{"id":1709,"date":"2014-05-11T00:02:19","date_gmt":"2014-05-10T22:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1709"},"modified":"2014-05-11T00:02:19","modified_gmt":"2014-05-10T22:02:19","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1709","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (37)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (5)<\/strong><\/p>\n<p>Im f\u00fcnften Gesang bricht Thekla mit Hilfe des T\u00fcrsklaven von zu Hause auf, schleicht sich zum Gef\u00e4ngnis, besticht einen der W\u00e4chter und gelangt so zu Tryphon. Sie hat sich auch schon \u00fcberlegt, wie sie ihm zur Flucht verhelfen kann, doch leider ist der Apostel angekettet. So bleibt ihr also nur, sich Rat zu holen bez\u00fcglich ihres Verlobten, ihrer Mutter, dem christlichen Glauben. Tryphon hingegen ist zutiefst ger\u00fchrt dar\u00fcber, dass Thekla, obwohl die beiden ja gar nicht bekannt sind, sich f\u00fcr ihn in Gefahr begibt. Und so reden sie, und reden; und vergessen die Zeit &#8230;.<\/p>\n<p>Beim Versaufbau m\u00f6chte ich nochmal auf die immer gleiche Schlusswendung zur\u00fcckkommen. Die hat n\u00e4mlich Auswirkungen auf den ganzen Vers. Denn wenn dieses &#8222;<strong>X<\/strong> x x \/ <strong>X<\/strong> x&#8220; dem H\u00f6rer den Versschluss anzeigen soll, dann darf es nirgendswo sonst im Vers auftauchen, da es sonst f\u00fcr Verwirrung sorgt. Diese Gefahr ist zum Beispiel dann gegeben, wenn die Z\u00e4sur in der vierten Einheit liegt, genauer: hinter der unbetonten Silbe der vierten Einheit. Also so:<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ <strong>X x x \/ X x<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>Vor der Z\u00e4sur kann sich dabei die Schlusswendung bilden &#8211; ich habe sie mal fett gekennzeichnet. Wenn sie da erklingt und von der zur Z\u00e4sur geh\u00f6renden Pause abgeschlossen wird, dann klingt die richtige Schlusswendung, die von der Pause am Versende abgeschlossen wird, blo\u00df noch wie eine Wiederholung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer nun Diesem zu Lieb&#8216; und Jenem und Hunderten handelt,<br \/>\nKennt er den Herrn, der nur in der Tiefe des innersten Wesens<br \/>\nIhm sich enth\u00fcllt? Er lebt in den Tag hin, glaubens- und gottlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Unverkennbarer Apostel-Ton &#8230; Worauf es mir hier aber ankommt: Der zweite Vers hat ein kleines Problem.<\/p>\n<p><strong>Kennt<\/strong> er den <strong>Herrn<\/strong>, \/ der <strong>nur<\/strong> in der <strong>Tie<\/strong>fe \/ des <strong>in<\/strong>nersten <strong>We<\/strong>sens<\/p>\n<p>Wenn man ihn nach Sinneinheiten abteilt, erkennt man, dass die zweite und die dritte Einheit genau gleich sind, und praktisch (bis auf einen vorgelagerten unbetonten Artikel) der Schlusswendung entsprechen! Das verwischt die dem Vers eigene Bewegung. Und der dritte Vers hat im wesentlichen die gleiche Sorge &#8230;<\/p>\n<p>Aber sicherlich: Ein Vers unter vielen kann das immer machen, bedenklich wird es erst, wenn es in Massen auftritt. Und dass man derlei sogar ganz bewusst zur Versgestaltung einsetzen kann, beweist der ber\u00fchmte Vers aus dem &#8222;Sicheren Mann&#8220; von M\u00f6rike &#8211; es geht um einen Riesen, der ein Buch aus Scheunentoren vollgeschrieben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich am Schluss denn folget das Punktum, gro\u00df wie ein Kindskopf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder nach Sinneinheiten aufgeteilt:<\/p>\n<p><strong>End<\/strong>lich am <strong>Schluss<\/strong> denn \/ <strong>fol<\/strong>get das <strong>Punk<\/strong>tum, \/ <strong>gro\u00df<\/strong> wie ein <strong>Kinds<\/strong>kopf.