{"id":1743,"date":"2014-05-15T00:00:30","date_gmt":"2014-05-14T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=1743"},"modified":"2014-05-15T00:03:27","modified_gmt":"2014-05-14T22:03:27","slug":"erzaehlverse-der-hexameter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1743","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (38)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (6)<\/strong><\/p>\n<p>Ich werfe heute noch mal einen Blick auf die metrischen Grundeinheiten des Hexameters. Die k\u00f6nnen zweisilbig sein &#8211; <strong>X<\/strong> x &#8211; oder dreisilbig: <strong>X<\/strong> x x. Die dreisilbige Einheit, auch &#8222;Daktylus&#8220; genannt, ist nun einen Blick wert in Hinsicht auf die Art und Weise, wie sie gef\u00fcllt wird; auch, weil die verschiedenen F\u00fcllungsarten einen bestimmten &#8222;Ton&#8220; ergeben, der von den einen Dichtern gesch\u00e4tzt und von anderen gemieden wird.<\/p>\n<p>Andreas Heusler, dem ich hier einfach folge, unterscheidet im dritten Band seiner &#8222;Deutschen Versgeschichte&#8220; f\u00fcnf Typen von F\u00fcllung.<\/p>\n<p>1.<em><strong> le<\/strong>bende,<strong> mit<\/strong>ten im, <strong>siehst<\/strong> du das<\/em>. Das ist, sozusagen, die &#8222;Reinform&#8220;: Die beiden unbetonten Stellen sind mit eindeutig unbetonten Silben belegt. Diese F\u00fcllung haben nat\u00fcrlich alle Dichter im Bestand!<\/p>\n<p>2. <em><strong>D\u00e4m<\/strong>merung, <strong>l\u00e4<\/strong>chelt auch, <strong>nahm<\/strong> es doch<\/em>. Hier liegt auf der zweiten unbetonten Silbe eine leichte Nebenbetonung, sie ist etwas &#8222;schwerer&#8220; als die erste unbetonte Silbe. Nat\u00fcrlich ist das kaum merkbar, und die allermeisten Dichter haben in ihren Hexameters solche Daktylen verwendet. Die Ausnahme war Platen.<\/p>\n<p>3. <em><strong>Hof<\/strong>fnungen, <strong>Tr\u00fcb<\/strong>sal mit, <strong>selbst<\/strong> auch der<\/em>. Hier ist die erste unbetonte Silbe etwas schwerer als die zweite. Das war f\u00fcr niemanden ein Problem, alle Dichter haben diese Daktylen genutzt.<\/p>\n<p>4. <em><strong>Va<\/strong>terland,<strong> Mit<\/strong>ternacht, <strong>E<\/strong>delmut<\/em>. Ein deutlicher Nebenton auf der zweiten unbetonten Silbe! Hier unterscheiden sich die Dichter in der Nutzung stark. Voss und die anderen &#8222;strengeren&#8220; Dichter haben diese F\u00fcllung gemieden, Schiller hat sie durchg\u00e4ngig gebraucht; Goethe hat sie im Reineke, weniger in Herrmann und Dorothea, gar nicht mehr in der Achilleis.<\/p>\n<p>5. <em><strong>Land<\/strong>stra\u00dfe, <strong>de<\/strong>m\u00fctig, <strong>auf<\/strong>steigen<\/em>. Diese F\u00fcllung mit deutlicher Nebenhebung auf der zweiten Silbe wurde von so gut wie allen Dichtern vollst\u00e4ndig gemieden.<\/p>\n<p>Am spannendesten sind f\u00fcr mich die F\u00fcllungen der vierten Art &#8211; einfach weil sich hier die Dichter wirklich unterscheiden und damit auch der &#8222;Geschmack&#8220; ihrer Verse. Ich nehme\u00a0 Beispiel einmal aus J. F. W. Zachari\u00e4, &#8222;Murner in der H\u00f6lle&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Katze den H\u00f6llenhund sah, der seine drei Rachen<\/p>\n<p>Mit erstarrendem Bart das blutige Trauerspiel wahrnimmt.