{"id":1432,"date":"2014-04-17T00:03:14","date_gmt":"2014-04-16T22:03:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1432"},"modified":"2014-04-17T00:10:51","modified_gmt":"2014-04-16T22:10:51","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1432","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (31)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Hexameter-Zeitmaschine <\/strong><\/p>\n<p>Jeder Dichter strebt danach, seine Ausdrucksm\u00f6glichkeiten zu erweitern. Ich f\u00fcr meinen Teil finde da vieles auf den \u00e4lteren Stufen der deutschen Sprache, und der Hexameter ist eine Art Zeitmaschine, die den heutigen Dichter in die alten Zeiten reisen lassen kann. Denn zum einen liegen die Anf\u00e4nge dieses Verses schon \u00fcber 250 Jahre zur\u00fcck, und zum anderen haben auch die damaligen Dichter gerne auf altes Sprachgut zur\u00fcckgegriffen, wodurch man also noch weiter in die Vergangenheit gelangt!<\/p>\n<p>Eine der Erscheinungen, bei denen sich diese Reise wirklich lohnt, ist der Genitiv: heute stark im R\u00fcckgang begriffen, doch fr\u00fcher ein unglaublich ausdrucksstarker Bestandteil der Sprache.<\/p>\n<p>So hatte der Genitiv fr\u00fcher eine bemerkenswerte Arbeitsteilung mit dem Akkusativ: War das Objekt voll und ganz von der Handlung im Verb betroffen, so stand der Akkusativ, war es nur zum Teil betroffen, stand der Genitiv!<\/p>\n<p><em>Ich esse das Brot<\/em> meint da also, dass das ganze Brot gegessen wird; <em>Ich esse des Brotes<\/em> dagegen, dass nur ein Teil des Brotes von mir gegessen wird. Feine Sache, das, von oft erfrischendem Klang. <em>Er nahm des Blutes in die Hand<\/em>, steht bei H\u00f6lty; was m\u00fcsste man da heute sagen &#8211; Er nahm etwas von dem Blut in die Hand?! Bah &#8230;<\/p>\n<p>Der Genitiv steht also als &#8222;etwas loseres Objekt&#8220;. Das geht auch bei absolut, also ohne wirkliches Objekt gebrauchten Verben &#8211; ein sehr loses Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis; der Genitiv beschreibt dann meistens den Grund einer Handlung. Womit wir wieder beim Hexameter sind &#8211; in der &#8222;Luise&#8220; des Johann Heinrich Voss finden sich etwa diese beiden Verse:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sprachs; da droht ihm Luise mit aufgehobenem Finger,<br \/>\nFeuerrot; und sie lachten des hold err\u00f6tenden M\u00e4gdleins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass es nicht nett ist, \u00fcber (wie wir heute sagen) jemanden zu lachen (auch wenn es an h\u00f6chster Stelle \u00fcblich ist, siehe Luthers der im Himmel wohnet, lachet ihrer): dieser Genitiv hat einen sch\u00f6nen Klang. Und die Pr\u00e4position spart man sich auch &#8230; Einfach mal ausprobieren!<\/p>\n<p>Schon fester ist die Bindung da nach Verben des Mangels oder des Verfehlens. In Gotthard Ludwig Theobul Kosegartens &#8222;Jucunde&#8220; finden sich diese Hexameter \u00fcber die (platonische) Seele:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder erkennend das vormal Erschaute im irdischen Abglanz,<br \/>\nSchaudert sie, stockt, besinnt sich, entbrennt f\u00fcr das Sch\u00f6ne, verfolgt es<br \/>\nTag und Nacht, vergisst der Speis und des Trankes, vers\u00e4umet<br \/>\nJegliche Pflicht des B\u00fcrgers, verschm\u00e4het die Ehr und den Reichtum:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den ersten Vers finde ich schwach, aber hier geht es ja auch um das <em>vergisst der Speis und des Trankes<\/em> &#8211; klingt erstmal ungewohnt, aber auch das gibt es noch als Rest im heutigen Pflanzennamen <em>Vergissmeinnicht<\/em> &#8211; wenn man so will, ein sprachliches Fossil! Einen anderen Rest dieser ehemaligen F\u00fclle bietet der dagegen auch heute noch m\u00f6gliche Satz <em>Diese Genitive entbehren nicht eines gewissen Reizes<\/em>.<\/p>\n<p>Zum Schluss schlage ich noch schnell einen Bogen zur\u00fcck zum Anfang, zum &#8222;partitiven Genitiv&#8220;. Das Beispiel stammt hier aus August Gottlieb Eberhards &#8222;Hanchen und die K\u00fcchlein&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ungl\u00fcck tragen mit Stolz, und des Gl\u00fcckes genie\u00dfen in Demut,<br \/>\nDas nur vers\u00f6hnt das Geschick, und adelt vor Gott und vor Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und einem solchen &#8222;Wort zum Sonntag&#8220; ist dann wirklich nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hexameter-Zeitmaschine Jeder Dichter strebt danach, seine Ausdrucksm\u00f6glichkeiten zu erweitern. 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