<\/p>\n<p>M\u00f6rike hat den Vers auf der Ebene der Sinneinheiten in drei(!) aufeinanderfolgende Schlusswendungen aufgeteilt! Das unterst\u00fctzt den Inhalt aufs \u00e4u\u00dferste &#8211; da wurde ein Buch wahrlich und wahrhaftig abgeschlossen!? Normalerweise w\u00e4re das ein bedenklicher Vers, aber hier ist es\u00a0 herrlich anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ein anderer Ort, an dem die Schlusswendung nichts zu suchen hat, ist &#8211; wenig \u00fcberraschend &#8211; der Versanfang. Wenn man sich die bisherigen Beispiele anschaut, erkennt man, dass zu der Z\u00e4sur in der vierten Einheit immer eine zweite tritt, die in der zweiten Einheit liegt. Auch danach folgt eine Sprechpause, und auch davor k\u00f6nnte eine Schlusswendung folgen. Aber Heyse hat vor den wirklichen schweren Pausen immer eine andere Wendung!<\/p>\n<p>Entweder diese: <strong>X<\/strong> x x <strong>X<\/strong> (wie schon oben):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gottes Gesetz! Nun siehe, wir fanden es eines und vielfach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder der Apostel. Thekla verwendet gegen\u00fcber dem T\u00fcrsklaven die Wendung <strong>X<\/strong> x <strong>X<\/strong>:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Still, mein Freund! Ich bin&#8217;s, und komme zu dir, denn ich wei\u00df ja,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles beide &#8222;m\u00e4nnnliche&#8220; Z\u00e4suren nach der betonten Silbe. Wenn der Schnitt in der zweiten Einheit nach der unbetonten Silbe erfolgt, sieht die Wendung immer so aus: <strong>X<\/strong> x <strong>X<\/strong> x.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geh, du Teure! Der Segen des Herrn sei \u00fcber dem Haupt dir,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder Tryphon (offensichtlich). Jedenfalls verkneift sich Heyse die Wendung &#8222;<strong>X<\/strong> x x <strong>X<\/strong> x&#8220; vor einer schweren Z\u00e4sur durchg\u00e4ngig. Am n\u00e4chsten ran reicht so etwas:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Halblaut summt&#8216; er ein Liedchen und pochte den Takt mit der Lanze,<br \/>\nG\u00e4hnte dazwischen und kraulte den Bart. Noch zauderte Thekla,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist jetzt der W\u00e4chter, und &#8222;G\u00e4hnte dazwischen&#8220; das &#8222;<strong>X<\/strong> x x <strong>X<\/strong> x&#8220;, das ich meinte.<\/p>\n<p>Na ja. Das war jetzt wieder eine Menge Versbau &#8230;. Aber die Versbewegung ist entscheidend f\u00fcr den Hexameter, und die setzt sich eben aus vielen einzelnen Bestandteilen zusammen. Ich mache Schluss f\u00fcr heute mit dem Erscheinen Theklas in der Zelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hell war&#8217;s drinnen. Ein Fenster, verwahrt mit eisernem Gitter,<br \/>\nLie\u00df in das enge Gemach einstr\u00f6men die Welle des Mondlichts.<br \/>\nHier auf niedriger Sch\u00fctte von Stroh lag Tryphon. Verwundert<br \/>\nSt\u00fctzt er sich auf, da pl\u00f6tzlich die fremde Gestalt in die Pforte<br \/>\nTritt mit scheuer Geb\u00e4rde, das Haupt entschleiert, die Stirne<br \/>\nTief von den Locken verh\u00e4ngt. Ein Traumbild meint er zu schauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (5) Im f\u00fcnften Gesang bricht Thekla mit Hilfe des T\u00fcrsklaven von zu Hause auf, schleicht sich zum Gef\u00e4ngnis, besticht einen der W\u00e4chter und gelangt so zu Tryphon. Sie hat sich auch schon \u00fcberlegt, wie sie ihm zur Flucht verhelfen kann, doch leider ist der Apostel angekettet. 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