<\/p>\n<p>Ihre Kammert\u00fcr \u00f6ffnen; da kam ihr der Schatten der Katze<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Als<\/strong> die \/ <strong>Kat<\/strong>ze den \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>H\u00f6l<\/strong>lenhund<\/span> \/ <strong>sah<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> der \/ <strong>sei<\/strong>ne drei \/ <strong>Ra<\/strong>chen<\/p>\n<p><strong>Mit<\/strong> er- \/ <strong>star<\/strong>rendem \/ <strong>Bart<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> das \/ <strong>blu<\/strong>tige \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>Trau<\/strong>erspiel<\/span> \/ <strong>wahr<\/strong>nimmt.<\/p>\n<p><strong>Ih<\/strong>re \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>Kam<\/strong>mert\u00fcr<\/span> \/ <strong>\u00f6f<\/strong>fnen; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> da \/ <strong>kam<\/strong> ihr der \/ <strong>Schat<\/strong>ten der \/ <strong>Kat<\/strong>ze<\/p>\n<p>Man beachte, wie Zachari\u00e4 die Silbe nach dem braunen Daktylus durchgehend sehr schwer besetzt, um die Nebenhebung eindeutig dem Daktylus zuzuordnen!<\/p>\n<p>Als Vertreter der Gegenrichtung kann J. H. Vo\u00df gelten. Im &#8222;Bezauberten Teufel&#8220; verzichtet er nat\u00fcrlich nicht auf W\u00f6rter der Form &#8222;Vaterland&#8220;, sondern wertet sie einfach metrisch-rhythmisch anders: Nicht als <strong>X<\/strong> x x, sondern als <strong>X<\/strong> x <strong>X<\/strong>!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der nach dem Teufelsbild, an der T\u00fcre mit Kohlen gezeichnet,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der<\/strong> nach dem \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>Teu<\/strong>fels-<\/span> \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>bild<\/strong><\/span>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> an der \/ <strong>T\u00fc<\/strong>re mit \/ <strong>Koh<\/strong>len ge- \/ <strong>zeich<\/strong>net,<\/p>\n<p>Wie schon bemerkt: Durch diese unterschiedliche Wertung der dritten Silbe bekommt der Vers einen etwas anderen Ton!<\/p>\n<p>Nach alldem jetzt aber wirklich zur\u00fcck zu Heyse un den beiden spannenden Fragen: Wie geht es bez\u00fcglich der Handlung weiter, und wie h\u00e4lt er es denn mit den Daktylen?!<\/p>\n<p>Der Anfang des sechsten Gesangs bringt einen Ortswechsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lampen ergl\u00e4nzten im Saal, und es spiegelten goldne Geschirre<br \/>\nBlitzend die Flammen zur\u00fcck in des Pr\u00e4tors Hause. Die Sklaven<br \/>\nTrugen die Speisen hinweg und reichten gehenkelte Schalen<br \/>\nJeglichem Gast: Das Trinken begann. Man sah von den Polstern<br \/>\nTief in den Garten hinein, wo herrliche Rosen des Sp\u00e4tjahrs<br \/>\nDufteten, und um den Nacken der ehernen Aphrodite<br \/>\nZwischen den Palmen der Mond sein unstet silbernes Netz warf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und gleich am ersten Vers, der ja die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Anzahl an Daktylen aufweist, kann man erkennen, dass Heyses Daktylen sehr sauber sind, meistens von der ersten Art:<\/p>\n<p><strong>Lam<\/strong>pen er- \/ <strong>gl\u00e4nz<\/strong>ten im \/ <strong>Saal<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und es \/ <strong>spie<\/strong>gelten \/ <strong>gol<\/strong>dne Ge- \/ <strong>schir<\/strong>re.<\/p>\n<p>Wer sich einen der anderen Verse anschaut, oder die aus den bisherigen Folgen, wird feststellen, dass das durchg\u00e4ngig der Fall ist!