund: der Ioniker verlangt metrische Grundeinheiten, von denen die einen sagen, es gibt sie im Deutschen nicht, und die anderen, es gibt sie zwar, aber sie sind so beschwerlich zu beschaffen, dass die M\u00fche nicht lohnt!<\/p>\n<p>Daher sollte sich mit diesem Vers vielleicht besser nur auseinandersetzen, wer Geduld und Leidensf\u00e4higkeit mitbringt; und \u00fcber eine gewisse &#8222;metrische Sicherheit&#8220; verf\u00fcgt. Die Belohnung besteht dann in einem Vers, der sich sehr fremd und doch auch anziehend bewegt!<\/p>\n<p>Der Ioniker besteht aus drei metrischen Grundeinheiten:<\/p>\n<p>Erstens, dem &#8222;Ionicus a minore&#8220;. Dabei folgen auf zwei kurze, unbetonte (= leichte) Silben zwei lange, betonte (= schwere) Silben. Im Schema: v v \u2014 \u2014. Laut Klopstock ist diese Einheit die wichtigste.<\/p>\n<p>Zweitens, dem &#8222;Bacchius&#8220;: Einer leichten Silbe folgen zwei schwere, im Schema v \u2014 \u2014.<\/p>\n<p>Drittens, dem &#8222;Anap\u00e4st&#8220;: Zwei leichten Silben folgt eine schwere. Schema: v v \u2014.<\/p>\n<p>Insgesamt hat der Vers f\u00fcnf Einheiten. Nun darf aber nicht in jeder Einheit jede der drei obengenannten M\u00f6glichkeiten stehen. Klopstocks \u00dcbersicht sieht so aus:<\/p>\n<p><span style=\"color: #fcf3d8\">.<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 2\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 5<br \/>\n<span style=\"color: #fcf3d8\">.<\/span> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 | v v \u2014 \u2014 | v v \u2014 \u2014 | v v \u2014 \u2014 | v \u2014\u00a0 v<br \/>\nv \u2014 \u2014 | v \u2014 \u2014 \u00a0 \u00a0 | v \u2014 \u2014\u00a0\u00a0\u00a0 | v \u2014 \u2014 \u00a0\u00a0 | v \u2014 \u2014<br \/>\nv v \u2014\u00a0 | v v \u2014\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 | v v \u2014<\/p>\n<p>Also, man sieht: In der ersten Einheit kann ein Bacchius stehen oder ein Anap\u00e4st, aber kein Ioniker. In der zweiten und dritten Einheit k\u00f6nnen alle drei F\u00fc\u00dfe stehen.<\/p>\n<p>Die vierte und die f\u00fcnfte Einheit bilden die &#8222;Kadenz&#8220;; die sieht im Regelfall so aus, v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 v, oder so: v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014<\/p>\n<p><em>Selten<\/em>, aber immer mal wieder besteht die vierte Einheit aus einem Bacchius, dann sieht die Kadenz so aus, v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 v, oder so: v v \u2014 \/ v \u2014 \u2014.<\/p>\n<p>Das wirkt zwar erstmal verwirrend, aber man findet doch durch! Ein Gedicht in diesem Versma\u00df besteht aus beliebig vielen Versen diesen Aufbaus.<\/p>\n<p>Wie gesagt, Klopstock hat nur wenige Verse in dieser Versart geschrieben, und nach ihm niemand sonst. Es hat also jeder die M\u00f6glichkeit, den Vers f\u00fcr sich zu erkunden und zu gestalten. Das macht auch Spa\u00df!\u00a0 Und soooo seltsam sind diese &#8222;verdoppelten schweren Silben&#8220; dann auch nicht, sie tauchen durchaus in normalen Texten auf!<\/p>\n<p>Ich versuche mal einen richtigen Ioniker:<\/p>\n<p>Ein Gedicht, das vom Hufschlag der Sinnsilben nicht auft\u00f6nt, bewegt nicht.<\/p>\n<p>Ein Ge<strong>dicht<\/strong>, \/ das vom <strong>Huf<\/strong>&#8211;<strong>schlag<\/strong> \/ der <strong>Sinn<\/strong>&#8211;<strong>sil<\/strong> \/-ben nicht <strong>auf<\/strong>&#8211;<strong>t\u00f6nt<\/strong>, \/ be<strong>wegt<\/strong> nicht.<\/p>\n<p>Was, wenn man das vollst\u00e4ndige Schema bem\u00fcht, so aussieht:<\/p>\n<p><span style=\"color: #fcf3d8\">.<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 2\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 5<br \/>\n<span style=\"color: #fcf3d8\">.<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 | <span style=\"color: #ff0000\">v v \u2014 \u2014<\/span> | v v \u2014 \u2014 | <span style=\"color: #ff0000\">v v \u2014 \u2014<\/span> | <span style=\"color: #ff0000\">v \u2014\u00a0 v<\/span><br \/>\nv \u2014 \u2014 | v \u2014 \u2014 \u00a0 \u00a0 | <span style=\"color: #ff0000\">v \u2014 \u2014<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0 | v \u2014 \u2014 \u00a0\u00a0 | v \u2014 \u2014<br \/>\n<span style=\"color: #ff0000\">v v \u2014<\/span>\u00a0 | v v \u2014\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 | v v \u2014<\/p>\n<p>Aber ich denke, das ist auf Dauer nicht sehr \u00fcbersichtlich; ich wechsle also doch auf die &#8222;Kurzform&#8220;:<\/p>\n<p>v v \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 v<\/p>\n<p>Da ist eine besondere Bewegung erkennbar, oder?!