{"id":1357,"date":"2014-04-09T00:01:10","date_gmt":"2014-04-08T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1357"},"modified":"2014-04-09T00:01:10","modified_gmt":"2014-04-08T22:01:10","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1357","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (29)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gotthelf Wilhelm Christoph Starkes &#8222;Der Dichter&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Worum geht es?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Philetes, ein Dichter, \u00fcber dem Dichten die Zeit vergisst, warten seine Frau und seine Kinder mit dem Essen auf ihn. Als er endlich heimkommt, findet Philetes seinen Hund sterbend; er hat einen Happen vom Essen bekommen. Es stellt sich heraus, dass das Essen versehentlich vergiftet worden ist. Alle sind froh, mit dem Schrecken davongekommen zu sein, und Philetes dankt \u00fcberschwenglich den Musen, die ihn sich haben versp\u00e4ten lassen.<\/p>\n<p>Das klingt harmlos, und ist es auch: Diese 77 Hexameter lange Dichtung ist ein h\u00fcbsches Nichts. Brauchte Starke, einer der typischen &#8222;Dichter im Nebenberuf&#8220; des 18. Jahrhunderts, eine Entschuldigung, weil er selbst nie p\u00fcnktlich war? Wer wei\u00df &#8230;<\/p>\n<p>Man kann den Text aber trotzdem schnell mal lesen, denn Starke hat den Vers recht gut im Griff. Die Hexameter passen sich dem Inhalt an, sie sind leicht &#8211; die Versschl\u00fcsse etwa sind meist auf Silben mit schwachem &#8222;-e&#8220; &#8211; und vor allem schnell. Ich gebe einige Verse, die den dichtenden Philetes zeigen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wonniglich ging er einher, versunken in sch\u00f6nen Gedanken,<br \/>\nH\u00f6rte der Himmlischen Gru\u00df, die des Sterblichen H\u00fctte besuchten,<br \/>\nSchwebte mit ihnen empor zum Olympos, und kostete Nektar,<br \/>\nFolgte dann schauernd hinab zu den Schatten dem schwebenden Hermes;<br \/>\nFreundlich umstrahlt ihn der Glanz von Elysiums goldenen Blumen.<br \/>\nS\u00fc\u00df war seine Begeistrung, und s\u00fc\u00df sein liebendes Streben,<br \/>\nIhre Gebild&#8216; in den Schmuck harmonischer Rede zu kleiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das kann man fraglos einfach so runterlesen, es schmeckt und man wird doch weder satt noch fett davon. Das &#8222;hinauf &#8211; hinab&#8220; ist aber nett gemacht, scheint mir.<\/p>\n<p>&#8222;Schnell&#8220; sind diese Verse nun, weil sie fast jede Senkung mit zwei unbetonten Silben besetzen. Wenn man die ersten vier metrischen Einheiten betrachtet, bei denen sich die Frage &#8222;Zwei- oder dreisilbig?&#8220; ja nur stellt, ergeben sich in diesem kurzen Abschnitt 85% dreisilbige Einheiten!<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von zwei- und dreisilbigen Einheiten pr\u00e4gt den Vers recht eindr\u00fccklich, weswegen es auch f\u00fcr viele Dichter bestimmt worden ist von klugen Leuten mit viel Zeit. Bei Homer etwa, dem Griechen, z\u00e4hlte man 68 % dreisilbige Einheiten, beim R\u00f6mer Vergil 40 %; die deutschen Dichter liegen dazwischen, Voss (65 % in der &#8222;Luise&#8220;) und Klopstock (61 % im &#8222;Messias&#8220;) n\u00e4her bei Homer, Goethe (49 % im &#8222;Reineke&#8220;) in der Mitte mit Neigung zu Vergil.<\/p>\n<p>Starkes Werte fallen sehr aus diesem Rahmen, aber \u00fcber den ganzen Text ist der Prozentsatz, wenn auch immer noch hoch, so doch sicher geringer. Seine zweisilbigen Einheiten sind, wie hier, meist an Stellen gesetzt, die zeigen, dass sie &#8222;von der Dreisilbigkeit her&#8220; gedacht sind:<\/p>\n<p><strong>Won<\/strong>niglich \/ <strong>ging<\/strong> er ein- \/ <strong>her<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ver- \/ <strong>sun<\/strong>ken in \/ <strong>sch\u00f6<\/strong>nen Ge- \/ <strong>dan<\/strong>ken,<\/p>\n<p><strong>S\u00fc\u00df<\/strong> war \/ <strong>sei<\/strong>ne Be- \/ <strong>geist<\/strong>rung, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>s\u00fc\u00df<\/strong> sein \/ <strong>lie<\/strong>bendes \/ <strong>Stre<\/strong>ben,<\/p>\n<p><strong>Ih<\/strong>re Ge- \/ <strong>bild<\/strong>&#8218; in den \/ <strong>Schmuck<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> har- \/ <strong>mo<\/strong>nischer \/ <strong>Re<\/strong>de zu \/ <strong>klei<\/strong>den.<\/p>\n<p>In zwei der vier F\u00e4lle ist die zweisilbige Einheit die Einheit, in der auch die Z\u00e4sur liegt, so dass die dort n\u00f6tige Sprechpause die zweisilbige Einheit &#8222;l\u00e4ngt&#8220; und so den dreisilbigen ann\u00e4hrt; einmal ist die erste Einheit betroffen (<strong>S\u00fc\u00df<\/strong> war), wo der Vers am Beginn eines neuen Satzes erst einmal Fahrt aufnehmen muss und eine langsamere Einheit ganz gut passt; was dann nach der Z\u00e4sur gleich noch einmal wiederholend-wiederaufnehmend geschieht (<strong>s\u00fc\u00df<\/strong> sein)!\u00a0 Den Versuch, wie Voss die antiken &#8222;Spondeen&#8220; (schwer-schwer) nachzubilden, unterl\u00e4sst Starke v\u00f6llig, und so ist sein Gesang dann, wie der des Philetes, &#8222;s\u00fc\u00df&#8220;, den Musen geschuldet,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche den Dichter verstrickten in Banden des s\u00fc\u00dfen Gesanges.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer will da noch scheiden zwischen Schreibendem und Beschriebenem &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gotthelf Wilhelm Christoph Starkes &#8222;Der Dichter&#8220; Worum geht es? W\u00e4hrend Philetes, ein Dichter, \u00fcber dem Dichten die Zeit vergisst, warten seine Frau und seine Kinder mit dem Essen auf ihn. Als er endlich heimkommt, findet Philetes seinen Hund sterbend; er hat einen Happen vom Essen bekommen. 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