<\/p>\n<p>Versammelt sind im Hause der Pr\u00e4tor selbst, Castelius, Theklas ehemaliger Verlobter Thamyris, der Philosoph, Demas, und als vierter Skyron, der &#8222;Oberste der Kohorten&#8220;; ein Soldat also. Die Stimmung ist gereizt, das Gespr\u00e4ch dreht sich nat\u00fcrlich um den Apostel und Thekla; da dringt von drau\u00dfen der L\u00e4rm einer sich n\u00e4hernden Menschenmenge herein. Skyron zieht los, den Grund herauszufinden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; Und von der Erde<br \/>\nHob er den Helm, und das Schwert am Gehenk vom Pfosten herunter,<br \/>\nWaffnete sich und wiegte die nervigen Arme, dem B\u00e4ren<br \/>\nGleich, der ruhig geschmaust am Honigbaum, dem verlassnen,<br \/>\nUnd nun h\u00f6rt, wie der Schwarm zum Stock heimkehrend dahersummt,<br \/>\nDrohend dem R\u00e4uber entgegen; da wiegt er die zottigen Tatzen,<br \/>\nSchlecht von der St\u00f6rung erbaut. So lie\u00df der gewaltige Skyron<br \/>\nEinen bek\u00fcmmerten Blick zu dem bauchigen Mischkrug gleiten,<br \/>\nEh er den T\u00fcrvorhang zum Nebengemache zur\u00fcckschob;<br \/>\nDoch ihn st\u00e4rkte geheim die Hoffnung, wiederzukehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein geradezu homerisches Gleichnis &#8230; Spannend sind die beiden Verse, in denen W\u00f6rter der Art &#8222;Vaterland&#8220; vorkommen &#8211; da Heyses Daktylen sehr leicht und schnell sind, behandelt er diese W\u00f6rter nat\u00fcrlich wie Vo\u00df, also als <strong>X<\/strong> x <strong>X<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>Gleich<\/strong>, der \/ <strong>ru<\/strong>hig ge- \/ <strong>schmaust<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> am \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>Ho<\/strong>nig-<\/span> \/ <span style=\"color: #993300\"><strong>baum<\/strong><\/span>, dem ver- \/ <strong>las<\/strong>snen,<\/p>\n<p>Der L\u00e4rm stammt von den Stadtbewohnern, die Theklas Mutter und den Kybele-Priester zum Pr\u00e4tor begleiten: Theoklia hat das Fehlen der Tochter bemerkt! Alle zusammen brechen zum Gef\u00e4ngnis auf &#8211; und finden Thekla und Tryphon beisammen. Oh, oh&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch in Best\u00fcrzung hemmten die Vordersten hart an der Schwelle,<br \/>\nThekla erkennend, den Schritt. Sie ist bei ihm! lief es die Stufen<br \/>\nFl\u00fcsternd hinab, und das Echo im Volk rief laut: Sie ist bei ihm!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Starke Verse!? Jedenfalls will das von Midas aufgestachelte Volk jetzt Blut sehen. Der Pr\u00e4tor, immer noch in Furcht vor den Zauberkr\u00e4ften Tryphons, verurteilt diesen aber nur dazu, aus der Stadt gepr\u00fcgelt zu werden; Thekla dagegen soll, den Volkszorn zu befriedigen, auf dem Scheiterhaufen brennen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Heyses &#8222;Thekla&#8220; (6) Ich werfe heute noch mal einen Blick auf die metrischen Grundeinheiten des Hexameters. Die k\u00f6nnen zweisilbig sein &#8211; X x &#8211; oder dreisilbig: X x x. Die dreisilbige Einheit, auch &#8222;Daktylus&#8220; genannt, ist nun einen Blick wert in Hinsicht auf die Art und Weise, wie sie gef\u00fcllt wird; auch, weil die&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=1743\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (38)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1743"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1748,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1743\/revisions\/1748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}