{"id":1672,"date":"2014-05-08T00:18:27","date_gmt":"2014-05-07T22:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1672"},"modified":"2014-05-08T00:25:36","modified_gmt":"2014-05-07T22:25:36","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1672","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (36)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (4)<\/strong><\/p>\n<p>Der Hexameter ist zur Bewegungs-Vielfalt nicht nur in der Lage, sondern ihr geradezu verpflichtet! Er sollte:<\/p>\n<p>&#8211; sich in der Abfolge von zweisilbigen und dreisilbigen metrischen Einheiten von Vers zu Vers unterscheiden.<\/p>\n<p>&#8211; sich in den Hauptz\u00e4suren, den Sinneinschnitten innerhalb der dritten oder vierten metrischen Einheit, von Vers zu Vers\u00a0 unterscheiden.<\/p>\n<p>&#8211; metrische Einheiten und Sinneinheiten nicht deckungsgleich aufeinanderfallen lassen.<\/p>\n<p>&#8211; Innerhalb des Verses m\u00f6glichst unterschiedliche Sinneinheiten bilden, und m\u00f6glichst nie mehr als zwei gleiche aufeinanderfolgen lassen.<\/p>\n<p>Bei soviel verschiedenen M\u00f6glichkeiten, den Vers zu gestalten, stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Woran ist der Hexameter denn dann \u00fcberhaupt noch dem Ohr erkennbar &#8211; was ist die immergleichbleibende Grundgr\u00f6\u00dfe, die auf jeden Fall wiedererkannt wird?<\/p>\n<p>Einen gewichtigen Anteil an dieser Wiedererkennbarkeit hat sicherlich die sich immer gleichbliebende Schlusswendung &#8222;<strong>X<\/strong> x x \/ <strong>X<\/strong> x&#8220; &#8211; weswegen sie auch eine wichtige Stelle des Verses ist und sorgf\u00e4ltig behandelt werden muss. Mal sehen, wie Heyse das macht im vierten Gesang der &#8222;Thekla&#8220;!<\/p>\n<p>Der beginnt damit, dass sich das &#8222;einfache Volk&#8220; \u00fcber den Apostel austauscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besser, wir schicken geheim ihm Botschaft, bieten ihm Geld an.<br \/>\nWer am m\u00e4chtigsten ist, mit dem sich g\u00fctlich vertragen,<br \/>\nD\u00fcnkt mich immer das kl\u00fcgste, es sei nun, dass er ein Gott ist,<br \/>\nOder ein Mensch; denn ein Gott ist jeglicher, der die Gewalt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese vier Verse f\u00fchre ich an, weil in dreien von ihnen die Schlussformel durch einen davor liegenden Sinneinschnitt deutlich gekennzeichnet wird:<\/p>\n<p>Besser, wir schicken geheim ihm Botschaft, <span style=\"color: #ff0000\">bieten ihm Geld an<\/span>.<br \/>\nWer am m\u00e4chtigsten ist, mit dem sich <span style=\"color: #ff0000\">g\u00fctlich vertragen<\/span>,<br \/>\nD\u00fcnkt mich immer das kl\u00fcgste, es sei nun, <span style=\"color: #ff0000\">dass er ein Gott ist<\/span>,<br \/>\nOder ein Mensch; denn ein Gott ist jeglicher, <span style=\"color: #ff0000\">der die Gewalt hat<\/span>.<\/p>\n<p>Im zweiten Vers klingt die Schlusswendung nicht ganz so deutlich durch (ist aber nat\u00fcrlich vernehmbar). Dieser Vers ist auch der einzige, in dem die letzte Silbe ein &#8222;schwaches e&#8220; als Vokal hat. Das ist darum von Bedeutung, weil man ein wenig darauf achten muss, nicht zu viele von diesen schmalbr\u00fcstigen Vokalen dabei zu haben, weil der Vers bei einem solchen &#8222;schwachen e&#8220; nicht ausschwingen kann, sondern mehr &#8222;in sich zusammenf\u00e4llt&#8220;; und wenn das \u00fcber viele Verse nacheinander geschieht, bekommt der Vortrag schnell etwas bem\u00fchtes, stockendes, es