{"id":1598,"date":"2014-04-30T00:09:35","date_gmt":"2014-04-29T22:09:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1598"},"modified":"2014-04-30T12:24:14","modified_gmt":"2014-04-30T10:24:14","slug":"die-bewegungsschule-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1598","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (16)"},"content":{"rendered":"<p>Da der letzte &#8222;B\u00fccher zum Vers&#8220;-Eintrag von Klopstocks Eislaufoden handelte, ist es vielleicht ein brauchbarer Gedanke, einmal eine dieser Oden vorzustellen?!<\/p>\n<p>Ich nehme gleich die erste, &#8222;Der Eislauf&#8220; aus dem Jahre 1764; deren metrischer Aufbau schlie\u00dft n\u00e4mlich an das an, was zuletzt hier in der Bewegungsschule verhandelt wurde:<\/p>\n<p>ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM<\/strong><br \/>\nta ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM<\/strong><br \/>\n<strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong> \/ <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM<\/strong> \/ <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong><br \/>\n<strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM<\/strong> \/ <strong>TAM<\/strong> ta ta <strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten beiden Verse bieten nichts besonderes &#8211; solche Bewegungslinien gibt es sehr h\u00e4ufig. Vers vier ist derselbe Vers, der schon kurz Gegenstand war hier in der Bewegungsschule: das doppelte <strong>TAM<\/strong>tata<strong>TAM<\/strong>.\u00a0 Der dritte Vers bietet aber etwas wirklich neues: Wieder ein <strong>TAM<\/strong>tata<strong>TAM<\/strong>, aber diesmal eingerahmt von zwei <strong>TAM<\/strong>ta<strong>TAM<\/strong>!Eine strenge Spiegelbildlichkeit, bei der durch die zahlreichen schweren Silben, die aufeinander folgen (nicht nur im jeweiligen Vers, auch im \u00dcbergang von V2 auf V3 und V3 auf V4), sich die Bewegung deutlich staut; langsamer wird.<\/p>\n<p>Wie sieht das nun im wirklichen Gedicht aus? Ich zeige dazu die siebte Strophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Licht hat er in D\u00fcfte geh\u00fcllt,<br \/>\nWie erhellt des Winters werdender Tag<br \/>\nSanft den See! Gl\u00e4nzenden Reif, Sternen gleich,<br \/>\nStreute die Nacht \u00fcber ihn aus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein <strong>Licht<\/strong> hat <strong>er<\/strong> in <strong>D\u00fcf<\/strong>te ge<strong>h\u00fcllt<\/strong>,<br \/>\nWie er<strong>hellt<\/strong> des <strong>Win<\/strong>ters <strong>wer<\/strong>dender <strong>Tag<\/strong><br \/>\n<strong>Sanft<\/strong> den <strong>See<\/strong>! \/ <strong>Gl\u00e4n<\/strong>zenden <strong>Reif<\/strong>, \/ <strong>Ster<\/strong>nen <strong>gleich<\/strong>,<br \/>\n<strong>Streu<\/strong>te die <strong>Nacht<\/strong> \/ <strong>\u00fc<\/strong>ber ihn <strong>aus<\/strong>!<\/p>\n<p>Keine Frage: Die letzten beiden Verse bewegen sich auf eine besondere Weise. Wie aber h\u00f6rt sich das im wirklichen <em>Vortrag<\/em> an? Hier eine Lesung von Clemens von Ramin (und auch der Text der Ode):<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-1FSlYN5Q0Y\">Der Eislauf<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr\u00a0 diese Strophe entspricht der Vortrag dem zugrundeliegenden Aufbau. Im Vergleich mit anderen Strophen zeigt sich aber, dass dies der gro\u00dfen St\u00e4rke der Silben geschuldet ist, die die &#8222;schweren&#8220; Planstellen besetzen; da gibt es einfach keine andere M\u00f6glichkeit. Sind aber diese Stellen nur ein wenig schw\u00e4cher besetzt, liest von Ramin die entsprechenden Silben &#8222;leicht&#8220; &#8211; vierte Strophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsterblich ist mein Name dereinst!<br \/>\nIch erfinde noch dem schl\u00fcpfenden Stahl<br \/>\nSeinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,<br \/>\nKreiset umher, sch\u00f6ner zu sehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Das &#8222;seinen&#8220; wird nahezu ohne Betonung gelesen. Vielleicht kann man das so machen, auch im Rest der Ode; aber ich finde es doch schade, dass auf diese Weise einmal die Bewegung an sich nicht so gut herauskommt, zum anderen aber auch die deutliche Trennung zwischen erster und zweiter Strophenh\u00e4lfte verwischt wird (von dem Unstand, dass ein st\u00e4rker betontes &#8222;Sei-&#8220; auch den Sinn etwas verschiebt, nicht zu reden). Ganz besonders heftig geschieht dies in der letzten Strophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den ungeh\u00f6rten Wogen entstr\u00f6mt,<br \/>\nDem geheimen Quell entrieselt der Tod!<br \/>\nGlittst du auch leicht, wie die\u00df Laub, ach dorthin;<br \/>\nS\u00e4nkest du doch, J\u00fcngling, und st\u00fcrbst!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Ramin erg\u00e4nzt eine Silbe &#8211; aus &#8222;glittst&#8220; wird &#8222;glittest&#8220; &#8211; und liest ausschlie\u00dflich die Satzteilung:<\/p>\n<p><strong>Glit<\/strong>test du auch <strong>leicht<\/strong>, wie dies <strong>Laub<\/strong>, <strong>ach<\/strong> dort<strong>hin<\/strong>;<\/p>\n<p>&#8211; wodurch sich eine h\u00f6chst un\u00fcbliche Einheit ergibt, &#8222;<strong>TAM<\/strong> ta ta ta <strong>TAM<\/strong>&#8222;, &#8222;<strong>Glit<\/strong>test du auch <strong>leicht<\/strong>&#8222;! Der ganze Vers klingt dabei gar nicht schlecht:<\/p>\n<p><strong>TAM<\/strong> ta ta ta <strong>TAM<\/strong> \/ ta ta <strong>TAM<\/strong> \/ <strong>TAM<\/strong> ta <strong>TAM<\/strong><\/p>\n<p>Ich bezweifle allerdings, dass dies Klopstocks Absichten entspricht &#8230;<\/p>\n<p>Aber am Ende muss sicherlich jeder Vortragende seine eigenen Vorstellungen umsetzen. Und solange bei der Ausbildung derselben das Nachdenken \u00fcber die Bewegung &#8211; gerade f\u00fcr Klopstock-Texte sehr wichtig &#8211; nicht zu kurz kommt, steht am Ende ziemlich sicher ein Vortrag, der nicht immer gefallen wird, aber doch, meistens: nachvollziehbar ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da der letzte &#8222;B\u00fccher zum Vers&#8220;-Eintrag von Klopstocks Eislaufoden handelte, ist es vielleicht ein brauchbarer Gedanke, einmal eine dieser Oden vorzustellen?! Ich nehme gleich die erste, &#8222;Der Eislauf&#8220; aus dem Jahre 1764; deren metrischer Aufbau schlie\u00dft n\u00e4mlich an das an, was zuletzt hier in der Bewegungsschule verhandelt wurde: ta TAM ta TAM ta TAM ta&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1598\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die Bewegungsschule (16)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1598"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1604,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1598\/revisions\/1604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}