<\/p>\n<p>Klopstock hat noch zwei Anmerkungen zum Aufbau des Verses gemacht:<\/p>\n<p>Einmal k\u00f6nne, in seltenen Ausnahmen, statt des Ionikus\u00a0 v v \u2014 \u2014 auch der dritte P\u00e4on v v \u2014 v stehen aufgrund der \u00c4hnlichkeit dieser beiden Einheiten; allerdings nicht als vierte Einheit, um die Kadenz nicht zu schw\u00e4chen; und die metrische Einheit muss in einem solchen Fall auch eine Sinneinheit sein.<\/p>\n<p>Zum anderen sollten laut Klopstock ohnehin die metrischen Einheiten oft mit den Sinneinheiten \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Ich gebe zum Schluss noch drei Verse, die Klopstock als Beispiele geschrieben hat. St\u00f6rt euch nicht an dem f\u00fcr Klopstock typischen religi\u00f6sen Inhalt &#8211; einfach nur auf die Bewegung achten, bitte!<\/p>\n<p>O entfleuch zum Gebein, ins Gefild, wo die Schlacht schweigt, Erobrer,<br \/>\nUnd ruf dort dir selbst, W\u00fcrgen, Weh zu, dass des Herrn Zorn nicht donnernd<br \/>\nDir aufsteh, du den Wehruf des Gerichts von dem Thron her nicht tot h\u00f6rst.<\/p>\n<p>Mit diesen drei Versen wollte Klostock zeigen:<\/p>\n<p>&#8211; den schnellsten Vers dieser Versart:<\/p>\n<p>O ent<strong>fleuch<\/strong> \/ zum Ge<strong>bein<\/strong>, \/ ins Ge<strong>fild<\/strong>, \/ wo die <strong>Schlacht<\/strong> <strong>schweigt<\/strong>, \/ Er<strong>o<\/strong>brer,<\/p>\n<p>v v \u2014 \/ v v \u2014 \/ v v \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 v<\/p>\n<p>Die ersten drei Einheiten sind mit dem Anap\u00e4st besetzt, der ja nur eine schwere Silbe hat; dadurch wird der Vers schnell. Auch die Schluss-Silbe, die ja leicht oder schwer sein kann, ist leicht besetzt.<\/p>\n<p>&#8211; den langsamsten Vers dieser Versart:<\/p>\n<p>Und<strong> ruf dort<\/strong> \/ dir <strong>selbst<\/strong>, <strong>W\u00fcr<\/strong>&#8211; \/ gen,<strong> Weh zu<\/strong>, \/ dass des <strong>Herrn Zorn<\/strong> \/ nicht <strong>don<\/strong>&#8211;<strong>nernd<\/strong><\/p>\n<p>v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014<\/p>\n<p>Hier sind die ersten drei Einheiten mit Bacchius besetzt, der Vers wird langsam durch das \u00dcberma\u00df an schweren Silben. &#8222;Donnernd&#8220; hat Klopstock wirklich als \u2014 \u2014 angegeben, was etwas seltsam ist. In diesem Vers stimmt an einer Stelle die metrische Gliederung nicht mit der Sinngliederung \u00fcberein. Das ist aber der einzige Fall in allen drei Versen!<\/p>\n<p>&#8211; den vielleicht sch\u00f6nsten Vers dieser Versart:<\/p>\n<p>Dir <strong>auf<\/strong>&#8211;<strong>steh<\/strong>, \/ du den <strong>Weh<\/strong>&#8211;<strong>ruf<\/strong> \/ des Ge<strong>richts<\/strong> \/ von dem <strong>Thron her<\/strong> \/ nicht<strong> tot h\u00f6rst<\/strong>.<\/p>\n<p>v \u2014 \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v v \u2014 \/ v v \u2014 \u2014 \/ v \u2014 \u2014<\/p>\n<p>&#8222;Sch\u00f6nste&#8220; hei\u00dft hier nat\u00fcrlich, &#8222;sch\u00f6nste&#8220; nach Klopstocks pers\u00f6nlichem Geschmack. Da muss jeder selbst schauen &#8211; mehr als ein Hinweis kann es nicht sein. Mir jedenfalls gef\u00e4llt dieser dritte Vers sehr gut, von der Bewegung her!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ioniker ist ein von Friedrich Gottlieb Klopstock Mitte des 18. Jahrhunderts erfundener Vers. Klopstock hat die theoretischen Grundlagen dieses Verses ausf\u00fchrlich dargelegt und hatte wohl auch gro\u00dfe Pl\u00e4ne mit ihm; am Ende hat er aber nur ein einziges Gedicht geschrieben, das diesen Vers benutzt. Danach ist dieser Vers nicht wieder verwendet worden &#8211; niemals&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=128\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Ioniker (1)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-128","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=128"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/128\/revisions\/137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}