ist ein dauerndes Ab- und wieder Ansetzen h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Ich zeige das an ein paar Thekla-Versen. Der Apostel, der im \u00fcbrigen Tryphon hei\u00dft, und sein Gastgeber Nathanael erhalten Besuch, von Midas, dem obersten Kybele-Priester. Der versucht den Apostel einzusch\u00fcchtern, doch:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn mich Menschen erschreckten, ich w\u00e4re unw\u00fcrdig der Gnaden<br \/>\nGottes des Herrn, der stark mich schirmt in dr\u00e4ngender F\u00e4hrde,<br \/>\nWie er auch heut erst wieder den Feind mit L\u00e4hmung geschlagen.<br \/>\nDarum wird kein Schnauben des Zorns mich irgend ersch\u00fcttern;<br \/>\nDenn ich wandle, wohin mich der Odem des Herrn will tragen,<br \/>\nDer die Fichten im Walde zerbricht und die Wolken dahintreibt<br \/>\nUnd die erkorenen Boten umherf\u00fchrt unter den V\u00f6lkern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon erstaunlich, wie stark das &#8222;-treibt&#8220; des vorletzten Verses sich heraushebt aus den anderen schwachen Schluss-Silben! Ich denke, wenn man alle vier, f\u00fcnf Verse etwas Abwechslung reinbringt, bekommt das Ganze ein sch\u00f6nes Gleichgewicht &#8230; Im drittletzten Vers ersetzt Heyse die Schlussformel &#8222;<strong>X<\/strong> x x \/ <strong>X<\/strong> x&#8220; wieder einmal durch &#8222;<strong>X<\/strong> x \/ <strong>X<\/strong> x&#8220; &#8211; das hatten wir ja schon. F\u00fcr meinen Geschmack macht er das etwas zu oft &#8211; er st\u00f6rt dadurch eben die Wiedererkennbarkeit des Vers-Schlusses. Klar ist das erlaubt seit Homers Zeiten, doch bei den meisten Dichtern liegt die H\u00e4ufigkeit um die zwei Prozent &#8230;<\/p>\n<p>Inhaltlich l\u00e4sst Midas die Maske fallen, nachdem Nathanael gegangen ist, und schl\u00e4gt Tryphon ein Gesch\u00e4ft vor: Geld gegen das Verlassen der Stadt. Dem Gottesmann platzt nat\u00fcrlich der Kragen! Midas zieht w\u00fctend ab und wird von Thekla beobachtet; sie wirft dem Apostel eine Warnung ins Zimmer. Dann stellt sie fest, dass niemand im Haus mehr mit ihr redet. Erst abends erbarmt sich eine alte Dienerin und wei\u00df zu berichten, dass Tryphon von der r\u00f6mischen Staatsmacht gefangengenommen und eingekerkert wurde! Jedoch, nach dem Abgang der Alten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun sa\u00df in der Nacht, die mit ruhigen Sternen hereinsah,<br \/>\nThekla wieder allein und atmete tiefer und leichter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn sie wei\u00df jetzt, was zu tun ist: Sie will den Apostel aus dem Gef\u00e4ngnis retten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (4) Der Hexameter ist zur Bewegungs-Vielfalt nicht nur in der Lage, sondern ihr geradezu verpflichtet! Er sollte: &#8211; sich in der Abfolge von zweisilbigen und dreisilbigen metrischen Einheiten von Vers zu Vers unterscheiden. &#8211; sich in den Hauptz\u00e4suren, den Sinneinschnitten innerhalb der dritten oder vierten metrischen Einheit, von Vers zu Vers\u00a0 unterscheiden&#8230;. <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1672\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (36)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1672","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1672"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1678,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions\/1678"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}