{"id":1389,"date":"2014-04-13T00:12:20","date_gmt":"2014-04-12T22:12:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1389"},"modified":"2014-04-13T00:12:20","modified_gmt":"2014-04-12T22:12:20","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1389","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (30)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Franz von Sonnenbergs &#8222;Donatoa&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Hier ist mir alles ein R\u00e4tsel &#8211; Sonnenberg als Mensch ist ein R\u00e4tsel, sein &#8222;Donatoa&#8220; ist ein b\u00e4ndelanges hexametrisches R\u00e4tsel, und das, was Zeitgenossen und Nachwelt \u00fcber beide geschrieben haben, ist erst recht ein R\u00e4tsel. So urteilt etwa das &#8222;Damen Conversationslexikon&#8220; 1837 \u00fcber Sonnenberg:<\/p>\n<p><em>Sonnenberg, Franz von, Franz Anton Joseph Ignaz Maria, Freiherr von, einer der gl\u00fccklichsten Nacheiferer Klopstocks, obwohl er zu jung endete und zu ungest\u00fcm bildete und schuf, um allseitig erstarken und zur Harmonie gelangen zu k\u00f6nnen: \u2013 eine wehm\u00fcthig-s\u00e4uselnde, aber stolzgewachsene Weimuthssichte unter Myrthengeb\u00fcsch in der Mitte des Libanons, w\u00e4hrend auf dem Scheitel des heiligen Berges der Messiass\u00e4nger als majest\u00e4tische Zeder thront. 1779 zu M\u00fcnster in Westphalen geb., entwarf er schon auf dem Gymnasium nach Klopstocks Messiade den Plan zu dem Epos: &#8222;das Weltende,&#8220; \u2013 ein gl\u00fchender Orkan aus wildbewegter Jugendbrust, fessellosst\u00fcrmend, zerst\u00f6rungslustig, mit himmelanstrebenden Fittigen einherbrausend, ohne das linde S\u00e4useln des stillwaltenden Genius, ohne den sanften Hauch harmonischer Ruhe, ohne das milde Wehen des Friedens, wie er her\u00fcberfl\u00fcstert aus Abendglocken und ruhenden W\u00e4ldern, aus Wiegenliedern und K\u00fcssen der Mutter. Dem Wunsche der Seinen gem\u00e4\u00df widmete er sich dem Studium der Rechte, bereiste dann Deutschland, die Schweiz und Frankreich, und lebte nach seiner R\u00fcckkehr abwechselnd in Jena und in dem nahgelegenen Drakendorf. Hier war es, wo er sich allen k\u00f6rperlichen Entbehrungen unterwarf, um rastlos an seinem zweiten Epos: &#8222;Donatoa&#8220; zu arbeiten, durch diese \u00dcberspannung aller seiner Kr\u00e4fte aber in Apathie und tiefe Schwermut verfiel. Am 22. Nov. 1805 endete er freiwillig durch einen Sturz aus einem Fenster in Jena. Erst nach seinem Tode erschien seine &#8222;Donatoa&#8220; (Halle 1806, 2 Bde.), ein erhabenes Gedicht von dem Untergange der Welt, welches schmerzlich bedauern l\u00e4sst, dass die reiche Welt des jungen Dichters so fr\u00fch schon unterging. Seine \u00fcbrigen &#8222;Gedichte&#8220; erschienen 1809 zu Rudolstadt.<\/em><\/p>\n<p>Wohlgemerkt: Das ist ein <em>Lexikon<\/em> &#8230; Aber was um alles in der Welt ist eine &#8222;Weimuthssichte&#8220;? Also eine ganz normale jetzt, keine wehm\u00fctig-s\u00e4uselnde &#8230;<\/p>\n<p>Mit der Einsch\u00e4tzung der Werke Sonnenbergs liegt der Verfasser aber nicht so falsch. Ein knapper Ausschnitt aus Donatoa&#8220;, gleich vom Anfang &#8211; &#8222;Der Schutzgeist der Erde beklagt ihren Untergang&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dunkel, wie dunkel es dort auf den Wogen, und fern in den T\u00e4lern<br \/>\nFlammen wehn, Tod! rufet der Donner, wie wirrt es so rot sich,<br \/>\nWirrt sichs im Dunkel so wei\u00df! Die Kinder Gottes, sie t\u00f6ten<br \/>\nW\u00fctend einander, sie wagten es nicht einschlummernd vor Schw\u00e4che,<br \/>\nWeh, sie ermutigten erst sich durch Mahl, um t\u00f6ten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMenschengeschlecht! Dein Abend ist da, stets d\u00fcsterer steigt es,<br \/>\nDer aus der Unterwelt, dr\u00e4ngt deine sanfteren F\u00fchrer,<br \/>\nDr\u00e4ngt sie immer ferner von dir, du h\u00f6rest, mein Schutzkind!<br \/>\nMeine Stimme nicht mehr, nicht deiner liebenden Sch\u00fctzer<br \/>\nZ\u00e4rtliche Klag&#8216;, ihr Bitten nicht mehr, wir sind dir umsonst da!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O-ha &#8230; Aber man sieht, das &#8222;zu ungest\u00fcme Bilden und Schaffen&#8220; war keine so ganz falsche Beschreibung?! Dabei ist es nicht so, dass Sonnenberg nicht geradeaus h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen &#8211; in seinen anderen Gedichten klappt das sehr gut, und auch hier sind ja, im Gegensatz zur Syntax, die Hexameter von feinstem Bau.<\/p>\n<p>Trotzdem braucht es schon eine ganz eigene Geisteshaltung, sich auf derlei einzulassen, denke ich. Goethe zum Beispiel fehlte sie &#8211; Sonnenberg las ihm zwar aus &#8222;Donatoa&#8220; vor, doch Goethe war ganz und gar nicht angetan. Ich lasse es zum Schluss, wie am Anfang, einen Lexikoneintrag sagen, diesmal aus &#8222;Herders Conversations-Lexikon&#8220; von 1857:<\/p>\n<p><em>Sonnenberg, Franz Ant. Jos. Ign. Maria von, epischer Dichter und ein Nachahmer Klopstocks, geb. 1779 zu M\u00fcnster, gest. 1805 zu Jena durch einen Sturz aus dem Fenster, besang das Weltgericht in 12 Ges\u00e4ngen in dem Gedichte &#8222;Donatoa&#8220; (Rudolst. 1806), wovon Goethe sagte, dasselbe offenbare eine &#8222;physisch gl\u00fchende Natur, mit einer gewissen Einbildungskraft begabt, die aber ganz in hohlen R\u00e4umen sich erging&#8220;; mancher Leser des Donatoa m\u00f6chte solch Urteil doch etwas zu herb finden.<\/em><\/p>\n<p>Zu herb? Vielleicht. Nachvollziehbar aber allemal!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz von Sonnenbergs &#8222;Donatoa&#8220; Hier ist mir alles ein R\u00e4tsel &#8211; Sonnenberg als Mensch ist ein R\u00e4tsel, sein &#8222;Donatoa&#8220; ist ein b\u00e4ndelanges hexametrisches R\u00e4tsel, und das, was Zeitgenossen und Nachwelt \u00fcber beide geschrieben haben, ist erst recht ein R\u00e4tsel. So urteilt etwa das &#8222;Damen Conversationslexikon&#8220; 1837 \u00fcber Sonnenberg: Sonnenberg, Franz von, Franz Anton Joseph Ignaz&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1389\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (30)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1389"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1390,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions\/1390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}